In Berlin finden die Auseinandersetzungen um hohe Mieten und Vertreibung nicht nur in der Straße, sondern zunehmend auch in Galerien und auf Theaterbühnen statt

Kunst und Mieterkampf

Man konnte bei den im Rahmen des Berlin-Bleibt-Fes­tivals orga­ni­sierten soge­nannten Lec­tures zum Thema Miet­sachen von Hans-Werner Krö­singer und Regine Dura lernen, dass es einen ganz kon­kreten Zusam­menhang zwi­schen dem Ein­heitstag und den hohen Mieten gibt. Die Politik hat die fik­tiven Schulden der Kom­mu­nalen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften in Ost­berlin in reale Schulden umge­wandelt und damit den Druck Richtung Pri­va­ti­sierung wesentlich beschleunigt.

Ist das Kunst oder Mie­ter­protest?, fragt man sich, wenn man den Pro­jektraum Urbaner Aktion betrifft. Er wird im Rahmen des Berlin-Bleibt-Fes­tivals des Ber­liner Theaters Hebbel am Ufer zwi­schen­ge­nutzt. Schon von außen sieht man die Plakate der Ber­liner Mie­ter­be­wegung, und auch im Raum finden sich Filme und Kunst­in­stal­la­tionen, die nicht nur die Ver­treibung von ein­kom­mens­schwachen Mietern the­ma­ti­sieren, sondern auch Partei ergreifen. Viele der Künst­le­rinnen und Künstler.…

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Protestiert laut!

Ina Wudtkes Aus­stellung »Agit­poetry« holt die Arbei­ter­kultur ins Heute

»Bürger dieser Stadt gegen das große Geld, habt ihr die Idee, so ändert die Welt.« Diesen kämp­fe­ri­schen Text sprechen zwei Frauen in einem kurzen Video. In einem wei­teren Video mit dem Titel »Zwangs­räumung ver­hindern« sind fol­gende Zeilen zu hören: »Pro­tes­tiert laut! Zwangs­räu­mungen pas­sieren in aller Stille. Soli­da­rität, damit alle eine Wohnung haben.« Das dritte Video beschäftigt sich mit dem im Bau befind­lichen Ber­liner Schloss und seiner Vor­ge­schichte. »Wir rissen ab den Palast der Republik und bauten

Die drei Kurz­filme mit ihren klaren poli­ti­schen Bot­schaften sind Teil der Aus­stellung »Agit­poetry«, die derzeit bei freiem Ein­tritt täglich von 14 bis 19 Uhr im Kunsthaus KuLe zu sehen ist. Dort zeigt Ina Wudtke Videos, Bilder und Instal­la­tionen mit gesell­schafts­po­li­ti­schem Anspruch. Ihr Vorbild sind die Arbei­ter­künstler in der Wei­marer Republik, mit denen sich Wudtke in den letzten Jahren beschäftigt hat. Dabei inter­es­siert sie eine Frage, die schon die Arbei­ter­künstler vor mehr als 80 Jahren umtrieb: »Wie kann die Kunst in das gesell­schaft­liche Geschehen ein­greifen und sich auf die Seite der Ein­kom­mens­schwachen stellen?«

Besonders intensiv beschäftigt hat sich Wudtke mit der Brecht-Mit­ar­bei­terin Mar­garete Steffin. Die Kom­mu­nistin starb jung an Tuber­kulose und ist heute weit­gehend ver­gessen. In der Aus­stellung widmet Wudtke ihr eine Segel-Instal­lation, auf der das »Lied vom Schiffs­jungen« auf Hunger und Aus­beutung hin­weist.

Im hin­teren Raum der Galerie wird in einem drei­mi­nü­tigen Video eine Agitprop-Aktion der Emdener Kom­mu­nisten aus dem Jahre 1930 gezeigt. Am Beginn einer NSDAP-Ver­an­staltung in einem Emdener Hotel insze­nierten die Kom­mu­nisten auf der Bühne des Ver­samm­lungs­saals eine Per­for­mance, in der gezeigt wird, wie ein SA-Mann einen Arbeiter ermordet und der Pfarrer den Segen dazu spendet. Es kam zu einer Saal­schlacht mit den Nazi­an­hängern. Später wurden mehrere Emdener Kom­mu­nisten wegen der Aktion zu Haft­strafen ver­ur­teilt.

Wudtke hat die weit­gehend ver­gessene Aktion mit ihrer Instal­lation bekannt gemacht. Sie hat Kontakt mit dem Enkel des Emdener KPD-Vor­sit­zenden Gustav Wendt auf­ge­nommen, der wegen der Kunst­aktion zu einer mehr­mo­na­tigen Haft­strafe ver­ur­teilt worden war. Dabei ist ihr auch wichtig, einen anderen Blick auf die Geschichte der Kunst zu werfen: »Das Bild, das in unserer zeit­ge­nös­si­schen Kultur von der Wei­marer Republik bevorzugt kon­struiert wird, ist ein libe­rales Bild, das die indi­vi­duelle Freiheit in der Lebens­ge­staltung betont. Das kol­lektive Gesicht der revo­lu­tio­nären, kämp­fenden Arbeiter wird meist aus­ge­blendet«, erklärt Wudtke dem »nd«.

Wudtke kon­fron­tiert die über 80 Jahre alte Arbei­ter­kultur mit der Gegenwart, und es zeigt sich, dass sie auch heute noch ihre Wirkung ent­faltet.

»Agit­poetry«, bis zum 29. Juli im Kunsthaus KuLe, Augustr. 10, Mitte.

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Peter Nowak

„Ich hatte nicht das Geld für mehr Miete“

KUNST Jahrelang kämpfte Ina Wudkte um ihre Mietwohnung in der Schwedter Straße. Jetzt stellt sie ihre Blessuren zur Schau

taz: Frau Wudtke, in Ihrer aktu­ellen Aus­stellung setzen Sie sich mit Ihrer eigenen Ver­drängung aus Ihrer Wohnung aus­ein­ander. War es denn gar kein Problem für Sie, sich selbst zum Gegen­stand Ihrer Arbeit zu machen?
Ina Wudtke: Meine künst­le­rische Arbeit ist oft auto­bio­gra­fisch geprägt. Zudem musste ich in den Kampf um meine Wohnung so viel Zeit und Energie stecken, dass ich daneben wenig Zeit für etwas anderes hatte. So habe ich den Miet­kampf und meine künst­le­rische Arbeit ver­bunden.
Im Mit­tel­punkt der Aus­stellung steht das Video „Der 360.000-Euro-Blick“, in dem Sie in 45 Minuten die Geschichte Ihrer Ver­treibung erzählen. Zu sehen ist ein Aus­blick auf den Fern­sehturm. Was sollen der Titel und die Ein­stellung aus­drücken?
Das Videobild zeigt den Blick aus dem Fenster meiner ehe­ma­ligen Wohnung in der Schwedter Straße in Mitte auf den Fern­sehturm. Im Zeit­raffer wird es einmal Tag und einmal Nacht. Ich kom­bi­nierte den Blick auf Berlins Wahr­zeichen mit einer Icher­zählung, in der Beob­ach­tungen zu öko­no­mi­schen Struk­turen und indi­vi­du­ellen Lebens­be­din­gungen, künst­le­ri­scher Pro­duktion sowie zeit­ge­nös­si­scher
Politik und Stadt­planung inein­an­der­fließen.

Nämlich welche?
Als ich 1998 dort ein­ge­zogen bin, gab es kaum sanierte Häuser in der Straße. 15 Jahre später wurde meine Wohnung mit dem dar­über­lie­genden Dach­boden ver­bunden. Woh­nungen dieser Art wurden 2013 für 360.000 Euro zum Verkauf angeboten.Ich ver­binde die Geschich­tem­eines Miet­kampfs mit der Geschichte der Stadt­planung nach der Wende, die mit der Politik der Pri­va­ti­sie­run­gendie Ver­treibung von Men­schen mit wenig Ein­kom­men­be­wirkte, und stelle meine per­sön­li­che­Ge­schichte so in ein­enge­sell­schaft­lichen Kontext.

Sie berichten dort auch, wie­Bau­ar­beiter in Ihren Keller ein­bra­chenund Sie bestohlen, was trotz Anzeige ohne straf­recht­liche Folgen blieb. Hin­ter­ließdas bei Ihnen ein Gefühl von Ohn­macht?

Mir waren solche Ent­mie­tungs­prak­tiken natürlich schon bekannt. Trotzdem war ich wütend, dass man mich so offen­sichtlich bestehlen konnte und ich trotz eines guten Poli­zei­pro­to­kolls den Prozess nicht gewinnen konnte. Zudem hatte ich in dieser Zeit besonders wenig
Geld, weil in der Kunst auch für die Betei­ligung an großen Aus­stel­lungen keine Honorare gezahlt wurden. Da traf mich der Verlust der Kohlen und meines Fahrrads, die aus dem Keller ver­schwanden, auch finan­ziell hart.
Gab es eine Soli­da­rität unter den Mietern im Haus?
Dem Eigen­tümer gelang es, die Mie­te­rinnen zu spalten und mit jeder Miet­partei andere Ver­ein­ba­rungen zu treffen. Dies führte dazu, dass einige auf­hörten, sich zu grüßen. Sie hatten Angst, ihre Wohnung zu ver­lieren, wenn sie nicht mit dem Eigen­tümer koope­rierten.

In der Instal­lation „Ent­mietung“ haben Sie einen Teil der Pro­zess­akten Ihres sie­ben­jäh­rigen Kampfs um Ihre Wohnung zu einer langen Papier­schlange ver­ar­beitet. Was hat Sie moti­viert, so lange um die Wohnung zu kämpfen?
Als Künst­lerin mit geringem Ein­kommen konnte ich mir keine teurere Wohnung leisten. Ich hatte nicht das Geld, mehr Miete zu bezahlen. Deshalb wollte ich dort gern wohnen bleiben. Ohne Bade­zimmer und mit Ofen­heizung kann man aber keine Moder­ni­sie­rungs­klage
gewinnen, weil alle Woh­nungen per Gesetz auf einen soge­nannten Mit­tel­klas­se­standard ange­hoben werden.

Warum haben Sie die Wohnung 2013 schließlich doch noch ver­lassen?
Die Moder­ni­sierung meiner Wohnung war gerichtlich ange­ordnet worden. Nach Abschluss der Bau­ar­beiten wäre die Miete um mehr als das Dop­pelte ange­stiegen. Zusammen mit den monatlich anfal­lenden Kosten für die Zen­tral­heizung kam ich auf eine zirka 300-pro­zentige Miet­erhöhung, die alle zwei Jahre um 15 Prozent hätte ange­hoben werden können. Das konnte ich mir nicht leisten. Daher musste ich die Wohnung mit großem Bedauern räumen. Moder­ni­sie­rungs­klagen sind ebenso wie Eigen­be­darfs­kün­di­gungen dazu geeignet, Ein­kom­mens­schwache gegen Ein­kom­mens­starke aus­zu­tau­schen.

Wie viele Ber­li­ne­rinnen und Ber­liner sind betroffen?
Momentan werden Tau­sende damit aus ihren Woh­nungen ver­trieben. Dabei muss man sich doch wundern, dass es erlaubt ist, während der Laufzeit eines Ver­trags von Ver­mie­ter­seite den Standard einer Wohnung gegen den Willen der Mie­terin zu erhöhen und sie dafür zahlen zu lassen. Am Bei­spiel eines Leih­autos wäre das undenkbar. Da kann der Auto­verleih nicht während des Miet­ver­trags einen Wohn­wagen an den Pkw anhängen lassen und ver­langen, dass der nun auch noch vom Kunden bezahlt wird, der den Pkw gemietet hat. Bei Woh­nungen soll das aber normal sein.
Ihre Aus­stellung heißt schlicht„Eviction“. Warum?
Eviction ist der eng­lische Begriff für den unfrei­wil­ligen Verlust der Wohnung. „Evic­tions: Art and Spatial Politics“ ist auch der Titel eines Buchs von 1996 der US-Ame­ri­ka­nerin Rosalyn Deutsche. Dort hat sie den Prozess, der sich gerade in Berlin abspielt, in den 90er Jahren in
New York beob­achtet und beschrieben.
Künstler werden oft als Ver­ur­sacher und Nutz­nießer von Gen­tri­fi­zierung wahr­ge­nommen. Wollten Sie mit Ihrer Aus­stellung einen Blick­wechsel ein­leiten?
Der Stadt­so­ziologe Andrej Holm hat dazu einmal sehr richtig geäußert, dass der Grund für Gen­tri­fi­zierung kei­nes­falls die Künst­le­rinnen sind. Der wahre Grund ist, dass mobiles Kapital in Immo­bilien inves­tiert wird aus Angst, dass das Geld in einer Finanz­krise wertlos werden
würde.

Gibt es denn für prekär arbei­tende Künst­le­rinnen und Künstler in Berlin keine Lobby?

Als Teil der poli­ti­schen Künst­ler­plattform namens Haben und Brauchen habe ich mich dazu bereits mehrfach öffentlich geäußert.Der Mit­be­gründer von Haben und Brauchen, Florian Wüst, hat in seinem Film­vortrag im Rahmen meiner Aus­stellung „Das Geschäft mit dem Wohnen“ dar­ge­stellt, wie die der­zei­tigen Modelle des sozialen Woh­nungsbaus Instru­mente der För­derung der ein­kom­mens­starken
und kei­nes­falls zur För­derung ein­kom­mens­schwacher Men­schen geeignet sind. Im Gegenteil, es ist eine Umver­teilung von unten nach oben. Auch darauf will ich mit der Aus­stellung auf­merksam machen.

Ina Wudtke
■■Jahrgang 1968, stu­dierte Kunst an der Hoch­schule für bil­dende Künste Hamburg. Von 1992 bis 2004 war sie Her­aus­ge­berin
des femi­nis­ti­schen Künst­ler­In­nen­ma­gazins Neid.
■■Ihre aktuelle Aus­stellung „Eviction“ ist bis zum 16. April im Pro­jektraum Bethanien, Mari­an­nen­platz 2, täglich von 12 bis 19 Uhr geöffnet.
Hilfe für Mieter
■■Bei Eigen­be­darfs­kün­di­gungen, Moder­ni­sie­rungs­an­kün­di­gungen und anderen Pro­blemen mit den Ver­mie­te­rInnen berät die Ber­liner Mie­ter­Ge­mein­schaft e. V. Bera­tungs­stellen finden sich auf der Homepage: www​.bmgev​.de/​b​e​r​a​t​u​n​g​/​b​e​r​a​t​u​n​g​s​s​t​e​l​l​e​n​.html
■■Das Ber­liner Bündnis gegen Zwangs­räumung unter­stützt Mie­te­rInnen, die juris­tisch zur Räumung ihrer Woh­nungen ver­ur­teilt wurden. Infos unter: www​.berlin​.zwangs​rae​u​mung​ver​hindern​.org/
■■Ver­an­stal­tungs­hinweis: In der Dach­etage des Fried­richshain- Kreuzberg Museums in der Adal­bert­straße 95a findet am 11. 4.
um 19 Uhr eine Gedenk­ver­an­staltung für die zwangs­ge­räumte Rent­nerin Rose­marie F. zu deren drittem Todestag statt. Weitere
Infos: www​.fhxb​-museum​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​id=19 (now)
aus: Taz vom 09.4.2016
Interview: Peter Nowak