Im Schatten der Bretterbude

Die Bakun­in­hütte in Thü­ringen war einst Treff­punkt der liber­tären Bewegung. Nun wird der wech­sel­vollen Geschichte des Gebäudes eine Aus­stellung gewidmet.

Wer rastet, der rostet«, lautet das Motto von Rudolf Dressel, der noch mit 95 Jahren in seiner Old­timer-Werk­statt in Berlin-Zehlendorf arbeitet. Dem Senior des Fami­li­en­be­triebes würde auf den ersten Blick wohl niemand Sym­pa­thien mit anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schem Gedan­kengut unter­stellen. Und doch ließ es sich Dressel nicht nehmen, am 17. Mai zu einer beson­deren Wan­der­hütte zu fahren, die knapp fünf Kilo­meter ent­fernt von Mei­nigen liegt, einem kleinen Städtchen in Thü­ringen: die Bakun­in­hütte.

Dressel war ein­ge­laden worden, bei der Eröffnung der Dop­pel­aus­stellung »Mei­ningen und seine Anar­chisten« zu sprechen, die bis zum 27. Sep­tember im Mei­ninger Schloss Eli­sa­be­thenburg zu sehen sein wird. Während im ersten Raum Exponate zum Leben Erich Mühsams zu finden sind, die bereits in meh­reren deut­schen und israe­li­schen Städten zu sehen waren, ist die zweite Aus­stellung der kurzen Geschichte der Bakun­in­hütte gewidmet. Für Dressel beginnt hier eine Reise zurück in seine Kindheit.

Zusammen mit seiner Familie ver­brachte Dressel in den zwan­ziger Jahren viel Zeit in dieser Gegend. »Hier stand das Karussell«, sagt Dressel und zeigt auf eine leere Stelle vor der Hütte. Das Karussell lockte damals viele Jun­gend­liche aus Süd­thü­ringen zur Bakun­in­hütte, die seit Mitte der zwan­ziger Jahre nicht nur ein Treff­punkt der syn­di­ka­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Bewegung Thü­ringens und Hessens war. Sie war auch ein Ort, um sich über die Theorie und Praxis von Anar­chismus, Syn­di­ka­lismus und Räte­kom­mu­nismus zu infor­mieren. Zu den Refe­renten, die aus Deutschland und den Nach­bar­ländern ange­reist kamen, gehörten auch Augustin Souchy und Erich Mühsam. Am 9. Februar 1930 schrieb Mühsam an seine Frau Zenzl: »Diese Hütte haben die Genossen gebaut, 600 Meter hoch, mitten in den schönsten Wald.«

Obwohl das anar­chis­tische Hüt­ten­leben nach der ersten Razzia im März 1933 für beendet erklärt wurde, scheint sich die libertäre Szene dort wei­terhin getroffen zu haben. »Ist Ihnen bekannt, dass die Kom­mu­nisten und Syn­di­ka­listen wieder ihr Unwesen auf der soge­nannten Siedlung treiben? Wenn nicht, möchten wir Sie als Natio­nal­ge­sinnte darauf hin­weisen, denn wir fühlen es als unsere Pflicht, sie nicht wieder hoch kommen zu lassen.« Der Denun­zi­an­ten­brief an die NSDAP war mit dem Satz »Einer, der die Sache genau beob­achtet« unter­schrieben. Der Autor lamen­tierte, dass »nationale Gast­wirte aufs schwerste geschädigt würden«, wenn man den Linken gestatte, auf der Hütte Getränke zu ver­kaufen. Im Mai 1933 wurde das Verbot end­gültig durch­ge­setzt, die Nazis nahmen die Hütte in Beschlag und Anar­chisten, die weiter aktiv für ihre Über­zeu­gungen ein­traten, mussten um ihr Leben fürchten.

Die Geschichte der Bakun­in­hütte geriet über die Jahre in Ver­ges­senheit. Wer sich über­haupt noch erinnern konnte, dachte an die »Paga­ni­ni­hütte«, wie sie in den sech­ziger und sieb­ziger Jahren von den älteren Bewohnern der Region genannt wurde, die selbst noch dort oben an Frei­zeit­ver­gnü­gungen teil­ge­nommen hatten. Ob die Namens­än­derung auf einem Hör­fehler beruhte oder der ita­lie­nische Kom­ponist poli­tisch einfach weniger belastet war als der rus­sische Anar­chist, lässt sich heute nicht mehr klären.

Die wech­sel­hafte Geschichte der Hütte riss auch mit Gründung der DDR nicht ab. In den ersten Jahren wurde die Hütte als Freizeit- und Erho­lungsheim von der FDJ und ihr nahe­ste­henden Orga­ni­sa­tionen genutzt. Unter den Besu­chern befanden sich auch einige der Mit­be­gründer der Hütte aus den zwan­ziger Jahren, die mitt­ler­weile der SED bei­getreten waren. Später wurde das Gebäude zu einem Natur­schutzheim umfunk­tio­niert, in dem sich enga­gierte Öko­logen bereits in den späten sech­ziger Jahren mit den Gefahren des Kali­bergbaus aus­ein­an­der­setzten. Im letzten Jahr­zehnt vor der Wende wurde die gesamte Region um die Hütte zum Übungs­ge­lände der Polizei erklärt und für die Bewohner gesperrt.

Nach 1989 ent­deckten junge Leute in Mei­ningen und Umgebung, die sich gegen Nazis und Ras­sisten enga­gierten, den Anar­chismus neu. Sie grün­deten die Freie Union Revo­lu­tio­närer Anar­chisten (Fura), die für Kon­ser­vative in Süd­thüringen bald zum Inbe­griff des lokalen Links­ex­tre­mismus wurde. 2006 wurden einem Mei­ninger Kul­tur­zentrum die öffent­lichen Mittel gestrichen, weil dort auch die Fura eine Post­adresse hatte.

Als sich die jungen Anar­chisten für die Geschichte der Bakun­in­hütte zu inter­es­sieren begannen, sahen sich Ver­waltung und Politik unter Zug­zwang. 2009 erließ die Gemeinde ein abso­lutes Nut­zungs­verbot für das Gebäude. CDU-Poli­tiker wollten die Hütte sogar abreißen lassen. Die Hütte habe sich nicht zu einer Wall­fahrts­stelle ent­wi­ckeln sollen, erklärte Uwe Kirchner, der damalige Sprecher des Mei­ninger Land­ratsamts.

Dass sechs Jahre später vor dem Mei­ninger Schloss Eli­sa­be­thenburg eine Fahne mit der Auf­schrift »Mei­ningen und seine Anar­chisten« weht, wertet Kai Richarz auch als einen poli­ti­schen Erfolg. Er gehörte zu den Jugend­lichen aus Süd­thü­ringen, die sich im Kampf gegen Nazis poli­ti­siert hatten und sich in der Fura orga­ni­sierten. Seit Jahren setzt sich Richarz für den Erhalt der Bakun­in­hütte ein. Mitt­ler­weile stu­diert er in Berlin Geschichte und Phi­lo­sophie, doch das Thema treibt ihn immer noch um. Er forscht über die Geschichte des Anar­chismus und Syn­di­ka­lismus in Thü­ringen und wurde als Referent der Tagung »Erich Mühsam in Mei­ningen. Ein his­to­ri­scher Über­blick zum Anar­cho­syn­di­ka­lismus in Thü­ringen« ein­ge­laden, die vom 11. bis 13. Juni in Mei­ningen statt­finden soll.

Die Aus­stellung, deren Exponate aus dem Archiv der Mei­ninger Anar­cho­syn­di­ka­listen stammen, the­ma­ti­siert eine Fülle his­to­ri­scher Gege­ben­heiten. Einige Tafeln führen in die Geschichte der Jugend­be­wegung ein, die bald nach ihrer Ent­stehung in unter­schied­liche Flügel auf­split­terte. Manche wurden nach dem Ersten Welt­krieg Herolde der völ­ki­schen Bewegung, andere enga­gierten sich bei den Kom­mu­nisten oder Anar­chisten. Wie fließend die Über­gänge auch innerhalb der linken Strö­mungen waren, zeigt das Schicksal der damals in Mei­ningen lebenden, jüdi­schen Familie Aul, die in den zwan­ziger Jahren auch zu den regel­mä­ßigen Nutzern der Hütte zählte. In der Aus­stellung ist das Mit­gliedsbuch zu sehen, das Martin und Herbert Aul als Kämpfer der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Kolonne Durutti aus­weist. Während Herbert Aul 1944 von der SS in Paris erschossen wurde, kehrte sein Bruder 1946 nach Mei­ningen zurück und machte in der SED Kar­riere. Ihre Mutter Bella Aul, die in den zwan­ziger Jahren von der SPD in die KPD gewechselt war und in der Wei­marer Republik als aktive und eman­zi­pierte Frau in Mei­ningen bekannt war, wurde in Auschwitz ermordet. Bis 1989 erin­nerte ein Stra­ßenname an sie. Und heute gibt es eine Initiative, die sich dafür ein­setzt, dass in Mei­ningen wieder eine Straße an die ver­folgten und ermor­deten jüdi­schen Linken der Stadt erinnert.

Die Dop­pel­aus­stellung »Sich fügen heißt lügen: Erich Mühsam, Anar­chisten in Mei­ningen und die Bakun­in­hütte« läuft noch bis 27. Sep­tember im Schloss Eli­sa­be­thenburg in Mei­ningen.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​2​2​/​5​2​0​4​9​.html

Peter Nowak

Die Spur führt zur Bakuninhütte

In Meiningen wird in einer Ausstellung an Erich Mühsam und den Anarchosyndikalismus in Thüringen erinnert

Fast stünde sie heute nicht mehr, die Bakun­in­hütte bei Mei­nigen in Thü­ringen. Doch jetzt gibt es sogar eine Aus­stellung, welche die Geschichte des frü­heren Anar­chisten-Treff­punkts beleuchtet.

»Mei­ningen und seine Anar­chisten«, so lautet die Auf­schrift auf einer Fahne, die bis zum 27.September vor dem Schloss Eli­sa­be­thenburg des thü­rin­gi­schen Städt­chens Mei­ningen hängt. Sie ver­weist auf eine Dop­pel­aus­stellung, die Mitte Mai in dem reprä­sen­ta­tiven Gebäude der Stadt eröffnet wurde. Ein Teil widmet sich dem Leben und Tod des anar­chis­ti­schen Schrift­stellers Erich Mühsam.

Die Schau wurde bereits in ver­schie­denen Städten Deutsch­lands sowie in Tel Aviv gezeigt. Sie gibt einen guten Über­blick über die Bio­grafie eines Mannes, der im Lübeck der Bud­den­brooks geboren wurde und 1901 aus der ihm von den Eltern zuge­dachten Rolle als ange­passter Bürger aus­brach. Mühsam wurde Publizist und kämpfte uner­müdlich gegen die mili­ta­ris­ti­schen, deutsch­na­tio­nalen Kreise in Deutschland. Über Mühsams Ermordung in natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Haft ist viel geschrieben wurde. Manche kennen auch noch sein Enga­gement in der baye­ri­schen Räte­re­publik, das ihm eine lange Haft­strafe und den Hass der deutsch­na­tio­nalen und kon­ser­va­tiven Kräfte ein­brachte. Nur wenige jedoch wissen, dass Mühsam in der Wei­marer Republik sehr viel gereist ist, um Initia­tiven von syn­di­ka­lis­ti­schen Gewerk­schaften und Frei­denkern zu unter­stützen.

Vie­lerorts hielt er Reden und ermu­tigte seine Zuhörer, sich für ihre eigenen Inter­essen zu orga­ni­sieren. Im Rahmen seiner vielen Reisen kam Mühsam auch ins thü­rin­gische Mei­nigen und besuchte die rund fünf Kilo­meter ent­fernte Bakun­in­hütte. Auf einer Post­karte an seine Frau Zenzl schrieb Mühsam am 9. Februar 1930: »Diese Hütte haben die Genossen gebaut« – 600 Meter hoch, mitten im schönsten Wald.

85 Jahre später steht die kleine Hütte, benannt nach dem rus­si­schen Anar­chisten Michail Bakunin (1814–1876), als Kul­tur­denkmal wieder im Mit­tel­punkt des Inter­esses in Süd­thü­ringen. Die Lokal­zeitung brachte kürzlich eine ganze Seite darüber, weitere Bei­träge sollen folgen. Dieses neue Interesse an der Hütte mit ihrer bewegten Geschichte ist ein beson­derer Erfolg für den Wan­der­verein Bakun­in­hütte. Seit 2006 hat der Verein dafür gekämpft, dass das ein­malige Zeugnis der syn­di­ka­lis­ti­schen und anar­chis­ti­schen Geschichte in Süd­thü­ringen über­haupt wieder der Öffent­lichkeit zugänglich wird. Dabei wurden den Ver­eins­mit­gliedern anfangs von Poli­tikern und Behörden viele Steine in den Weg gelegt. Noch 2009 erließ man ein abso­lutes Nut­zungs­verbot, CDU-Poli­tiker wollten das his­to­rische Gebäude sogar abreißen lassen. »Die Hütte habe sich nicht zu einer Wall­fahrts­stelle ent­wi­ckeln sollen«, erklärte der damalige Sprecher des Mei­ninger Land­ratsamts Uwe Kirchner im Jahr 2009.

Die Treffen von Liber­tären, Kom­mu­nisten, Gewerk­schaftern hoch über Mei­ningen waren schon Mitte der 1920er Jahre den Behörden suspekt. Das wird in der vom Wan­der­verein Bakun­in­hütte kon­zi­pierten Schau doku­men­tiert, die mit ihren zahl­reichen Tafeln eine wichtige Fund­grube ist.

Kai Richarz hat sich bereits als Jugend­licher für den Erhalt der Bakun­in­hütte ein­ge­setzt. Mitt­ler­weile stu­diert er in Berlin Geschichte und Phi­lo­sophie, doch das Thema hat ihn nicht los­ge­lassen. Er hat bereits Artikel zum Thema ver­öf­fent­licht. Richarz ist auch einer der Refe­renten der Fach­tagung »Erich Mühsam in Mei­ningen. Ein his­to­ri­scher Über­blick zum Anar­cho­syn­di­ka­lismus in Thü­ringen«, die vom 11. bis 13. Juni in Mei­ningen statt­finden wird. Es gibt also in der nächsten Zeit einige Gele­genheit, Mei­ningen und seine Anar­chisten in Ver­gan­genheit und Gegenwart ken­nen­zu­lernen.

Termine und weitere Infor­ma­tionen unter: www​.muehsam​-in​-mei​ningen​.de

Peter Nowak