Rollentausch am Dragonerareal

Stu­die­rende spielen die Akteure am wich­tigen Stadt­ent­wick­lungs­projekt nach

Auf den ersten Blick schien es, als hätten sich am Sonn­tag­nach­mittag auf dem Dra­go­ner­areal in Kreuzberg poten­zielle Inter­es­senten von Eigen­tums­woh­nungen ein­ge­funden. Eine junge Frau schwärmte in der Diktion einer Mak­lerin von den »600 bis 700 Woh­nungen auf his­to­ri­schem Boden«, die dort ent­stehen sollten. Doch die Reak­tionen der rund 40 Zuhö­re­rinnen und Zuhörer, die lachten und applau­dierten, zeigten, dass es sich um etwas anderes als eine Ver­kaufs­ver­an­staltung handeln müsse.
Die junge Frau ist Archi­tek­tur­stu­dentin an der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Berlin und hat dort ein Seminar des Chair for Urban Design besucht. In diesem Rahmen hatten sich Stu­die­rende gemeinsam mit der Dozentin Katharina Hagg im ver­gan­genen Semester unter dem Titel »Jargon der Stadt« mit der Frage beschäftigt: »Wer spricht wie über das Dra­go­ner­areal?« Am Sonntag stellten die jungen Aka­de­mi­ke­rinnen und Aka­de­miker ihre Ergeb­nisse vor Ort vor. Ein­ge­laden hatte sie die Initiative »Stadt von unten«, deren jah­re­langen Akti­vi­täten es zu ver­danken ist, dass auf dem Dra­go­ner­areal keine hoch­prei­sigen Eigen­tums­woh­nungen ent­stehen.

Mit ver­teilten Rollen trugen die Stu­die­renden vor, wie sich welche Akteure zum Dra­go­ner­areal äußern. Inves­toren und Makler war eine der Gruppen, die auf diese Weise zu Wort kamen. Auch die Polizei erhielt eine Stimme, ebenso wie die Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­gaben (BImA), die bun­des­eigene Grund­stücks­ver­wer­tungs­ge­sell­schaft. Ziel war es, die Beziehung zwi­schen Indi­viduum, Gruppe und Raum sichtbar zu machen und dadurch die eigenen Ein­fluss­mög­lich­keiten zu erkennen.

Im März 2015 hatte die BImA das Gelände an Mehringdamm und Oben­traut­straße für 36 Mil­lionen Euro an den Wiener Investor Dra­gon­erhöfe GmbH ver­kauft. Vor allem auf öffent­lichen Druck hin wurde dann die Rück­ab­wicklung des Ver­kaufs ange­peilt. Der 36-Mil­lionen-Euro-Deal ist bisher aber noch nicht rück­ab­ge­wi­ckelt worden. Im Zuge des im Mai dieses Jahres unter­zeich­neten Haupt­stadt­ver­trages zwi­schen Berlin und dem Bund soll das knapp fünf Hektar große Gelände an das Land gehen.

Ab Sep­tember sollen Stadt­ak­ti­visten nun über die Zukunft des Dra­go­ner­areals mit­ent­scheiden. Doch ver­treten sie auch alle Anwohner? Diese Frage wurde im Anschluss an die Vor­führung gemeinsam mit den Stu­die­renden dis­ku­tiert. Eine Anwoh­nerin fühlte sich von der aka­de­mi­schen Sprache, die in den Debatten vor­herrsche, aus­ge­schlossen.

Kon­trovers wurde auch über den Begriff Dra­go­ner­areal dis­ku­tiert. Dieser wurde unter anderem von der Immo­bi­li­en­wirt­schaft ver­wendet, um aus der geschicht­lichen Bedeutung des Ortes mehr Profit schlagen zu können. Ein Dis­kus­si­ons­teil­nehmer erin­nerte an Fakten, die bei der Geschichts­be­trachtung aus­ge­blendet würden. Am 11. Januar 1919 seien sieben unbe­waffnete Par­la­mentäre, die sich während der Janu­ar­kämpfe an der Besetzung der Redak­ti­ons­räume SPD-Zeitung »Vor­wärts« beteiligt hatten, auf dem Dra­go­ner­areal von Frei­korps­sol­daten miss­handelt und dann ermordet worden. Rund 100 Jahre nach den unge­sühnten Morden soll im Zusam­menhang mit der Neu­ge­staltung des Dra­go­ner­areals auch über die Ein­richtung eines Gedenk­ortes ver­handelt werden.

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Peter Nowak

Stadtteilinitiative gedenkt der ermordeten Vorwärts-Besetzer

MieterEcho online 17.01.2017

Stadtteilinitiative gedenkt der ermordeten Vorwärts-Besetzer

„Mein Mann wurde auch als Gefan­gener zur Garde-Dra­go­ner­ka­serne gebracht und ist dort ein Opfer der Sol­da­teska geworden. Der Tod durch Erschießen wäre ein milder gewesen, doch die Ver­let­zungen meines Mannes sind derart, dass von Erschießen keine Rede sein kann“. Diesen Brief richtete Klara Möller im Januar 1919 an die „Die Republik“, die Tagess­zeitung der Arbei­terräte, die vor 98 Jahren in Deutschland für eine grund­le­gende Umwälzung der gesell­schaft­lichen Ver­hält­nisse nach der Novem­ber­re­vo­lution kämpften. Klara Möller beschrieb dort, wie sich ihr Mann mit sechs wei­teren Par­la­men­tären nach der Besetzung des Vor­wärts­ge­bäudes Anfang Januar 1919 den auf Seiten der Ebert-Noske-Regierung kämp­fenden Frei­korps ergeben hatte. Es waren neben Möller der Jour­nalist Wolfgang Fernbach, der Mecha­niker Karl Gru­busch, der Schmied Walter Heise, der Kut­scher Erich Kluge, der Werk­zeug­macher Arthur Schöttler und der Schlosser Paul Wackermann. Die sieben unbe­waff­neten Männer wurden in der Dra­go­ner­ka­serne in Berlin-Kreuzberg brutal miss­handelt und dann erschossen. Dass ihner 98 Jahre später am Ort ihres Todes gedacht wurde, geht auf die Initiative der stadt­po­li­tische Gruppe “Dra­go­polis” zurück. Sie setzt sich auf dem Gelände des Dra­goner­ge­ländes für ein Stadt­teil­projekt mit bezahl­baren Mieten ein. „Wir haben uns natürlich gefragt, was auf dem Dra­goner­ge­lände his­to­risch pas­siert ist“, erklärt ein Mit­glied der Stadt­teil­in­itiative gegenüber Mie­te­rEcho online. Dabei kam ihnen ein Aufsatz des His­to­rikers Gerhard Engel in der Zeit­schrift für his­to­rische Studien „Arbeit Bewegung Geschichte“ zur Hilfe. Dort reka­pi­tu­liert der His­to­riker auch das publi­zis­tische Werk des Arbei­ter­dichters Werner Möller. Während der Gedenk­ver­an­staltung wurden mehrere der Gedichte und Artikel vor­ge­tragen, die Möller in seinem kurzen Leben in der Presse der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Presse ver­öf­fent­lichte. Nachdem er die Politik des Burg­friedens und der Kriegs­kredite der PD-Führung scharf kri­ti­sierte, konnte er nur noch in den kleinen Zei­tungen der linken Oppo­sition publi­zieren, was das Auf­finden seiner Texte erschwert.

Zum 100 Todestag eine Ehrung im Stadt­teil­zentrum

Die Stadt­teil­in­itiative will ihre Geschichts­arbeit fort­setzen. Ihre Utopie ist, am 11. Januar 2019, hundert Jahre nach auf dem Mord auf dem Gelände des geplanten Stadt­teil­zen­trums einen Gedenkort für die Opfer ein­zu­richten. Doch noch immer ist die Zukunft des Areals unklar. Erst kürzlich schrieb der Staats­se­kretär des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­riums Jens Spahn an die SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Cansel Kiziltepe, dass die Wil­lens­bildung zum wei­teren Umgang mit der Lie­gen­schaft noch nicht abge­schlossen ist“. Bisher gehört die lukrative Immo­bilie dem Bund, der sie dem Höchst­bie­tenden ver­kaufen und damit wei­teren Luxus­bauten den Weg ebnen wollte . Nachdem die Stadt­teil­in­itiative für ihr Gegen­modell viel Zustimmung bekam, gab sich die Ber­liner SPD auf einmal rebel­lisch. Im Bun­desrat ver­wei­gerte sie dem Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium die Zustimmung zu dem schon getä­tigten Verkauf des Areals an einen Pri­vat­in­vestor für 36 Mil­lionen Euro. Doch der Käufer hat bereits Scha­den­er­satz­for­de­rungen ange­kündigt. Die Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Grünen Lisa Paus monierte, in dem Vertrag fehle eine Klausel, die Scha­den­er­satz­for­de­rungen explizit aus­schließt. Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium wider­spricht dieser Dar­stellung. Unge­klärt ist auch, warum der Vertrag bereits unter­schrieben wurde, bevor die zustän­digen Gremien gehört wurden. Ob es dabei lediglich um hand­werk­liche Fehler handelt oder ob hier weiter ver­sucht wird, einen Pri­vat­in­vestor Vor­teile zu ver­schaffen, ist offen.

MieterEcho online 17.01.2017

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Peter Nowak