Humboldt-Universität Berlin: Kritische Wissenschaft unerwünscht?

Die Entlassung von Andrej Holm erinnert an den Fall Heinrich Fink. In beiden Fällen sind Menschen betroffen, die für Kritik an allen Systemen stehen

Es ist schon einige Jahre her, dass Stu­die­rende in Berlin Uni­ver­si­täts­räume besetzt haben, um für Ver­bes­se­rungen ihrer Stu­di­en­be­din­gungen ein­zu­treten. Seit dem 17. Januar sind in Berlin aller­dings wieder Räume des Instituts für Sozi­al­wis­sen­schaft in Berlin besetzt[1]. Sie pro­tes­tieren damit gegen die Ent­lassung des Stadt­so­zio­logen Andrej Holm, der am Montag nach einer Kam­pagne nach wenigen Wochen als Staats­se­kretär zurück­treten musste[2]. Die Prä­si­dentin der Hum­boldt-Uni­ver­sität Sabine Kunst erklärte[3], dass nicht die kurz­zeitige Stasi-Mit­glied­schaft von Holm der Grund für die Ent­lassung sei, sondern Falsch­an­gaben:

Die Kün­digung beruht nicht auf der Tätigkeit von Herrn Dr. Holm für das Minis­terium für Staats­si­cherheit (MfS), sondern einzig darauf, dass Herr Dr. Holm die HU hin­sichtlich seiner Bio­graphie getäuscht und auch an dem wie­derholt vor­ge­brachten Argument der Erin­ne­rungs­lücken fest­ge­halten hat. Sabine Kunst[4]

Diese Erklärung ist aber selber ein Bei­spiel für büro­kra­tische Willkür, an der die Stasi wie alle Geheim­dienste dieser Welt ihre Freude hätten. Das beginnt schon mit dem Vorwurf an Holm, er habe an dem Argument der Erin­ne­rungs­lücken fest­ge­halten. Wie wurde fest­ge­stellt, dass Holm diese Erin­ne­rungs­lücken nicht tat­sächlich hatte. Er erklärte wie­derholt, er habe erst nach den ersten Vor­würfen und nach dem die Akte öffentlich bekannt wurde, regis­triert, dass er bereits beim MFS ange­stellt war, wo er noch dachte, er sei Mit­glied des Wach­re­gi­ments »Feliks Dzier­zynski« gewesen.

Danach hat er gegenüber der Hum­boldt-Uni­ver­sität seine Bio­graphie ergänzt, was ihm nun auch vor­ge­worfen wird. Doch welche Beweise hat die Uni­ver­si­täts­leitung, dass Holm die Erin­ne­rungs­lücken nur vor­ge­täuscht hat? War denn in der DDR vor 1989 der Unter­schied zwi­schen der Wach­einheit und dem MFS so groß und ist es heute so, dass eine Mit­glied­schaft in diesem Wach­re­giment gegenüber einer MFS-Tätigkeit etwa in der Öffent­lichkeit posi­tiver bewertet wird?

Auch dass sich Holm bereits im Jahr 2007 mit DDR-Oppo­si­tio­nellen, die von der Repression der Stasi betroffen waren, mit seiner Tätigkeit für die DDR-Sicher­heits­organe kri­tisch aus­ein­an­der­setzte und das Ergebnis sogar in der Taz[5] öffentlich gemacht wurde, wird nun gegen ihn aus­gelegt. So heißt es in der HU-Erklärung:

In dem viel­zi­tierten taz-Interview vom Dezember 2007 konnte er sich wohl an Ein­zel­heiten seiner MfS-Tätigkeit erinnern. In seinem Lebenslauf, den er bei der Wie­der­ein­stellung 2011 der HU vor­gelegt hat, ver­schwieg Herr Dr. Holm die Tätigkeit als Offi­ziers­schüler des MfS wei­terhin.

Humboldt-Universität[6]

Da stellt sich doch die Frage, warum 10 Jahre lang nie­mandem an der HU auf­ge­fallen sein soll, dass es Unter­schiede zwi­schen Holms Angaben im Fra­ge­bogen und in der Taz gab und er darauf nicht ange­sprochen wurde.

Tat­sächlich wird in der Erklärung der HU deutlich, dass Holm gehen soll, weil er eben aktuell nicht zu Kreuze kriecht sondern wei­terhin eine kri­tische Haltung bewahrt und auch äußert, auch was den Umgang mit seiner Bio­graphie betrifft. Das wird ganz deutlich an diesem Satz:

Die gegenüber der HU abge­gebene Stel­lung­nahme und die öffent­lichen Äuße­rungen von Herrn Dr. Holm zeigen, dass er nicht bereit ist, seine Falsch­an­gaben gegenüber der HU ein­zu­räumen und sich von ihnen zu distan­zieren. .

Humboldt-Universität[7]

Sich zu distan­zieren, das ist die For­derung aller Repres­si­ons­organe in Ost und West. Der DDR und anderen nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Länder hatte man man­gelnde Selbst­kritik vor­ge­worfen. Im Deut­schen Herbst wurden kri­tische Wis­sen­schaftler zur Distan­zierung von linker Theorie und Praxis auf­ge­fordert. Wer sich nicht distan­zierte, wie der Sozio­lo­gie­pro­fessor Peter Brückner , verlor seinen Job.

Dass sich Holm nicht von sich selbst distan­ziert, spricht für ihn. Dass er jetzt arbeits­rechtlich gegen seine Kün­digung vorgeht, ist selbst­ver­ständlich. Es gibt juris­tische Stellungnahmen[8], nach denen Holm durchaus Erfolg haben könnte. Rechts­anwalt Johannes Eisenberg zeigt in einem Vergleich[9] auf, dass hier­zu­lande eine ungenaue Angabe über eine Sta­si­tä­tigkeit sogar schwerer wiegen kann als ein Mord:

Treiben wir den Fall noch auf die Spitze und nehmen an, Holm hätte am 1. Sep­tember 1989 einen Mord an einem »Klas­sen­gegner« begangen, zum Bei­spiel im Auf­trage seiner angeblich tsche­kis­ti­schen Eltern. Er wäre – wenn er nicht grot­ten­schlecht ver­teidigt worden wäre – nach Jugend­straf­recht ver­ur­teilt worden, zu, sagen wir, acht­einhalb Jahren Jugend­strafe. Er stand unter dem Ein­fluss der Eltern, han­delte ent­spre­chend antrai­nierter Kennt­nisse und ethi­scher Maß­stäbe, war noch nicht selbst­ständig, wohnte noch zu Hause und so weiter. Die Richter hätten ihn rei­fe­mäßig als einem Jugend­lichen gleich­stehend beur­teilt. Die Jugend­strafe hätte er teil­weise abge­sessen und deren Vollzug zur Aus­bildung, Studium und Abschluss genutzt. Er wäre so etwa 1994 mus­ter­gültig »reso­zia­li­siert« auf freien Fuß gekommen und hätte die Laufbahn, wie Holm eben, hinter sich gebracht und 2005 bei der HU beworben. Auf Nach­frage der HU hätte er ange­geben, nicht bestraft zu sein. Später hätte die HU einen Bericht über die Mordtat gefunden. Sie wäre mit jedem Versuch, den Vertrag anzu­fechten oder zu kün­digen, gescheitert. Denn: Die Jugend­strafe war nach dem Bun­des­zen­tral­re­gis­ter­gesetz nach zehn Jahren zu tilgen, der Bewerber musste sie sich daher nicht vor­halten lassen.

Johannes Eisenberg[10]

Dieser nur auf den ersten Blick absurde Ver­gleich macht deutlich: Gemäß der Nach-Wende-Staats­räson sind ungenaue Angaben bei einem Sta­siv­er­fahren schlimmer als ein frü­herer Mord. Der Holm gegenüber sehr kri­tische His­to­riker Ilko-Sascha Kow­alczuk kommt zum Schluss[11]:

Da ich weder nach­voll­ziehen noch glauben kann, dass Andrej Holm nicht genau erin­nerte, dass er als Offi­ziers­schüler haupt­amt­licher MfS-Mit­ar­beiter gewesen war, stand er bei dem Aus­füllen von Per­so­nal­fra­ge­bögen vor einem schier unlös­baren Problem: die Wahrheit sagen und den Job nicht bekommen, oder den Job bekommen und dafür lügen.

Ilko-Sascha Kow­alczuk

Wenn Kow­alczuk die jet­zigen Ver­hält­nissen genau so kri­tisch betrachten würde wie die der DDR, müsste er kon­sta­tieren: Wenn ein System Men­schen zu fal­schen Angaben zwingt, um einen Arbeits­platz zu bekommen, dann muss man fragen, was das für ein System ist. Auch hier zeigen sich struk­tu­relle Par­al­lelen zwi­schen den Repres­si­ons­or­ganen.

Viele der Stu­die­renden, die sich heute für den Ver­bleib von Holm ein­setzen, sind zu jung, um sich daran zu erinnern, dass ein kri­ti­scher Wis­sen­schaftler bereits vor 25 Jahren von der Hum­boldt-Uni­ver­sität ent­lassen wurde, weil ihm MfS-Mit­arbeit vor­ge­worfen, was der Beschul­digte immer bestritt. Es handelt sich um den Theo­logen Heiner Fink[12], der nie bestritten hat, dass er für eine Ver­bes­serung und nicht die Abschaffung der DDR ein­ge­treten ist.

Er war Sym­bol­figur der­je­nigen DDR-nahen Kräfte, die im Herbst 1989 eben­falls eine Demo­kra­ti­sierung und eine Wende wollten. Höhe­punkt dieser Bestre­bungen, die auch die DDR-Basis erfasst hatte, war die Groß­de­mons­tration am 4. November 1989 auf dem Ber­liner Alex­an­der­platz. Die Ein­mi­schungen der BRD ver­hin­derten, dass das Vor­haben gelingen konnte. Die Prot­ago­nisten für eine demo­kra­tische DDR waren später beson­deren Ver­fol­gungen aus­ge­setzt, weil sie eben wei­terhin kri­tisch blieben und auch bei den neuen Ver­hält­nissen nicht staatsnah wurden.

So wurde Heiner Fink auch zum Symbol für diese Erneue­rungs­ver­suche an der Hum­boldt-Uni­ver­sität. Daher gab es mona­te­lange Pro­teste von Stu­die­renden, die meisten hatten mit der Hon­ecker-DDR nichts am Hut. In den füh­renden Medien wurde Fink dagegen heftig angegriffen[13]. Seine Erfah­rungen sind in einem Buch mit dem bezeich­nenden Titel »Wie die Hum­bold­tuni­ver­sität gewendet wurde«[14] zusam­men­ge­fasst.

Es ging damals darum, die letzten Reste mar­xis­ti­scher Ideo­logie vom Campus zu ver­treiben. Da waren nicht die Stasi-Leute das Problem, die sich schnell den neuen Ver­hält­nissen anpassten. Viel gefähr­licher waren die Men­schen, die schon vor 1989 kri­tisch zu den Ver­hält­nissen standen und sich auch nach 1989 nicht änderten. Der Publizist Otto Köhler erin­nerte daran, dass einige der­je­nigen Wis­sen­schaftler, die die Wende an der Hum­boldt-Uni­ver­sität durch­setzen, bereits zuvor in der BRD Stu­die­rende rele­giert hatten[15].

Es sind zwi­schen der Ent­lassung von Fink und der Rele­gierung von Holm 25 Jahre ver­gangen. Doch gemeinsam ist: In beiden Fällen wurden Men­schen ent­lassen, die für eine kri­tische Wis­sen­schaft und für eine demo­kra­tische Uni­ver­sität stehen. Deshalb besetzen im Jahr 2017 Stu­die­rende wieder Uni-Gebäude wie zu Anfang der 1990er Jahre.

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Peter Nowak


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