Im Bündnis gegen Bezos

Gewerk­schaft und Bewegung gegen Amazon und Springer

Am 24. April gaben einige hundert Amazon-Beschäftige aus Polen und Deutschland ihrem Boss Jeff Bezos vor dem Sprin­ger­hochhaus in Berlin ein klares Feedback. Während ihm dort der Springer Award für „beson­deres inno­va­tives Unter­neh­mertum“ ver­liehen wurde, pro­tes­tierten sie gegen Lohn­dumping, per­ma­nente Über­wa­chung am Arbeits­platz und Steu­er­flucht. Unüber­sehbar waren bei den Pro­testen die Trans­pa­rente des Bünd­nisses Make Amazon Pay (MAP). Dort haben sich außer­par­la­men­ta­rische Linke zusam­men­ge­schlossen, die den Kampf der Amazon-Beschäf­tigten unter­stützen. Erstmals an die Öffent­lichkeit trat es Ende November 2017 mit einer Akti­ons­woche rund um den »Black Friday«, der auch von Amazon als Schnäpp­chentag beworben wird. Bei der Aktion blieben die Akti­vis­tInnen aller­dings größ­ten­teils unter sich. Dass nun Amazon-Beschäf­tigte und das MAP-Bündnis gemeinsam vor dem Sprin­gerhaus pro­tes­tierten, setzte einen Lern­prozess auf beiden Seiten voraus. Denn in der Regel bleiben die DGB-Gewerk­schaften als die­je­nigen, die am besten in der Lage sind, Beschäf­tigte zu mobi­li­sieren, auf Distanz zu Unter­stüt­ze­rInnen aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken, die wie­derum eben­falls großen Wert auf Abstand vor allem zu den Spitzen der Gewerk­schaften legt, denen sie vor­wirft, die Beschäf­tigten in den Staat zu inte­grieren. Dass nun auf der Kund­gebung am 24. April der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske das breite Bündnis der Amazon-Soli­da­rität wür­digte und dafür auch von Akti­vis­tInnen aus dem MAP-Spektrum Applaus bekam, ist daher durchaus bemer­kenswert.
Diese Koope­ration war nur möglich, weil es bereits seit fünf Jahren eine Amazon-Soli­da­rität linker Gruppen gibt. Vor allem an den Stand­orten Leipzig und Bad Hersfeld ent­standen enge Bezie­hungen zwi­schen einigen Beschäf­tigten, die sich im Arbeits­kampf enga­gieren, und ihren außer­be­trieb­lichen Unter­stüt­ze­rInnen. Ihnen ist es auch gelungen, poli­tische Akzente zu setzen. So hatte auf einem Treffen der Amazon-Beschäf­tigten in Bad Hersfeld im April 2018 auch ein Ver­treter der Gruppe capulcu gesprochen, die das System Amazon mit einem technik- und herr­schafts­kri­ti­schen Ansatz unter die Lupe nimmt. Hin­terher haben einige der Beschäf­tigten erklärt, dass ihnen der Vortrag gezeigt hat, mit welchem Unter­nehmen sie es zu tun haben. Zudem haben die außer­be­trieb­lichen Unter­stüt­ze­rInnen bereits vor drei Jahren Kon­takte zu den Amazon-Beschäf­tigten in Poznań geknüpft. Mitt­ler­weile ist die deutsch-pol­nische Koope­ration selbst­ver­ständlich. Die pol­ni­schen Kol­le­gInnen sind in der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Basis­ge­werk­schaft Workers Initiative (IP) orga­ni­siert, die nicht zu den Koope­ra­ti­ons­partnern von ver.di gehört. Am 24. April war die IP-Dele­gation aus Poznan mit ihrem Gewerk­schafts­symbol, der Schwarzen Katze, nicht nur auf der kurzen Demons­tration unüber­sehbar ver­treten. Ein IP-Kollege hielt auch einen Rede­beitrag auf der Kund­gebung. Als der ver.di-Koordinator ihn nach wenigen Sätzen abmo­de­rieren wollte, sorgte das kurz­zeitig für Unmut.
Noch lauter wurde es im Block der linken Unter­stüt­ze­rInnen, als die SPD-Vor­sit­zende Andrea Nahles eine Gruß­adresse ver­lesen wollte. Der ver.di-Vorstand hatte sie ohne Wissen der Bünd­nis­partner auf die Rede­liste gesetzt, nachdem der ursprünglich als Redner vor­ge­sehene Günther Wallraff abgesagt hatte. Doch auch ein Großteil der Amazon-Beschäf­tigten wollte die SPD-Poli­ti­kerin nicht ver­tei­digen.

Hinter dieser Aus­ein­an­der­setzung steht ein unter­schied­liches Ver­ständnis von Gewerk­schaft. Für ver.di ging es bei den Pro­testen gegen die Ver­leihung des Springer-Awards an Bezos vor allem um die mediale Auf­merk­samkeit. Da passt eine kurze Ansprache von Nahles natürlich ins Konzept. Für die pol­ni­schen IP-Gewerk­schaf­te­rInnen ging es hin­gegen um einen Akt der Selbst­er­mäch­tigung, wenn sie in Berlin vor dem Springer-Hochhaus ihren Protest arti­ku­lieren. Sie wollen sich nicht ver­treten lassen und haben deshalb keine bezahlten Funk­tio­nä­rInnen. Dieses Ver­ständnis von Gewerk­schaft teilt auch das MAP-Bündnis. Auf einem Aus­wer­tungs­treffen unter Betei­ligung von MAP, ver.di, Unter­stüt­ze­rInnen der IP und der LINKEN-Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Sabine Leidig wurde von allen Seiten betont, dass auch künftig eine solche Koope­ration möglich und erwünscht ist. Das ist erfreulich, weil gegen einen global auf­ge­stellten Konzern wie Amazon eine trans­na­tionale Soli­da­rität die beste Antwort ist. In den letzten Monaten gab es Arbeits­kämpfe in Amazon-Werken in Deutschland, Frank­reich, Polen, Italien, Frank­reich und Spanien.

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit,
Ausgabe: Heft 5/2018

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/

Peter Nowak

Widerstand gegen das Modell Amazon

Der Protest gegen die Preis­ver­leihung an Amazon-Boss Bezos zeigt, wie außer­be­trieb­liche Linke, Beschäf­tigte und Gewerk­schaften zusam­men­ar­beiten können

Es gab und gibt zahl­reiche Demons­tra­tionen, die am Ora­ni­en­platz in Berlin-Kreuzberg beginnen. Doch der Demons­tra­ti­onszug, der am Nach­mittag des 24. April vom Ora­ni­en­platz zum Sprin­ger­hochhaus zog, passte nicht in die übliche Pro­test­routine. Das lag nicht an der Teil­neh­merzahl von knapp 400 Men­schen, sondern an ihrer Zusam­men­setzung.

Außer­par­la­men­ta­rische Linke des Bünd­nisse Make Amazon Pay und Beschäf­tigte aus ver­schie­denen Amazon-Stand­orten in Deutschland und Polen hatten sich dort ver­sammelt. Sie alle sind vor das Sprin­gerhaus gezogen, um gegen die Ver­leihung des Springer Awards an Amazon-Gründer Jeff Bezos zu pro­tes­tieren.

Viele der Beschäf­tigten trugen Fahnen oder Westen, auf denen die Logos ihrer Gewerk­schaften zu lesen waren. Viele der Kol­legen aus den Amazon-Stand­orten Bad Hersfeld, Leipzig und anderen Orten sind in der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft verdi orga­ni­siert. Die Kol­legen vom pol­ni­schen Amazon-Standort Poznań sind Mit­glieder der anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Basis­ge­werk­schaft Workers Initiative (IP) die nicht zu den Bünd­nis­partnern von verdi gehört.

Es war schon eine Pre­mière, dass die Kol­legen der unter­schied­lichen Gewerk­schaften nicht nur gemeinsam demons­trierten, ein IP-Kollege hielt auch einen kurzen Rede­beitrag auf der Bühne vor dem Sprin­gerhaus.

Die Rolle der außer­be­trieb­lichen Amazon-Soli­da­rität

Es ist ein Erfolg der außer­be­trieb­lichen Amazon-Soli­da­rität, dass der Kontakt zwi­schen der IP und den Beschäf­tigten in meh­reren Amazon-Stand­orten in Deutschland zustande gekommen ist. In Leipzig unter­stützen linke Gruppen bereits seit fünf Jahren die Beschäf­tigten des dor­tigen Amazon-Stand­ortes bei ihrem Kampf um einen Tarif­vertrag und bessere Arbeits­be­din­gungen. Auch das Leip­ziger Streik­so­li­da­ri­täts­bündnis ist Teil von Make Amazon Pay.

Es war ver­gan­genes Jahr erstmals an die Öffent­lichkeit getreten, um den Kampf der Amazon-Beschäf­tigten für einen Tarif­vertrag zu unter­stützen. Mit einer Akti­ons­woche rund um den »Black Friday« im November, der von Amazon als Schnäpp­chentag beworben wurde, blo­ckierten einige Hundert Akti­visten eine Ver­sand­halle im Westen Berlins.

Auch an ver­schie­denen Amazon-Stand­orten gab es Pro­teste. Damals war die Teil­nahme von Amazon-Beschäf­tigten noch recht bescheiden. Das hatte sich am 24. April ver­ändert. Das Bündnis Make Amazon Pay hatte bereits mit der Pro­test­o­r­ga­ni­sation begonnen, als noch nicht klar war, wie sich Verdi und die Beschäf­tigten daran betei­ligen werden.

Unter­schied­liche Logiken von Verdi und außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken

Die gemeinsame Aktion war ein großer Erfolg und ging natürlich nicht ohne Span­nungen ab. Der Grund liegt in den unter­schied­lichen poli­ti­schen Logiken einer Groß­ge­werk­schaft wie Verdi und der außer­be­trieb­lichen Linken. Das zeigte sich, nachdem erst kurz­fristig bekannt geworden war, dass die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft die frisch­ge­kürte SPD-Vor­sit­zende Nahles als Red­nerin enga­gierte.

Die aber war kaum zu ver­stehen und musste nach 2 Minuten abtreten, weil ihr die Parole »Hartz IV – das wart ihr« ent­ge­gen­schlug. Natürlich waren die Verdi-Funk­tionäre davon nicht begeistert. Doch ein Großteil der Beschäf­tigten mochte nicht für Nahles Partei ergreifen. So hatte das Bündnis die Grat­wan­derung bestanden, sich nicht einfach der Verdi-Agenda unter­zu­ordnen, die eine Red­nerin aus dem Hut zau­berte, von der klar war, dass sie für die außer­par­la­men­ta­rische Linke eine Pro­vo­kation ist.

Der aber gelang es, den Protest gegen den Nahles-Auf­tritt so zu dosieren, dass dadurch keine Spaltung unter den Demo-Teil­nehmern ent­stand. So ging die Rede des verdi-Vor­sit­zenden Bsirske ohne Zwi­schenrufe über die Bühne. Die Pro­teste machten damit auch gut deutlich, dass eine Koope­ration zwi­schen so unter­schied­lichen Gruppen möglich ist, wenn die Grenzen beider Seiten berück­sichtigt werden.

Das ist ein Lern­prozess für beide Seiten. So hatten sich noch vor einigen Jahren einige Akti­visten des Umganze-Bündnis, das die Ber­liner Pro­teste mit vor­be­reitet hatte, wohl nicht vor­stellen können, eine Koope­ration mit verdi ein­zu­gehen. Damals betonte man noch, dass man nur mit sys­temant­ago­nis­ti­schen Gewerk­schaften zusam­men­ar­beite.

Da wäre die Auswahl in Deutschland eher klein. Für die Beschäf­tigten aus den unter­schied­lichen Amazon-Stand­orten hat die Koope­ration mit der außer­be­trieb­lichen Linken den poli­ti­schen Horizont erweitert. Sie haben dadurch nicht nur den Kontakt zu den pol­ni­schen Kol­legen bekommen, sondern sich auch an poli­ti­schen Akti­vi­täten der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken wie den Blockupy-Pro­testen als Amazon-Beschäf­tigte beteiligt.

Die Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Linken, Sabine Leidig berichtete auf einem Vor­be­rei­tungs­treffen, wie außer­be­trieb­liche Linke und aktive Amazon-Beschäftige von der Koope­ration pro­fi­tieren.

Auf einem Treffen in Bad Hersfeld sei von den Kol­legen ein Referat der tech­no­lo­gie­kri­ti­schen Gruppe Capulcu mit Auf­merk­samkeit ver­folgt und im Anschluss auch eifrig dis­ku­tiert werden. Ihnen war diese tech­no­lo­gie­kri­tische Sicht­weise fremd, aber sie hatten daran großes Interesse, weil sie sich damit auch Methoden der Über­wa­chung erklären können, die sie in ihren Arbeits­alltag erleben.

Peter Nowak

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[11] https://​capulcu​.black​blogs​.org/

Nulltarif ist keine Utopie

In Tübingen hat eine außer­par­la­men­ta­rische Initiative schon vor einem Jahr­zehnt ein kon­kretes Konzept zum gebüh­ren­freien Nah­verkehr aus­ge­ar­beitet. Und in Gießen nutzen Vor­rei­te­rInnen den Null­tarif bereits, bevor er ein­ge­führt wurde.

War es ein erst­ge­meinter Vor­schlag oder nur ein Bluff? Mitte Februar 2018 schlug die Bun­des­re­gierung in einem Schreiben an die EU-Kom­mission vor, in Essen, Bonn, Her­renberg, Reut­lingen und Mannheim exem­pla­risch einen Nah­verkehr zum Null­tarif ein­zu­führen. Mit dem Schreiben, das von den geschäfts­führend amtie­renden Bun­des­mi­nistern für Umwelt (SPD), Verkehr und Finanzen (beide Union) unter­zeichnet wurde, sollte die EU-Kom­mission davon über­zeugt werden, dass die Bun­des­re­gierung nun ernsthaft die EU-Richt­linien für die Luft­rein­haltung umsetzen will. Schließlich hatte die EU-Kom­mission nach jah­re­langer Über­schreitung der Grenz­werte mit einer Klage gedroht, die für die Regierung teuer werden könnte (Kontext berichtete).

Der für die Nut­ze­rInnen unent­gelt­liche Nah­verkehr in den fünf Städten gehörte zu den Maß­nahmen, mit denen die Bun­des­re­gierung die schäd­lichen Abgase mini­mieren könnte. Doch nicht nur Sieg­fried Gack und Michael Hahn haben Zweifel, ob die Vor­schläge ernst gemeint waren. Die beiden Tübinger sind in der außer­par­la­men­ta­ri­schen linken Initiative ZAK³ (gegen Kapi­ta­lismus, Krieg und Koh­len­dioxid) aktiv. Die lan­cierte bereits 2008 in der Uni­ver­si­täts­stadt eine lokale Kam­pagne für einen Null­tarif im Stra­ßen­verkehr. »Ent­standen ist der Kampf für einen kos­ten­freien öffent­lichen Nah­verkehr aus unserer Beschäf­tigung mit zwei zunächst unter­schied­lichen Themen: der Ein­führung einer sozialen Infra­struktur und dem Kli­ma­wandel«, skiz­ziert der Tübinger Aktivist Michael Hahn die Vor­ge­schichte.

Damals haben außer­par­la­men­ta­rische Initia­tiven intensiv über Mög­lich­keiten dis­ku­tiert, öko­lo­gische und soziale Fragen zusam­men­zu­bringen. Gack, Hahn und ihre Mit­strei­te­rInnen prä­sen­tierten dazu schon vor zehn Jahren einen kon­kreten Vor­schlag. »TüBus umsonst – Null­tarif im öffent­lichen Stra­ßen­verkehr« lautete das Motto der Kam­pagne, an der umwelt- und ver­kehrs­po­li­tische Gruppen, soziale Initia­tiven, linke Gruppen und Ein­zel­per­sonen in Tübingen beteiligt waren. »Ein Null­tarif im öffent­lichen Nah­verkehr hätte einen über­durch­schnitt­lichen Nutzen für Arme, für Familien mit Kindern, für Geflüchtete. So könnten wir zeigen, dass Kli­ma­schutz eben nicht Ver­zicht bedeuten muss«, betont Gack.

Gemein­de­rats­grüne schonen Lan­des­grüne
Dass nun zehn Jahre nach Beginn ihrer Kam­pagne die Bun­des­re­gierung den Null­tarif im Öffent­lichen Nah­verkehr eben­falls als sinn­volle Maß­nahme bezeichnet, ist für die Tübinger Akti­vis­tInnen eine Bestä­tigung. Doch auch auf regio­naler Ebene konnten sie einen ersten Erfolg feiern. Seit Februar 2018 infor­miert ein kleiner Auf­kleber am Kas­sen­au­to­maten: »Samstags kos­tenlos bus­fahren im Stadt­gebiet Tübingen«. Doch nicht der Druck der EU-Kom­mission, sondern haus­ge­machte Gründe sorgten dafür. Ein zen­trales Parkhaus in der Alt­stadt muss saniert werden, ins­gesamt soll die Maß­nahme etwa ein Jahr dauern. Der an Sams­tagen kos­tenlose Bus soll das kom­pen­sieren, dafür hat der Tübinger Gemein­derat 200 000 Euro ein­ge­plant.

Seit das Bus­fahren an einen Tag für Nut­ze­rInnen gratis ist, ist nach Angaben der Regio­nal­presse die Zahl der Nut­ze­rInnen nur leicht gestiegen. Die Mehrheit der Fahr­gäste kann von der neuen Regelung nicht pro­fi­tieren. Viele Schü­le­rInnen, Stu­die­rende und Senio­rInnen sind bereits im Besitz von Monats- oder Jah­res­karten. Ober­bür­ger­meister Boris Palmer (Grüne) wirbt nach dem Brief der Bun­des­re­gierung an die EU-Kom­mission dafür, Tübingen eben­falls in den Kreis der Modell­städte auf­zu­nehmen, in denen der Null­tarif im Stra­ßen­verkehr getestet werden soll. »Wir sind bun­desweit die einzige Stadt, die ein fer­tiges, vom Gemein­derat intensiv dis­ku­tiertes Konzept zum kos­ten­losen Nah­verkehr vor­liegen hat«, stellt Palmer die besondere Potenzial von Tübingen heraus. Dass diese gute Vor­be­reitung eine Folge der jah­re­langen Basis­arbeit von Akti­vis­tInnen wie Gack und Hahn ist, lässt er uner­wähnt.

Über­holtes Konzept: Fahr­scheine kaufen
Ver­gan­genes Jahr, betonen die Akti­vis­tInnen, sei man schon mal weiter gewesen. Ende April hatte Palmer die Ergeb­nisse einer Dis­kussion zwi­schen Stadt­ver­waltung und einer Arbeits­gruppe der Stadt­werke Tübingen vor­ge­stellt. Die Ein­führung eines gebüh­ren­freien Öffent­lichen Nah­ver­kehrs würde ca. 14,5 Mil­lionen Euro pro Jahr kosten. Die Ver­waltung ging bei ihren Pla­nungen davon aus, dass die Nach­frage im Öffent­lichen Nah­verkehr etwa um ein Drittel steigen würde, wenn die Tickets ganz weg­fallen. Um diese Zunahme bewäl­tigen zu können, müssten nach den vor­läu­figen Schät­zungen der Ver­waltung 14 neue Busse im Stadt­gebiet ein­ge­setzt werden. Das von der Ver­waltung favo­ri­sierte Null­tarifs-Modell würde für jedeN Tübin­gerIn eine monat­liche Umlage von 13,50 Euro bedeuten.

Doch dazu wäre eine Geset­zes­än­derung auf Lan­des­ebene nötig. Dort regieren die Grünen mit der CDU, die bisher nicht als Anhänger des Null­tarifs auf­ge­fallen ist, auch wenn jetzt die Namen von zwei CDU-Ministern unter den Brief mit den Vor­schlägen an die EU-Kom­mission stehen. Zu einer Dis­kussion im Stutt­garter Landtag über die Tübinger Vor­schläge ist es gar nicht gekommen. »Die Grünen im Tübinger Gemein­derat haben Rück­sicht auf die Lan­des­re­gierung genommen, die in dieser Legis­la­tur­pe­riode kein Gesetz erlassen will, das den Null­tarif ermög­licht«, kri­ti­sieren die Tübinger Akti­vis­tInnen. Sie fordern wei­terhin, einen kos­ten­freien TüBus rund um die Uhr als Modell­projekt bei der Lan­des­re­gierung zu bean­tragen und danach durch eine Bür­ge­rIn­nen­be­fragung ent­scheiden zu lassen.

Güns­tiger als Auto­verkehr
Durch das Schreiben der Bun­des­re­gierung an die EU-Kom­mission mit dem Null­ta­rif­vor­schlag, der viel­leicht gar nicht ernst gemeint war, spüren nicht nur die Tübin­ge­rInnen Rückenwind. »In den letzten Wochen gab es einen unge­heuren Auf­bruch. In vielen Städten bilden sich Initia­tiven, die sich für den Null­tarif ein­setzen«, sagt Karin Masche. Die Mit­ar­bei­terin der linken Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten Sabine Leidig war an der Erstellung eines News­letters für Null­tarif-Akti­vis­tInnen beteiligt. In fünf Jahren soll es bun­desweit einen kos­ten­losen und ticket­freien Öffent­lichen Nah­verkehr geben, lautet das ehr­geizige Ziel.
Argu­mente dafür liefert eine kürzlich von Ver­kehrs­wis­sen­schaft­le­rInnen der Uni­ver­sität Kassel erstellten Studie. Die kommt zu dem Schluss, dass der Auto­verkehr die Kom­munen dreimal so teuer kommt wie Bus und Bahn. Bei ihren Berech­nungen haben die Wis­sen­schaft­le­rInnen auch die Umwelt­schäden, die Inves­ti­tionen in die Infra­struktur wie Straßen, Schienen, Ampeln und die Fol­ge­kosten von Unfällen in ihre Berech­nungen ein­be­zogen. Diese Studie wird sicher auch bei dem am 2. Juni 2018 in Kassel geplanten bun­des­weiten Rat­schlag eine Rolle spielen, auf dem sich die unter­schied­lichen Null-Tarif-Initia­tiven koor­di­nieren wollen.

Aus Baden-Würt­temberg werden neben den Tübin­ge­rInnen auch Mit­glieder der Initiative »Frei­fahren Stuttgart« kommen. Sie hat sich erst kürzlich gegründet und ist noch im Aufbau. Anre­gungen kann sie sich dabei von den Akti­vis­tInnen aus Gießen holen. Die haben kürzlich in der gesamten Stadt Flug­blätter mit der Schlag­zeile ver­teilt »Gießen testet den Null­tarif – machen Sie mit« ver­teilt. Auch nachdem die Stadt­ver­waltung bekannt gab, dass es sich um Fake-Flug­blätter handele, hatten die Mache­rInnen die Sym­pa­thien auf ihrer Seite.

Zumal die Gie­ße­ne­rInnen nicht warten, bis der Null­tarif offi­ziell ein­ge­führt wird. Einige Akti­vis­tInnen tragen Schilder oder Buttons, auf denen sie bekannt geben, ohne Ticket zu fahren. In der Ver­gan­genheit mussten mehrere Ver­fahren wegen Erschlei­chung von Leis­tungen ein­ge­stellt werden (»Der Begriff des Erschlei­chens setzt gewisse Heim­lichkeit voraus«, BayObLG; »Der objektive Tat­be­stand der Leis­tungs­er­schlei­chung ist nämlich nicht schon dann erfüllt, wenn der Ange­klagte das Ver­kehrs­mittel unbe­rechtigt nutzte. Er muss darüber hinaus für einen objek­tiven Beob­achter den Anschein ord­nungs­ge­mäßer Erfüllung der Geschäfts­be­din­gungen erregt haben«, OLG Frankfurt). Jörg Berg­stedt von der Pro­jekt­werk­statt Saasen bei Gießen ent­wi­ckelt ein opti­mis­ti­sches Sze­nario in Sachen Null­tarif: »Wenn der Druck da ist und das Thema im Gespräch bleibt, steigen auch die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen ein und am Ende macht auch die Politik mit.«

aus Kontext-Wochen­zeitung: Ausgabe 363
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Peter Nowak