Mieter/​innen der Beermannstr. 22 sollen für den Bau der A100 enteignet werden

Am kom­menden Sonntag laden Gar­ten­nut­ze­rInnen und Mie­te­rInnen aus dem Haus in Berlin-Treptow zur Mie­te­rIn­nen­ver­sammlung.
„Bringt Lichter mit Freunde, Stirn­lampen und Freunde mit“, heißt es in einer Erklärung, in der für kom­menden Sonntag um 15 Uhr zu einer Mie­ter­ver­sammlung geladen werden. Dort wollen sich Mie­te­rInnen der Beer­mann­straße 22 und einige Nut­ze­rInnen der dahin­ter­lie­genden Gar­ten­an­lagen mit Nach­ba­rInnen und Stadt­tei­li­ni­ai­tiven über ihren weitern Wider­stand beraten. Denn ihnen droht Ent­eignung wegen des Wei­terbaus der A100.

Jonas Steinert (Name geändert) gehört zu den 10 Miet­par­teien, die nicht bereit sind, sich nach den Bedin­gungen der Senats­ver­waltung aus ihren Woh­nungen ver­treiben zu lassen. Er habe als Frei­be­rufler kein hohes Ein­kommen. Daher seien für ihn Ersatz­woh­nungen, deren Miete zwi­schen 65 und 120 Prozent über der Miete seiner der­zei­tigen Wohnung liegen, ein großes Problem. Doch das scheint die Senats­ver­waltung nicht zu inter­es­sieren. Statt einer Antwort erhielten Steinert und andere Mie­te­rInnen der Beer­mann­straße Schreiben, in denen die Senats­ver­waltung die Ent­eignung der Mieter ankün­digte. „Ich teile Ihnen mit, dass ich zur Wahrung unserer Inter­essen in Kürze bei der zustän­digen Behörde die vor­zeitige Besitz­ein­weisung und die Ent­eignung des Miet­rechts bean­tragen werde“, heißt es in den dem Mie­te­rEcho vor­lie­genden Briefen. Steinert musste sich von einem Rechts­anwalt erklären lassen, dass ihm damit mit­ge­teilt werde, dass nach Para­graph 116 des Bau­ge­setz­buchs gegen ihn vor­ge­gangen werden soll und er dadurch zahl­reiche Rechte, die er als Mieter gegen eine Kün­digung hat, ver­liert.
Eine vor­zeitige Besitz­ein­weisung dürfe aller­dings nur getroffen werden, wenn die »Maß­nahme aus Gründen des Wohls der All­ge­meinheit dringend geboten« ist, heißt es im Gesetz. Dass die umstrittene Ver­län­gerung der A100 aller­dings dem Wohl der All­ge­meinheit dient, bezweifeln nicht nur die Mie­te­rInnen in der Beer­mann­straße und die Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel. Auch die Umwelt­or­ga­ni­sation Robin Wood beteiligt sich an den Pro­testen.

Der künftige Regie­rende Bür­ger­meister steht in der Kritik
„ Wenn solche Töne aus der Senats­ver­waltung kommen, sagen wir, das lassen wir mit uns nicht machen«, sagt Karl Pfeiffer (Name geändert), der im Vor­derhaus der Beer­mann­straße 22 wohnt. Die ver­blie­benen Mieter sind besonders empört, dass in den Schreiben der Senats­ver­waltung, das sie Mitte Oktober erhalten hatten, eine Räu­mungs­auf­for­derung der Woh­nungen bis zum 31. Oktober ent­halten ist. Als Drohung ohne jeg­liche Grundlage bezeichnet Steinert diesen Passus, den die Mie­te­rInnen daher nach juris­ti­scher Beratung igno­riert haben. Sie sind empört, dass der Senat eine solche Droh­ku­lisse aufbaut und damit Angst bei den Mietern erzeugt. Zumal die Senats­ver­waltung in dem Schreiben auch betonte, dass sie zur Bereit­stellung von Ersatz­woh­nungen nicht ver­pflichtet sei. Das klang am 16. Januar 2014 noch ganz anders. Damals erklärte der zuständige Ber­liner Senator für Stadt­ent­wicklung und Umwelt, Michael Müller (SPD), auf eine münd­liche Anfrage des Abge­ord­neten Harald Moritz (Grüne) zu den sozialen Folgen der Ver­län­gerung der A 100 im Ber­liner Abge­ord­ne­tenhaus: „Im Zusam­menhang mit den zustän­digen Ver­wal­tungen der Grund­stücke … werden ins­be­sondere die Mie­te­rinnen und Mieter unter­stützt, bei denen sich die Wohn­raum­suche aus pri­vaten Gründen schwierig gestaltet.“ Die Mie­te­rInnen werden den künf­tigen Regie­renden Bür­ger­meister von Berlin an diese Worte erinnern.

aus:

MieterEcho online 28.11.2014

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​b​e​e​r​m​a​n​n​s​t​r​-​2​2​-​a​-​1​0​0​.html

Peter Nowak

Kein ehrenwertes Haus

PROTEST Bewohner eines 60er-Jahre-Baus in Treptow müssen ausziehen. Ein neues Gebäude wird gebaut – mit hohen Mieten, die sich Alteingesessene kaum leisten können

»Woh­nungsbau Neu­kölln – Wie­der­aufbau 1960« steht in großen Lettern an einer Wand der Häu­ser­blöcke Hei­del­berger Straße 15–18. Dort, wo Neu­kölln an Treptow grenzt, befinden sich seit über fünf Jahr­zehnten die Häuser der Genos­sen­schaft Woh­nungsbau Verein Neu­kölln (WBV). Die Zeit ist nicht spurlos an den Gebäuden vor­über­ge­gangen: Ein dre­ckiges Grau­braun hat die ursprüng­liche Farbe längst über­deckt.

Mit den Häusern sind auch manche der Mie­te­rInnen in die Jahre gekommen. Nun sollen sie weg: Vor einigen Wochen haben die Mie­te­rInnen erfahren, dass sie die Woh­nungen wegen umfas­sender Bau­maß­nahmen räumen müssen. Die Genos­sen­schaft bietet Ersatz­woh­nungen an. Sie hat den Mie­te­rInnen zudem mit­ge­teilt, dass sie sich nicht an die Kün­di­gungs­fristen halten müssen, wenn sie selbst eine Ersatz­wohnung finden sollten. Die ersten sind schon aus­ge­zogen.

Vor einigen Tagen haben die Mie­te­rInnen Post von der Trep­tower Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel bekommen, in der scharfe Kritik an der WBV geübt wird. Nach Ein­schätzung der Initiative sollen die Häuser nicht saniert werden, sondern einem schicken Neubau weichen.

Die Akti­vis­tInnen ver­weisen auf das Titel­blatt der Mit­tei­lungen der Genos­sen­schaft vom Sep­tember 2014, auf dem ein Archi­tek­ten­entwurf der neuen Hei­del­berger Straße 15–18 zu sehen ist: Statt 50-jäh­riger Häu­ser­blöcke sind dort moderne Lofts abge­bildet. In einen solchen Neubau könnten die alten Mie­te­rInnen nicht mehr zurück­kehren, weil die Mieten zu teuer wären, monieren die Ver­treter der Initiative. »Unter­schreiben Sie keine Ein­ver­ständ­nis­er­klärung zur Kün­digung. Tau­schen Sie sich bei anderen Nach­ba­rInnen aus. Handeln sie gemeinsam und wohl­überlegt«, rät die Karla Pappel den Mie­te­rInnen.

Anfang November hatte die Stadt­teil­in­itiative den Film »Die Ver­drängung hat viele Gesichter« gezeigt, der sich mit der Auf­wertung Treptows befasst. »Da haben wir von der Ent­wicklung in der Hei­del­berger Straße 15–18 erfahren«, erklärte eine Akti­vistin. Ziel des Briefes sei es, die oft schon älteren Mie­te­rInnen zu unter­stützen.

Auch in der Nach­bar­schaft ver­folgen manche die Ent­wicklung mit Argwohn. Gabriele Winkler wohnt in einem WBV-Haus ganz in der Nähe und fordert eine öffent­liche Dis­kussion. »Durch die Pla­nungen in der Hei­del­berger Straße 15–18 wird der Miet­spiegel im Stadtteil steigen. Das betrifft auch uns«, erklärt die Rent­nerin der taz.

Ein Mit­glied des WBV-Vor­stands, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, weist die Vor­würfe zurück. »Wir sind eine Genos­sen­schaft und keine Heu­schrecke. Bei uns ent­scheiden die Mit­glieder und nicht ein Vor­stand«, betont er gegenüber der taz. Die Mit­glie­der­ver­sammlung werde auch darüber befinden, ob die Häuser in der Hei­del­berger Straße moder­ni­siert oder abge­rissen werden. »Bisher ist noch keine Ent­scheidung gefallen«, sagt er. Die Häuser seien nach mehr als 50 Jahren in einen bau­lichen Zustand, der die geplanten Maß­nahmen erfordere, so der Genos­sen­schafts­vor­stand.

Er teilt die Ein­schätzung, dass sich nach einer Moder­ni­sierung viele der der­zei­tigen Bewoh­ne­rInnen die Miete nicht mehr werden leisten können. »Die Genos­sen­schaft unter­stützt die Mieter aber bei der Suche nach Ersatz­woh­nungen groß­zügig«, sagt er.

Auch in der Genos­sen­schaft werde zudem ver­stärkt über Maß­nahmen dis­ku­tiert, die ein­kom­mens­schwachen Men­schen ein Ver­bleiben in den Genos­sen­schafts­woh­nungen ermög­lichen.

http://​www​.taz​.de/​M​i​e​t​e​r​p​r​o​t​e​s​t​/​!​1​4​9603/

Peter Nowak

Begehung mit öffentlicher Anteilnahme

A100 Auch Kleingärtner in Treptow müssen der Autobahn weichen – und hoffen auf höhere Abfindungen

»Ich wohne seit 1987 hier und der Garten ist mein Leben. Jetzt soll ich hier ver­trieben werden«, empört sich Erika Gutwirt. Die rüstige Rent­nerin steht vor dem Eingang ihres grünen Domizils in der Klein­gar­ten­anlage in der Beer­mann­straße in Treptow. Die soll der geplanten Ver­län­gerung der A100 weichen.

Am Mittwoch hatten sich um 11 Uhr Mit­ar­bei­te­rInnen der Senats­ver­waltung ange­meldet, um die Übergabe der Gärten vor­zu­be­reiten. »Das ist kein öffent­licher Termin«, rief ein auf­ge­brachter Behör­den­mit­ar­beiter, als er etwa 50 Men­schen vor dem Eingang der Gar­ten­anlage ver­sammelt sah. Neben Gar­ten­be­sit­ze­rInnen hatten sich auch Akti­vis­ten­Innen der Trep­tower Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel ein­ge­funden.

»Die Begehung der Gärten durch die Behörden ist eine öffent­liche Ange­le­genheit, und des­wegen wollen wir sie beob­achten«, begründete eine Akti­vistin die Unter­stützung.

Zuerst wussten einige Gar­ten­be­sit­ze­rInnen nicht, ob sie sich über so viel Öffent­lichkeit freuen sollten. Manche befürch­teten, die Begehung werde abge­brochen. Später aber bedankten sich mehrere Gar­ten­be­sit­ze­rInnen für die Unter­stützung. Schließlich wurde bei der Begehung ver­kündet, dass mög­li­cher­weise noch einmal über die Höhe der Abfin­dungen dis­ku­tiert werde, die die Klein­gärtner erhalten sollen. »Wir mussten uns selbst um einen neuen Garten und den Umzug kümmern. Von Ent­schä­digung kann also keine Rede sein«, monierte man in der Familie Zentgraf, die seit über zehn Jahren eine Gar­ten­par­zelle mit acht alten Bäumen in der Beer­mann­straße hatte.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2014%2F11%2F13%2Fa0196&cHash=2074f510b0d0cf4a153a2caf0e2f15a0

Peter Nowak

Eingebaute Vorfahrt

Für den Bau einer Auto­bahn­trasse sollen in Berlin Häuser abge­rissen werden. Was aus den Mietern wird, die sich die Miete der Ersatz­woh­nungen nicht leisten können, scheint den Senat nicht zu inter­es­sieren.

Ein fast undurch­dring­liches Wur­zelwerk, seltene Tier­arten und alte Bäume. Nur das Rau­schen der S-Bahn im Minu­tentakt erinnert daran, dass dieses grüne Idyll nicht irgendwo in der Provinz, sondern in Berlin-Treptow liegt. Nur wenige Meter ent­fernt von viel befah­renen Straßen, in denen sich rund um die Uhr Stoß­stange an Stoß­stange drängt, findet sich noch eine aus­ge­dehnte Klein­gar­ten­anlage. Für Annika Badenhop und Andreas Germuth ist es ihr »grüner Himmel«. So nennen sie auch ihren Blog, auf dem sie seit Frühjahr 2010 ihre Beob­ach­tungen, die sie als ständige Gar­ten­nutzer machen, pro­to­kol­lieren. Akri­bisch wird dort notiert, wann welcher Vogel in welchem Baum seinen Nist­platz auf­ge­schlagen hat, welche Pflanze gerade blüht und wo sich ein Waldkauz gezeigt hat. »Natur, Garten und Selbst­ver­sorgung« lautet der Unter­titel des Blogs, der gut zur der­zei­tigen Kon­junktur des Urban Gar­dening passt. Doch mit dem grünen Idyll in Treptow soll es in diesem Herbst vorbei sein. Wo derzeit noch hohe Bäume sel­tenen Tier­arten ein Domizil bieten, soll bald eine Groß­bau­stelle für den 16. Bau­ab­schnitt einer Autobahn ent­stehen.

»Die Bun­des­au­tobahn A 100 ist für das Fern-, Regional- und Stadt­stra­ßennetz der Haupt­stadt Berlin von großer Bedeutung«, heißt es auf der Homepage der zustän­digen Senats­ver­waltung für Stadt­ent­wicklung und Umwelt. »Die Erreich­barkeit des zukünf­tigen Flug­hafens Berlin-Bran­denburg und des Wis­sen­schafts­standorts Adlershof sowie die weit­räu­migen Ver­bin­dungen nach Dresden, Cottbus und Frankfurt/​Oder werden damit wesentlich ver­bessert.«

Von den Gar­ten­nutzern ist hier ebenso wenig die Rede wie von den zwölf Miet­par­teien, die noch in der Beer­mann­straße 22 wohnen. Das Haus befindet sich im Besitz des Bundes und soll noch in diesem Herbst abge­rissen werden, damit die Vor­ar­beiten für die A 100-Trasse beginnen können. Man habe den Mietern Angebote für Ersatz­woh­nungen gemacht, sagt Birgit Richter von der Senats­ver­waltung. Jonas Steinert*, einer der letzten ver­blie­benen Mieter in der Beer­mann­straße, berichtet im Gespräch mit der Jungle World, dass er als Frei­be­rufler kein großes Ein­kommen habe. Daher seien für ihn Ersatz­woh­nungen, deren Miete zwi­schen 65 und 120 Prozent über der Miete seiner der­zei­tigen Wohnung liegen, aus finan­zi­ellen Gründen nicht akzep­tabel. »Für mich ist eine Erhöhung von maximal zehn Prozent der Net­to­kalt­miete tragbar«, schrieb Steinert an die Senats­ver­waltung.

Statt einer Antwort erhielten Steinert und andere Mieter der Beer­mann­straße Schreiben, in denen die Senats­ver­waltung die Ent­eignung der Mieter ankündigt. »Ich teile Ihnen mit, dass ich zur Wahrung unserer Inter­essen in Kürze bei der zustän­digen Behörde die vor­zeitige Besitz­ein­weisung und die Ent­eignung des Miet­rechts bean­tragen werde«, heißt es in den der Jungle World vor­lie­genden Briefen. Steinert musste sich von einem Rechts­anwalt erklären lassen, dass ihm damit mit­ge­teilt werde, dass nach Para­graph 116 des Bau­ge­setz­buchs gegen ihn vor­ge­gangen werden soll und er dadurch zahl­reiche Rechte, die er als Mieter gegen eine Kün­digung hat, ver­liert.

»Durch die Besitz­ein­weisung wird dem Besitzer der Besitz ent­zogen und der Ein­ge­wiesene Besitzer. Der Ein­ge­wiesene darf auf dem Grund­stück das von ihm im Ent­eig­nungs­antrag bezeichnete Bau­vor­haben aus­führen und die dafür erfor­der­lichen Maß­nahmen treffen«, heißt es in dem Gesetz. Eine vor­zeitige Besitz­ein­weisung dürfe aller­dings nur getroffen werden, wenn die »Maß­nahme aus Gründen des Wohls der All­ge­meinheit dringend geboten« ist, heißt es dort weiter. »Wir sollen für den Bau einer Autobahn, die in Berlin äußerst umstritten ist, aus unseren Woh­nungen fliegen«, moniert Karl Pfeiffer. Der End­fünf­ziger wohnt im Vor­derhaus der Beer­mann­straße. Er sei immer an Ver­hand­lungen inter­es­siert gewesen und lehne auch einen Auszug nicht generell ab.

»Wir sind doch für die Senats­ver­waltung nur lästige Ver­wal­tungsakte, die schnell ver­schwinden sollen. Wenn solche Töne aus der Senats­ver­waltung kommen, sagen wir, das lassen wir mit uns nicht machen«, sagt Pfeiffer. Die letzten ver­blie­benen Mieter sind besonders empört, dass in den Schreiben der Senats­ver­waltung eine Räu­mungs­auf­for­derung der Woh­nungen bis zum 31. Oktober ent­halten ist. Als Drohung ohne jeg­liche Grundlage bezeichnet Steinert diesen Passus, den er daher auch nach juris­ti­scher Beratung igno­riert hat. Ihn empört, dass der Senat eine solche Droh­ku­lisse aufbaut und damit Angst bei den Mietern erzeugt. Zumal die Senats­ver­waltung in dem Schreiben auch betonte, dass sie zur Bereit­stellung von Ersatz­woh­nungen nicht ver­pflichtet sei. Das klang am 16. Januar 2014 noch ganz anders. Damals erklärte der zuständige Ber­liner Senator für Stadt­ent­wicklung und Umwelt, Michael Müller (SPD), auf eine münd­liche Anfrage des Abge­ord­neten Harald Moritz (Grüne) zu den sozialen Folgen der Ver­län­gerung der A 100 im Ber­liner Abge­ord­ne­tenhaus: »Im Zusam­menhang mit den zustän­digen Ver­wal­tungen der Grund­stücke … werden ins­be­sondere die Mie­te­rinnen und Mieter unter­stützt, bei denen sich die Wohn­raum­suche aus pri­vaten Gründen schwierig gestaltet.«

Die ver­blie­benen Mieter wollen Müller, der gerade kurz vor seinem nächsten Kar­rie­re­schritt steht, nun an diese Ver­spre­chungen erinnern. Nach der par­tei­in­ternen Abstimmung hat die Mehrheit der Ber­liner SPD-Mit­glieder Müller zum Nach­folger des Regie­renden Bür­ger­meisters Klaus Wowereit bestimmt. »Das Thema A 100 spielte par­tei­intern bei der Abstimmung keine Rolle«, bedauert Mieter Steinert, der extra in die SPD ein­ge­treten ist, um deutlich zu machen, dass das Thema A 100 noch nicht abgehakt sei. Doch er hatte nicht die Gele­genheit, einen dazu vor­be­rei­teten Rede­beitrag zu ver­lesen. Darin hätte er sicher auch daran erinnert, dass Müller neben Wowereit bereits zu einer Zeit, als das Bau­vor­haben auch innerhalb der Ber­liner SPD noch umstritten war, zu einem der vehe­men­testen Befür­worter des Auto­bahnbaus gehörte. Eine Mehrheit für den Ausbau der A 100 kam damals nur zustande, weil Wowereit seine poli­tische Zukunft daran knüpfte. Müller steht also für Kon­ti­nuität.

Berthold Kreutz*, eben­falls ein Mieter der Beer­mann­straße, kann nur darüber lachen, dass Müller nach seiner par­tei­in­ternen Kür zum Nach­folger von Wowereit von der Ber­liner Bou­le­vard­presse über­schwänglich dafür gelobt wurde, dass er seinen Sieg ganz bescheiden mit einer Pizza feierte und sich, anders als sein Vor­gänger, in den Imbiss­buden der Haupt­stadt aus­kenne. »Mich inter­es­siert nicht, ob ein Regie­render Bür­ger­meister Kaviar isst, sondern wie er mit Mietern mit wenig Geld umgeht«, kom­men­tiert Kreutz diesen Popu­lismus.

Die ver­blie­benen Mieter der Beer­mann­straße erhalten Unter­stützung von der Trep­tower Stadt­teil­in­itiative »Karla Pappel«, die in den ver­gan­genen Jahren den Zuzug von Bau­gruppen in den Stadtteil und die Folgen für die ein­kom­mens­schwache Bevöl­kerung the­ma­ti­sierte. Im Film »Die Ver­drängung hat viele Gesichter«, der seit Oktober in zahl­reichen Ber­liner Pro­gramm­kinos läuft, wird diese Aus­ein­an­der­setzung gut doku­men­tiert. Für die Mieter der Beer­mann­straße ist ihre dro­hende Ver­drängung auch mit dem Gesicht des desi­gnierten Regie­renden Bür­ger­meisters Michael Müller ver­bunden. Dessen Vor­zimmer wurde bereits am 19. Oktober, einen Tag nach der Urab­stimmung der Ber­liner SPD, bei der sich Müller gegen seine Kon­kur­renten um das Amt des Bür­ger­meisters, Jan Stöß und Raed Saleh, durch­setzte, von A 100-Gegnern für einige Stunden besetzt.

Namen von der Redaktion geändert

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​4​5​/​5​0​8​5​8​.html

Peter Nowak

Karla Pappel im Kino

Die Dokumentation »Verdrängung hat viele Gesichter« dreht sich um Gentrifizierung

Die Initiative »Karla Pappel« wehrte sich 2009 gegen Baum­fäl­lungen zugunsten von Neu­bauten. Ein Film beleuchtet nun die Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Akti­visten und Bau­gruppen.

Mehr Frei­räume für die Bürger und weniger Platz für Reiche» wünscht sich Morton Finger für die Zukunft in Treptow. Der hagere Mann mit dem mar­kanten Bart lehnt am Don­ners­tag­abend zufrieden am Tresen im Ber­liner Kino Movie­mento. Dort hatte der Doku­men­tarfilm «Die Ver­drängung hat viele Gesichter» Pre­mière, der die Folgen der Gen­tri­fi­zierung am Bei­spiel des Stadtteil Treptow darlegt.

Morton Finger ist einer der Men­schen, die aus Treptow ver­drängt wurden. Er hat mehrere Jahre auf dem Trep­tower Insel­markt seinen Fahr­rad­laden mit ange­schlos­senen Repa­ra­tur­service betrieben. Doch nachdem der Markt im Frühjahr 2011 schließen musste, fand Finger keinen neuen Platz für sein Gewerbe mehr. Auf dem Grund­stück des Markts stehen mitt­ler­weile die noblen Eigen­tums­woh­nungen einer Bau­gruppe. Innerhalb weniger Jahre haben sich im Stadtteil ein halbes Dutzend Bau­gruppen ange­siedelt. Die Nähe zum Sze­ne­bezirk Kreuzberg und die ruhige Lage machte Treptow für eine gut ver­die­nende Mit­tel­schicht zur attrak­tiven Wohn­gegend. Doch nicht nur die Mieter, auch kleine Laden­be­sitzer und Gewer­be­trei­bende sind von der Auf­wertung betroffen.

Mathias Mehner bereiten die Ver­än­de­rungen in Treptow Pro­bleme. Er betreibt einen kleinen Buch­laden in der Plesser Straße, den er sechs Tage in der Woche offen halten muss. Für Urlaub und Erholung hat er keine Zeit. Nach Abzug von Miete und Steuern bleiben ihm trotzdem gerade mal 5 Euro am Tag. Viele ältere Men­schen, die bei Mehner Bücher kauften, sterben oder ziehen weg.

Manfred Görg gehört zu seinen festen Kun­den­stamm. Der Rentner will in Alt-Treptow bleiben. Daran ließ er auch im Gespräch nach der Film­pre­miere keinen Zweifel. Vom Fenster seiner Wohnung hatte Görg vor fünf Jahren beob­achtet, wie sich regel­mäßig eine kleine Gruppe auf einem Platz traf, um gegen das Abholzen von alten Pappeln zu pro­tes­tieren, die einer Bau­gruppe im Wege standen. Die Gegner dieser Ent­wicklung nannten sich Karla Pappel. «Ich habe die Pro­test­gruppe einige Wochen beob­achtet, dann habe ich mich selber dazu gestellt, weil ich das Anliegen richtig finde, erklärt Görg. Das Abholzen der Pappeln konnte die Gruppe nicht ver­hindern. Doch nach einer län­geren Pause hat sich die Gruppe ent­schlossen, wieder aktiv zu werden. Der per­sön­liche Kontakt war nie abge­rissen, sagt Yves, einer der Jün­geren in der Gruppe. Die Bau­gruppen-Bewohner rund um die Kun­ger­straße dürfte die Nach­richt, dass Karla Pappel wieder aktiv wird, nicht freuen.

In der Doku­men­tation wird deutlich, dass mehrere Bau­grup­pen­mit­glieder sich durch die Pro­teste gestört und belästigt fühlen. Manche erklärten, dass sie die all­ge­meinen Ziele der Gruppe durchaus teilen, die Kritik an den Bau­gruppen aber nicht nach­voll­ziehen könnten.

Für Hanna Löwe ist eine solche Position ein Aus­druck von Dop­pel­moral. Sie ist Fil­me­ma­cherin und arbeitete im Kol­lektiv Schwarzer Hahn mit, das den Film pro­du­zierte. Von den Bau­gruppen war bei der Pre­mière niemand anwesend. Am 5. November soll es eine Vor­führung des Films im Circus Cabuwazi in Treptow geben, wozu sie aus­drücklich ein­ge­laden sind.

Bis zum 21. Oktober läuft der Film täglich um 18.30 Uhr im Kino Movie­mento. Im Anschluss sind Dis­kus­sionen mit Mie­ter­initia­tiven und stadt­po­li­ti­schen Gruppen geplant. Die Termine finden sich unter:ber​lin​gen​tri​fi​cation​.word​press​.com/​a​u​f​f​u​e​h​r​u​ngen/

Peter Nowak

Neugierige Mieter unerwünscht

SPREEUFER Anwohner fordern Aus­künfte über ein mys­te­riöses Bau­projekt – ohne Erfolg

Die Neugier ist groß: 25 Men­schen drängten sich in der Ein­gangstür der Immo­bi­li­en­firma Agromex in der Chaus­see­straße am Mon­tag­nach­mittag. Es sind Mie­te­rInnen aus Treptow und Akti­vis­tInnen der Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel aus Treptow und Media­spree Ver­senken aus Fried­richshain-Kreuzberg. Sie wollten sich über die Bebau­ungs­pläne auf dem etwa 700 Qua­drat­meter großen Gelände der Fanny-Zobel-Straße am Spreeufer in Treptow infor­mieren. Agromex hatte es 2011 erworben hat. Drei Hoch­häuser mit Eigen­tums­woh­nungen und Hotels sollen errichtet werden.

Die Firma hat an diesem Montag einen Archi­tek­tur­wett­bewerb aus­ge­richtet. »Fünf Archi­tek­tur­büros stellen Ver­tretern des Investors, der Ber­liner Senats­ver­waltung für Stadt­ent­wicklung und des Bezirks Treptow-Köpenick ihre über­ar­bei­teten Wett­be­werbe vor«, erklärte vorab Corinna Kaspar von Business Network, die für die Pres­se­arbeit des Pro­jekts ver­ant­wortlich ist. »Die Anhörung ist in dieser Phase noch nicht öffentlich«, so Kasper. Nach den Som­mer­ferien beginne dann das Bebau­ungs­plan­ver­fahren. Dann würden auch die Nach­ba­rInnen über die Pläne infor­miert.

Diese Aus­kunft bekommen auch die Mie­te­rInnen und Stadt­teil­ak­ti­vis­tInnen an der Bürotür von Agromex. Einen Kontakt zu einem Ver­ant­wort­lichen des Archi­tek­tur­wett­be­werbs wollen die Büro­mit­ar­bei­te­rInnen nicht her­stellen. »Wir sind die Zivil­ge­sell­schaft und möchten in die Pla­nungen ein­be­zogen werden, bevor alles ent­schieden ist«, empört sich Mischa Krieger von Media­spree Ver­senken.

Steigen die Mieten?

Schon seit einem Jahr bemühten sie sich um kon­krete Infor­ma­tionen über das Bau­projekt, sagt Mieter Jürgen Starke, der in der Fanny-Zobel-Straße wohnt. Ver­geblich. Bei den 200 Miet­par­teien in der Gegend sei die Angst groß, dass durch Hotels und Eigen­tums­woh­nungen im hoch­prei­sigen Segment die Mieten im gesamten Stadtteil dras­tisch steigen.

Auch das Bezirksamt verrät nichts. Wie Uta Löbel vom Stadt­pla­nungsamt im Trep­tower Bezirksamt der taz sagte, habe es sich bei dem Archi­tek­tur­wett­bewerb um eine private Ver­an­staltung gehandelt. Dem Bezirksamt sei des­wegen keine Ver­laut­barung gestattet.

Nach etwa einer halben Stunde ver­lassen die Akti­vis­tInnen das Büro wieder. Am 14. Juli, dem vierten Jah­restag des erfolg­reichen Bür­ger­ent­scheids von Media­spree Ver­senken, planen die Stadt­teil­ak­ti­vis­tInnen eine Demo, die an dem umstrit­tenen Bau­projekt in Treptow vor­bei­ziehen soll.
http://​www​.taz​.de/​1​/​a​r​c​h​i​v​/​d​i​g​i​t​a​z​/​a​r​t​i​k​e​l​/​?​r​e​s​s​o​r​t​=​b​a&dig=
2012%2F06%2F27%2Fa0160&cHash=b13a722d1e

Peter Nowak