Im prekären Sektor gibt es eine Alternative zum DGB

Betr.: «Auf absehbare Zeit gibt es keine Alter­native zu den DGB-Gewerk­schaften», von Jakob Schäfer in SoZ Mai 2016

Es ist erfreulich, dass die SoZ eine Debatte über die linke Bewegung und Gewerk­schaften initiiert hat. Schließlich wächst auch in Teilen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken die Erkenntnis, dass Gewerk­schaften für eine Trans­for­mation der Gesell­schaft unver­zichtbar sind.

Ein Teil vor allem der post­au­to­nomen Linken arbeitet in unter­schied­lichen DGB-Gewerk­schaften mit. Weil ein Großteil der außer­par­la­men­ta­risch Aktiven im Bildungs‑, Erziehungs‑, Gesund­heits- und Pfle­ge­be­reich arbeitet, kon­zen­triert sich ihr gewerk­schaft­liches Enga­gement auf die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Ver.di und die GEW. Mitt­ler­weile setzt ein Teil davon die durch das poli­tische Enga­gement erwor­benen Kennt­nisse beruflich als Orga­nizer in Gewerk­schaften ein. Ver­einzelt gibt es auch schon haupt­be­ruf­liche Gewerk­schafts­se­kretäre aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken.

Ein anderer Teil der an gewerk­schaft­lichen Akti­vi­täten inter­es­sierten außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken sieht hin­gegen diese Mit­arbeit in DGB-Gewerk­schaften kri­tisch. Sie ver­weist auf Erfah­rungen aus der Gewerk­schafts­ge­schichte, wo immer wieder Impulse aus kri­ti­schen Bewe­gungen in die Gewerk­schafts­ap­parate inte­griert wurden und wenige Kon­se­quenzen für eine kämp­fe­rische Gewerk­schafts­po­litik hatten. Diese Wider­sprüche hat Jakob Schäfer in seinem Dis­kus­si­ons­beitrag gut benannt.

«Auf der einen Seite sind sie Schutz­macht gegen die schran­kenlose Herr­schaft des Kapitals, indem sie der Unter­bie­tungs­kon­kurrenz von Beleg­schaften einen Riegel vor­schieben, vor allem durch Tarif­ver­träge, nach Mög­lichkeit lan­desweit. Zum anderen sind sie auch Ord­nungs­macht, weil sie auch ein Element des Kapi­tal­ver­hält­nisses sind (min­destens dann, wenn Tarif­ver­träge abge­schlossen sind), auch unab­hängig von einer Politik der Klas­sen­ver­söhnung (die aller­dings für fast alle Gewerk­schaften, auch außerhalb des DGB, die Regel ist).»

Diesen Aus­füh­rungen könnte ich zustimmen, wenn der Halbsatz in der Klammer nicht wäre. Es stimmt eben nicht, dass die Politik der Klas­sen­ver­söhnung für fast alle Gewerk­schaften außerhalb des DGB gilt. Für die meisten Spar­ten­ge­werk­schaften, wie den Mar­burger Bund oder die Gewerk­schaft Cockpit trifft das sicher zu. Ihr manchmal ver­bal­ra­di­kaler Ton bei der Durch­setzung von For­de­rungen für meist kampf­starke Seg­mente der Lohn­ab­hän­gigen darf nicht darüber hin­weg­täu­schen, dass sie kei­nerlei gesell­schafts­kri­ti­sches Konzept haben und selbst den Gedanken der Soli­da­rität unter­schied­licher Seg­mente der Lohn­ab­hän­gigen, der auch in den DGB-Gewerk­schaften meistens Lip­pen­be­kenntnis bleibt, nicht einmal dem Anspruch nach ver­wirk­lichen wollen.

Anders sieht es bei den Basis­ge­werk­schaften aus, die die in den letzten Jahren in vielen euro­päi­schen Ländern an Bedeutung gewonnen haben. In Deutschland ist hier neben den Indus­trial Workers of the World (IWW), die in einigen Städten Orga­ni­sa­ti­ons­ver­suche unter­nehmen, die Freie Arbeiter-Union (FAU) zu nennen. Ihr ist es in den letzten Jahren gelungen, den Status einer anar­chis­ti­schen Gruppe mit Gewerk­schafts­an­spruch abzu­legen. Die SoZ gehörte zu den wenigen linken Zei­tungen, die über den Arbeits­kampf im Ber­liner Kino Babylon berichtet hat. Er hat dazu bei­getragen, dass die FAU als Basis­ge­werk­schaft wahr­ge­nommen wird.

Ein aktu­eller Arbeits­kampf, der von der FAU getragen wird, ist der Kampf der rumä­ni­schen Bau­ar­beiter bei der Mall of Berlin, die seit nun mehr fast zwei Jahren um ihren Lohn kämpfen. Die Aus­ein­an­der­setzung macht die großen Pro­bleme deutlich, die das Beschreiten des Rechtswegs für die Betrof­fenen bedeutet. Die Bosse gehen not­falls durch alle Instanzen und geben lieber viel Geld für Gerichts­kosten aus, als dass sie die aus­ste­henden Löhne bezahlen. Wenn sie dann in allen Instanzen zu Zah­lungen ver­ur­teilt wurden, melden die Sub­un­ter­nehmen Insolvenz an.

Am Bei­spiel der Mall of Berlin zeigt sich auch, dass eine DGB-Gewerk­schaft für die Bau­ar­beiter keine Option gewesen wäre. Sie waren schließlich zuvor bei einer Bera­tungs­stelle unter dem Dach des DGB. Dort wurde ihnen gesagt, dass sie einen Bruchteil ihrer Ansprüche erstattet bekämen, wenn sie auf alle wei­teren Rechte ver­zich­teten. Die­je­nigen Bau­ar­beiter, die das ablehnten, wandten sich danach an die FAU. Erst dadurch wurde die Kam­pagne der letzten beiden Jahre möglich; sie richtet auch über die Mall of Berlin hinaus den Fokus darauf, dass Lohn­betrug und Über­aus­beutung zum all­täg­lichen Geschäfts­modell im Kapi­ta­lismus gehören.

So wie die Bau­ar­beiter bei der Mall of Berlin haben sich auch viele andere Lohn­ab­hängige vor allem im pre­kären Bereich zunächst ver­geblich an eine DGB-Gewerk­schaft gewandt, bevor sie dann in und mit der FAU für ihre Rechte kämpften – etwa Beschäf­tigte aus der Ser­vice­ab­teilung der Heinrich-Böll-Stiftung, oder ein Mit­ar­beiter eines Spät­kaufs in Berlin, der mehrere Jahre als eine Art Geschäfts­führer auf Hartz-IV-Basis gear­beitet hat. In Jena haben Beschäf­tigte eines uni­ver­si­tären Call-Centers mit der FAU einen Arbeits­kampf begonnen.

Oft waren die Betriebe so klein, dass sie gar nicht ins Konzept des DGB gepasst hätten. Nun breiten sich solche pre­kären Arbeits­ver­hält­nisse immer weiter aus. Lange Zeit galten diese Bereiche als für Gewerk­schaften ver­loren. Die FAU hat in einigen Fällen gezeigt, dass auch hier Arbeits­kämpfe möglich sind. Bärbel Schöna­finger hat in dem Film Die Angst weg­schmeißen am Bei­spiel des Arbeits­kampf­zyklus in der nord­ita­lie­ni­schen Logis­tik­branche gezeigt, was möglich ist, wenn eine Gruppe kamp­f­ent­schlos­sener Beschäf­tigter auf eine Basis­ge­werk­schaft stoßen, die den Kampf mit ihnen führen will. In diesem Fall waren es die Sin Cobas.

Von solchen Ver­hält­nissen sind wir in Deutschland noch weit ent­fernt. Aber auch hier spielt die Musik eben nicht mehr nur in den for­dis­ti­schen Groß­be­trieben, wo die DGB-Gewerk­schaften noch die Hege­monie haben, auf die Schäfer in seinem Beitrag ver­weist. Vor allem im pre­kären Sektor haben sich auch in Deutschland basis­ge­werk­schaft­liche Ansätze als kampf- und streik­fähig erwiesen und damit bewiesen, dass sie dort eine Alter­native zum DGB sein können.

Im pre­kären Sektor gibt es eine Alter­native zum DGB

von Peter Nowak*

* Der Autor hat im letzten Jahr im Verlag Edition Assem­blage das Buch «Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeits­kämpfe nach dem Ende der großen Fabriken» her­aus­ge­geben (112 S., 7,80 Euro).

»Die Empörung ist recht groß«

Konferenz »Hände weg vom Streik« wendet sich gegen das neue Tarifeinheitsgesetz

Hände weg vom Streik­recht fordert eine Tagung am Wochenende in Kassel. Die Zeit drängt: Bereits im März will der Bun­destag ein ent­spre­chendes Gesetz ver­ab­schieden. Gewerk­schafter warnen, dass der Arbeits­kampf dadurch behindert werde.

Jakob Schäfer ist Mit­glieder der IG Metall und aktiv im Arbeits­aus­schuss der Initiative zur Ver­netzung der Gewerk­schafts­linken. Er gehört zu den Orga­ni­sa­toren der Akti­ons­kon­ferenz »Hände weg vom Streik­recht«, die am Samstag in Kassel statt­findet.

Die Bun­des­re­gierung will mit einem neuen Gesetz zur Tarif­einheit das Streik­recht für kleinere Gewerk­schaften erheblich ein­schränken. Wie weit ist Schwarz-Rot damit?
Für Anfang März ist die erste Lesung des Tarif­ein­heits­ge­setzes vor­ge­sehen, für den 23. 3. die öffent­liche Anhörung im Aus­schuss »Arbeit und Soziales« und für den 26.3. die zweite und dritte Lesung.

Innerhalb der DGB-Gewerk­schaften gibt es Befür­worter und Gegner der Geset­zes­in­itiative. Haben Sie Kontakt zu den Gegnern und werden sie an dem Kon­gress teil­nehmen?
Ver.di, NGG und GEW haben sich ent­schieden gegen dieses Geset­zes­vor­haben posi­tio­niert. Eine ganze Reihe von ver.di-KollegInnen hat sich für die Kon­ferenz ange­meldet. Aber es werden auch Mit­glieder der IG Metall da sein. Die Empörung über die Zustimmung des IG Metall-Vor­stands zu diesem Geset­zes­vor­haben ist in den Reihen meiner Gewerk­schaft, der IG Metall, recht groß.

Gibt es Kon­takte außerhalb des DGB wie zur Basis­ge­werk­schaft FAU oder zu den Lok­führern der GDL?
Unser Akti­ons­bündnis gibt es seit dem ersten Versuch im Jahr 2011, ein solches Gesetz ein­zu­führen. Seitdem gibt es den Kontakt zur GDL. Die ist aber zurzeit durch ihre Tarif­runde stark in Beschlag genommen, so dass wir nicht wissen, ob sie Ver­treter schicken kann. Die FAU ist von Anfang an in dem Bündnis aktiv dabei. Schließlich ist sie ja in ihren basis­ge­werk­schaft­lichen Akti­vi­täten direkt und indirekt betroffen.

Während der GDL-Streiks Ende 2014 spielte das Thema Tarif­einheit eine große Rolle. Hat dieses Interesse sich auf Ihre Arbeit aus­ge­wirkt?
Durch die GDL-Streiks wurde die prak­tische Bedeutung dieses Geset­zes­vor­habens unmit­telbar deutlich. Eine Gewerk­schaft, die zumindest etwas kämp­fe­ri­scher für die Inter­essen ihrer Mit­glieder ein­tritt, soll fak­tisch aus­ge­schaltet werden. Damit ist so manchen unserer Kol­le­gInnen klarer geworden, worum es eigentlich geht.

In den letzten Wochen wurden mehrere Streik­zei­tungen her­aus­ge­geben, die sich gegen die Tarif­einheit wandten. Soll dieses Projekt fort­ge­setzt werden?
Die Streik­zeitung hat mit ihren drei Nummern und einer Auflage von meh­reren Zehn­tausend einen tollen Beitrag zur Auf­klärung in Sachen Tarif­einheit und zur Orga­ni­sierung der Soli­da­rität mit den GDL-Kol­le­gInnen geleistet. Ob es zu wei­teren Aus­gaben kommt, hängt vom Verlauf der Tarif­ver­hand­lungen ab. Ich ver­weise auf die aus­ge­zeichnete Website der Streik­zeitung: pro​-gdl​-streik14​.de.

Die Bun­des­re­gierung plant mit der Ein­führung von Zwangs­schlich­tungen und der Sicherung der Daseins­für­sorge weitere Ein­schrän­kungen gewerk­schaft­licher Rechte. Können Sie diese Pläne prä­zi­sieren?
Am wei­testen aus­ge­führt sind diese Vor­stel­lungen in einem Gesetz­entwurf, den die Carl-Friedrich-von-Weiz­säcker-Stiftung vor­gelegt hat. Darüber wurde der stell­ver­tre­tende CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zende Arnold Vaatz in den Stutt­garter Nach­richten vom 2. April 2014 mit dem Satz zitiert: »Die Schäden, die ein Arbeits­kampf auslöst, müssen im Ver­hältnis zum Anlass stehen.«

Gewerk­schafts­rechte werden in vielen Ländern ein­ge­schränkt. Werden auch Gewerk­schafter von anderen Ländern auf der Kon­ferenz anwesend sein?
Durch die Mit­arbeit der Streik­rechts­in­itiative »tie germany« im Euro­päi­schen Netzwerk der Basis­ge­werk­schaf­te­rInnen gibt es einen stän­digen Aus­tausch über die Situation in den ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern. Auf dem letzten Treffen in Tou­louse im Oktober 2014 wurde aus­führlich über die Streiks und das geplante Tarif­ein­heits­gesetz infor­miert.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​5​9​4​8​7​.​d​i​e​-​e​m​p​o​e​r​u​n​g​-​i​s​t​-​r​e​c​h​t​-​g​r​o​s​s​.html

Interview: Peter Nowak

Wurden der Banken- und Finanzsektor zum Sündenbock?

Eine Kritik
gän­giger linker Kri­sen­theorien

In Deutschland wird nicht mehr viel über die Wirt­schafts­krise dis­ku­tiert. Schließlich wähnt sich ein Großteil der Bevöl­kerung auf einer Wohl­stands­insel und die Krise ist irgendwie draußen an der euro­päi­schen Peri­pherie. Doch zwi­schen 2008 und 2012 war das noch ganz anders. Schon ver­gessen wird wieder, dass sogar in den Feuil­letons Karl Marx Recht gegeben wurde. In linken Kreisen hoffte man bereits auf »Das Ende des Kapi­ta­lismus, wie wir ihn kennen«, so der Titel eines sehr popu­lären Buches des mar­xis­ti­schen Poli­to­logen Elmar Alt­vater.

Er ist einer von vielen linken Theo­re­tikern, denen das Autorenduo Günther Sand­leben und Jakob Schäfer in einem Buch »Apo­logie von links« vor­werfen. Dort nehmen sie einige bekannte linke Kri­sen­theorien kri­tisch unter die Lupe und zer­pflücken sie. Dabei wider­sprechen sie ent­schieden der These, dass die neo­li­berale Politik und die Macht der Banken und Finanz­märkte die haupt­säch­lichen Kri­sen­ur­sachen waren. Bemer­kenswert ist, dass sie so unter­schied­lichen theo­re­ti­schen Ansätzen wie der links­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Memo­ran­d­um­gruppe, den Begründer der Neuen Marx Lektüre [Michael Heinrich http://​www​.oeko​no​mie​kritik​.de/], aber auch Autoren der Krisis-Gruppe den Vorwurf machen, sie würden den Banken- und Finanz­sektor von der Real­öko­nomie abheben und ihm eine Macht und einen Ein­fluss unter­stellen, den er nicht ht.

Vom Elend der alter­na­tiven Poli­tik­be­ratung

Am Bei­spiel der Memo­randen der »Arbeits­gruppe Alter­native Wirt­schafts­po­litik« zeigen die Autoren auf, wie eine Gruppe links­so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Wirt­schafts­wis­sen­schafter, die sich theo­re­tisch zwi­schen Keynes und Marx bewegten, zunehmend den Fokus auf die Ban­ken­kritik richtete. Wahrend vorher noch in Spu­ren­ele­menten Ansätze einer Kapi­ta­lis­mus­kritik in den Memo­randen zu finden waren, setzten Sand­leben und Schäfer die Zäsur in den 1990er Jahren an. Seitdem habe die Kritik des Banken- und Finanz­sektors die zen­trale Rolle in den Gut­achten ein­ge­nommen. Die Autoren erklären diese Ent­wicklung mit »dem Elend der alter­na­tiven Poli­tik­be­ratung«. Schließlich sei es den Autoren der Memo­randen immer darum gegangen, in Regie­rungs­kreisen Gehör zu finden. Das fällt schein­barer ein­facher, wenn man in eine Ban­ken­kritik ein­stimmt, die in Deutschland längst nicht nur auf der Linken bald zum guten Ton gehörte.

Dem bekann­testen Theo­re­tiker der Neuen-Marx-Lektüre Michael Heinrich kann man alter­native Poli­tik­be­ratung nun nicht unter­stellen. Im Gegenteil wird Heinrich von vielen seiner Anhänger als Kri­tiker der der linken Keyne­sianer und ihrer Illu­sionen gelobt. Doch Sand­leben und Jakob sehen auch Heinrich auf den Boden des Keyne­sia­nismus. Sie werfen ihm vor allem vor, dass er die Arbeits- und Geld­wert­theorie von Karl Marx für falsch hält. Da hätte man dann doch noch etwas mehr argu­men­ta­tives Futter gewünscht. Denn allen die Tat­sache, dass jemand eine Theorie von Marx für falsch hält, ist noch kein Grund für Kritik. Die Marx­schen Schriften sind keine Bibel und Marx selber hat im Laufe seiner Schaf­fens­phasen auch eigene Thesen wider­rufen. Wenn also Heinrich von Sand­leben und Schäfer mit dem Satz zitiert wird: »Spä­testens seit dem Zusam­men­bruch des Wäh­rungs­systems von Bretton Words in den frühen 70er Jahren kann man jedoch nicht mehr davon sprechen, dass das kapi­ta­lis­tische Geld­system in irgend­einer Weise von einer Geldware abhängt«, hätte man schon gerne erfahren, was an dieser Aussage falsch ist.

Geht der Gesell­schaft die Lohn­arbeit nicht aus?

Der Krisis-Gruppe wie­derum können auch die beiden Autoren keine keyne­sia­nis­ti­schen Illu­sionen nach­weisen. Hier richtet sich die Kritik von Sandleben/​Schäfer an deren Kri­sen­theorie selber: »Die dritte indus­trielle Revo­lution und der Sie­geszug der neuen Infor­ma­tions- und Kom­mu­ni­ka­tions-Tech­no­logien hätten zu einer mas­sen­haften Ver­drängung aus den wert­pro­du­zie­renden Sek­toren geführt. Das Abschmelzen der Wert­basis beinhalte eine struk­tu­relle Über­ak­ku­mu­la­ti­ons­krise, mit der der Kapi­ta­lismus seine Fähigkeit für einen selbst­tra­genden Auf­schwung end­gültig ver­loren habe«. Auch hier sparen die Autoren mit Gegen­ar­gu­menten und meinen die These, dass der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft die Lohn­arbeit ausgehe, mit dem Hinweis erle­digen zu können, dass Hannah Arendt bereits 1958 in ihrem Buch »Vita activa« von einer Zeit schrieb, in der »die Fabriken sich in wenigen Jahren von Men­schen geleert haben werden«. Hat sie damit recht präzise die Ära der Auto­ma­ti­sierung beschrieben?

Recht haben die Autoren, wenn sie einen glo­balen Blick auf die Arbeits­ge­sell­schaft werfen und kon­sta­tieren, dass von einem welt­weiten Ende der Arbeits­ge­sell­schaft tat­sächlich nicht die Rede sein kann. Denn weltweit wächst der Anteil der Men­schen, die in den kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­prozess ein­ge­sogen werden. Darauf haben auch schon Autoren wie Werner Seppmann auf­merksam gemacht, die Sandleben/​Schäfer aller­dings eben­falls als Link­skeyne­sianer bezeichnen würden.

Was die so unter­schied­lichen Theo­re­tiker dazu bringt, den Banken- und Finanz­system eine besondere Macht zuzu­schreiben, ist nach Ansicht der Autoren ihr Bezug auf den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Öko­nomen Rudolf Hil­ferding, der vor mehr als hundert Jahren mit dem Stan­dardwerk »Das Finanz­ka­pital« zum zen­tralen Theo­re­tiker so völlig unter­schied­licher linker Gruppen wurde, die eine besondere Rolle des Banken- und Finanz­sektors kon­sta­tieren – und dies nicht erst seit der neu­esten Krise. Hil­fer­dings Buch hat übrigens auch Lenin stark beein­flusst und fand Eingang in seine Impe­ria­lis­mus­theorie.

His­to­rische Quellen des Ban­ken­ba­shings werden nicht erwähnt

Im letzten Drittel des Buches ver­suchen die Autoren nach­zu­weisen, dass der Banken- und Finanz­sektor nicht die Macht und den Ein­fluss besitzt, der ihm von den unter­schied­lichen poli­ti­schen Kreisen zuge­schrieben wird. Die Autoren blenden völlig den Aspekt aus, dass die Kritik an der Zir­ku­la­ti­ons­sphäre, also den Handel und den Banken, sehr alt ist und auch immer wieder in der Geschichte oft mit deutlich anti­se­mi­ti­schen Unter­tönen in Kri­sen­zeiten virulent wurde. Könnte nicht die heutige Affir­mation der These von der Macht der Banken und des Finanz­sektors auch aus diesen trüben Quellen fischen?

Unter dem Schlagwort ver­kürzte Kapi­ta­lis­mus­kritik wird diese These in Teilen der poli­ti­schen Linken ver­treten. Darauf gehen Schäfer und Jakob nicht ein. Sie liefern vielmehr im vor­letzten Kapitel eine kurze Erklärung des aktu­ellen Geschehens auf dem Banken- und Ver­si­che­rungs­sektor. Ob die sehr tech­nische Beschreibung nicht stel­len­weise auch in einer Apo­logie mündet, wenn damit der Banken- und Finanz­sektor von jeg­licher Ver­ant­wortung für die Krise frei­ge­sprochen wird, wäre eine Dis­kussion Wert. Gerade, wenn man mit dem Autoren über­ein­stimmt, dass der Banken- und Finanz­sektor nicht von der Real­wirt­schaft getrennt werden kann, müsste dieses Verdikt auch für ihre Rolle in der Krise gelten. Steht nicht im Wider­spruch zu ihrer Theorie, dass die Banken keine besondere Rolle bei der Krise spielen,wenn diese 2008 mit immensen Ret­tungs­schirmen vor dem Zusam­men­bruch bewahrt werden mussten?

Schäfer und Sand­leben schreiben dazu, dass damit der Staat kei­neswegs vor der Macht der Banken kapi­tu­liert hat, »wie links­ori­en­tierte Kri­sen­deuter zu wissen, glaubten, sondern er schützte den gesamten Industrie- und Han­dels­sektor vor einem Kollaps des Kre­dit­systems und des darauf beru­henden Zah­lungs­system«. Dafür werden in einer Fußnote als Quellen der wirt­schafts­li­berale Ökonom Hans Werner Sinn und der ehe­malige Bun­des­fi­nanz­mi­nister Peer Stein­brück ange­führt. Aber wird nicht hier zumindest klar, dass die Banken einen gewissen Ein­fluss haben müssen, wenn ihr Kollaps die beschrie­benen gesamt­ge­sell­schaft­lichen Aus­wir­kungen hätte?

Kri­tisch ist anzu­merken, dass auch Schäfer und Sand­leben sich eines linken Dis­kus­si­ons­stils beflei­ßigen, der vor allem nach­weisen will, dass sie selber recht und alle anderen Unrecht haben. Positiv ist anzu­merken, dass sie sich mit der Materie aus­kennen und einige der Begriffe aus dem Finanz- und Ban­ken­sek­toren, die in der Debatte sehr beliebig ver­wendet werden, gera­de­rücken und klären. Auch dass sie eine Gegenrede gegen die in Deutschland weit­ver­breitete Ban­ken­schelte liefern und nach­weisen, dass die auch in füh­renden Wirt­schafts­kreisen gepflegt wird und nicht mit Anti­ka­pi­ta­lismus ver­wechselt werden sollte, ist ein Plus­punkt.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​55583

Peter Nowak

Links

[1] http://​www​.amazon​.de/​d​p​/​3​8​9​6​9​1​6​2​7​0​/​r​e​f​=​n​o​s​i​m​?​t​a​g​=​t​e​l​e​p​o​l​i​s​0b-21

[2] http://​www​.polsoz​.fu​-berlin​.de/​p​o​l​w​i​s​s​/​m​i​t​a​r​b​e​i​t​e​r​/​a​l​t​v​a​t​e​r​/​i​n​d​e​x​.html

[3] http://​www​.guenther​-sand​leben​.de

[4] http://www.amazon.de/dp/978–3899001419/ref=nosim?tag=telepolis0b-21

[5] http://​www​.memo​.uni​-bremen​.de/

[6] http://​www​.marx​-gesell​schaft​.de/​M​G​-​T​a​g​u​n​g​e​n​T​e​x​t.htm

[7] http://​www​.oeko​no​mie​kritik​.de/

[8] http://​www​.krisis​.org/

[9] http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​0​/​4​0​2​8​2​/​1​.html

[10] http://​www​.dhm​.de/​l​e​m​o​/​h​t​m​l​/​b​i​o​g​r​a​f​i​e​n​/​H​i​l​f​e​r​d​i​n​g​R​u​dolf/