Verbrechen: Gewerkschaftsgründung


Tau­sende Stu­die­rende in China pro­tes­tieren gemeinsam mit Mit­gliedern der Kom­mu­nis­ti­schen Partei gegen die Ver­haftung von Fabrik­ar­beitern

»Eine Gewerk­schaft zu gründen, ist kein Ver­brechen. Unter­stützt die Jasic-Arbeiter und ‑Arbei­te­rinnen«, ruft Shen Mengyu mit lauter Stimme. Um sie herum sieht man Polizist*innen, die aber nicht ein­greifen. Dafür applau­dieren einige Men­schen, die der Frau zuhören, und am Ende singen sie die Inter­na­tionale. Jasic ist eine Schweiß­ge­rä­te­fabrik in der süd­chi­ne­si­schen Son­der­wirt­schaftszone Shenzhen, in der Arbeiter mit aller Härte daran gehindert werden, eine Gewerk­schaft auf­zu­bauen.

Die Videos dieser Szene ver­brei­teten sich schnell über die sozialen Medien, und die junge Frau mit der Brille und den langen schwarzen Haaren wurde zum Symbol einer jungen Generation in China, die sich auch von der Polizei nicht ein­schüchtern lässt.

Doch am 11. August wurde Shen Mengyu von zwei Männern in Zivil in ein Auto gezerrt und ist seitdem ver­schwunden. Zunächst behauptete die Polizei, sie sei von ihrer Familie ent­führt worden. Doch diese Version ließ sich nicht mehr halten, nachdem bekannt wurde, dass die Frau von der Polizei fest­ge­halten wird. Wenige Tage später wurde ein wei­terer Unter­stützer der Jasic-Arbeiter*innen ent­führt. Er konnte aller­dings nach wenigen Tagen ent­kommen und ist nach Shenzhen zurück­ge­kehrt.

Die Fabrikarbeiter*innen wehren sich gegen ein Straf­system, das auch nach chi­ne­si­schen Stan­dards illegal ist. So wurde Lohn abge­zogen, wenn sie zu spät kamen, wenn sie Essen mit­brachten, wenn sie mit ihren Kolleg*innen sprachen oder wenn ihre Betriebs­uniform nicht voll­ständig war. Wegen dieser Kaser­nen­hof­me­thoden in der Fabrik wollten die Beschäf­tigten eine Gewerk­schaft gründen. Dabei beach­teten sie alle gesetz­lichen Rege­lungen für eine Gewerk­schafts­gründung in China. Dort sind Gewerk­schaften nur legal, wenn sie Teil des All­chi­ne­si­schen Gewerk­schafts­bundes (ACGB) sind.

Der Vize­prä­sident des Gewerk­schafts­dach­ver­bandes in Shenzhen war mit der Gewerk­schafts­gründung zunächst ein­ver­standen. Doch die Jasic-Manager*innen wollten das kei­nes­falls zulassen. Einige haben auch in der Pro­vinz­re­gierung Posten und nutzten ihren Ein­fluss. Im Juli wurden mehrere der Gewerkschaftsgründer*innen ent­lassen. Aber sie ließen sich davon nicht ein­schüchtern und kamen wei­terhin zur Arbeit. Der Sicher­heits­dienst ver­wehrte ihnen jedoch den Zutritt zur Fabrik, sodass es täglich Kund­ge­bungen vor den Toren gab. Ende Juli wurden schließlich 29 Men­schen, neben Arbeiter*innen auch Fami­li­en­an­ge­hörige und Unterstützer*innen, wegen Unru­he­stiftung ver­haftet. 14 von ihnen befinden sich noch immer im Gefängnis.

Die Repression mobi­li­sierte Tau­sende Stu­die­rende in ganz China. Kommiliton*innen von 16 Uni­ver­si­täten setzten ihren Namen unter einen Soli­da­ri­täts­appell. Hun­derte Stu­die­rende kamen nach Shenzhen, um die Beschäf­tigten vor Ort zu unter­stützen. Auf öffent­lichen Plätzen infor­mierten sie über die Aus­ein­an­der­setzung, kri­ti­sierten die Repression und riefen zur Soli­da­rität auf. Am Ende ihrer Kund­ge­bungen singen sie die Inter­na­tionale.

Die Unter­stützung wuchs. Auch einige ältere Mit­glieder der Kom­mu­nis­ti­schen Partei betei­ligten sich an den Pro­testen. Für sie steht der aktuelle Tur­bo­ka­pi­ta­lismus Chinas im Wider­spruch zu den mao­is­ti­schen Idealen. Doch zum Gesicht der Pro­teste wurde Shen Mengyu. Sie hat Mathe­matik und Inge­nieur­wis­sen­schaften stu­diert und ent­schied sich danach, als Fabrik­ar­bei­terin bei einem Auto­zu­lie­ferer anzu­fangen. Dort war sie wegen Gründung eines Arbeiter*innenkomitees ent­lassen worden. Ihre Ent­führung hat den Protest bislang nicht abschwächen können. Noch immer harren Hun­derte Stu­die­rende in Shenzhen aus. Sie wollen die Stadt nicht ver­lassen, bevor nicht Arbeiter*innen und Unterstützer*innen frei­ge­lassen sind.

Auch inter­na­tional wächst die Soli­da­rität. In Deutschland werden Jasic-Schweiß­geräte von dem Toch­ter­un­ter­nehmen Elkraft ver­trieben. Vor dessen Sitz bei Hamburg fand in dieser Woche eine Kund­gebung statt. Die Gewerk­schafts­plattform Labournet​.de hat einen Mus­ter­brief an die chi­ne­sische Bot­schaft ins Netz gestellt, der die Frei­lassung aller Jasic-Ver­haf­teten fordert. »Über ihre Orga­ni­sation und ihre Ver­tretung müssen Kol­le­ginnen und Kol­legen weltweit unab­hängig vom gesell­schaft­lichen System das Recht haben, selbst zu ent­scheiden«, heißt es darin.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​8​2​8​0​.​v​e​r​b​r​e​c​h​e​n​-​g​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​s​g​r​u​e​n​d​u​n​g​.html

Video über die Kämpfe der Jasic-Arbeiter*innen und ihre Unterstützer*innen:

https://de​.labournet​.tv/​j​a​s​i​c​-​a​r​b​e​i​t​e​r​i​n​n​e​n​-​k​a​e​m​p​f​e​n​-​f​u​e​r​-​e​i​n​e​-​e​c​h​t​e​-​g​e​w​e​r​k​s​chaft

Peter Nowak

Auf Labournet ist der Artikel ver­linkt:

http://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/nach-dem-ueberfall-der-chinesischen-polizei-auf-eine-unterstuetzungsgruppe-der-jasic-gewerkschafter-in-shenzhen-protestkundgebung-auch-in-berlin-vor-der-chinesischen-botschaft-am-28-august-2018–17/

Termin für die FAU-Ver­an­staltung:
»Der Kampf der Jasic-Arbei­te­rinnen und Arbeiter im chi­ne­si­schen Shenzen«. Info­ver­an­staltung zu den Ver­suchen, in der Schweiß­ge­rä­te­fabrik Jasic eine Gewerk­schaft auf­zu­bauen. Kol­le­ginnen und Kol­legen vom Online­archiv https://​de​.labournet​.tv berichten und zeigen Filme. Im Anschluss Dis­kussion über mög­liche Soli­da­ri­täts­ak­tionen. Mittwoch, 29.8., 19 Uhr, FAU-Gewerk­schafts­lokal, Grün­taler Str. 24, Berlin. Info: kurzlink​.de/​s​h​enzen