Alltagswiderstand

Der Sozi­al­wis­sen­schaftler und Erwerbs­lo­sen­ak­tivist Harald Rein knüpft mit seinem neu­esten Buch »Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen« an die vor allen in eng­lisch­spra­chigen Ländern geführte Debatte über die Poor People’s Move­ments an. Es sind soziale Bewe­gungen von Men­schen, die weit­gehend außerhalb der Lohn­ar­beits­pro­zesse stehen und denen auch von linken Sozialwissenschaftler_​innen oft poli­ti­sches Des­in­teresse unter­stellt wird. Letztere beziehen sich dabei auf die Mari­enthal-Studie von Anfang der 1930er Jahre. Mari­enthal war ein öster­rei­chi­sches Dorf, in dem nach der Pleite einer großen Tex­til­fabrik ein Großteil der Bewohner_​innen erwerbslos wurde. Resi­gnation und Apathie bei vielen von Ihnen waren die Folge. Rein kri­ti­siert, dass die Ergeb­nisse bis heute unzu­lässig ver­all­ge­meinert werden. Sehr kennt­nis­reich und detail­liert beschreibt er, wie sich Erwerbslose nach der Novem­ber­re­vo­lution von 1918 in Räten orga­ni­sierten und von den Gewerk­schaften selbst­be­wusst Unter­stützung und Soli­da­rität ein­for­derten. Detail­liert und ohne anti­kom­mu­nis­tische Reflexe stellt der Autor auch die Erwerbs­lo­sen­po­litik der KPD in der Wei­marer Republik vor. In den letzten Kapiteln listet er die unter­schied­lichen The­men­felder der jün­geren Erwerbs­lo­sen­be­wegung auf. Dabei richtet er den Blick auf den All­tags­wi­der­stand von Erwerbs­losen, der sich rund um die Job­center abspielt. Zu hoffen ist, dass sich manche durch die Lektüre des Buches zur Nach­ahmung ermutigt fühlen.

Peter Nowak

Harald Rein: Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…! Bemer­kungen über den Zusam­menhang von Alltag und Protest. AG SPAK, Neu-Ulm. 184 Seiten, 14,80 EUR.

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nrhttps://www.akweb.de/ak_s/ak633/04.htm
. 633 / 12.12.2017

Der Zusammenhang von Alltag und Protest

Wenn von armen Leuten die Rede ist, schwingt schnell ein Klang von Bedauern und Mitleid mit. Doch, wenn der Sozi­al­wis­sen­schaftler und Erwerbs­lo­sen­ak­tivist Harald Rein seinem neu­esten Buch den Titel gibt „Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen“ knüpft er an eine Debatte über die Poor Peoples Move­ments an. Es sind soziale Bewegung von Men­schen, die weit­gehend außerhalb der Lohn­ar­beits­pro­zesse stehen.

In einem eigenen Kapitel setzt sich Rein kri­tisch mit der auch von linken Wissenschaftler_​innen ver­tre­tenen Meinung aus­ein­ander, dass arme Leute nicht in der Lage sind, sich poli­tisch zu arti­ku­lieren.

„Der Zusam­menhang von Alltag und Protest“ wei­ter­lesen

Erwerbslose können kämpfen

Autor Harald Rein sieht ent­gegen ver­brei­teter Vor­ur­teile bei Armen Selbst­be­wusstsein

Wenn von »armen Leuten« die Rede ist, schwingt schnell ein Klang von Bedauern und Mitleid in den Worten mit. Doch wenn der Sozi­al­wis­sen­schaftler und Erwerbs­lo­sen­ak­tivist Harald Rein seinem neu­esten Buch den Titel »Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen« gibt, knüpft er damit an die Debatte über eine selbst­be­wusste poli­tische Bewegung an. Er meint Akti­visten, die weit­gehend außerhalb der Lohn­ar­beits­pro­zesse stehen.

In einem zen­tralen Kapitel setzt sich Rein kri­tisch mit der – auch von manchen von linken – Wis­sen­schaftlern ver­tre­tenen Meinung aus­ein­ander, dass arme Leute nicht in der Lage wären, sich poli­tisch zu arti­ku­lieren. Der Autor beschäftigt sich spe­ziell mit der »Mari­enthal-Studie« von Anfang der 1930er Jahre, auf die sich viele dieser Intel­lek­tu­ellen in ihrer Argu­men­tation berufen.

Mari­enthal war ein öster­rei­chi­sches Dorf, in dem nach der Schließung einer großen Tex­til­fabrik ein Großteil der Bewohner erwerbslos wurde. Der Job­verlust führte laut der Studie bei einem Großteil der Bewohner zu Resi­gnation und Apathie. Ein Ergebnis, das Rein auch nicht bestreitet. Er kri­ti­siert aller­dings, dass die Befunde unzu­lässig ver­all­ge­meinert worden seien.

Vor allen in Groß­städten und bei jün­geren Men­schen hätte Erwerbs­lo­sigkeit laut dem Sozi­al­wis­sen­schaftler auch zu Lebens­per­spek­tiven jen­seits der Lohn­arbeit geführt. Kennt­nis­reich beschreibt Rein etwa, wie sich Erwerbslose nach der Novem­ber­re­vo­lution von 1918 in eigenen Räten orga­ni­siert und von den Gewerk­schaften selbst­be­wusst Unter­stützung ein­ge­fordert hatten. Rein zeigt zeit­gleich aber auch auf, wie die Spitzen der Gewerk­schaften und SPD schon früh auf Distanz zu Erwerbs­lo­sen­or­ga­ni­sa­tionen gegangen sind, weil diese ihre Auto­nomie nicht auf­geben wollten.

Der Aktivist geht eben­falls auf die Erwerbs­lo­sen­po­litik der KPD und ihr nahe­ste­hender Orga­ni­sa­tionen in der Wei­marer Republik ein. Er lehnt die häufig von His­to­rikern bemühte These ab, dass die KPD die Erwerbs­losen nur für ihre poli­ti­schen Zwecke instru­men­ta­li­siert habe. Rein zeigt an Hand von Doku­menten viel mehr auf, dass kom­mu­nis­tische Kom­mu­nal­po­li­tiker sehr kon­krete Maß­nahmen für Erwerbslose erkämpft hatten.

Der Sozi­al­wis­sen­schaftler widmet sich in seinem Buch detail­liert der liber­tären Strömung der Erwerbs­lo­sen­be­wegung, auf die sich die autonome Erwerbs­lo­sen­be­wegung der 1980er Jahre berief. Im Unter­schied zu den gewerk­schafts­nahen Strö­mungen sehen diese nicht die feh­lende Erwerbs­arbeit, sondern das feh­lende finan­zielle Ein­kommen als Haupt­problem.

In einem Über­blick listet Rein auch die unter­schied­lichen The­men­felder der jün­geren Erwerbs­lo­sen­be­wegung auf, die 2004 im Kampf gegen die Agenda 2010 für einige Wochen sogar noch einmal zu einer Mas­sen­be­wegung ange­schwollen war.

Letztlich richtet der Autor den Blick auf den aktu­ellen All­tags­wi­der­stand von Erwerbs­losen, der sich rund um die Job­center abspielt. Dieser könne kur­zeitige »Haus­be­suche« wie auch die Begleitung von Betrof­fenen umfassen. Es wäre zu hoffen, dass sich manche durch die Lektüre des Buches ermutigt fühlen, solche Schritte der Selbst­er­mäch­tigung zu unter­stützen.

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Peter Nowak

Harald Rein:
Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…!
Bemer­kungen über den Zusam­menhang von Alltag und Protest

http://​www​.agspak​-buecher​.de/​H​a​r​a​l​d​-​R​e​i​n​-​W​e​n​n​-​a​r​m​e​-​L​e​u​t​e​-​s​i​c​h​-​n​i​c​h​t​-​m​e​h​r​-​f​uegen
ISBN 978–3‑945959–25‑1 / 2017 / 184 Seiten / 14,80 Euro