»Der Aufstand der Töchter« – Rezension zum Arbeitskampf im Botanischen Garten Berlin

Die Harten vom Garten wurden sie genannt, die Kol­le­gInnen vom Bota­ni­schen Garten der Freien Uni­ver­sität Berlin. Sie haben sich über mehrere Jahre gegen ihre Aus­glie­derung und die damit ver­bundene Ver­schlech­terung ihrer Arbeits- und Lebens­ver­hält­nisse gewehrt. Sie haben es nach meh­reren Ver­suchen geschafft, Stu­die­rende an dem Campus für ihren Kampf zu inter­es­sieren. Bald gab es eine Soli­da­ri­täts­be­wegung, die mit wit­zigen Nadel­stichen immer zur Stelle war, wo die für die Aus­glie­de­rungen ver­ant­wort­lichen FU-Gremien öffentlich tagten. Sie haben schließlich ihren Kampf gewonnen. „Plötzlich schul­denfrei“, kom­men­tierte eine Kol­legin, was der Erfolg für sie per­sönlich bedeutete. „Mal richtig in den Urlaub fahren“ fiel den Töchtern eines der aktiven Kol­legen ein, als sie von dem Erfolg hörten. Sie haben sich mit ihrem Vater im Arbeits­kampf enga­giert und sind auf dem Cover eines kürzlich im VSA-Verlag in der Reihe „wider­ständig“ erschie­nenen Buches zu sehen, das die Geschichte des Arbeits­kampfes und die Bedin­gungen für den Erfolg zum Gegen­stand hat. Reinhold Niemerg, enga­gierter Arbeits­rechtler und Kanz­lei­kollege von Benedikt Hopmann, hat es gemeinsam mit der ver.di-Sekretärin Jana Seppelt her­aus­ge­geben. Zusammen betreuen Sie auch die kleine, aber feine Reihe „wider­ständig“, die mit der Auf­ar­beitung des spek­ta­ku­lären ‚Falls‘ (und Erfolgs!) der Kas­sie­rerin „Emmely“ eröffnet wurde und in der nun der sechste weg­wei­sende Arbeits­kampf doku­men­tiert und vor­ge­stellt wird.
Der Titel „Auf­stand der Töchter“ ist mehr­deutig. Es wird erfreu­li­cher­weise auf die große Rolle der Frauen in dem Kampf hin­ge­wiesen, sowohl im Kreis der Kol­le­gInnen als auch bei den Unter­stüt­ze­rInnen. _
Zu Wort kommen in dem neuen Band aktive Gewerk­schaf­te­rInnen, vor allem aber die Beschäf­tigten, für die der Arbeits­kampf auch ein Stück Selbsteman­zi­pation war. Es wird deutlich, dass es das Enga­gement von Kol­le­gInnen war, die im rich­tigen Moment das richtige gesagt und getan haben, damit es über­haupt zu dem Kampf kommen konnte. Noch im Jahr 2007 gab es im Bota­ni­schen Garten einen Betriebsrat, der seine Aufgabe darin sah, gemeinsam mit der FU-Ver­waltung die Pri­va­ti­sierung vor­an­zu­treiben. „Unter den Beschäf­tigten herrschte in dieser Umbruchzeit ein Klima der Angst“, beschrieb der Anwalt Benedikt Hopmann die Stimmung im Betrieb. Die änderte sich erst, als einige Kol­le­gInnen Kontakt mit der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di auf­nahmen und dort auf offene Ohren stießen. Schon der erste Schritt, die Gewinnung von Gewerk­schafts­mit­gliedern, schweißte die Beleg­schaft zusammen. Am Schwarzen Brett wurden immer die neu­esten Zahlen bekannt gegeben. In ein­zelnen Kapiteln beschreiben die Ber­liner Aktion gegen Arbeit­ge­ber­un­recht (Baga) und der gewerk­schaft­liche Akti­ons­aus­schuss, wie inner- und außerhalb der Gewerk­schaften Bünd­nisse geschmiedet wurden, die es möglich machten, dass die Kol­le­gInnen schließlich erfolg­reich waren. Dass sie sich nun nicht zurück­ziehen, machen vor allem die letzten Kapitel deutlich. Ein Kampf gegen die Aus­glie­derung von Betrieben und die Pre­ka­ri­sierung der Arbeits­ver­hält­nisse, der auch noch gewonnen wird, das ist heute sehr selten. Des­wegen inter­es­sierten sich auch Kol­le­gInnen aus anderen Branchen für ihre Erfah­rungen. Kol­le­gInnen vom Deut­schen His­to­ri­schen Museum und dem Charité Facility Management schildern dort, wie der Kampf im Bota­ni­schen Garten auch ihre Anstren­gungen beflügelt hat. Doch das Buch ist kein unkri­ti­scher Jubel­be­richt. So wird selbst­kri­tisch darauf hin­ge­wiesen, dass es nicht gelungen ist, die Aus­glie­derung der Rei­ni­gungs­kräfte im Bota­ni­schen Garten zu ver­hindern. Auch bei der Lektüre des Inter­views mit den beiden soli­da­ri­schen Töchtern eines Kol­legen bleibt eine Frage offen. Beide haben nun Gewerk­schafts­arbeit kennen und schätzen gelernt. Doch beide ant­worten auf eine Frage, dass ein Ein­tritt oder eine Arbeit in einer Gewerk­schaft für sie momentan keine Option ist. So ist ein Buch ent­standen, das Mut macht, aber auch Raum für kri­tische Fragen lässt.

Jana Seppelt, Reinhold Niemerg: „Der Auf­stand der Töchter. Bota­ni­scher Garten Berlin: Gemeinsam staatlich orga­ni­sierte prekäre Beschäf­tigung über­winden“, VSA-Verlag 2018, 175 Seiten, 16 Euro ISBN: 978–3‑89965–782‑1

aus: Express – Zeitung für Betriebs- und sozia­lis­tische Gewerk­schafts­arbeit, Ausgabe: Heft 3/2018
http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Peter Nowak

Unmut im Unterbau

Lohn­dumping und Out­sourcing gehören zum frag­wür­digen Geschäfts­modell deut­scher Uni­ver­si­täten. Um dies zu ändern, hat sich in Frankfurt am Main eine neue Basis­ge­werk­schaft gegründet.

Lange haben Stu­die­rende und Beschäf­tigte an Uni­ver­si­täten nicht mehr mit Streiks auf sich auf­merksam gemacht. Das könnte sich ändern, zumindest in Frankfurt am Main. Dort hat sich in der ver­gan­genen Woche eine Hoch­schul­ge­werk­schaft gegründet, die sich Unterbau nennt. Dass es sich nicht um eines der vielen linken Hoch­schul­pro­jekte handelt, die die Semesterfe­rien nicht über­leben, zeigt schon der lange Vorlauf. Über ein Jahr lang hätten knapp 50 Betei­ligte die Gründung vor­be­reitet, berichtet die Pres­se­spre­cherin von Unterbau, Anna Yeliz Schentke, im Gespräch mit der Jungle World. Ihr Kollege Manuel Müller betont, dass die neue Gewerk­schaft basis­de­mo­kra­tisch orga­ni­siert sei, womit die Büro­kra­ti­sierung ver­hindert werden solle. Damit unter­scheide sie sich von den beiden DGB-Gewerk­schaften Verdi und GEW, die im Bil­dungs­be­reich tätig sind. Zudem habe die neue Gewerk­schaft ein Ziel, das über die reine Tarif­po­litik hin­ausgeht. »Ziel ist eine Trans­for­mation der Uni­ver­sität, die nur durch ein Infra­ge­stellen der be­stehenden Macht­struk­turen umsetzbar wird«, so Müller.

Schentke ergänzt, dass das Konzept von der basis­de­mo­kra­ti­schen Freien Arbei­te­rinnen- und Arbei­ter­union (FAU) inspi­riert sei. Die Gründung von Unterbau betrachten Schentke und Müller nicht als Versuch der Spaltung der bestehenden Gewerk­schaften: »Wir machen lediglich Gebrauch vom Recht auf Gewerk­schafts­plu­ra­lismus und Koali­ti­ons­freiheit, wie es allen Arbeit­nehmern gesetzlich zusteht.« Sie wün­schen sich eine Koope­ration der Gewerk­schaften. Tat­sächlich haben sich bei Unterbau neben Mit­gliedern von DGB-Gewerk­schaften und der FAU auch Beschäf­tigte orga­ni­siert, die vorher noch keine Gewerk­schafts­mit­glieder waren.

Die Gründung der neuen Basis­ge­werk­schaft ist ein Zeichen des Hege­mo­nie­ver­lusts der DGB-Gewerk­schaften auch im Bil­dungs­be­reich. Der Arbeits­rechtler Rolf Geffken hat in einer 2015 erschie­nenen Bro­schüre mit dem Titel »Streik­recht, Tarif­einheit, Gewerk­schaften« den Mono­pol­an­spruch des DGB kri­ti­siert, der weder his­to­risch noch poli­tisch zu begründen sei. Geffken plä­diert für eine Gewerk­schafts­einheit in kon­kreten Arbeits­kämpfen. Das kommt den Vor­stel­lungen der Gründer von Unterbau sehr nahe.

Diese könnten über Frankfurt hinaus Nach­ahmer finden. Denn längst sind die Hoch­schulen zu Wis­sen­schafts­un­ter­nehmen geworden, deren Ver­ant­wort­liche beim Out­sourcing und bei Dum­ping­löhnen Pio­nier­arbeit leisten. Davon sind Wis­sen­schaftler, Dozenten und stu­den­tische Hilfs­kräfte ebenso betroffen wie das Rei­ni­gungs­per­sonal und Beschäf­tigte in der Mensa. In Berlin sind es derzeit die Beschäf­tigten des zur Freien Uni­ver­sität gehö­renden Bota­ni­schen Gartens, die soziale For­de­rungen auf dem Campus wieder zu Gehör gebracht haben und von stu­den­ti­schen Gruppen unter­stützt werden (Jungle World 52/2015).

Dem Konzept von Unterbau zufolge sollten unter­schied­liche Sta­tus­gruppen in einer Gewerk­schaft kämpfen und, wenn nötig, gemeinsam die Hoch­schule bestreiken. Doch die Bereit­schaft von Stu­die­renden, sich zu orga­ni­sieren, ist bisher nicht besonders hoch. Zudem gehen sie an der Uni­ver­sität keiner Lohn­arbeit nach, es sei denn als Hilfs­kraft, was ihren Status fun­da­mental von dem der Beschäf­tigten unter­scheidet. Der von der Gewerk­schaft Nahrung Genuss Gast­stätten zur basis­de­mo­kra­ti­schen IWW über­ge­wech­selte Gewerk­schafter Harald Stubbe kri­ti­siert linke Stu­die­rende in seinem poli­ti­schen Umfeld, »die immer überlegt haben, wen sie orga­ni­sieren« könnten. In dem Buch »Dabei geblieben. Akti­vis­tinnen erzählen vom Älter­werden und Wei­ter­kämpfen« schreibt er: »Nur nicht sich selbst wollten sie orga­ni­sieren. Obwohl sie alle prekäre Jobs hatten und viel weniger Risiko ein­gingen als eine Küchen­hilfe, die davon leben muss.« Auch Stu­die­rende, die sich an einer von GEW und Verdi unter­stützten Initiative für die Durch­setzung eines neuen Tarif­ver­trags für stu­den­tische Hilfs­kräfte an Ber­liner Hoch­schulen betei­ligen, kri­ti­sierten das geringe Enga­gement ihrer Kom­mi­li­tonen. Unterbau kann nun den Beweis antreten, dass eine basis­de­mo­kra­tische Gewerk­schaft die Orga­ni­sie­rungs­be­reit­schaft erhöht.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​1​7​/​5​3​9​1​3​.html

Peter Nowak