Alleinige, halbe oder gar keine Schuld?

In einem Band setzen sich His­to­riker mit dem Anteil Deutsch­lands am Ersten Welt­krieg aus­ein­ander

Warum noch ein Sam­melband zum Ersten Welt­krieg, nachdem zum 100. Jah­restag eine Fülle von Publi­ka­tionen erschienen ist? Diese Frage beant­worten die His­to­riker Axel Weipert, Sal­vador Oberhaus, Detlef Nakath und Bernd Hüttner mit ihrem, dem Jubiläum zwar nach­hin­kenden, aber wich­tigem Buch. Es behandelt drei Themen, die bisher in der Debatte eher ein stief­müt­ter­liches Dasein fris­teten. Ein­be­zogen sind hier zudem Autoren aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern.

Der erste Teil des Bandes widmet sich der geschichts­po­li­ti­schen Deutung des Ersten Welt­kriegs. Bereits 2013 bemühten sich der bri­tisch-aus­tra­lische His­to­riker Chris­topher Clark und der Ber­liner Polit­wis­sen­schaftler Her­fried Münkler, das Deutsche Reich von seiner beson­deren Ver­ant­wortung für den Aus­bruch des Welt­kriegs frei­zu­sprechen. Besonders Münkler pole­mi­sierte heftig gegen den His­to­riker Fritz Fischer, der im wil­hel­mi­ni­schen Deutschland den Haupt­kriegs­treiber gesehen hatte. Die These von der Allein­schuld Deutsch­lands wird im Band kon­trovers dis­ku­tiert. Der in Hagen leh­rende Geschichts­wis­sen­schaftler Wolfgang Kruse stellt die Debatte in einen aktuell-poli­ti­schen Kontext: Wenn Deutschland angeblich an beiden Welt­kriegen nicht Schuld gewesen sei, könne es heute »als eigentlich ganz normale Nation auch mit gutem Gewissen seine pro­spe­rie­rende Stellung in Deutschland und Europa genießen«.

Der Pots­damer His­to­riker Jürgen Angelow hin­gegen ver­teidigt Münkler und Clark. »Jede Inno­vation in die For­schung, jede Neu­be­wertung der Dar­stellung, die mit einer Neu­be­wertung der For­schung ein­hergeht, wird umstritten sein und auf den Wider­stand älterer Auf­fas­sungen stoßen.« Gegen die besondere Ver­ant­wortung des Deut­schen Reiches für den Kriegs­aus­bruch argu­men­tiert er mit Lieb­knecht, Luxemburg und Lenin, die davon aus­gingen, dass sämt­liche großen euro­päi­schen Staaten für die poli­tische Situation ver­ant­wortlich waren, die in den Welt­krieg führte. Der His­to­riker schließlich sieht im Versuch, Deutschland von der Ver­ant­wortung für den Ersten Welt­krieg rein­zu­wa­schen, »Argu­men­ta­ti­ons­hilfen für mili­tä­rische Inter­ven­tionen im Ausland«.

Im zweiten Teil des Buches setzen sich sieben Autorinnen und Autoren mit der Frage aus­ein­ander, welchen Anteil die durch den Ersten Welt­krieg aus­ge­löste Bru­ta­li­sierung bei der Eta­blierung von Faschismus und Natio­nal­so­zia­lismus hatte. So bezeichnete der mar­xis­tische bri­tische His­to­riker Eric Hobsbawn den Ersten Welt­krieg als »Maschine zur Bru­ta­li­sierung der Welt«. Diese For­mu­lierung wurde zum Buch­titel. Der spa­nische His­to­riker und Kul­tur­wis­sen­schaftler Angel Alcalde zeichnet die Debatte um die These des US-His­to­rikers und Faschis­mus­for­schers George L. Mosses nach, der eine enge Ver­bindung zwi­schen dem Ersten Welt­krieg und dem Auf­stieg der euro­päi­schen Rechten sah.

Im dritten Teil des Buches befassen sich elf Autoren mit dem Ein­fluss des Welt­kriegs auf die Arbei­ter­be­wegung und die poli­tische Linke. Milos Bakovic Jadzic skiz­ziert die Geschichte der ser­bi­schen Sozi­al­de­mo­kratie , die nicht wie die anderer Länder eine »Burg­frie­dens­po­litik« betrieb. Ein wei­teres Kapitel widmet sich den wenig erforschten Anti­kriegs­pro­testen slo­we­nisch-spra­chiger Frauen in Öster­reich-Ungarn; diese hielten über die gesamten Kriegs­jahre an. Axel Weipert beklagt, dass die Akti­vi­täten der Räte­be­wegung in Deutschland und Öster­reich-Ungarn, die ent­schei­denden Anteil am Sturz der Mon­archie hatten, in der Geschichts­schreibung lange Zeit kaum erwähnt wurden. Der Polit­wis­sen­schaftler Malte Meyer schließlich unter­sucht die »Ver­preußung« der Arbei­ter­be­wegung in Deutschland. Damit rekur­riert er auf einen Begriff, den der Sozialist 1937 im fran­zö­si­schen Exil prägte. Die Ver­breitung mili­ta­ris­ti­scher Ideo­logie in den Kreisen von Klein­bür­gertum und der Arbei­ter­schaft ist auch bereits von Linken wie Rosa Luxemburg als Sozi­al­mi­li­ta­rismus heftig kri­ti­siert worden. Meyer zählt aller­dings auch Orga­ni­sa­tionen wie den KPD-nahen Rot­front­kämp­ferbund zu den Män­ner­bünden mit mili­ta­ris­ti­scher Attitüde.

Axel Weipert/​Salvador Oberhaus/​Detlef Nakath/​Bernd Hüttner (Hg.): Maschine zur Bru­ta­li­sierung der Welt. Der Erste Welt­krieg – Deu­tungen und Hal­tungen 1914 bis heute. Dampfboot Verlag, 363 S., br., 35 €.

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Peter Nowak