Dresden: Feldversuche und Tabubrüche


In der »Ord­nungs­zelle Sachsen« zeigt sich, wie die soge­nannte Mitte nach rechts rückt. Manche wollen Pegida und AfD noch ersetzen, manche koope­rieren schon längst

Der Ein­heits­fei­ertag am 3.Oktober wird in diesem Jahr in Dresden zele­briert[1]. Dort wird am kom­menden Montag ein Auf­marsch der zer­strit­tenen Pegida-Bewegung erwartet. Schon Tage vorher wurden die Ein­heits­fei­er­lich­keiten mit Bom­ben­an­schlägen gegen eine Moschee und ein Gemein­dehaus[2] ein­ge­leitet.

Dass die ver­ant­wort­lichen säch­si­schen Poli­tiker eine auf den ersten Blick zu erken­nende Fake-Meldung[3], die die Anschläge der Dresdner Antifa in die Schuhe spielen wollte, zunächst als ernst zuneh­menden Tat­hinweis bezeichnete, wurde nicht als der Skandal hin­ge­nommen, der er ist

Genau 36 Jahre vor den Dresdner Anschlägen ereignete sich der bis heute nicht auf­ge­klärte Anschlag auf das Münchner Okto­berfest[4]. Sicher ist, dass er von Neo­nazis begangen wurde. Einer kam dabei um. Ob und wie viel Mit­täter er hatte, ist bis heute Gegen­stand von Spe­ku­la­tionen (Das Okto­ber­festat­tentat war kein Werk eines Ein­zel­täters[5]). Zurzeit ermittelt die Justiz wieder. 1980 ver­suchten kon­ser­vative Medien und der damalige Unions-Kanz­ler­kan­didat Franz-Josef Strauß, die radikale Linke für den Anschlag ver­ant­wortlich zu machen.

Haben also die noch unbe­kannten Ver­ant­wort­lichen für die Anschläge ganz bewusst den Jah­restag des Münchner Anschlags gewählt, um das Sze­nario in Sachsen zu wie­der­holen? Warum spielten füh­rende säch­sische Poli­tiker so willig bei diesem Spiel mit, indem sie der auf Indy­media gepos­teten Fake-Meldung einer angeb­lichen Dresdner Antifa nicht sofort als Fäl­schung bezeich­neten?

Fest­stellen kann man: Für füh­rende säch­sische Uni­ons­po­li­tiker steht der Feind links und der fängt bereits bei der Amadeu Antonio Stiftung[6] an. Der säch­sische Uni­ons­ab­ge­ordnete Thomas Feist bezeichnet sie als »Plattform für Links­ra­dikale«[7] und will die För­derung über­prüfen lassen.

Feld­versuch zur Züch­tigung von Rechten in Sachsen

Zuvor hatte sich schon sein Par­tei­freund Alex­ander Krauss in der rechts­kon­ser­va­tiven Wochen­zeitung Junge Freiheit jeg­liche Belehrung durch die Antonio Amadeu Stiftung ver­beten[8]. Damit reagierte er auf die Stif­tungs­vor­sit­zende Anetta Kahane, die erklärt hatte:

Wenn man mal einen Feld­versuch machen will, wie man Nazis groß bekommt, dass die richtig machen können, was sie wollen, dann muss man sich Sachsen angucken.Anetta Kahane

Anetta Kahane

In jüngster Zeit unter­nimmt die säch­sische CDU gerade alles, um Kahane Recht zu geben. Pünktlich zum Ein­heits­fei­ertag legt sie gemeinsam mit der baye­ri­schen CSU ein Leit­li­ni­en­papier vor, das für »Patrio­tismus und Hei­mat­liebe« und den Aufbau starker « natio­naler und regio­naler Iden­ti­täten« plä­diert und den Anspruch erhebt, »wer­te­ori­en­tierter Patrio­tismus darf nicht den Fal­schen über­lassen werden«.

Mit den Fal­schen sind wohl Pegida und AfD gemeint, mit denen CSU und säch­sische CDU darüber streiten wollen, wer am besten deutsche Werte ver­tritt. Gehört die säch­sische CDU-Abge­ordnete Bettina Kudla[9] nach Ansicht der Ver­fasser des Leit­li­ni­en­pa­piers schon zu den Fal­schen? Oder hat sie mit ihrer Tweet­warnung vor einer »Umvolkung Deutsch­lands« nur dazu bei­getragen, dass solche Äuße­rungen nicht die Fal­schen ver­wenden?

Schließlich haben ja auch füh­rende CSU-Poli­tiker in der Ver­gan­genheit solche inkri­mi­nierten Begriffe ver­wendet, ohne einen Kar­rie­re­knick zu erleiden. Auch Kudla kann weiter »vollen Einsatz für Leipzig« zeigen, wie sie es auf ihrer Homepage androht. Ihr Tweet hat keine Folgen[10].

Anders als in der Causa Martin Hohmann, wo das Merkel-Lager in der CDU noch stark genug war, den Rechts­kon­ser­va­tiven nach einer anti­se­mi­ti­schen Rede aus der Partei zu werfen – heute macht er übrigens Kom­mu­nal­po­litik für die AfD[11] -, kann und will man sich im Fall Kudla nicht gegen die säch­sische Union stellen.

Denn die Abge­ordnete mag sich im Ton ver­griffen haben, in der Sache dürfte ein großer Teil der CDU-Basis mit ihr über­ein­stimmen. Zudem hätte Kudla ja schnell bei der AfD andocken können und so der Partei ein erstes Bun­des­tags­mandat bescheren können.

In Sachsen wäre es ein Tabu, mit Pegida und AfD nicht zu reden

Zur »Ord­nungs­zelle Sachsen« gehört auch eine Strömung der Grünen, die bereits seit 1989 nach rechts weit offen war. Ihr gehört die ehe­malige säch­sische Grü­nen­po­li­ti­kerin Antje Her­menau[12] an, die immer mit der Union koope­rieren wollte. Seit es Pegida gibt, tritt sie als Schutz­pa­tronin der angeblich besorgen Bürger auf.

Daher ist es auch nicht ver­wun­derlich, dass sie jetzt auf AfD-Ver­an­stal­tungen ihr Buch »Die Zukunft wird anders« vor­stellt. Gerüchte, sie sei bereits der AfD bei­getreten, weist sie zurück Die Annä­herung muss lang­samer laufen. Die sich selbst als Netz­wer­kerin ver­ste­hende Her­menau reiste von Dresden gleich nach Ungarn, dem Vorbild für eine rechte Macht­über­nahme in Europa im 21.Jahrhundert.

Zustimmung fand sie dabei beim Taz-Kom­men­tator Peter Unfried[13], der wöchentlich dafür wirkt, dass die Grünen endlich in Deutschland ankommen sollen, was sie bereits seit mehr als 25 Jahren getan haben. In Wirk­lichkeit meint er damit, sie sollen nach rechts offener werden.

Bisher warb er uner­müdlich für das Modell Kret­schmann, doch dafür fehlen in Ost­deutschland die Grund­lagen. Daher bezeichnet er Antje Her­menau als angeb­liche Tabu­bre­cherin, die mit der AfD spricht und ihr vor allem zuhört. Nur wird in Sachsen mit der AfD und Pegida geredet und zugehört, seit es sie gibt.

Die Zen­trale für poli­tische Bildung lud sie sogar in ihr Büro[14]. Auch ist der Poli­to­lo­gie­pro­fessor Werner Patzelt längst vom Pegida-Erklärer zum Pegida-Ver­steher mutiert: In Sachsen ist es kein Tabu, mit Pegida und AfD zu reden, das Tabu ist vielmehr, sie ganz klar zu bekämpfen.

Die säch­sische Linke und ihr natio­naler Flügel: »Aus­gren­zender Anti­fa­schismus ist nicht hilf­reich«

Die säch­sische Links­partei hat das Glück, dass sich ihr natio­naler Flügel schon in den 1990 Jahren in der PDS des­avouiert hat. Die damalige Dresdner Vor­sit­zende Christine Ost­rowski und ihr Umfeld hatten keine Pro­bleme, mit Neo­nazis zu reden, was heftige Kritik innerhalb der Partei aus­löste. Doch ihr Aus­tritt erfolgte, weil sie auch noch vehement für den Verkauf von kom­mu­nalen Woh­nungen in Dresden ein­traten und sich dafür auch durch Par­tei­be­schlüsse nicht beirren ließen.

Nach einem Inter­mezzo bei der FDP geriert sich Ost­rowski nun als beken­nende AfD-Wäh­lerin[15] und Merkel-Kri­ti­kerin. Einer von Ost­rowskis Mit­ar­beitern war Jens Lorek[16], der bei Pegida-Ver­an­stal­tungen auf­tritt[17] und sich zu den Baut­zener Wut­bürgern gesellte[18].

»Aus­gren­zender Anti­fa­schismus ist nicht hilf­reich« erklärte die damalige PDS-Poli­ti­kerin Ost­rowski bereits 1992[19], als sie wegen ihres Dialogs mit einem Neonazi kri­ti­siert wurde. Sie und ihr Umfeld sind sich also treu geblieben.

Einige sind Tabu­brecher und Erin­nerung an die Opfer rechter Gewalt

Das Credo vom aus­gren­zenden Anti­fa­schismus, der das eigent­liche Problem sei, gehört in der Ord­nungs­zelle Sachsen mitt­ler­weile fast zum All­ge­meingut. Dem ver­weigern sich einige linke Gruppen[20] und ein kleiner Teil der Zivil­ge­sell­schaft, die tat­sächlich ein Tabu brechen.

Sie reden nicht mit der AfD und Pegida. Sie benennen am deut­schen Ein­heitstag die Opfer einer rechten Politik. Dazu gehört auch die Aus­stellung Bau­stelle Europa im Kunsthaus Dresden[21]. Dort hat der in Berlin lebende Künstler Thomas Kilpper[22] mehrere Koh­le­zeich­nungen aus­ge­stellt, die Tatorte dar­stellen, an denen in den letzten 18 Monate ras­sis­tische Anschläge verübt wurden.

Ca. 300 Meter ent­fernt auf dem Jorge-Gomondai-Platz hat Thomas Kilpper die Instal­lation Ein Leuchtturm für Lam­pedusa[23] auf­ge­stellt, die sich dem Thema Flucht, Ver­treibung und Wider­stand widmet. Benannt ist der Ort nach dem ersten ras­sis­ti­schen Todes­opfer nach der Wie­der­ver­ei­nigung in Dresden. Der Ver­trags­ar­beiter aus Mosambik wurde an diesem Ort am 6. April 1991 erschlagen. Am 1. Juli 2009 wurde die in Ägypten geborene Phar­ma­zeutin Marwa El-Sherbine im Gerichtssaal erstochen, wo sie den Täter wegen ras­sis­ti­scher Belei­di­gungen ver­klagt hatte[24].

Die neuen Anschläge in Dresden sind nur die weitere Begleit­musik zum Deut­schen Ein­heits­fei­ertag. Manche werden daher in Dresden am 3.Oktober ein Tabu brechen und diesen Deut­schen Opfern gedenken und gegen die »Ord­nungs­zelle Sachsen« demons­trieren[25].

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9​5​7​7​/​2​.html

Peter Nowak

Anhang

Links

[0]

https://​commons​.wiki​media​.org/​w​i​k​i​/​D​r​e​s​d​e​n​#​/​m​e​d​i​a​/​F​i​l​e​:​C​a​n​a​l​e​t​t​o​_​-​_​D​r​e​s​d​e​n​_​s​e​e​n​_​f​r​o​m​_​t​h​e​_​R​i​g​h​t​_​B​a​n​k​_​o​f​_​t​h​e​_​E​l​b​e​,​_​b​e​n​e​a​t​h​_​t​h​e​_​A​u​g​u​s​t​s​_​B​r​i​d​g​e​_​-​_​G​o​o​g​l​e​_​A​r​t​_​P​r​o​j​e​c​t.jpg

[1]

https://​www​.tag​-der​-deut​schen​-einheit​.sachsen​.de/

[2]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9530/

[3]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9542/

[4]

http://​story​.br​.de/​o​k​t​o​b​e​r​f​e​s​t​-​a​t​t​e​ntat/

[5]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​3​/​3​3015/

[6]

https://​www​.amadeu​-antonio​-stiftung​.de/

[7]

http://​www​.mdr​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​p​o​l​i​t​i​k​/​r​e​g​i​o​n​a​l​/​a​m​a​d​e​u​-​a​n​t​o​n​i​o​-​s​t​i​f​t​u​n​g​-​1​0​2​.html

[8]

https://​jun​ge​freiheit​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​/​2​0​1​6​/​c​d​u​-​p​o​l​i​t​i​k​e​r​-​k​r​a​u​s​s​-​s​a​c​h​s​e​n​-​b​r​a​u​c​h​t​-​k​e​i​n​e​-​b​e​l​e​h​r​ungen

[9]

http://​www​.bet​ti​n​a​kudla​.de/

[10]

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016–09/bettina-kudla-tweet-cdu-michael-grosse-broemer-gespraech

[11]

http://​www​.hagalil​.com/​2​0​1​6​/​0​7​/​h​o​hmann

[12]

http://​antje​-her​menau​.de

[13]

http://​www​.taz​.de/​!​5​3​40021

[14]

http://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​n​a​c​h​-​p​e​g​i​d​a​-​p​r​e​s​s​e​k​o​n​f​e​r​e​n​z​-​l​a​n​d​e​s​z​e​n​t​r​a​l​e​-​f​u​e​r​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​b​i​l​d​u​n​g​-​s​a​c​h​s​e​n​-​u​n​t​e​r​-​d​r​u​c​k​/​1​1​2​5​4​1​2​8​.html

[15]

https://www.sachsen-depesche.de/regional/christine-ostrowski-ehem-pds,-linke-bekennt-%E2%80%9Enun-w%C3%A4hle-ich-afd%E2%80%9C.html

[16]

http://​www​.taz​.de/​!​5​0​12088

[17]

http://​kon​trageil​.de/​a​l​l​t​a​g​/​j​e​n​s​-​l​o​r​e​k​-​d​e​r​-​n​e​u​e​-​s​h​o​o​t​i​n​g​s​t​a​r​-​d​e​r​-​p​e​g​i​d​a​-​c​o​m​e​d​y​t​ruppe

[18]

http://​www​.bild​.de/​r​e​g​i​o​n​a​l​/​d​r​e​s​d​e​n​/​f​r​e​m​d​e​n​f​e​i​n​d​l​i​c​h​k​e​i​t​/​s​o​-​h​a​t​-​d​i​e​-​p​o​l​i​z​e​i​-​b​a​u​t​z​e​n​-​e​n​t​s​c​h​a​e​r​f​t​-​4​7​8​8​5​6​3​0​.​b​i​l​d​.html

[19]

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​0​0​/​5​1​/​2​6​5​6​6​.html

[20]

https://​natio​na​lis​mu​sist​kei​ne​al​ter​native​.net/​3​-​o​k​t​o​b​e​r​-​2​0​1​6​-​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-​e​i​n​h​e​i​t​s​f​e​i​e​r​-​i​n​-​d​r​esden

[21]

http://​kunst​haus​dresden​.de

[22]

http://​www​.kilpper​-pro​jects​.net/blog

[23]

http://​www​.kilpper​-pro​jects​.net/​b​l​o​g​/​?p=53

[24]

http://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​f​u​e​n​f​-​j​a​h​r​e​-​n​a​c​h​-​d​e​m​-​m​o​r​d​-​g​e​d​e​n​k​e​n​-​a​n​-​m​a​r​w​a​-​e​l​-​s​h​e​r​b​i​n​i​/​1​0​1​2​7​9​6​8​.html

[25]

https://​natio​na​lis​mu​sist​kei​ne​al​ter​native​.net/​3​-​o​k​t​o​b​e​r​-​2​0​1​6​-​g​e​g​e​n​-​d​i​e​-​e​i​n​h​e​i​t​s​f​e​i​e​r​-​i​n​-​d​r​esden

Brennender Rassismus

Nicht nur in Tröglitz gab es in den letzten Tagen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte

Das Städtchen Tröglitz und sein ehe­ma­liger Bür­ger­meister Markus Nierth wurden Anfang März 2015 bun­desweit bekannt. Der Orts­bür­ger­meister hatte seinen Rück­tritt erklärt [1], weil er von der NPD und einem Teil der Dorf­be­wohner heftig atta­ckiert worden war, nachdem er für den geplanten Zuzug von Geflüch­teten in den Ort eintrat. Auch nach seinem Rück­tritt hatte Nierth einen Großteil der Bevöl­kerung in dem Ort ver­teidigt [2] und betont, dass sie von der NPD instru­men­ta­li­siert worden seien.

Ein Mit­glied der anti­ras­sis­ti­schen Initiative »Halle gegen Rechts« [3] bestä­tigte [4] im Interview mit der Jungle World, dass NPD-Funk­tionäre an der Hetze gegen den zurück­ge­tre­tenen Bür­ger­meister beteiligt waren. Doch das sei nur möglich, weil ein Teil der Orts­be­wohner deren ras­sis­tische Denk­weise teile. Das zeigte sich auch nach dem Rück­tritt von Nierth. Während dieser bun­desweit als Kapi­tu­lation vor einem rechten Mob auf­ge­fasst wurde, betonten Ein­wohner von Tröglitz, sie seien weiter gegen den Zuzug von Geflüch­teten.

In der letzten Nacht fühlten sich bei einer solchen Stimmung einige berufen, diese For­derung umzu­setzen. In der Nacht zum Samstag brannte das für die Geflüch­teten vor­ge­sehene Gebäude aus. Die Polizei Sachsen-Halle-Süd geht von einer vor­sätz­lichen schweren Brand­stiftung [5]aus, auch ein ver­suchter Tötungs­delikt könne nicht aus­ge­schlossen werden. Bisher Unbe­kannte seien in das Gebäude ein­ge­brochen und hätten in meh­reren Stellen Feuer gelegt. Dabei seien mit hoher Wahr­schein­lichkeit auch Brand­be­schleu­niger zum Einsatz gekommen. Vor allem das Dach sei durch das Feuer stark beschädigt worden.

Wenn es in der Pres­se­mit­teilung der Polizei auch heißt, ein Motiv sei bisher unbe­kannt, sehen auch kon­ser­vative Medien [6] einen Zusam­menhang zwi­schen der ras­sis­ti­schen Mobi­li­sierung vor Ort und dem Brand. Der Anschlag von Tröglitz hat durch die Berichte über die ras­sis­tische Mobi­li­sierung nach dem Rück­tritt des Bür­ger­meisters natürlich ein besonders großes Interesse gefunden. Doch ein Ein­zelfall ist es nicht.

Auch Brandanschlag auf Flüchtlingseinrichtung in Kreuzberg

Nicht in einem kleinen Ort in der Provinz, sondern mitten in Berlin-Kreuzberg, wurde vor einigen Tagen ein Brand­an­schlag [7]auf einen Treff­punkt der Flücht­lings­be­wegung verübt (). Die Kunst­in­stal­lation Haus der 28 Türen [8] brannte [9] völlig aus.

Die Instal­lation war von den Künstlern den Men­schen gewidmet worden, die auf der Suche nach einem men­schen­wür­digen Leben an den Außen­grenzen Europas ums Leben kommen. Es diente den Geflüch­teten als Treff­punkt, nachdem ihr Camp am Ora­ni­en­platz geräumt worden war. Geflüchtete machten vor einigen Tagen auf einer Pres­se­kon­ferenz am Ort des Brand­an­schlags darauf auf­merksam, dass sie in den letzten Jahren mitten in Kreuzberg häu­figer Ziel solcher Attacken waren. »Es ist nur einer von zahl­reichen Angriffen gegen unseren Protest: Im August 2014 wurde unser großes Ver­samm­lungszelt ver­brannt, mehrmals wurden Tische und andere Mate­rialien unseres Info­punktes zer­stört und auch phy­sische Angriffe auf Refugee-Akti­visten kamen bereits vor«, berich­teten sie.

Mit den Angriffen auf den Ora­ni­en­platz soll eine Bewegung getroffen werden, die sich in den letzten Jahren gegen staat­liche Repres­si­ons­ver­suche behauptet hat. Denn während in Orten wie Tröglitz kein Geflüch­teter frei­willig gehen würde, wurde das Refugee-Camp am Ora­ni­en­platz zum Anzie­hungs­punkt vieler Geflüch­teter. Dabei kann das Leben und vor allem Über­leben in den öffent­lichen Zelten kei­neswegs roman­ti­siert werden. Die Räumung war nur möglich, weil ein Teil der Geflüch­teten zer­mürbt war, für motiv­su­chende Tou­risten und Aktiv­bürger auf dem Prä­sen­tier­teller zu leben. Aber der Ora­ni­en­platz als Ort des Wider­stands, der er auch nach der Räumung des Camps blieb, ist eben manchen ein Dorn im Auge, wie die Anschläge zeigen.

Die Geflüch­teten haben erklärt, sie wollen auch nach dem Brand­an­schlag ihren Protest fort­setzen und über­legen, ob eine neue Instal­lation dort errichtet werden soll. Viel­leicht kommt ja ein Projekt zum Zuge, dass der Ber­liner Künstler Thomas Kilpper [10] schon vor zwei Jahren vor­ge­schlagen hat. Er wollte einen Leuchtturm [11] auf dem Ora­ni­en­platz nach­bauen, der ein Symbol für einen Will­kom­mensgruß für Geflüchtete und auch ein guter Treff­punkt wäre.

Rechte bedrohen Flüchtlingsunterstützer

Die Nach­richt vom abge­brannten Flücht­lings­treff­punkt am Ora­ni­en­platz wurde zustimmend bei einer rechten Kund­ge­bungam Don­ners­tag­abend in Marzahn mit Scha­den­freude kom­men­tiert. Dazu hat­ten­be­kannte rechte Akti­visten aus Marzahn auf­ge­rufen. Zuvor hatten sie bei einer Ver­an­staltung zur Ein­richtung einer Unter­kunft für Geflüchtete in dem Stadtteil ver­sammelt und nach Angaben [12] von Augen­zeugen Teil­nehmer bedrängt und bedroht.

Auf der fast zwei­stün­digen Kund­gebung auf der Mar­zahner Pro­menade blieben die Rechten weit­gehend unter sich. Doch ihre Aufrufe gegen die Unter­kunft für Geflüchtete dürfte von mehr Bewohnern des Stadt­teils geteilt werden. In den letzten Wochen haben die Rechten in dem Stadtteil massiv Präsenz [13] gezeigt.

Bisher wurde oft argu­men­tiert, dass die Auf­märsche gegen Geflüchtete in diesen Wochen das Her­aus­bilden einer rechten Zivil­ge­sell­schaft bedeute, anders als Anfang der 90er Jahre sei es nicht zu pogrom­ar­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen gegen Geflüchtete gekommen. Aber nicht erst die jüngsten Brand­an­schläge zeigen, dass die War­nungen von Anti­ras­sis­mus­gruppen [14] berechtigt sind. Diese Auf­märsche schaffen ein Klima, in dem Anschläge gegen Geflüchtete zunehmen – in Kreuzberg ebenso wie in Tröglitz.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​B​r​e​n​n​e​n​d​e​r​-​R​a​s​s​i​s​m​u​s​-​2​5​9​5​9​4​6​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

http://​www​.mz​-web​.de/​t​h​e​m​e​n​/​o​r​t​s​b​u​e​r​g​e​r​m​e​i​s​t​e​r​-​m​a​r​k​u​s​-​n​i​e​r​t​h​,​2​5​5​2​0​4​0​2​,​3​0​0​8​1​8​9​6​.html

[2]

http://​www​.heute​.de/​z​u​r​u​e​c​k​g​e​t​r​e​t​e​n​e​r​-​b​u​e​r​g​e​r​m​e​i​s​t​e​r​-​i​m​-​z​d​f​-​t​r​o​e​g​l​i​t​z​-​i​s​t​-​n​i​c​h​t​-​r​e​c​h​t​s​e​x​t​r​e​m​-​3​7​5​2​2​1​0​8​.html

[3]

http://​www​.halle​-gegen​-rechts​.de/

[4]

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​1​2​/​5​1​6​5​2​.html

[5]

http://​www​.presse​.sachsen​-anhalt​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​m​d​=​g​e​t​&​i​d​=​8​7​0​5​5​5​&​i​d​e​n​t​i​f​i​e​r​=​7​9​4​a​2​5​5​7​2​3​0​7​c​a​0​9​6​8​3​3​e​9​5​b​8​d​8​c96b8

[6]

http://​www​.focus​.de/​p​a​n​o​r​a​m​a​/​w​e​l​t​/​b​r​a​n​d​-​i​n​-​g​e​p​l​a​n​t​e​r​-​a​s​y​l​b​e​w​e​r​b​e​r​u​n​t​e​r​k​u​n​f​t​-​b​u​e​r​g​e​r​m​e​i​s​t​e​r​-​v​e​r​t​r​i​e​b​e​n​-​z​u​e​n​d​e​t​e​n​-​b​e​o​n​a​z​i​s​-​j​e​t​z​t​-​d​a​s​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​h​e​i​m​-​a​n​_​i​d​_​4​5​9​0​7​3​2​.html

[7]

http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2015/03/fluechtlings-kunstprojekt–28-tueren–niedergebrannt.html

[8]

http://​www​.28doors​.eu/

[9]

http://​www​.kub​-berlin​.org/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​d​e​/​3​7​-​s​t​a​r​t​s​e​i​t​e​/​5​2​7​-​d​i​e​-​k​u​n​s​t​i​n​s​t​a​l​l​a​t​i​o​n​-​d​a​s​-​h​a​u​s​-​d​e​r​-​2​8​-​t​u​e​r​e​n​-​a​u​f​-​d​e​m​-​o​r​a​n​i​e​n​p​l​a​t​z​-​i​n​-​k​r​e​u​z​b​e​r​g​-​d​i​e​-​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​s​c​h​i​c​k​s​a​l​e​-​t​h​e​m​a​t​i​s​i​e​r​t​-​i​s​t​-​n​i​e​d​e​r​g​e​b​r​a​n​n​t​-​w​o​r​d​e​n​-​d​i​e​-​p​o​l​i​z​e​i​-​s​p​r​i​c​h​t​-​v​o​n​-​b​r​a​n​d​s​t​i​ftung

[10]

http://​www​.kilpper​-pro​jects​.net/​b​l​o​g​/​?​cat=3

[11]

http://www.3sat.de/page/?source=%2Fkulturzeit%2Fthemen%2F133436%2Findex.html

[12]

http://​www​.asta​.asfh​-berlin​.de/​d​e​/​A​n​t​i​R​a​F​a​-​R​e​f​e​r​a​t​/​p​m​-​i​n​f​o​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​-​z​u​-​c​o​n​t​a​i​n​e​r​n​-​f​u​e​r​-​a​s​y​l​s​u​c​h​e​n​d​e​-​n​a​z​i​s​-​d​r​o​h​e​n​-​m​a​s​s​i​v​.html

[13]

http://​gemeinsam​-gegen​-ras​sismus​.net/​c​h​r​o​n​i​k​-​m​a​rzahn

[14] https://www.amadeu-antonio-stift

Occupy Karlsruhe

Zentrum für Kunst und Medien zeigt Ausstellung über Protestbewegungen in aller Welt

Noch bis Ende März sind im ZKM in Karlsruhe vor allem Video­do­ku­men­ta­tionen zu sehen, die Pro­test­ak­tionen aus der ganzen Welt zeigen. Dar­unter ist auch ein Film über Lam­pedusa-Flücht­linge.

Das Foto des Stutt­garter Rentners Dietrich Wagner, der durch einen Was­ser­wer­fer­einsatz bei einer Demons­tration gegen Stuttgart 21 sein Augen­licht ver­loren hat, wurde zum Symbol für einen Staat, der bei der Durch­setzung seiner Pro­jekte keine Rück­sichten kennt. Im Karls­ruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) bleiben viele Besucher besonders lang vor dem Foto stehen, auf dem Wagner blind mit blu­tenden Augen zu sehen ist und von zwei Helfern gestützt wird. Viel­leicht, weil es eines der wenigen Zeug­nisse der deut­schen Pro­test­be­wegung in der umfang­reichen Aus­stellung »global activism« ist, die noch bis zum 30. März im Erd­ge­schoss des ZKM zu sehen ist. Kura­tiert wurde sie vom Muse­ums­di­rektor Peter Weibel.

Schon zu Beginn über­wältigt die Fülle der aus­ge­stellten Mate­rialien: In einem Video spricht der US-Lin­guist und lang­jährige Aktivist Noam Chomsky kri­tisch über die Außen­po­litik der USA. Eine Doku­men­tation infor­miert über die Pro­teste gegen Ver­ge­wal­ti­gungen von Frauen in Indien. Wer alle in der Aus­stellung prä­sen­tierten Video­ar­beiten sehen will, müsste dort mehrere Tage ver­bringen. Nicht nur die Fülle an Videos macht die Aus­stellung in Karlsruhe zu einem guten Spie­gelbild der Pro­test­be­we­gungen der letzten Jahre, bei denen Handys und Video­ka­meras zu den wich­tigsten Requi­siten gehörten. In der Aus­stellung findet man tat­sächlich Szenen von fast allen Pro­testen der ver­gan­genen Jahre rund um die Welt. Vom ägyp­ti­schen Tahrir-Platz über die Occupy-Camps in den USA bis zu den jüngsten Pro­testen in der Ukraine wird kaum etwas aus­ge­lassen.

Wer Videos von den Gezipark-Pro­testen ansehen will, muss sich tief bücken. In Zelten sind kleine Laptops auf­ge­stellt, auf denen in einer End­los­schleife Szenen vom Pro­testalltag laufen. Ist die Doku­men­tation der Pro­teste schon allein Kunst? Ange­sichts der Über­fülle des Video­ma­te­rials fällt es oft schwer, die künst­le­risch bemer­kens­werten Posi­tionen zu finden. »Ein Leuchtturm für Lam­pedusa« des Ber­liner Künstlers Thomas Kilpper gehört auf jeden Fall dazu: Die Doku­men­tation zeigt das Leben von Geflüch­teten auf der ita­lie­ni­schen Mit­tel­meer­insel. Sie sprechen über ihre Erleb­nisse bei der Über­fahrt und trauern um die Freunde und Ver­wandten, die dabei gestorben sind. Mit seinem Leuchtturm will Kilpper ein Kunstwerk sym­bo­li­sieren, das Leben retten kann. Der bri­tische Künstler Mark Wal­linger hat das Pro­testcamp des ver­stor­benen Frie­dens­ak­ti­visten Brian Haw ins ZKM geholt. Haw hatte in dem Camp seit Beginn des Irak­krieges bei jedem Wetter mehrere Jahre in der Nähe des bri­ti­schen Regie­rungs­sitzes aus­ge­harrt. Auch der Zaun, der die Bau­stelle rund um den Stutt­garter Bahnhof (S21) begrenzte, hat es mit einer Vielzahl von Zetteln und Anmer­kungen von Pas­santen ins Museum geschafft.

Man braucht Zeit für die Aus­stellung, und man wird in der Fülle inter­es­sante Ent­de­ckungen machen. Auch ein Besuch der ersten Etage des ZKM lohnt sich: Dort hängen Fotos des Ber­liner Foto­grafen Julian Röder, der seit vielen Jahren inter­na­tionale Pro­teste künst­le­risch begleitet.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​2​5​2​8​8​.​o​c​c​u​p​y​-​k​a​r​l​s​r​u​h​e​.html

Peter Nowak

Bis 30. März, ZKM Karlsruhe, Mi-Fr 10–18 Uhr, Sa-So 11–18 Uhr. www​.global​-activism​.de/​e​x​h​i​b​i​t​i​o​n​-​a​u​s​s​t​e​llung

Leben und Sterben auf Lampedusa

Links

[1]

http://​www​.sued​deutsche​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​f​l​u​e​c​h​t​l​i​n​g​s​k​a​t​a​s​t​r​o​p​h​e​-​v​o​r​-​l​a​m​p​e​d​u​s​a​-​h​a​r​t​e​-​f​r​a​g​e​n​-​a​n​-​d​i​e​-​n​a​t​o​-​1​.​1​1​28734

[2]

http://​www​.cen​tro​bal​ducci​.org/​e​a​s​y​n​e​2​/​L​Y​T​.​a​s​p​x​?​C​o​d​e​=​B​A​L​D​&​I​D​L​Y​T​=​3​5​9​&​S​T​=​S​Q​L​&​S​Q​L​=​I​D​_​D​o​c​u​m​e​n​t​o​=1454

[3]

http://​vmv​.ch/​j​o​o​m​l​a​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​o​p​t​i​o​n​=​c​o​m​_​c​o​n​t​e​n​t​&​t​a​s​k​=​v​i​e​w​&​i​d​=​7​4​6​&​I​t​e​m​id=42

[4]

http://​lam​pedusa​-in​-hamburg​.tk

[5]

http://www.art-magazin.de/div/heftarchiv/2012/2/EGOWTEGWPOWPWPOGSOPOTACS/%22Die-Wirklichkeit-ist-manchmal-st%E4rker-als-die-Kunst%22

[6]

http://​www​.isaa​c​julien​.com/home

[7]

http://​www​.isaa​c​julien​.com/​m​e​d​i​a​d​e​t​a​i​l​.​p​h​p​?​p​r​o​j​e​c​t​=​2​7​&​t​y​p​e​=​i​mages

[8]

http://​www​.vill​aromana​.org/​f​r​o​n​t​_​c​o​n​t​e​n​t​.​p​h​p​?​i​d​a​r​t=174

[9]

http://​www​.kilpper​-pro​jects​.de/​blog/

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​55071