Wohnen und »Recht auf Stadt«-Kämpfe im Ruhrgebiet

Mie­te­rEcho online 09.05.2017

Zum Doku­men­tarfilm DAS GEGENTEIL VON GRAU

Die Film­auf­führung war am Sonn­tag­abend im Licht­blick-Kino aus­ver­kauft. Einige Besu­che­rInnen mussten auf einen spä­teren Termin ver­tröstet werden. Gezeigt wurde DAS GEGENTEIL VON GRAU, der neue Film des Regis­seurs Mat­thias Coers. Dort werden über 20 Mie­te­rInnen- und Recht auf Stadt-Initia­tiven aus dem Ruhr­gebiet vor­ge­stellt.
Coers hat unter aktiven Mie­te­rInnen einen guten Namen. Schließlich ist er einer der Regis­seure des Films Mietre­bellen, der seit drei Jahren in vielen Kinos in der ganzen Republik gezeigt wird und mitt­ler­weile in 7 Sprachen über­setzt wurde. Er zeigt die Viel­fäl­tigkeit und Ent­schlos­senheit der Ber­liner Mie­te­rIn­nen­be­wegung und moti­viert auch Men­schen in anderen Städten und Regionen. Dazu gehören auch die Akti­vis­tInnen der Initiative „Recht auf Stadt Ruhr“. Sie haben sich an Coers gewandt, weil sie nach dem Vorbild der MIETRE­BELLEN eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt im Ruhr­gebiet machen wollten. 2015 hat Mat­thias Coers gemeinsam mit Grischa Dallmer und dem Ruhr­ge­biets-Team mit den Dreh­ar­beiten begonnen und der Kontakt zu den ver­schie­denen Gruppen ist dann über die Stadt­ak­tiven vor Ort ent­standen. Ende März hatte der Film bei Team­pre­mieren im https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​d​a​s​-​g​e​g​e​n​t​e​i​l​-​v​o​n​-​g​r​a​u​.html
Mie­te­rEcho online 09.05.2017

Peter Nowak

Peter Nowak

Voneinander lernen!

Regisseur Mat­thias Coers spricht über Wohn­kämpfe und seinen neuen Film »Das Gegenteil von Grau«

Zur Person

In dem Film »Das Gegenteil von Grau«, der am 5. Mai (19 Uhr) im Kino Movie­mento und am 7. Mai (19 Uhr) im Licht­blickkino gezeigt wird, stellt der Ber­liner Fil­me­macher Mat­thias Coers Initia­tiven zum Wohn­kampf im Ruhr­gebiet vor. Mit dem Regisseur sprach Peter Nowak.

Wie haben Sie den Kontakt mit den Initia­tiven im Ruhr­gebiet her­ge­stellt?

Mit dem Film »Mietre­bellen« habe ich Film­ver­an­stal­tungen im Ruhr­gebiet gemacht. Dort bin ich in Kontakt gekommen mit Aktiven von »Recht auf Stadt Ruhr«, die vom Film sehr angetan waren. Gemeinsam haben wir überlegt, wie man für das Ruhr­gebiet eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt machen kann. 2015 haben wir mit den Dreh­ar­beiten begonnen und der Kontakt zu den ver­schie­denen Gruppen ist dann über die Stadt­ak­tiven vor Ort ent­standen. Es gab zwar schon Ver­bin­dungen zu den Mietern vom Zink­hüt­ten­platz, aber so kam dann auch die Zusam­men­arbeit mit Freiraum- und Tran­sition-Town-Initia­tiven zustande. Meine Idee vom doku­men­ta­ri­schen Filmen ist, Filme nicht über andere zu machen, sondern mit ihnen. Und das ist bei diesem Projekt gut gelungen, denn die Fähig­keiten und Talente liegen ja besonders vor Ort.

Der Film »Mietre­bellen« han­delte von Berlin, wo Sie selber in der Mie­ter­be­wegung aktiv sind. War es schwierig, in einer Region einen Film zu drehen, in der Sie nicht leben?

Da ich das Ruhr­gebiet gut kenne, auch selber dort schon gear­beitet habe, und dort zudem eine offen­herzige Men­ta­lität herrscht, war es eher einfach, in einen kom­mu­ni­ka­tiven und fil­mi­schen Prozess ein­zu­treten. Es geht ja auch darum, Initia­tiven, die in den Nischen der Städte ihre Arbeit tun, zu sammeln und in einem Film vor­zu­stellen. Vor­aus­setzung dafür ist natürlich auch die Lust der Aktiven, sich an diesem Prozess zu betei­ligen. Schließlich ist es das Thema des Films, wie jen­seits des markt­wirt­schaft­lichen Inter­esses ver­stetigt orga­ni­siert und gear­beitet werden kann.

Wo sind die Gemein­sam­keiten der im Film vor­ge­stellten Pro­jekte?

Die 20 vor­ge­stellten Pro­jekte enga­gieren sich im Ruhr­gebiet zwi­schen Freiraum- und Wohn­kämpfen, in nach­bar­schaft­lichen Gärten und Soli­da­ri­scher Land­wirt­schaft. Sie alle leisten Pio­nier­arbeit in einer Region mit starkem Struk­tur­wandel. Das Ruhr­gebiet ist ent­standen als eine Indus­trie­ge­sell­schaft und ist heute eine kri­sen­hafte Dienst­leis­tungs- und Frei­zeit­ge­sell­schaft. In den so ent­stan­denen Stadt­struk­turen herrscht eine gewisse Agonie, der von den Städten mit Event­kultur begegnet werden soll.

Welches Projekt hat Sie besonders beein­druckt?

Per­sönlich halte ich die Initiative kitev oder Refugees’ Kitchen für bei­spielhaft, da sie es kon­ti­nu­ierlich und mit Sicht­barkeit schaffen, zusammen mit Geflüch­teten und Men­schen aus ganz Europa auf lokaler Ebene tem­poräre wie dau­er­hafte Resi­dence- und Arbeits­formen zu ent­wi­ckeln.


Was können die Zuschauer in Berlin von der Arbeit der Initia­tiven im Ruhr­gebiet mit­nehmen?

Auf den ersten Blick mangelt es hier nicht an eman­zi­pa­tiven Orten und enga­gierten Men­schen. Auf­grund aber des großen Raum- und Flä­chen­be­darfs sowie der ord­nungs­po­li­ti­schen Durch­setzung als Haupt­stadt und Ort kapi­ta­lis­ti­scher Macht und Nor­ma­lität erhält auch Berlin eine restrik­tivere Seite. Es muss von­ein­ander gelernt werden, um auf Dauer gemein­schaft­liche Raum­nutzung wie Urban Gar­dening, Wohn­formen wie Genos­sen­schaften und Wagen­plätze oder eman­zi­pa­tives Zusam­men­leben mit geflüch­teten Men­schen konkret zu rea­li­sieren.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​0​0​3​3​.​v​o​n​e​i​n​a​n​d​e​r​-​l​e​r​n​e​n​.html
Interview: Peter Nowak

Auf-Ruhrgebiet

Nach seinem Film »Mietrebellen« hat der Regisseur Matthias Coers nun einen Dokumentation über widerspenstige Projekte im Ruhrgebiet vorgestellt. Sie schaffen Utopien en miniature.

Die Senioren sind in Fei­er­laune. Mit ihrer Mie­ter­initiative Zink­hüt­ten­platz haben sie den Abriss einer his­to­ri­schen Arbei­ter­siedlung ver­hindert. Dabei hatten sie nicht einmal von der Mehrheit der Links­partei Unter­stützung.

Ihr inspi­rie­render Kampf ist in der Doku­men­tation »Das Gegenteil von Grau« zu sehen, der in dieser Woche Pre­mière hat. Knapp 20 außer­par­la­men­ta­rische Initia­tiven werden im Film vor­ge­stellt. Das Spektrum reicht von Graffiti-Sprü­he­rinnen – es sind tat­sächlich nur Frauen – über einen anar­chis­ti­schen Info­laden, über Pro­jekte mit Geflüch­teten bis zum Leer­standskino in Dortmund-Nord.

»Alle Pro­jekte leisten Pio­nier­arbeit im Ruhr­gebiet, einer Region mit starkem Struk­tur­wandel aus der Indus­trie­ge­sell­schaft in eine kri­sen­hafte Dienst­leis­tungs- und Frei­zeit­ge­sell­schaft«. So beschreibt der Regisseur Mat­thias Coers gegenüber »nd« das Ver­bin­dende der vor­ge­stellten Initia­tiven. Besonders das Ober­hau­sener Projekt Kunst im Turm (kitev) und die Initiative Refugees‘ Kitchen, eine mobile Küche, in der Geflüchtete und Künstler zusam­men­ar­beiten, haben Coers beein­druckt. Der Regisseur war durch den Film »Mietre­bellen«, der den Wider­stand gegen Ver­treibung und Miet­erhö­hungen in Berlin doku­men­tiert, auch über Deutschland hinaus bekannt geworden.

Zur Ent­ste­hungs­ge­schichte: Bei einer Film­ver­an­staltung im Ruhr­gebiet hatte Coers Aktive der Initiative »Recht auf Stadt Ruhr« ken­nen­ge­lernt. »Gemeinsam haben wir überlegt, wie man für das Ruhr­gebiet auch eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt machen kann«, so Coers. Die Film­ar­beiten haben sich dann zwei Jahre in die Länge gezogen, weil Coers den Film nicht über sondern mit den Initia­tiven gemeinsam drehte.

Es werden Men­schen vor­ge­stellt, die in den Nischen der Städte ihre Utopien umsetzen wollen. Das kann ein »Repa­ra­tur­laden« oder ein besetztes Gewächshaus sein, in dem sich Senioren ganz selbst­ver­ständlich darüber unter­halten, wie sie ein Schloss geknackt haben. Die kurzen Film­ge­spräche doku­men­tieren die Unter­schied­lichkeit der ein­zelnen Pro­jekte: Während einige mit linken Poli­tikern koope­rieren, betonen andere die Auto­nomie von Staat und Par­teien. Ein Mit­ar­beiter des Bochumer Stra­ßen­ma­gazins »bodo« erläutert, wie ein Arbei­ter­stadtteil vor Jahr­zehnten zum Zufluchtsort von Migranten wurde und bis heute geblieben ist. Die von Berlin nach Ober­hausen »migrierten« Künstler von kitev fragen sich, ob ihr Projekt nicht gegen ihren Willen zur Gen­tri­fi­zierung bei­tragen könnte.

Die Doku­men­tation ist ein aktu­eller Bewe­gungs­melder für ein anderes Ruhr­gebiet. So hätte der Film mit dem vagen Titel »Das Gegen­teil­genteil von Grau« viel­leicht pas­sender »Auf-Ruhr­ge­biete« heißen können. Auf jeden Fall macht er neu­gierig auf mehr und Lust, die Ent­wicklung der vor­ge­stellten Pro­jekte weiter zu beob­achten.

vDer Film hat seine Pre­mieren an den fol­genden Tagen
Do., 23.03., 19:00 Uhr | Roxy Kino, Müns­ter­straße 95, Dortmund
Fr., 24.03., 19:00 Uhr | Alibi, Glad­becker Straße 10, Essen
Sa., 25.03., 19:00 Uhr | kitev, Willy-Brandt-Platz 1, Ober­hausen
So., 26.03., 19:00 Uhr | Lokal Har­monie, Har­mo­nie­straße 41, Duisburg
Mo., 27.03., 19:00 Uhr | End­station Kino, Wall­baumweg 108, Bochum

www​.gegen​teilgrau​.de

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Peter Nowak