Die Suche nach einem Kinderreim

Die israe­lische Fil­me­ma­cherin Tali Tiller macht sich auf den Weg, um in Polen über das Leben ihrer ver­stor­benen Groß­mutter zu recher­chieren. „My Two Polish Loves“ heißt ihr Film

„Niemand ist vor­bei­kommen“, sagt Magda Wystub. Die junge Frau mit den kurzen Haaren steht mit ihrer Freundin Tali Tiller vor einem völlig zuge­wach­senen Grab auf dem jüdi­schen Friedhof in Łódź. Dort ist Tillers Groß­vater beerdigt. Ein Großteil seiner Ver­wandten sind im Natio­nal­so­zia­lismus ermordet worden, die wenigen Über­le­benden sind später aus­ge­wandert. So war niemand mehr da, der sich um das Grab küm­merte. Tali Tiller, die aus Israel stammt, hat es gemeinsam mit ihrer pol­ni­schen Lebens­part­nerin Magda Wystub wieder ent­deckt, als sich die beiden Frauen auf die Suche nach den Spuren von Silvia Grossmann Tillers Leben in Łódź gemacht hatten. Silvia Grossmann Tiller, die 2014 starb, ist Talis Groß­mutter. Erst in den letzten Jahren
ihres Lebens hatte sie von der Ver­folgung im Natio­nal­sozia- lismus berichtet. Ihr hat die Enkelin ihren Film „My Two Polish Loves“ gewidmet. Die erste pol­nische Liebe ist ihre Groß­mutter gewesen, die zweite pol­nische Liebe ist ihre Freundin Magda.

Wo einst das Ghetto war
Mit einer Mappe, in der sich Fotos und Texte befinden, machen sich die beiden Frauen auf die Suche und stellen oft fest, dass heute kaum noch etwas an die große jüdische Gemeinde in Łódź erinnert. Wo einst das Ghetto war, befindet sich jetzt eine viel fre­quen­tierte Straßen- kreuzung. Pas­san­tInnen hetzen vorbei und achten nicht auf die beiden Frauen, die das Foto einer Brücke in der Hand halten, die beide Seiten des Ghettos ver­bunden hat. Dort steht der Groß­vater von Tiller an einer Treppe. Gefunden hat es Tiller im Museum der Ghet­to­kämpfer im Kibbuz Lohamei Hagetaot. Besonders traurig ist die Regis­seurin, dass sie das Haus ihrer Groß­mutter trotz akri­bi­scher Suche nicht findet.
Immer wieder sind im Film kurze Sequenzen aus Inter­views ein­ge­spielt, die Tiller mit ihrer Groß­mutter führte. Dort schildert sie, wie sie den Arbeits­zwang der SS miss­achtete, um bei ihrer tod­kranken Schwester zu bleiben, die in ihren Armen starb. Sie meint, es sei ein Wunder, dass sie nicht von der SS ent­deckt wurde, die das Haus durch­suchte, aber das Zimmer ausließ, in dem sie sich befand. „My Two Polish Loves“ ist kein trau­riger Film. Man sieht die beiden Frauen bei der Vor­be­reitung ihrer Erkun­dungen, sie recher­chieren im Internet und ver­gleichen Stadtpläne.Magda Wystub erinnert sich noch genau an die Stra­ßen­namen im Polen ihrer Kindheit. Bedeutsame wie die „Straße der Opfer des Faschismus“ oder „Straße der Toten von Auschwitz“ seien ihr in Erin­nerung geblieben. Am Ende sind beide Frauen erfolg­reich bei der Suche nach einem Kin­derreim, den Tali Tiller von ihrer Groß­mutter gehört hat und der ihr nicht aus dem Kopf gegangen ist. Tali Tiller und Magda Wystub haben einen sehr per­sön­lichen Film gemacht über die Zeit, in der die letzten Holo­caust-Über­le­benden sterben. Der Film zeigt, wie ihre Erin­nerung bewahrt werden kann.

„My Two Polish Loves“ (OmU). Regie: Tali Tiller. D 2016, 51 Min., in Eng­lisch, Pol­nisch und Hebräisch mit deut­schen Unter­titeln
Das Licht­blickkino in der Kas­ta­ni­en­allee 77 zeigt den Film am 29. und 30. 1. um 17 Uhr


aus: Taz Berlin kultur, 24.1.2018

Peter Nowak

Spuren der Shoah

»My Two Polish Loves« im Licht­blick-Kino

Auf einer viel befahren Stra­ßen­kreuzung in der Innen­stadt von Łódź steht eine junge Frau, die sich suchend umschaut. In der Hand hält sie einen Ordner mit Fotos. Es sind Doku­mente über das jüdische Ghetto, das sich einst an dieser Stelle befunden hat. Heute erinnert nichts mehr daran. Die junge Frau ist Tall Tiller. Die Israelin, die seit meh­reren Jahren in Berlin lebt, hat sich mit ihrer pol­ni­schen Part­nerin Magda Wystub auf die Suche nach der Geschichte ihrer Vor­fahren begeben. Davon erzählt ihr knapp ein­stün­diger Film »My Two Polish Loves«. 

Den Anstoß für die Reise gab die 2014 gestorbene Groß­mutter der Regis­seurin. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens erzählte die Holo­caust-Über­le­bende ihre Geschichte der Ver­folgung. Sie war mit ihrer Familie im Ghetto von Łódź ein­ge­sperrt. Die SS depor­tierte später einen Großteil der Bewoh­ne­rInnen in die Ver­nich­tungs­lager. Silvia Grossmann Tiller war eine der wenigen aus ihrer Familie, die überlebt hat. Im Film hört man sie von einem Wunder sprechen, das zu ihrer Rettung geführt habe. So berichtet sie, wie sie sich ent­schieden hatte, nicht zur Arbeit zu gehen und bei der schwer kranken Stief­mutter zu bleiben, die dann in ihren Armen starb. Dabei hörte sie, wie die SS das Gebäude betrat, in dem sich die Frauen ver­steckt hielten. Doch bevor die SS-Männer die obere Etage erreichten, brachen sie die Suche ab. Wäre Silvia gefunden worden, hätte man sie wohl sofort erschossen. 

Wir hören die Stimme der Groß­mutter in Tall Tillers Film mehrmals. Wir sehen auch ein Foto des Groß­vaters an einer der Brücken, die die beiden Teile des Ghettos ver­banden. Gefunden hat die Regis­seurin es im Museum der Ghet­to­kämpfer in Tel Aviv. 

»Das Haus meiner Oma zu finden, war für mich das Wich­tigste«, sagte Tall Tiller gegenüber der »Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung«. Aber die Suche blieb erfolglos. »Es gibt das Haus nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich heute ein öffent­licher Park.« Das Haus ihres Groß­vaters aber, der eben­falls über­lebte, hat sie gefunden – und bedauert, ihn zu Leb­zeiten nicht kon­kreter über sein Leben im Ghetto befragt zu haben. Gefunden hat sie auch sein Grab auf einem total über­wu­cherten Friedhof – nebst einer Gedenk­kerze, die nie ange­zündet wurde. »Niemand ist vor­bei­ge­kommen«, sagt Magda Wystub. Es ist einer der trau­rigsten Momente im Film. Er zeigt, welche Folgen die Shoah auch für die Über­le­benden hatte. Es war niemand mehr da, der später ihre Gräber besuchen konnte. 

Und doch ist »My Two Polish Loves« kein trau­riger Film. In meh­reren Szenen sieht man Tiller und Wystub bei der Vor­be­reitung ihrer Erkun­di­gungen oder bei der Aus­wertung in einem Restaurant. Auf der Suche nach einem Raum von Tillers Groß­mutter, der der Enkelin nicht aus dem Kopf geht, fragen sie Pas­san­tInnen, die aber nur mit den Schultern zucken. Am Ende kann ein Jugend­licher das Rätsel auf­klären. 

Tall Tiller hat einen sehr per­sön­lichen Film gemacht über die Zeit, in der die letzten Holo­caust-Über­le­benden sterben. Die Erin­nerung an sie aber, das zeigt der Film, bleibt lebendig. 

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​5​5​9​5​.​s​p​u​r​e​n​-​d​e​r​-​s​h​o​a​h​.html

Vor­führung am 10.1., 19 Uhr, im Licht­blick-Kino (Kas­ta­ni­en­allee 77, Prenz­lauer Berg). Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit der Regis­seurin.

Peter Nowak

Wohnen und »Recht auf Stadt«-Kämpfe im Ruhrgebiet

Mie­te­rEcho online 09.05.2017

Zum Doku­men­tarfilm DAS GEGENTEIL VON GRAU

Die Film­auf­führung war am Sonn­tag­abend im Licht­blick-Kino aus­ver­kauft. Einige Besu­che­rInnen mussten auf einen spä­teren Termin ver­tröstet werden. Gezeigt wurde DAS GEGENTEIL VON GRAU, der neue Film des Regis­seurs Mat­thias Coers. Dort werden über 20 Mie­te­rInnen- und Recht auf Stadt-Initia­tiven aus dem Ruhr­gebiet vor­ge­stellt.
Coers hat unter aktiven Mie­te­rInnen einen guten Namen. Schließlich ist er einer der Regis­seure des Films Mietre­bellen, der seit drei Jahren in vielen Kinos in der ganzen Republik gezeigt wird und mitt­ler­weile in 7 Sprachen über­setzt wurde. Er zeigt die Viel­fäl­tigkeit und Ent­schlos­senheit der Ber­liner Mie­te­rIn­nen­be­wegung und moti­viert auch Men­schen in anderen Städten und Regionen. Dazu gehören auch die Akti­vis­tInnen der Initiative „Recht auf Stadt Ruhr“. Sie haben sich an Coers gewandt, weil sie nach dem Vorbild der MIETRE­BELLEN eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt im Ruhr­gebiet machen wollten. 2015 hat Mat­thias Coers gemeinsam mit Grischa Dallmer und dem Ruhr­ge­biets-Team mit den Dreh­ar­beiten begonnen und der Kontakt zu den ver­schie­denen Gruppen ist dann über die Stadt­ak­tiven vor Ort ent­standen. Ende März hatte der Film bei Team­pre­mieren im https://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​d​a​s​-​g​e​g​e​n​t​e​i​l​-​v​o​n​-​g​r​a​u​.html
Mie­te­rEcho online 09.05.2017

Peter Nowak

Peter Nowak

Voneinander lernen!

Regisseur Mat­thias Coers spricht über Wohn­kämpfe und seinen neuen Film »Das Gegenteil von Grau«

Zur Person

In dem Film »Das Gegenteil von Grau«, der am 5. Mai (19 Uhr) im Kino Movie­mento und am 7. Mai (19 Uhr) im Licht­blickkino gezeigt wird, stellt der Ber­liner Fil­me­macher Mat­thias Coers Initia­tiven zum Wohn­kampf im Ruhr­gebiet vor. Mit dem Regisseur sprach Peter Nowak.

Wie haben Sie den Kontakt mit den Initia­tiven im Ruhr­gebiet her­ge­stellt?

Mit dem Film »Mietre­bellen« habe ich Film­ver­an­stal­tungen im Ruhr­gebiet gemacht. Dort bin ich in Kontakt gekommen mit Aktiven von »Recht auf Stadt Ruhr«, die vom Film sehr angetan waren. Gemeinsam haben wir überlegt, wie man für das Ruhr­gebiet eine Art Bewe­gungsfilm für das Recht auf Stadt machen kann. 2015 haben wir mit den Dreh­ar­beiten begonnen und der Kontakt zu den ver­schie­denen Gruppen ist dann über die Stadt­ak­tiven vor Ort ent­standen. Es gab zwar schon Ver­bin­dungen zu den Mietern vom Zink­hüt­ten­platz, aber so kam dann auch die Zusam­men­arbeit mit Freiraum- und Tran­sition-Town-Initia­tiven zustande. Meine Idee vom doku­men­ta­ri­schen Filmen ist, Filme nicht über andere zu machen, sondern mit ihnen. Und das ist bei diesem Projekt gut gelungen, denn die Fähig­keiten und Talente liegen ja besonders vor Ort.

Der Film »Mietre­bellen« han­delte von Berlin, wo Sie selber in der Mie­ter­be­wegung aktiv sind. War es schwierig, in einer Region einen Film zu drehen, in der Sie nicht leben?

Da ich das Ruhr­gebiet gut kenne, auch selber dort schon gear­beitet habe, und dort zudem eine offen­herzige Men­ta­lität herrscht, war es eher einfach, in einen kom­mu­ni­ka­tiven und fil­mi­schen Prozess ein­zu­treten. Es geht ja auch darum, Initia­tiven, die in den Nischen der Städte ihre Arbeit tun, zu sammeln und in einem Film vor­zu­stellen. Vor­aus­setzung dafür ist natürlich auch die Lust der Aktiven, sich an diesem Prozess zu betei­ligen. Schließlich ist es das Thema des Films, wie jen­seits des markt­wirt­schaft­lichen Inter­esses ver­stetigt orga­ni­siert und gear­beitet werden kann.

Wo sind die Gemein­sam­keiten der im Film vor­ge­stellten Pro­jekte?

Die 20 vor­ge­stellten Pro­jekte enga­gieren sich im Ruhr­gebiet zwi­schen Freiraum- und Wohn­kämpfen, in nach­bar­schaft­lichen Gärten und Soli­da­ri­scher Land­wirt­schaft. Sie alle leisten Pio­nier­arbeit in einer Region mit starkem Struk­tur­wandel. Das Ruhr­gebiet ist ent­standen als eine Indus­trie­ge­sell­schaft und ist heute eine kri­sen­hafte Dienst­leis­tungs- und Frei­zeit­ge­sell­schaft. In den so ent­stan­denen Stadt­struk­turen herrscht eine gewisse Agonie, der von den Städten mit Event­kultur begegnet werden soll.

Welches Projekt hat Sie besonders beein­druckt?

Per­sönlich halte ich die Initiative kitev oder Refugees’ Kitchen für bei­spielhaft, da sie es kon­ti­nu­ierlich und mit Sicht­barkeit schaffen, zusammen mit Geflüch­teten und Men­schen aus ganz Europa auf lokaler Ebene tem­poräre wie dau­er­hafte Resi­dence- und Arbeits­formen zu ent­wi­ckeln.


Was können die Zuschauer in Berlin von der Arbeit der Initia­tiven im Ruhr­gebiet mit­nehmen?

Auf den ersten Blick mangelt es hier nicht an eman­zi­pa­tiven Orten und enga­gierten Men­schen. Auf­grund aber des großen Raum- und Flä­chen­be­darfs sowie der ord­nungs­po­li­ti­schen Durch­setzung als Haupt­stadt und Ort kapi­ta­lis­ti­scher Macht und Nor­ma­lität erhält auch Berlin eine restrik­tivere Seite. Es muss von­ein­ander gelernt werden, um auf Dauer gemein­schaft­liche Raum­nutzung wie Urban Gar­dening, Wohn­formen wie Genos­sen­schaften und Wagen­plätze oder eman­zi­pa­tives Zusam­men­leben mit geflüch­teten Men­schen konkret zu rea­li­sieren.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​0​0​3​3​.​v​o​n​e​i​n​a​n​d​e​r​-​l​e​r​n​e​n​.html
Interview: Peter Nowak

»Wir waren die ersten Mitstreiter«

Bild (11)-001

Der Umsetzer, Westberlin 1976, 75 Min.

Antonia Lerch und Benno Trautmann drehten vor 40 Jahren den Film »Der Umsetzer«. Er behandelt die Ver­treibung von Mietern aus den West­ber­liner Stadt­teilen Wedding und Kreuzberg. 1976 hatte er Pre­mière, erregte einiges Auf­sehen und gewann diverse Preise. 40 Jahre später wurde er wie­der­ent­deckt.

Sie haben 1976 mit Ihrem Film »Der Umsetzer« Furore gemacht. Was war der Gegen­stand des Films?

Lerch: Es ging um die Stadt­zer­störung in West­berlin, um die Zer­störung von Stadt­vierteln und alten Häusern, die man nur hätte reno­vieren müssen. Diese Zer­störung hat dann auch die alten Nach­bar­schaften, das ganze soziale Gefüge kaputt­ge­macht.

In vielen Film­re­zen­sionen wird erwähnt, dass Sie den Film ohne finan­zielle För­derung gedreht haben. Wie haben Sie ihn finan­ziert?

Lerch: Wir haben Mama, Papa, Bruder, Schwester, den Onkel und die Tante ange­pumpt. Außerdem haben wir Film­aktien für 100 Mark an Ver­wandte und Freunde ver­kauft. Es war aber eine Lach­nummer, weil unsere Rei­se­kosten und die Kosten für den Druck ungefähr so hoch waren wie die Ein­nahmen aus dem Verkauf der Film­aktie. Die Schau­spieler haben umsonst gear­beitet, weil sie das Thema wichtig fanden. Alle Leute hinter der Kamera haben auf einen Teil ihrer Gage ver­zichtet.

Antonia Lerch und Benno Trautmann
Antonia Lerch und Benno Trautmann (Foto: privat)

Trautmann: Das Kopierwerk, der Kame­raverleih und andere Firmen haben uns unter­stützt. Am Ende hatten wir aber trotzdem 100 000 Mark Schulden. Diese Schulden konnten wir ein Jahr später durch den Verkauf des Films wieder zurück­zahlen.

Wie haben die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften und die Politik auf den Film reagiert?

Lerch: Der Ber­liner Woh­nungs­bau­se­nator und die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften haben mit einst­wei­ligen Ver­fü­gungen reagiert. Sie wollten die Aus­strahlung des Films im ZDF ver­bieten. Aber der Intendant des ZDF war so mutig, die einst­wei­ligen Ver­fü­gungen zurück­zu­weisen und den Film zu zeigen.

Im Mär­ki­schen Viertel, wohin viele Mieter aus dem Wedding umge­siedelt wurden, hat sich in den sieb­ziger Jahren ein über Jahre wäh­render Mie­ter­wi­der­stand ent­wi­ckelt. Hatten Sie Kontakt zu rebel­li­schen Mietern?

Lerch: Ja, von Anfang an bis zum Ende der Dreh­ar­beiten. Die Pointe des Films: Ein alter Nacht­wächter rebel­lierte gegen seine Umsetzung, solange es ging. Schluss­endlich wurde das Haus doch abge­rissen. Er war der letzte Mieter im Haus. Alle anderen hatten schon auf­ge­geben. Er hielt durch, obwohl Gas und Strom abge­stellt wurden. Er wurde schließlich von Polizei und Feu­erwehr aus seiner Wohnung geholt. Auch in Kreuzberg gab es Mieter, die rebel­lierten. Aber auch sie wurden letztlich exmit­tiert und die Häuser wurden gesprengt.

Im Film stehen die Ohn­macht und die Resi­gnation der Mieter vor der All­macht der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften und ihres Umsetzers im Mit­tel­punkt. Erst ganz am Ende zeigt sich wider­spens­tiges Ver­halten von Mietern. Wollten Sie damit deutlich machen, dass Mie­ter­protest vor 40 Jahren eher die Aus­nahme war?

Lerch: Es gab sehr viel Wider­stand. Wir waren Teil dieses Wider­stands und wir haben zusammen mit anderen Aktionen und mit diesem Film poli­tisch etwas erreicht. »Der Umsetzer«, der erfolg­reich wochenlang in zwei Kinos in Berlin und auch in anderen Städten gezeigt wurde, hat sogar die ganze Politik der soge­nannten Stadt­sa­nierung, die wir Zer­störung nennen, ver­ändert. Aber leider war es fast schon zu spät, zu viele Häuser waren ja schon zer­stört. Immerhin haben wir, zusammen mit anderen Aktionen, den Abriss von drei Häusern in der Kohl­furter Straße in Kreuzberg ver­hindert. Das wurde damals groß gefeiert.

Ihr Film gewann zahl­reiche Preise und wurde in vielen Zei­tungen besprochen. Gab es auch Interesse von Mie­ter­initia­tiven und sozialen Bewe­gungen?

Lerch: Ja. Das Interesse besteht ja bis heute.

Die Jury der Evan­ge­li­schen Film­arbeit schrieb bei ihrer Preis­ver­leihung, dass der Film eine Kritik an der Ver­planung von Men­schen und einer wach­senden Büro­kratie leiste. Ist das auch eine Kritik am sozialen Woh­nungsbau, der mit dem Anspruch antrat, moderne gesunde Woh­nungen für alle zu bauen, während manche Men­schen lieber in ihren unsa­nierten Alt­bau­woh­nungen mit Außenklo bleiben wollten?

Lerch: Das ist eine Kritik an den Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften. Sie haben Pro­pa­ganda gemacht. Es war reine Lügen­pro­pa­ganda. Die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften haben nur die Inter­essen der Bau­in­dustrie ver­treten, niemals die Inter­essen der Mieter. Man hat ihnen Bade­zimmer und größere Woh­nungen ver­sprochen, bekommen haben sie aber viel kleinere und teurere Woh­nungen. Ein Kind bekam ein sieben Qua­drat­meter großes Kin­der­zimmer. So viel ist auch für einen Hund vor­ge­schrieben. Und dazu hat man die Men­schen aus ihrem sozialem Umfeld, ihrem Kiez, an den Stadtrand ver­trieben. Das war besonders für alte Men­schen ein Desaster.

Aber war das Leben in den Alt­bauten die Alter­native?

Lerch: Ihre Woh­nungen hätten nur saniert werden müssen, dann hätten sie auch ein Bade­zimmer mit Klo bekommen, und sie hätten ihr soziales Umfeld behalten. Aber sie wurden, wie es auch heute wieder pas­siert, an den Stadtrand ver­trieben.

Vier Jahr­zehnte nach der Pre­mière wird »Der Umsetzer« auf Mie­ter­ver­an­stal­tungen und in Pro­gramm­kinos wie­der­ent­deckt. Ver­wundert Sie diese Wie­der­ent­de­ckung?

Lerch: Wir sind nicht ver­wundert. Es freut uns, das ist ein Revival des Films. Er weckt auch das Interesse der Mieter, die jetzt ähn­liche Pro­bleme haben. Sie fliegen auch aus ihren Woh­nungen, nur aus anderen Gründen. Sie fliegen aus ihren Woh­nungen, weil sie zu Eigen­tums­woh­nungen gemacht werden, was damals nicht der Fall war. Unser Haus ist saniert worden mit Geldern der Stadt, wir sagten: kaputt­sa­niert. Nach Ablauf von zehn Jahren hat der Eigen­tümer das Recht, die sanierten Woh­nungen in Eigen­tums­woh­nungen umzu­wandeln. Der Film trifft den Nerv der Zeit. Es ist auch eine Wie­der­holung der Desaster von 1975. Jetzt geht es um Kapi­tal­ver­mehrung und Pri­vat­in­ter­essen von Eigen­tümern: Inves­toren aus China, Dänemark, Italien, Grie­chenland, Groß­bri­tannien, den USA, aber auch Deutschland wollen Woh­nungen kaufen und die Miete erhöhen.

In den ver­gan­genen beiden Jahren wurden Filme wie »Mietre­bellen« und »Ver­drängung hat viele Gesichter« vor einem großen Publikum gezeigt. Sehen Sie sich da nicht in der Rolle der Pio­niere des Mie­ter­films in Berlin?

Lerch: Wir waren die ersten Mit­streiter, ganz am Anfang der Geschichte. Wir haben unsere Wohnung ver­teidigt. Wir wohnen in Kreuzberg, damals wie heute. Damals wurde in unserer Nach­bar­schaft ein Haus nach dem anderen gesprengt. Tag für Tag.

Wie haben Sie das Material für den Film zusam­men­ge­tragen?

Trautmann: Wir lebten mit­tendrin. So ist unser Erst­lingsfilm ent­standen. Wir waren Stu­denten. Rechts und links fielen die Häuser. Wir haben uns plötzlich kon­fron­tiert gesehen mit dieser Geschichte. Wir haben Sozio­logen, Stadt­planer, Archi­tekten und Mieter bei den Mie­ter­ver­samm­lungen ken­nen­ge­lernt. Sie haben uns ihre Geschichten erzählt und wir haben uns enga­giert. Wir sind 1974 in unsere Wohnung ein­ge­zogen, jeden Tag wurden Häuser gesprengt. Wir sind Fil­me­macher, und wenn man über diese Geschichte keinen Film macht, muss man schon saublöd sein. Ich schrieb dann ein Drehbuch. Wir haben bei ver­schie­denen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften recher­chiert, wir haben mit den soge­nannten Umsetzern geredet, um her­aus­zu­finden, wie sie arbeiten. Irgendwann rief irgendeine Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft an und machte uns ein Angebot, das wir ablehnen mussten: Sie wollten uns für 10 000 Mark kaufen.

Könnten Sie sich vor­stellen, einen aktu­ellen Mie­terfilm zu drehen?

Lerch: Ja.

Interview: Peter Nowak

Im Rahmen der Filmreihe »Wohnraum Berlin – Mieterkämpfe, Spekulation, Verdrängung« ist der Film »Der Umsetzer« am Montag, dem 26. September, und Mittwoch, dem 28. September, jeweils um 17 Uhr in Berlin im Lichtblickkino in der Kastanienallee 77 zu sehen. Am 14. September wird er um 20 Uhr in der Kollekivbar in der Pflügerstraße 52 in Neukölln gezeigt.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​3​6​/​5​4​8​1​9.htm

Interview: Peter Nowak

»Mietrebellen« im Kino

Gespräch mit Regisseur Matthias Coers

Heute um 18.30 Uhr hat im Kino Movie­mento der Doku­men­tarfilm »Mietre­bellen« Pre­mière, der die Ber­liner Mie­ter­kämpfe der letzten beiden Jahren zeigt. Mit Regisseur Mat­thias Coers sprach Peter Nowak.

nd: Wie ent­stand das Konzept für den Film?
Coers: : Ich habe bereits seit Jahren Video­clips zu sozi­al­po­li­ti­schen Themen gedreht. Meine Co-Regis­seurin Gertrud Schulte Wes­tenberg hatte bereits einen Film zur Hartz IV- und zur »Mie­ten­pro­ble­matik gedreht. Wir haben uns bei der Video­arbeit ken­nen­ge­lernt.

Wir haben Ihr es geschafft, die Mie­ten­re­bellen vor die Kamera zu bekommen?
Anfangs gab es schon Zurück­haltung. Schließlich will niemand gerne in einer Notlage gezeigt werden, besonders, wenn er seine Wohnung ver­lieren soll. Doch gerade die aktiven Men­schen haben uns auch ver­traut und unsere positive Grund­haltung zu ihren Anliegen gespürt. So konnten wir eine Nähe her­stellen, ohne die der Film nicht möglich gewesen wäre.

Der Film beginnt mit dem Tod der Rent­nerin Rose­marie Fließ zwei Tage nach ihrer Zwangs­räumung. Hat dies die Kon­zeption des Films beein­flusst?
Der Tod der Rent­nerin hat nicht die Grund­struktur, aber die Dra­ma­turgie des Films ver­ändert. Unsere Grundidee war zunächst, die unter­schied­lichsten Men­schen zu zeigen, die sich gegen ihre Ver­treibung wehren. Dieses Konzept war durch den Tod von Rose­marie Fließ nicht mehr auf­recht­zu­er­halten. Wir setzten die Beer­digung an den Anfang. Es ist ein extremes Ereignis. So wie die meisten Zwangs­räu­mungen ohne öffent­liche Auf­merk­samkeit über die Bühne gehen, werden auch Krankheit und Tod nach dem Verlust der Wohnung in der Regel nicht wahr­ge­nommen.

Warum sind auf dem Ankün­di­gungs­plakat einige der Mietre­bellen abge­bildet?
Wir wollten ihre Unter­schied­lichkeit zeigen. Die migran­tische Rent­nerin ist ebenso betroffen wie der autonome Fahr­rad­kurier. Damit wollten wir der Vor­stellung ent­ge­gen­treten, Men­schen, die ihre Wohnung ver­lieren, kommen mit den finan­zi­ellen Rea­li­täten nicht zu recht. In Wirk­lichkeit sind die öko­no­mi­schen Rea­li­täten auf Immo­bi­li­en­markt eine Zumutung für immer größere Teile der Men­schen bis hin zur Mit­tel­schicht.

Haben Sie die Hoffnung, dass der Film etwas ver­ändert?
Sicher wird niemand nach dem Film aus dem Kino­sessel auf­stehen und sagen, jetzt wehre ich mich gegen meinen Ver­mieter. Er ist aber ein Lehr­stück. Wenn die Men­schen in der Nach­bar­schaft erfahren, dass jemand von Miet­erhö­hungen betroffen ist, wissen sie durch den Film, dass es eine Alter­native dazu gibt, die Ver­hält­nisse ohn­mächtig hin­zu­nehmen.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​3​0​9​3​2​.​m​i​e​t​r​e​b​e​l​l​e​n​-​i​m​-​k​i​n​o​.html

Interview: Peter Nowak

Film zu »Occupy«

Vor einen Jahr schien die Occupy-Bewegung ständig zu wachsen. In vielen Ländern hatten Men­schen zen­trale Plätze besetzt, um gegen die Wirt­schaft- und Finanz­po­litik zu pro­tes­tieren. Mitt­ler­weile sind fast alle Plätze geräumt und um Occupy ist es ruhig geworden. Trotzdem ist »Take the Square«, die neueste Arbeit des öster­rei­chi­schen Fil­me­ma­chers Oliver Ressler, kei­neswegs inak­tuell. Wie schon in seinem frü­heren Filmen über andere soziale Bewe­gungen ver­bindet Ressler in »Take the Square« eine soli­da­rische Bezug­nahme mit einem kri­ti­schen Blick hinter die Kulissen. In dem 80-minü­tigen Film kommen Akti­visten aus Spanien, Grie­chenland und den USA zu Wort. Die Inter­view­se­quenzen werden unterlegt mit Aus­schnitten von Demons­tra­tionen und Kund­ge­bungen. Nicht immer passen sie zusammen.

Während die jungen pre­kären Intel­lek­tu­ellen aus Spanien über ihre Distanz zu Groß­or­ga­ni­sa­tionen wie den Gewerk­schaften reden, sind im Hin­ter­grund Aus­schnitte einer Occupy-Demons­tra­tionen mit zahl­reichen Gewerk­schafts­fahnen zu sehen. Leider wird dieser Wider­spruch im Film nicht the­ma­ti­siert. Inter­essant wäre es auch gewesen, gewerk­schaft­liche Akti­visten in die Gespräche ein­zu­be­ziehen, zumal auch in Spanien die Occupy-Bewegung, nachdem sie von der Polizei von den Plätzen ver­trieben wurde, neben der Bewegung gegen Woh­nungs­räu­mungen zunehmend gewerk­schaft­liche Kämpfe unter­stützt hat.

Resslers grie­chi­schen Gesprächs­partner kommen aus linken Zusam­men­hängen und haben sich mit ihren poli­ti­schen Erfah­rungen in die Athener Bewegung der Empörten ein­ge­klinkt. Sie ziehen eine wesentlich kri­ti­schere Bilanz über den poli­ti­schen Erfolg als die spa­ni­schen Akti­visten. Offen werden die Pro­bleme ange­sprochen, Men­schen aus der Nach­bar­schaft, die sich über die Bewegung poli­ti­siert haben, län­ger­fristig zu halten.

Die Aus­schnitte aus den USA zeigen den Beginn der Occupy-Bewegung. »Ihr habt die Macht, wenn ihr nur zusam­men­haltet«, ver­sucht ein rhe­to­risch begabter Redner den Men­schen Mut zu machen.« Auch hier hätte man sich eine größere Vielfalt in der Wahl der Gesprächs­partner gewünscht. Trotz dieser Ein­wände muss man Ressler beschei­nigen, einen guten Ein­blick in das Innen­leben der Occupy-Bewegung gegeben zu haben. Deutschland spielt im Film keine Rolle, weil hier die Occupy-Bewegung nie die Bedeutung wie in den vor­ge­stellten Ländern erreicht hatte.

»Take The Square«, 80 Minuten: Oliver Ressler, Di. 30.10. um 17:30 und Mi. 31.10. um 19 Uhr im Licht­blickkino, Kas­ta­ni­en­allee 77

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​8​0​2​7​7​7​.​f​i​l​m​-​z​u​-​o​c​c​u​p​y​.html
Peter Nowak