Die Technik ist nicht neutral

Die neuen Tech­no­logien könnten einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft helfen, belas­tende Arbeit zu ver­ringern. Doch das wird nicht auto­ma­tisch geschehen. Auch in der durch­di­gi­ta­li­sierten Gesell­schaft bleiben Arbeits­kämpfe zur Über­windung des Kapi­ta­lismus uner­lässlich.

»Der Mann, der in Deutschland zum ersten Mal die Asso­ziation der Kon­su­menten zur Aus­schaltung des Kapi­ta­lismus und zur Begründung der Eigen­pro­duktion wieder sys­te­ma­tisch gelehrt hat, war ein ein­facher Arbeiter, der seine Intel­ligenz aus eigener Kraft geübt hatte: der Bau­an­schläger Wilhelm Wiese.«

Mit Emphase beschwor Gustav Landauer in seinem Aufsatz »Sozia­lismus und Genos­sen­schaft« im Jahr 1910, dass nicht Klas­sen­kampf und Revo­lution, sondern die För­derung der Kon­sum­ge­nos­sen­schaften den Weg zum Sozia­lismus weisen würde. Landauer pole­mi­sierte gegen die Kräfte in der dama­ligen Arbei­ter­be­wegung, die nicht davon über­zeugt waren, dass man mit den Genos­sen­schaften den Weg zum Sozia­lismus abkürzen und auf einen revo­lu­tio­nären Bruch ver­zichten könne. Er erkannte vor 105 Jahren sehr genau, dass der Ein­fluss der Mar­xisten in der deut­schen und inter­na­tio­nalen Arbei­ter­be­wegung am Schwinden war. Aber im Gegensatz zu Rosa Luxemburg und anderen Linken war das für ihn, der sich selber einen Ver­wirk­li­chungs­so­zia­listen nannte, ein Grund zur Freude. So schrieb er im gleichen Aufsatz: »Die Situation ist also jetzt die: in allen Ländern findet sich unter den Genos­sen­schaftern und den Sozia­listen eine sehr große Zahl solcher, die ein­ge­sehen haben, dass die Ver­wirk­li­chung des Sozia­lismus mit dem Aus­tritt aus der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft tat­sächlich beginnt, dass es den mar­xis­ti­schen Strich zwi­schen der ›jet­zigen‹ und der ›künf­tigen‹ Gesell­schaft nur für solche gibt, deren Theorie ein Instrument der Untä­tigkeit und des Auf­schiebens ist, und dass der Zusam­men­schluss des Konsums ein solches Beginnen ist, wenn er den Zweck hat, dass die orga­ni­sierten Kon­su­menten für sich selbst pro­du­zieren.«

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Mehr als 100 Jahre später wird kaum noch jemand die Genos­sen­schaften als Beginn des Sozia­lismus sehen. Doch die Hoffnung, ohne poli­tische Aus­einandersetzungen und Kämpfe in den Sozia­lismus hin­ein­zu­wachsen, hält sich unge­brochen. Deshalb finden Bücher wie »Post­ka­pi­ta­lismus« von Paul Mason eine solch große Resonanz und sorgen für aus­ver­kaufte Ver­an­stal­tungen.

Die Men­schen, die diese Bücher lesen, gehören oft zum aka­de­mi­schen Pre­kariat und sind auf­ge­schlossen für eine Alter­native zum Kapi­ta­lismus. Da es heute wenig kon­krete Erfah­rungen mit Pro­zessen der Selbst­or­ga­ni­sation gibt und auch die Beschäf­tigung mit mar­xis­ti­scher Theorie mar­ginal ist, ver­wundert es nicht, dass sich der Ver­wirk­li­chungs­so­zia­lismus wieder großer Beliebtheit erfreut, wenn er auch nicht mehr so genannt wird. Nur ist es jetzt nicht mehr die Genos­sen­schafts­be­wegung, sondern die Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie, die nach Mason den Weg zum Sozia­lismus ebnen soll. Beschäf­tigung mit linker Theorie wäre dann ebenso über­flüssig wie die Orga­ni­sierung von Klas­sen­kämpfen. Daher findet Mason durchaus auch Zustimmung bei auf­ge­schlos­senen Kapi­tal­kreisen, wie Georg Diez auf Spiegel Online bemerkt: »Da ist einfach jemand, der sich die Wider­sprüche unserer heu­tigen Welt anschaut – und erst mal das Positive sieht. Deshalb konnte auch die Financial Times über ›Post­ka­pi­ta­lismus‹ sagen, dass dieses Buch viele Leser ver­dient, ›auf der Linken wie auf der Rechten‹«.

Nun wäre es aber völlig falsch, den Post­ideo­logen Mason einfach rechts liegen zu lassen. Im Gegensatz zu den Main­stream-Linken stellt er einen Zusam­menhang zwi­schen dem Stand der Pro­duk­tiv­kräfte und der Eman­zi­pation einer Gesell­schaft her. Mason skiz­ziert eine Welt, in der die Lohn­arbeit einen immer gerin­geren Stel­lenwert ein­nehmen könnte, weil intel­li­gente Maschinen viele dieser Tätig­keiten über­nehmen könnten.

Wenn Mason schreibt, dass die Tech­no­logie, die heute viele Men­schen fürchten, dazu bei­tragen könnte, die Lohn­arbeit über­flüssig zu machen, dann sind das Sätze, die für eine linke Stra­tegie im 21. Jahr­hundert eine zen­trale Rolle spielen müssen. Oft wird in linken Gruppen die For­derung vom Kampf gegen die Arbeit erhoben, besonders gerne dann, wenn Lohn­ab­hängige sich gegen Betriebs­schlie­ßungen und den Verlust von Arbeits­plätzen zu Wehr setzen. In diesem Kontext aber ist der Slogan vom Kampf gegen die Arbeit lediglich ein inhalts­leeres Pos­tulat. Es wird dabei nicht berück­sichtigt, dass der Verlust von Arbeits­plätzen im Kapi­ta­lismus eben nicht das Reich der Freiheit bedeutet, sondern den Fall ins Hartz-IV-System, in staat­liche Kon­trolle und Ver­armung. Daher hat es in den ver­gan­genen Jahren auch immer wieder Kämpfe gegen Ent­las­sungen und Betriebs­schlie­ßungen gegeben.

Das sind natürlich reine Abwehr­kämpfe. Doch es ist ein Wider­stand gegen die Ver­schlech­terung von Arbeits- und Lebens­be­din­gungen der betrof­fenen Men­schen. Die linke Antwort darauf kannn nicht eine all­gemein gehaltene Parole vom Kampf gegen die Arbeit sein.

Sehr wohl aber ist es wichtig, deutlich zu machen, dass in der nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft der Einsatz von moderner Tech­no­logie seinen Schrecken ver­lieren würde. Maschinen können viele der Tätig­keiten über­nehmen, die die Men­schen krank machen und psy­chisch und phy­sisch belasten. Hier würde eine Parole Anwendung finden, die häu­figer auf Demons­tra­tionen gerufen wurde: »Endlich geht die Arbeit aus, und der Staat, der macht nichts draus«.

Eine solche Position könnte tat­sächlich eine Linke aus einer stän­digen Defen­siv­haltung her­aus­bringen und die Brücke schlagen zu den vielen Beschäf­tigten in unter­schied­lichen Branchen, deren Arbeits­plätze durch den Einsatz von neuen Tech­no­logien ent­weder weniger werden oder ganz weg­fallen könnten. In dieser Hin­sicht sind die Thesen von Mason also durchaus hilf­reich für eine linke Debatte. Doch die muss eben auch deutlich machen, dass die neuen Tech­no­logien mit Abstrichen in einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ihren Schrecken ver­lieren und im Gegenteil mit­helfen können, die not­wendige Arbeit zu ver­ringern. Doch die Technik ist nicht neutral. Das heißt auch, dass in einer nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft nicht einfach die vorhan­denen Pro­duk­tions- und Dis­tri­bu­ti­ons­mittel weiter ver­wendet werden können.

Als die Bol­schewiki nach der Okto­ber­re­vo­lution ebenso wie Anar­cho­syn­di­ka­listen während der Spa­ni­schen Revo­lution die vorher von beiden Gruppen bekämpfte Tay­lo­ri­sierung der Arbeit über­nahmen, war das schon ein Schritt auf dem Weg zur Kon­ter­re­vo­lution. Trotzdem dürfen die objek­tiven Zwänge bei diesem Schritt nicht über­sehen werden. Im Com­pu­ter­zeit­alter ist eine Erkenntnis noch wich­tiger. »Keine Revo­lution, die diesen Namen ver­dient, kann auf die Algo­rithmen des World Wide Web einfach zurück­greifen, denn sie sind die neo­li­be­ralen Pro­duk­tions- und Dis­tri­bu­ti­ons­mittel par excel­lence«, schreibt Johannes Neitzke in der Zeitung der stu­den­ti­schen Selbst­ver­waltung an der Ber­liner Humboldt­universität HUch sehr richtig.

Ein revo­lu­tio­närer Bruch ist not­wendig

Damit kommen wir wieder zur eigent­lichen Frage, der des revo­lu­tio­nären Bruchs, den Mason heute ebenso für obsolet erklärt wie vor über 100 Jahren Landauer. Ohne ihn wird sich der Kapi­ta­lismus die neuen Tech­no­logien genau so zunutze machen, wie er es mit der Genos­sen­schafts­be­wegung tat.

Es gibt derzeit genügend Bei­spiele dafür, wie mit Hilfe der neuen Tech­no­logien Tätig­keiten kapi­ta­lis­tisch in Wert gesetzt werden, die bisher außerhalb des Ver­wer­tungs­zwanges standen. Diese Ent­wicklung kann in vielen Bereichen der Share-Öko­nomie beob­achtet werden. Spä­testens hier aber kann Mason kein Rat­geber mehr sein.

Wenn es um Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse im Kapi­ta­lismus und Wege heraus geht, müssen wir Streiks orga­ni­sieren, Komitees gründen und zur theo­re­ti­schen Wei­ter­bildung zu Marx und anderen Theo­re­ti­ke­rinnen und Theore­tikern der Arbei­ter­be­wegung greifen.

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Peter Nowak