Klassenkampf am Campus

Beschäftigte des Botanischen Gartens an der FU Berlin bringen ihren Arbeitskampf zurück in die Uni

Lang es ist es her, da ver­teilten linke Stu­die­rende vor den Fabrik­toren Flug­blätter, um die Arbei­te­rInnen zur Revolte oder gleich zur Revo­lution auf­zu­rufen. In den letzten Wochen habensich Beschäf­tigte des Bota­ni­schen Gartens an Stu­die­rende und Asten gewandt. Sie suchen Unter­stützung im Kampf gegen Out­sourcing und Nied­riglohn an der Freien Uni­ver­sität Berlin(FU). Letztere ist auch die Arbeit­ge­berin der Beschäf­tigten im Bota­ni­schen Garten, die in den­letzten Wochen Vor­reiter im Kampf gegen prekäre Arbeits­ver­hält­nisse auf dem Campus geworden sind​.Im Jahr 2003 wollte der Ber­liner Senat im Rahmen seiner Aus­teri­täts­po­litik den Bota­ni­schen Garten schließen. Er war ihm schlicht zu teuer geworden. Pro­teste Tau­sender von Gar­ten­freun­dInnen konnten die Schließung ver­hindern. Dafür wurde in der Folge bei den Mit­ar­bei­te­rInnen gespart. Im Jahr 2007 wurden Rei­nigung, Technik und Besu­cher­service von der »Betriebs­ge­sell­schaft für die Zen­tral­ein­richtung Bota­ni­scher Garten und Bota­ni­sches Museum«, einer Toch­ter­ge­sell­schaftder FU, über­nommen. Die Out­ge­sourcten ver­dienen für die­selbe Arbeit bis zu72 Prozent weniger als ihre direkt bei der FU ange­stellten Kol­le­gInnen. Nun drohen weitere Ver­schlech­te­rungen, weil die Arbeiten an noch bil­ligere Fremd­firmen ver­geben werden sollen. Betriebs­be­dingte Kün­di­gungen für 31 Beschäf­tigte wären die Folge. Auf diese Wei­se­könnte auch eine Reihe kri­ti­scher Gewerk­schaf­te­rInnen ihren Arbeits­platz ver­lieren. Doch die wehren sich und haben damit einen Hauch von Klas­sen­kampf auf den Campus zurück­ge­bracht. Sie trugen ihren Protest in die Sit­zungen der Hoch­schul­gremien, tauchten unan­ge­meldet bei Fest­ver­an­stal­tungen auf und führten mehrere Warn­streiks durch. Die erste Arbeits­nie­der­legung kam für die FU so über­ra­schend, dass sie keine Ersatz­ar­beits­kräfte anheuern konnten. So blieben an diesem Tag die Kassen unbe­setzt und die Besu­che­rInnen kamen in den Genuss eines Besuchs ohne Ein­tritt. Ende März eska­lierte die Aus­ein­an­der­setzung, nachdem die Geschäfts­führung 22 der 50 Beschäf­tigten unter Fort­zahlung der Bezüge von der Arbeit frei­stellen wollte. Der Betriebsrat hatte wegen des Arbeits­kampfes dem Dienstplan für den Monat April nicht zuge­stimmt. Die zuständige ver.di-
Sekre­tärin Jana Seppelt sprach von Erpres­ser­me­thoden. Tat­sächlich ver­sucht die Geschäfts­führung, unter­schied­liche recht­liche und soziale Situa­tionen in der Beleg­schaft aus­zu­nutzen. Schließlich stimmte der Betriebsrat dem Dienstplan unter Protest zu, um keine Spal­tungs­linien auf­zu­machen. Ihren Kampf gegen das Out­sourcing wollen die Kol­le­gInnen aber fort­setzen und haben neue Ver­bündete auch auf dem Campus gewonnen.
Bündnis mit Stu­die­renden
In den ver­gan­genen Wochen ist es ihnen gelungen, eine Debatte über Out­sourcing anzuregen,das mitt­ler­weile im öffent­lichen Dienst zum Alltag gehört. Der Kanzler der FU, Peter Lange,verteidigte sich mit dem Hinweis, dass überall an der Uni­ver­sität Tätig­keiten aus­ge­lagert seien. Tat­sächlich sind Hoch­schulen ein Labor der Pre­ka­ri­sierung in allen Bereichen, von der Rei­nigung bis zum Wis­sen­schafts­ap­parat. Genau da setzen die Beschäf­tigten des Bota­ni­schen­Gartens an, unter­stützt von der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di und der Ber­liner Akti­ongegen Arbeit­ge­be­rIn­nen­un­recht (Baga). Mitt­ler­weile wurde ein Soli­da­ri­täts­bündnis gegründet, in dem auch Stu­die­ren­den­grup­penaus unter­schied­lichen Ber­liner Hoch­schulen mit­ar­beiten. Sie unter­stützen den Kampf der Kol­le­gInnen vom Bota­ni­schen Garten und machen die Aus­ein­an­der­setzung am Campus bekannt.Dabei stellen sie auch den Zusam­menhang zu den Arbeits­be­din­gungen der schlecht bezahl­ten­Wis­sen­schaft­le­rInnen und wis­sen­schaft­lichen Hilfs­kräfte an den Hoch­schulen her. »Sie sind von den gleichen Methoden des Out­sour­cings betroffen wie die Kol­le­gInnen vom Bota­ni­schen Garten. Wenn ihr Kampf erfolg­reich ist, wäre das auch für uns eineEr­mu­tigung«, begründet das Mit­glied der stu­den­ti­schen Soli­da­ri­täts­gruppe seine Unter­stützung für die »Har­tenvom Garten«, wie eine Ber­liner Zeitung die sich weh­renden Beschäf­tigten genannt hat. Die Betrof­fenen ver­stehen es als Lob.

https://berlineraktiongegenarbeitgeberunrecht.files.wordpress.com/2016/04/2016–04_nowak_klassenkampf-am-campus.pdf

aus: express Nr.04/2016
Peter Nowak
express im Netz unter:www.express-afp.info

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