Racial Profiling ist kein Mittel, um Sexismus zu bekämpfen

Oder: Was wir von Israel lernen können

Seit der islam­fa­schis­tische Terror auch in Europa für Schrecken sorgt, wurde ver­stärkt die Parole »Von Israel lernen«[1] aus­ge­geben. Dort ist die Bevöl­kerung schließlich seit Jahren einem solchen Terror aus­ge­setzt. Seit der junge israe­lische Soldat Elor Azari vom israe­li­schen Mili­tär­ge­richt wegen Tot­schlag schuldig gesprochen wurde[2], hat die Parole eine spe­zi­fische men­schen­recht­liche Bedeutung bekommen.

Azari erschoss einen schon ver­letzt am Boden lie­genden isla­mi­schen Mes­ser­at­ten­täter, der zuvor einen anderen Sol­daten schwer ver­letzt hat. Die Aussage von Azari, er habe befürchtet, der Atten­täter könne auch ihn mit dem Messer atta­ckieren, wurde als Schutz­be­hauptung zurück­ge­wiesen. Der Soldat wurde schuldig gesprochen, obwohl es in der israe­li­schen Bevöl­kerung durchaus nicht nur in rechten Sied­ler­kreisen viel Sym­pathie für ihn gab und auch manche Poli­tiker der rechts­kon­ser­va­tiven Regierung in den Ruf nach Frei­spruch ein­stimmten.

Doch das ent­schei­dende Beweis­mittel für den Schuld­spruch des Sol­daten war ein Video eines Paläs­ti­nensers, auf dem zu sehen ist, wie Azari dem am Boden lie­genden Isla­misten in den Kopf schießt. Was oft nicht erwähnt wird: Die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sation B’tselem[3], welche die Paläs­ti­nensern mit Kameras ver­sorgt, um Über­griffe israe­li­scher Sol­daten oder Siedler zu doku­men­tieren, gilt der israe­li­schen Regierung und auch vielen kon­ser­va­tiven Medien und Institutionen[4] als eine jener von Ausland nicht zuletzt von der EU und Deutschland[5] finan­zierten NGO, die für eine anti­zio­nis­tische Agenda ver­ant­wortlich sei[6].

So ist das Urteil gegen Azari auch eine Ver­trau­ens­er­klärung in eine umstrittene und häufig ange­griffene NGO. Das Urteil macht noch einmal deutlich, solche kri­ti­schen NGO sind der Lack­mustest für eine Demo­kratie und mit ihrem Video hat die so häufig kri­ti­sierte Orga­ni­sation B’tselem hier eine wichtige Rolle gespielt. Ohne das Video hätte es wahr­scheinlich das Urteil nicht gegeben, vom dem das Signal ausgeht, dass auch in Zeiten der »Messer-Intifada«, als in Israel die Angst und Unsi­cherheit besonders groß war, ein Kopf­schuss ein Ver­brechen ist und bleibt. Es zeigt auch, dass der Zweck nicht alle Mittel heiligt.

In der ver­gan­genen Kölner Sil­ves­ter­nacht gab es keine Kopf­schüsse. Niemand ist ernsthaft kör­perlich ver­letzt wurden. Doch nach Meinung der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sation Amnesty International[7] (AI) stellt das Vor­gehen der Sicher­heits­be­hörden in der Sil­ves­ter­nacht in Köln und anderen Städten eine Men­schen­rechts­ver­letzung da.

»Das Vor­gehen der Sicher­heits­be­hörden in der Sil­ves­ter­nacht in Köln stellt einen Verstoß gegen das im deut­schen Grund­gesetz ver­an­kerte Dis­kri­mi­nie­rungs­verbot dar. Amnesty fordert eine unab­hängige Unter­su­chung«, heißt es in einer AI-Erklärung[8]. Dort betont der deutsche Amnesty-Referent für die Themen Polizei und Ras­sismus, Alex­ander Bosch[9], zunächst, wie wichtig es war, dass die Polizei die sexis­ti­schen Über­griffe des ver­gan­genen Jahres ver­hindert hat. Doch dann kommt er zum Kri­tik­punkt:

Gleich­zeitig ist es auch Aufgabe der Polizei, Men­schen vor Dis­kri­mi­nierung zu schützen – und diese Aufgabe hat die Polizei Köln igno­riert. Hun­derte Men­schen sind allein auf­grund ihrer tat­säch­lichen oder ver­mu­teten nord­afri­ka­ni­schen Her­kunft ein­ge­kesselt und kon­trol­liert worden. Das wich­tigste Ent­schei­dungs­kri­terium der Poli­zisten ist das Merkmal der ange­nom­menen Her­kunft gewesen: Jeder Mensch, den die Beamten für einen Nord­afri­kaner gehalten haben, wurde in einen sepa­raten Bereich geführt, viele von ihnen mussten dort laut Medi­en­be­richten stun­denlang aus­harren. Bei dem Einsatz der Polizei Köln handelt es sich also um einen ein­deu­tigen Fall von Racial Pro­filing. Damit hat die Polizei gegen völker- und euro­pa­recht­liche Ver­träge und auch gegen das im deut­schen Grund­gesetz ver­an­kerte Dis­kri­mi­nie­rungs­verbot ver­stoßen.

Alex­ander Bosch[10]

Tat­sächlich gehört der Kampf gegen Racial Pro­filing seit Jahren zu den Akti­vi­täten von Orga­ni­sa­tionen, in denen sich schwarze Men­schen in Deutschland und anderen Ländern enga­gieren. Sie wurden dabei zunehmend von anti­ras­sis­ti­schen Gruppen unter­stützt. Es war eine zähe, aber nicht erfolglose Arbeit.

2012 wurde von Johanna Mohr­feldt und Sebastian Gerhard auf­ge­zeigt, wie Racial Pro­filing zur nor­malen Poli­zei­arbeit auch in Deutschland gehörte[11]. Erst neueren Datums sind Emp­feh­lungen von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen an die Polizei[12], wie eine solche Praxis zu ver­hindern oder zumindest zu mini­mieren ist.

Daher ist es ein Rück­schlag für diese Bemü­hungen einer möglich dis­kri­mi­nie­rungs­armen Poli­zei­arbeit, wenn nun offen nicht nur in Medien der Rechten einer Praxis des Racial Pro­filing offen das Wort geredet wird. In der Welt[13] wird auch gleich der umstrittene Begriff Nafri für unbe­denklich erklärt. Das sei eben eine Abkürzung in der Poli­zei­arbeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann andere Begriffe, die viele der davon Betrof­fenen als dis­kri­mi­nierend bezeichnet haben, so wieder offi­ziell in die all­täg­liche Behör­den­arbeit zurück­kehrt. Inof­fi­ziell waren sie nie ver­schwunden.

Nun wird die berech­tigte Empörung über die sexis­ti­schen Über­griffe von Köln genutzt, um hart erkämpfte Fort­schritte im Bereich des Anti­ras­sismus zu schleifen. Der Shit­storm, der auf die Grünen-Vor­sit­zende Sabine Peters nie­derging, als sie es wagte, Kritik am Kölner Poli­zei­einsatz zu äußern, hat noch einmal deutlich gemacht, dass es in bestimmten Zeiten zumindest poli­tisch gefährlich sein kann, wenn eine Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kerin ihren Job macht.

In der Taz hat Inlands­re­dakteur Daniel Bax noch einmal daran erinnert[14], dass Kritik an ras­sis­ti­schen Poli­zei­kon­trollen Bür­ger­pflicht sein sollte. Auch hier könnte man die Parole »Von Israel lernen« aus­geben. So wie in Hoch­zeiten der Messer-Intifada das Video, das von einer durchaus umstrit­tenen NGO ermög­licht wurde, mithalf, Rechts­ge­schichte zu schreiben, kommt auch der Kritik an Racial Pro­filing in dem Augen­blick besondere Bedeutung zu, in dem sie mas­senhaft ange­wandt wird.


Wenn dagegen die Kritik mit dem Argument abgetan wird, es sei doch vor allem darum gegangen, dass die sexis­ti­schen Angriffe sich nicht wie­der­holen, hat man die Logik schon akzep­tiert, dass die Zwecke die Mittel hei­ligen. Statt­dessen gilt es Methoden zu finden, die solche Angriffe ver­hindern, ohne andere Men­schen ras­sis­tisch zu dis­kri­mi­nieren.

Sehr ein­drucksvoll schil­derte Birgit Gärtner, was die Kölner Sil­ves­ter­nacht im letzten Jahr für viele Frauen bedeutete und dass für sie bestimmte Räume jetzt angst­be­setzt sind – siehe: Frau Merkel, wir haben ein Problem[15]. Solche Schil­de­rungen sind auch immer wieder von Men­schen zu hören, die nicht in das deutsche Leitbild passen, egal ob sie einen deut­schen Pass haben oder nicht.

Es gibt Gegenden in vielen Städten, das diese Men­schen schlicht meiden. Es wäre jetzt die wichtige Aufgabe von außer­par­la­men­ta­ri­schen Gruppen eine anti­se­xis­tische und anti­ras­sis­tische Praxis zusam­men­zu­bringen. Da ist es sicher eher ein hilf­loser Versuch, wenn die Sil­ves­ter­nacht von Köln mit sexis­ti­schen Über­griffen am Münchner Okto­berfest rela­ti­viert werden sollen. Aber die Ver­suche ver­schie­dener Gruppen gerade auch in Köln deutlich zu machen, dass der Kampf gegen Sexismus keine Haut­farbe und Nation und der Kampf gegen Ras­sismus kein Geschlecht hat, ist dabei eine wichtige Maxime.

In der Debatte der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken wurden schon vor mehr als drei Jahr­zenten Bau­steine für eine solche Kritik bereit gelegt. Es gab schon in Zeiten, als der Begriff Mul­ti­kul­tu­ra­lismus noch in großen Teilen des libe­ralen und linken Milieus positiv besetzt war, Kritik daran. Die machte sich daran fest, dass Men­schen bestimmten Kul­turen zuge­ordnet werden und die Mul­ti­kul­tu­ra­listen diese auch in Europa neben­ein­ander leben lassen wollten.

Doch gerade die Zuordnung bestimmter Men­schen auf ihre angeb­liche Kultur ist das Problem, das Mul­ti­kul­tu­ra­listen auch unfähig macht, Kritik am Isla­mismus und dessen Unter­drü­ckungs­formen adäquat zu kri­ti­sieren. Besonders absurde Bei­spiele gibt es, wenn Sexismus und Frau­en­un­ter­drü­ckung als einer bestimmten Kultur zuge­hörig bezeichnet wird und damit angeblich aus der Kritik genommen werden soll.

Der andere Theo­rie­bau­stein, der für ein Zusam­men­denken einer anti­ras­sis­ti­schen und anti­se­xis­ti­schen Praxis nützlich sein kann, ist der Triple-Oppression-Ansatz[16], der davon ausgeht, dass Ras­sismus, Sexismus und kapi­ta­lis­tische Aus­beutung drei Unter­drü­ckungs­ver­hält­nisse sind, die unab­hängig von­ein­ander von unter­schied­lichen Gruppen aus­geübt werden und nicht ein­ander bedingen.

Dieser Ansatz grenzte sich von tra­di­ti­ons­linken Vor­stel­lungen ab, wonach die kapi­ta­lis­tische Aus­beutung der Haupt­wi­der­spruch und Ras­sismus und Patri­archat Neben­wi­der­sprüche seien. Nach dem Triple-Opression-Ansatz können Männer, die selber ras­sis­tisch unter­drückt sind, sexis­tische Unter­drü­ckung ausüben, wie in Köln und anderen Städten geschehen. Frauen, die Opfer sexis­ti­scher und patri­ar­chaler Gewalt sind, können selber wie­derum ras­sis­tische Unter­drü­ckung ausüben und ver­stärken.

Die Sozio­login und anti­ras­sis­tische Akti­vistin Angela Davis zeigte[17] im Buch Ras­sismus und Sexismus[18] an der Geschichte der USA auf, dass das Wahl­recht für Frauen erst in dem Augen­blick von der weißen, männ­lichen Élite akzep­tiert wurde, als für sie Gefahr bestand, dass schwarze Männer zah­len­mäßig an Bedeutung gewinnen könnten.

Auch am Bei­spiel der Kölner Sil­ves­ter­nacht wird ver­sucht, den not­wen­digen Kampf gegen alle Formen des Sexismus gegen den anti­ras­sis­ti­schen Kampf aus­zu­spielen. Es wird die Aufgabe einer außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung sein, hier Kon­zepte zu ent­wi­ckeln, die beide Unter­drü­ckungs­formen glei­cher­maßen angehen.

Die genannten theo­re­ti­schen Bezugs­punkte sind hier eher Stein­brüche, von denen man sich bedienen kann als wirklich sys­te­ma­tische Theorien. Bis es zu einer fun­dierten Theorie und Praxis kommt, sei aller­dings allen geraten, von Israel zu lernen. So wie bei der Messer-Intifada der Kopf­schuss kein Mittel ist, so ist – auf einer anderen Ebene – auch beim Sexismus von Köln Racial Pro­filing nicht zu akzep­tieren, sondern zu kri­ti­sieren.

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Peter Nowak


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[7] https://​www​.amnesty​.de
[8] http://​www​.amnesty​.de/​2​0​1​7​/​1​/​2​/​k​o​e​l​n​e​r​-​p​o​l​i​z​e​i​e​i​n​s​a​t​z​-​i​s​t​-​e​i​n​d​e​u​t​i​g​e​r​-​f​a​l​l​-​v​o​n​-​r​a​c​i​a​l​-​p​r​o​f​iling
[9] http://​www​.amnesty​.de/​b​i​l​d​e​r​/​a​l​e​x​a​n​d​e​r​-​b​o​s​c​h​-​a​m​n​e​s​t​y​-​r​e​f​e​r​e​n​t​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​t​h​e​m​e​n​-​p​o​l​i​z​e​i​-​u​n​d​-​r​a​s​s​ismus
[10] http://​www​.amnesty​.de/​2​0​1​7​/​1​/​2​/​k​o​e​l​n​e​r​-​p​o​l​i​z​e​i​e​i​n​s​a​t​z​-​i​s​t​-​e​i​n​d​e​u​t​i​g​e​r​-​f​a​l​l​-​v​o​n​-​r​a​c​i​a​l​-​p​r​o​f​iling
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[14] https://​www​.taz​.de/​D​e​b​a​t​t​e​-​S​i​l​v​e​s​t​e​r​-​i​n​-​K​o​e​l​n​/​!​5​3​6​7432/
[15] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​F​r​a​u​-​M​e​r​k​e​l​-​w​i​r​-​h​a​b​e​n​-​e​i​n​-​P​r​o​b​l​e​m​-​3​5​8​3​1​6​4​.html
[16] http://​www​.archiv​tiger​.de/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​m​a​e​n​n​e​r​a​r​c​h​i​v​/​v​i​e​h​m​a​n​n.pdf
[17] https://​www​.kri​tisch​-lesen​.de/​r​e​z​e​n​s​i​o​n​/​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​f​e​m​i​n​i​s​m​u​s​-​i​n​-​d​e​n-usa
[18] https://​www​.eurobuch​.com/​b​u​c​h​/​i​s​b​n​/​3​8​8​5​2​0​0​9​3​7​.html

Können die Wahlen in den USA manipuliert werden?

Der US-Wahlkampf, Verschwörungstheorien und Wahlgerechtigkeit

Die Über­dosis Trump, welche in Deutschland täglich über den USA-Wahl­kampf ver­breitet wird, wird noch erhöht, je näher der Wahl­termin rückt. Die Bitte von klugen Men­schen, doch bis zum Wahl­termin nicht jede neue Volte im US-Wahl­kampf hin­aus­zu­po­saunen und rauf und runter zu kom­men­tieren, ver­hallte erwar­tungs­gemäß ungehört.

Nun soll sich Trump zum wie­der­holten Mal end­gültig ins Aus kata­pul­tiert[1] haben, indem er im Duell mit seiner Kon­kur­rentin Clinton anzwei­felte, ob die Wahlen in den USA wirklich fair und demo­kra­tisch ver­laufen (Trump behält sich Anfechtung des Wahl­er­geb­nisses vor[2]). Trump hat aber kei­neswegs erklärt, die Wahlen »viel­leicht nicht aner­kennen zu wollen«[3], was ja die Frage auf­wirft, unter welchen Bedin­gungen. Doch die wird gar nicht erst gestellt.

Vielmehr sollen diese Äuße­rungen einmal mehr bestä­tigen, welch übler Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker Trump ist, der sich jetzt sogar am Aller­hei­ligsten des west­lichen Wer­te­altars, den Wahlen in den USA ver­greift.

Dass Clinton mit der Aussage, Trump sei eine Mario­nette von Putin min­destens genau so kräftig ins Reper­toire der Ver­schwö­rungs­theorien gegriffen hat, wurde in der Bericht­erstattung, wenn über­haupt, nur am Rande ver­merkt.

Gab es in den letzten Jahrzehnten Anhaltspunkte für Wahlmanipulationen in den USA?

Niemand machte sich aber die Mühe, die Behauptung hinter Trumps Aussage zu prüfen. Dabei soll hier die Zer­schlagung der Black Panther Party durch die US-Geheim­dienste unbe­rück­sichtigt bleiben, die gerade mit ihrer Mischung aus kal­ku­lierter Militanz, Stadtteil- und Sozi­al­pro­grammen in der Schwarzen Com­munity und einer prag­ma­ti­schen Bünd­nis­po­litik auch mit weißen Linken zur Gefahr für die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft in den USA hätte ent­wi­ckeln können.

Bleiben wir doch im Jahr 2000, als der Kan­didat der Demo­kraten Al Gore die Wahlen gewonnen hätte[4], aber nie regieren durfte[5].

Dafür sorgte ein Wahl­com­puter im Bun­des­staat Florida[6]. Dieser Wahl­zirkus hat in den USA und darüber hinaus große Auf­merk­samkeit erregt. Haben das knapp 15 Jahre später wirklich alle ver­gessen, die jetzt unisono behaupten, wer behauptet, die US-Wahlen könnten mani­pu­liert sein, kann nur Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker sein?

Wahlbeobachter für die USA?

Ist auch schon ver­gessen, dass die OSZE Wahl­be­ob­achter in die USA schicken wollte, weil der Aus­schluss von Teilen der Bevöl­kerung zuge­nommen hatte[7]. Der Grund lag in einem Licht­bild­ausweis, der nun für die Teil­nahme an den Wahlen ver­langt wurde. Die Kor­re­spon­dentin der Süd­deut­schen beschrieb die Folgen, die eine Studie[8] in den USA fest­hielt:

Das Problem: Jeder zehnte Ame­ri­kaner besitzt keinen Licht­bild­ausweis. Besonders sozial Schwache, Ein­wan­derer und alte Men­schen ver­fügen oft nicht über die benö­tigten Papiere und auch nicht über aus­rei­chend Infor­ma­tionen, Mobi­lität und Geld, um sich diese zu beschaffen​.SZ

Unterklassen von den Wahlen ausgeschlossen

Doch es gibt noch eine Mani­pu­lation der Wahlen, die im System selber liegt. Mil­lionen aus der Unter­klasse sind von den Wahlen aus­ge­schlossen, weil sie ent­weder keine gül­tigen Papiere haben oder inhaf­tiert sind, wie der US-Jour­nalist Mumia Abu Jamal, der für einen Poli­zis­tenmord, den er mut­maßlich nicht begangen hat, zum Tode ver­ur­teilt wurde.

Eine inter­na­tionale Soli­da­ri­täts­kam­pagne konnte ihm den elek­tri­schen Stuhl ersparen, nicht aber die lebens­lange Haft­strafe, zu der sein Todes­urteil umge­wandelt wurde, und die sys­te­ma­tische Nicht­be­handlung seiner Hepa­titis C. Auch im Gefängnis ist Mumia Abu Jamal ein uner­bitt­licher Kri­tiker der US-Gesell­schaft geblieben. Besonders geht er mit dem gefäng­nis­in­dus­tri­ellen Komplex in seinem Land ins Gericht[9].

Im inter­na­tio­nalen Ver­gleich leben in den USA nur etwa fünf Prozent der Welt­be­völ­kerung, aber von allen Gefäng­nis­in­sassen der Welt befinden sich 24 Prozent in den USA hinter Gittern. Nahezu einer von hundert US-Bürgern sitzt in der Zelle eines Unter­su­chungs- oder Straf­ge­fäng­nisses oder im Todes­trakt. Zu Beginn des Jahres 2008 waren 2,3 Mil­lionen Männer und Frauen ein­ge­sperrt. Kein anderes Land hat so viele Gefangene.Mumia Abu Jamal

Mumia Abu Jamal

Er benennt auch die Folgen für das Wahl­system:

Die meisten Gefäng­nisse liegen in den USA in abge­schie­denen länd­lichen und zumeist von Weißen bewohnten Gebieten. Diese kleinen weißen Gemeinden pro­fi­tieren von den vor­wiegend nicht­weißen Gefan­genen, weil diese dort amtlich gemeldet sind. In ihren Hei­mat­städten jedoch fehlen sie, was zur Redu­zierung der an der Ein­woh­nerzahl ori­en­tierten Aus­schüttung von Bun­des­mitteln an die kom­mu­nalen Haus­halte führt. Auf diese Weise werden die Ghettos nicht nur Schritt für Schritt ent­völkert und prak­tisch ganze Gesell­schafts­gruppen in Gefäng­nisse gesteckt, sondern ihnen werden auch die Etat­mittel ent­zogen, die so dringend gebraucht würden, um das weitere soziale Abdriften kom­pletter Stadt­teile zu ver­hindern.

Dra­ma­tisch sind die Folgen der Aberkennung des Wahl­rechts für Inhaf­tierte und Vor­be­strafte, weil Mil­lionen von Men­schen davon aus­ge­schlossen werden, sich auf der par­la­men­ta­ri­schen Ebene für eine Ver­än­derung ihrer Lebens­ver­hält­nisse ein­zu­setzen. Konkret sah das bei­spiels­weise bei der Prä­si­dent­schaftswahl des Jahres 2000 so aus, dass George W. Bush das von seinem Bruder Jeb regierte Florida mit weniger als 500 Stimmen Vor­sprung vor seinem Kon­tra­henten Al Gore gewann. Allein 50.000 Vor­be­strafte waren in Florida von der Wahl aus­ge­schlossen, und da die meisten von ihnen Afro­ame­ri­kaner waren, kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass sie mehr­heitlich für die Demo­kra­tische Partei gestimmt hätten.Mumia Abu Jamal

Mumia Abu Jamal

Für die kom­mende Wahl kann das nicht mehr so unein­ge­schränkt behauptet werden. Gerade Mumia hat sich in den letzten Wochen mehrmals mit dem Pro­gramm von Clinton aus­ein­an­der­ge­setzt[10] und erklärt, dass es für ihn nicht einmal das kleinere Übel ist. Mit dieser Begründung rief kürzlich die bekannte US-Bür­ger­recht­lerin Angela Davis[11] zur Wahl der Demo­kratin auf[12].

Die Dis­kussion um die Mani­pu­lier­barkeit der Wahlen in den USA zeigt wieder mal, wie recht die Clinton-Kri­tiker haben. Wenn Trump von einer mög­lichen Mani­pu­lation der Wahlen redet, meint er aller­dings die von ihm und Sei­nes­gleichen her­bei­phan­ta­sierte Hege­monie einer links­li­be­ralen Öffent­lichkeit, die sogar in die Wahlen ein­greift. Das ist tat­sächlich Ausbund eines reak­tio­nären Res­sen­ti­ments.

Doch statt diese Behaup­tungen nur empört zurück­zu­weisen und sich als Ver­tei­diger einer angeblich unma­ni­pu­lier­baren US-Demo­kratie auf­zu­spielen, müssten die Trump-Kri­tiker daran erinnern, dass es Trump und seine poli­ti­schen Gesin­nungs­freunde sind, die Mil­lionen Men­schen an der Wahl­teil­nahme hindern, und dass es die Repu­bli­kaner unter Bush waren, die im Jahr 2000 den Demo­kraten den Wahlsieg unter dubiösen Umständen genommen haben. Von Clinton sind solche Äuße­rungen nicht zu erwarten, ob sie von Sanders gekommen wären, ist unsicher.

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Peter Nowak

Anhang

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[1]

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[2]

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9745/

[3]

http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​l​e​t​z​t​e​s​-​t​v​-​d​u​e​l​l​-​i​m​-​u​s​-​w​a​h​l​k​a​m​p​f​-​t​r​u​m​p​-​w​i​l​l​-​w​a​h​l​e​r​g​e​b​n​i​s​.​1​8​1​8​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​69021

[4]

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/0/0/

[5]

http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​u​s​-​w​a​h​l​-​a​b​s​t​i​m​m​u​n​g​s​-​c​h​a​o​s​-​i​n​-​f​l​o​r​i​d​a​-​a​-​1​0​1​8​9​6​.html

[6]

http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​u​s​-​w​a​h​l​-​a​b​s​t​i​m​m​u​n​g​s​-​c​h​a​o​s​-​i​n​-​f​l​o​r​i​d​a​-​a​-​1​0​1​8​9​6​.html

[7]

http://​www​.sued​deutsche​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​b​a​t​t​e​-​u​m​-​w​a​h​l​b​e​o​b​a​c​h​t​u​n​g​-​i​n​-​d​e​n​-​u​s​a​-​w​a​e​h​l​e​r​-​a​u​s​g​e​s​c​h​l​ossen

[8]

http://b.3cdn.net/advancement/18ff5be68ab53f752b_0tm6yjgsj.pdf

[9]

http://​www​.freedom​-now​.de/​n​e​w​s​/​a​r​t​i​k​e​l​6​4​1​.html

[10]

http://​www​.pri​son​radio​.org/​m​e​d​i​a​/​a​u​d​i​o​/​m​u​m​i​a​/​c​l​i​n​t​o​n​-​s​h​o​w​-​3​5​3​-​m​u​m​i​a​-​a​b​u​-​jamal

[11]

http://​www​.bio​graphy​.com/​p​e​o​p​l​e​/​a​n​g​e​l​a​-​d​a​v​i​s​-​9​2​67589

[12]

http://​www​.theroot​.com/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​p​o​l​i​t​i​c​s​/​2​0​1​6​/​0​9​/​a​n​g​e​l​a​-​d​a​v​i​s​-​h​i​l​l​a​r​y​-​c​l​inton

Lasst Mumia frei

»Wir setzen uns für Mumias bedin­gungslose Freiheit ein. Mumia saß nicht knapp 29 Jahre im Todes­trakt und bis jetzt im sog.»Normalvollzug«, weil ihm irgendein Ver­brechen nach dem bür­ger­lichen Sank­ti­ons­ka­ta­log­be­wiesen worden wäre.« Die­se­Er­klärung der US-Bür­ger­rech­terin und Wis­sen­schaft­lerin Angela Davis teilen viele Menschen,die weltweit für die sofor­ti­ge­Frei­lassung des US-
Jour­na­listen Mumia Abu Jamal kämpfen. Sie haben ihre Arbeit inten­si­viert. Seit seine lebens­ge­fähr­liche Erkrankung bekannt wurde (sie­he­Sprachrohr 2/2015), ist diese For­derung noch dring­licher geworden. Mitt­ler­weile wurde bekannt, dass das ver.di-Ehrenmitglied Mumia nicht nur an Dia­betes, sondern auch an Hepa­titis erkrankt ist. Die Mumia­So­li­da­ri­täts­be­wegung ruft dazu auf, Post­karten und E-Mails mitder For­derung nach der sofor­tigen Frei­lassung Mumias an den zustän­digen Gou­verneur von Penn­syl­vania Tom Wolf zuschicken.

Info: http://​www​.bring​-mumia​-home​.de/​F​r​e​e​_​M​u​m​i​a​_​N​O​W​.html
Sprachrohr 3/2015

    http://medien-kunst-industrie-bb.verdi.de/++file++560939b76f684452140018bb/download/%20SPR_03_2015.pdfr

      PETER NOWAK