Der Zusammenhang von Alltag und Protest

Wenn von armen Leuten die Rede ist, schwingt schnell ein Klang von Bedauern und Mitleid mit. Doch, wenn der Sozi­al­wis­sen­schaftler und Erwerbs­lo­sen­ak­tivist Harald Rein seinem neu­esten Buch den Titel gibt „Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen“ knüpft er an eine Debatte über die Poor Peoples Move­ments an. Es sind soziale Bewegung von Men­schen, die weit­gehend außerhalb der Lohn­ar­beits­pro­zesse stehen.

In einem eigenen Kapitel setzt sich Rein kri­tisch mit der auch von linken Wissenschaftler_​innen ver­tre­tenen Meinung aus­ein­ander, dass arme Leute nicht in der Lage sind, sich poli­tisch zu arti­ku­lieren.

„Der Zusam­menhang von Alltag und Protest“ wei­ter­lesen

Die vergessene Rätebewegung

Die zweite Revolution - Axel Weipert
Axel Weipert
Die zweite Revo­lution
Räte­be­wegung in Berlin 1919/1920

Der Autor zeigt die Bedeut­samkeit der revo­lu­tio­nären Orga­ni­sa­tionen für die Wei­marer Republik auf.

Trotz ihrer Bedeutung für die poli­ti­schen Ent­wick­lungen wurde die in der Zeit von 1918 bis 1920 aktive Räte­be­wegung in Deutschland von der Geschichts­wis­sen­schaft kaum beachtet. Die Arbei­te­rInnen- und Sol­da­tenräte hatten das Ziel einer grund­sätz­lichen poli­ti­schen und sozialen Umwälzung. Deshalb galten kon­ser­va­tiven His­to­ri­ke­rInnen die Räte als Vor­boten der kom­mu­nis­ti­schen Revo­lution. Viele linke His­to­ri­ke­rInnen sahen in den Räten wie­derum nur eine Art Über­gangs­re­gierung. Ihre Rolle sollten eigentlich Arbei­ter­par­teien über­nehmen.

Über­schätzt wurde nach Ansicht Einiger die Bedeutung der KPD innerhalb der revo­lu­tio­nären Bewegung, vor allem von DDR-Wis­sen­schaft­le­rInnen. Schließlich hatte die erst an der Jah­res­wende 1919 gegründete Partei gar nicht die Mög­lich­keiten, einen großen Ein­fluss auf die revo­lu­tio­nären Ent­wick­lungen dieser Zeit zu nehmen. Fraglich ist, ob sich die Räte nicht selber ent­mach­teten, als sie mit großer Mehrheit auf dem Reichs­rä­te­kon­gress, der im Dezember 1918 in Berlin tagte, für eine par­la­men­ta­rische Demo­kratie votierten? Für viele His­to­ri­ke­rInnen war das Kapitel der Räte damit beendet.

Erst in den letzten Jahren haben sich For­sche­rInnen wieder ver­stärkt mit der Räte­be­wegung befasst und dar­ge­stellt, dass diese keine unbe­deut­samen Akteure einer kurzen his­to­ri­schen Episode waren, wie es die bis­herige Geschichts­wis­sen­schaft sug­ge­riert. Ihr Ein­fluss sollte nicht unter­schätzt werden. So waren bei­spiels­weise die von den Frei­korps blutig nie­der­ge­schla­genen Streiks im März 1919 von der Räte­be­wegung getragen. An diese repu­blik­weite Streik­be­wegung knüpft auch der Ber­liner His­to­riker Axel Weipert in seinem Buch „Die Zweite Revo­lution – Räte­be­wegung in Berlin 1919/1920“ an. Sehr detail­liert geht Weipert auf die Rolle der Räte in der Streik­be­wegung vom Frühjahr 1919 ein. Dabei sieht er in der schlechten Koor­di­nation der Bewegung einen Haupt­grund für deren Nie­derlage. Noch bevor der Streik in Berlin begonnen hatte, war er in anderen Teilen der Republik schon nie­der­ge­schlagen.

Das vergessene Massaker vor dem Reichstag

Ein großer Ver­dienst von Weipert sind seine For­schungen zu einem weit­gehend ver­ges­senen Blutbad vor dem Reichstag am 13. Januar 1920. Frei­korps schossen in eine von der Räte­be­wegung orga­ni­sierte Demons­tration gegen das beschlossene Reichs­rä­te­gesetz sowie die damit ein­her­ge­hende Ent­machtung der Räte in den Betrieben. 42 Tote und über 100 zum Teil Schwer­ver­letzte waren die Folge. Damit fand der von der SPD-gestellten Regierung zumindest tole­rierte Terror der Frei­korps, dem bereits 1919 Rosa Luxemburg, Karl Lieb­knecht, aber auch tau­sende namenlose Arbei­te­rInnen zum Opfer fielen, seine Fort­setzung. Die alten Macht­ver­hält­nisse sollten nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirt­schaft wieder her­ge­stellt werden. Weipert sieht in dem Mas­saker vor dem Reichstag keine unglück­liche Ver­kettung von nicht beherrsch­baren Umständen, wie manche Liberale die staat­liche Repression zu ent­schul­digen ver­suchen:

Der 13. Januar ist in vie­lerlei Hin­sicht ein Lehr­stück über die poli­ti­schen Ver­hält­nisse Deutsch­lands in jener Zeit. Besonders deutlich zeigte sich hier, wie grund­legend unter­schiedlich das Poli­tik­ver­ständnis in der Räte­be­wegung einer­seits und in den eta­blierten Insti­tu­tionen ande­rer­seits war. (…) Während im Reichs­tags­ge­bäude die Par­la­men­tarier berieten, standen draußen die Demons­tranten, ohne direktes Mit­spra­che­recht, dafür aber bedroht und schließlich beschossen von den bewaff­neten Organen des Staates. Man glaubte, die Volks­ver­treter vor dem Volk schützen zu müssen. Und das mit reinen Gewissen – denn, wie der Reichs­kanzler for­mu­lierte, es han­delte es sich um nichts weniger als die ‚Ver­tei­digung des hei­ligsten Volks­rechts, der Mei­nungs­freiheit der Volks­ver­treter‘. Das war ein bemer­kens­wertes Demo­kra­tie­ver­ständnis. Nicht der Wille des Volkes und dessen Mei­nungs­freiheit standen im Mit­tel­punkt, sondern die Mei­nungs­freiheit der Par­la­men­tarier“ (S. 185).

Sebastian Haffner, einer der wenigen bür­ger­lichen Publi­zisten, der nicht auf dem rechten Auge blind war, zog 1969 in seinem Buch „Die ver­ratene Revolution/​Deutschland 1918/19“ eine Linie vom Staats­terror in der Früh­phase der Wei­marer Republik zum Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lismus. Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht vom 15. Januar 1919 war für ihn der Beginn eines Weges, der ins Dritte Reich führte, „der Auftakt zu den tau­send­fachen Morden der Noske-Zeit, zu den mil­lio­nen­fachen Morden in den fol­genden Jahr­zehnten der Hitler-Zeit“. Haffner war ein Zeit­ge­nosse, der Augen und Ohren offen­hielt und den Terror der frühen Jahre der Wei­marer Republik nicht vergaß. Heute ist der blu­tigste Angriff auf eine Demons­tration in der Wei­marer Republik weit­gehend unbe­kannt.

Viel­leicht trägt seine For­schungs­arbeit dazu bei, dass am 20. Januar 2020, wenn sich der Staats­terror vor dem Reichstag zum hun­dertsten Mal jährt, ein Erin­ne­rungs- und Gedenkort für die Opfer ein­ge­richtet wird.

Von Schüler –und Erwerbslosenräten

Echte Pio­nier­arbeit leistet Weipert auch da, wo er sich detail­liert mit den Schüler- und Erwerbs­lo­sen­räten befasst. Hier wird deutlich, dass der Räte­ge­danke in den Jahren 1919/1920 nicht nur in den Groß­fa­briken, sondern in weiten Teilen der Gesell­schaft ver­ankert war. Dass die Räte nicht per se revo­lu­tionär waren, wie Weipert bereits im Vorwort betont, zeigte sich an der Akti­vität von Schü­ler­räten in den bür­ger­lichen Stadt­teilen Berlins, die sich dafür ein­setzten, dass der Sohn des ermor­deten Sozia­listen Karl Lieb­knecht vom Gym­nasium ver­wiesen wurde. Der bür­ger­liche Nach­wuchs wollte nicht mit dem Sohn eines „Roten“ die Schulbank drücken. Aller­dings waren diese reak­tio­nären Räte die absolute Min­derheit. Mehr­heitlich orga­ni­sierten sich in den Räten linke Arbei­te­rInnen sowie von der Pro­duktion Aus­ge­schlossene. Sehr aktiv waren im Jahr 1920 vor allem die Erwerbs­lo­senräte, deren Ver­hältnis zu den sozi­al­de­mo­kra­tisch ori­en­tierten Gewerk­schaften kon­flikt­reich war. In einem eigenen Kapitel geht Weipert auf die Kon­zepte zur poli­ti­schen Akti­vierung von bis dato unter­re­prä­sen­tierten Frauen in Räten ein. Er zeigt auf, dass die geringe Teil­nahme von Frauen innerhalb der Räte­be­wegung zumindest pro­ble­ma­ti­siert wurde: „Einmal zeigte sich, dass während der ganzen Zeit der Räte­be­wegung, vom November 1918 bis weit in das Jahr 1920 hinein, immer wieder Vor­schläge für eine wir­kungs­volle Ein­bindung von Frauen in die Räte erar­beitet und publi­ziert wurden“ (S. 340).

Pio­nier­arbeit leistet Weipert auch da, wo er die kurze Geschichte der Revo­lu­tio­nären Betriebs­rä­te­zen­trale nach­zeichnet, mit der Akti­vis­tInnen den Räten eine Struktur geben wollten. In der Abwehr gegen den Kapp-Putsch erfuhren die Räte noch einmal einen Auf­schwung. Danach aber spielte die Räte­be­wegung keine große Rolle mehr. Füh­rende Akti­vis­tInnen wie Richard Müller enga­gierten sich kurz­zeitig in der KPD, bis sie im Lini­en­streit unter­lagen und aus­ge­schlossen wurden. Erst am Ende der Weimer Republik wurde mit den Mie­ter­räten diese Poli­tikform wieder auf­ge­griffen. Weipert hat mit seiner gut les­baren Arbeit nicht nur eine wichtige his­to­rische Arbeit über ein Stück ver­ges­sener linker Geschichte geleistet. Er hat auch für die heutige poli­tische Praxis Anstöße geliefert. „Gerade in der Ver­bindung von basis­de­mo­kra­ti­schen und sozia­lis­ti­schen Ansätzen sehe ich eine wichtige Alter­native zu einem über­vor­sich­tigen Refor­mismus und dem zu Recht geschei­terten auto­ri­tären Sozia­lis­mus­modell à la DDR“, erklärte Weipert in einem Interview in der Ber­liner Tages­zeitung taz die Aktua­lität der Räte­vor­stel­lungen.

zusätzlich verwendete Literatur:

Sebastian Haffner (1969): Die ver­ratene Revo­lution – Deutschland 1918/19. Stern-Buch, Hamburg.

http://​www​.kri​tisch​-lesen​.de/​r​e​z​e​n​s​i​o​n​/​d​i​e​-​v​e​r​g​e​s​s​e​n​e​-​r​a​t​e​b​e​w​egung

Peter Nowak