Annne Reiches persönliche Spurensuche

Peinlich, peinlicher, Böhmermann

Von Christoph Schlin­gensief zu Jan Böh­mermann oder der Nie­dergang der deutsch­spra­chigen Satire

Erregte Men­schen­massen standen tagelang um die Instal­la­tionen herum und stritten mit- oder besser gegen­ein­ander. In allen Medien über­boten sich die Rechten aller Couleur mit Empö­rungs­ge­schrei. Es herrschte fast ein Aus­nah­me­zu­stand…

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»Aufstehen« plus »Unteilbar«: Wegbereiter besserer Verhältnisse?

Können die beiden Reform-Bünd­nisse zusammen demons­trieren? Der beste Schutz gegen rechts findet nicht auf Groß­de­mons­tra­tionen statt

»Soli­da­rität statt Aus­grenzung – für eine offene und freie Gesell­schaft«, lautet das Motto einer für den 13. Oktober geplanten Groß­de­mons­tration [1]. Dass die Pres­se­mit­teilung dazu kurz nach den Ereig­nissen von Chemnitz ver­öf­fent­licht wurde, ist einer­seits Zufall.

Ande­rer­seits ist Chemnitz nur Aus­druck eines gesell­schaft­lichen Rechts­rucks, der in dem Aufruf des Bünd­nisses »Unteilbar« so benannt wird:

Es findet eine dra­ma­tische poli­tische Ver­schiebung statt: Ras­sismus und Men­schen­ver­achtung werden gesell­schafts­fähig. Was gestern noch undenkbar war und als unsagbar galt, ist kurz darauf Rea­lität. Huma­nität und Men­schen­rechte, Reli­gi­ons­freiheit und Rechts­staat werden offen ange­griffen. Es ist ein Angriff, der uns allen gilt. Wir lassen nicht zu, dass Sozi­al­staat, Flucht und Migration gegen­ein­ander aus­ge­spielt werden. Wir halten dagegen, wenn Grund- und Frei­heits­rechte weiter ein­ge­schränkt werden sollen.

Bündnis Unteilbar [2]

Das ist ein rich­tiger Befund. Doch die Frage ist, ob sich hier vor allem die letzten Ver­tei­diger des Libe­ralen treffen, die Carole Ehmke zur Erbauung und Jan Böh­mermann zum Spaß hören? Die beiden pro­mi­nenten Libe­ralen gehören zu den Erst­un­ter­zeichnern [3] des Aufrufs des Bünd­nisses »Unteilbar«.

Wo bleiben die sozialen Rechte?

Am 13. Oktober will man nicht nur gegen Ras­sismus auf die Straße gehen, sondern auch andere Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse the­ma­ti­sieren.

Wir treten für eine offene und soli­da­rische Gesell­schaft ein, in der Men­schen­rechte unteilbar, in der viel­fältige und selbst­be­stimmte Lebens­ent­würfe selbst­ver­ständlich sind. Wir stellen uns gegen jeg­liche Form von Dis­kri­mi­nierung und Hetze. Gemeinsam treten wir anti­mus­li­mi­schem Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus, Anti­zi­ga­nismus, Anti­fe­mi­nismus und LGBTIQ*- Feind­lichkeit ent­schieden ent­gegen.

Bündnis Unteilbar [4]

In der Tat ist es wichtig, dass in Zeiten, in denen eine rechte Hege­monie in Teilen Deutsch­lands Rea­lität zu werden droht, die­je­nigen, die dar­unter als erstes zu leiden haben, auf die Straße gehen. Nur darf man aber nicht die Wider­sprüche bei der Addition der von den Rechten ver­folgten Min­der­heiten aus­blenden. So hat die Jour­na­listin Birgit Gärtner in meh­reren Tele­polis-Bei­trägen [5] aus femi­nis­ti­scher Per­spektive auf die Gewalt auf­merksam gemacht, die von mos­le­mi­schen Män­ner­gruppen ausgeht [6].

Was in dem Aufruf weit­gehend aus­ge­blendet wird, ist die soziale Unter­drü­ckung. Schließlich muss man sich die im Aufruf erwähnten »viel­fäl­tigen und selbst­be­stimmten Lebens­ent­würfe« auch leisten können.Viele Nied­rig­ver­diener und Hartz IV-Emp­fänger mit und ohne Lohn­arbeit haben damit Schwie­rig­keiten.

Daher wäre es sinnvoll, den Kampf gegen Ras­sismus, den Anti­fa­schismus und den Anti­fe­mi­nismus mit dem Kampf gegen soziale Aus­grenzung und Unter­drü­ckung zu ver­binden. Es ist völlig ver­fehlt, hier einen Gegensatz auf­zu­machen, wie es in manchen linken Kreisen getan wird.

In dem Unteilbar-Aufruf wird die soziale Frage nur am Rande ange­schnitten: »Man will den Sozi­al­staat ver­tei­digen und für Grund- und Frei­heits­rechte auf die Straße gehen«, heißt es dort knapp. Auch der Pfle­ge­not­stand und die Woh­nungsnot werden erwähnt. Wie die Ver­tei­digung des Sozi­al­staats aus­sehen soll, wird aller­dings nicht weiter auf­ge­führt.

Hartz-IV wird nicht ange­sprochen und natürlich wird man dort keine Kapi­ta­lis­mus­kritik finden, was aber bei einer solcher Bünd­nis­breite auch nicht zu erwarten ist. Positiv ist aller­dings, dass auch sozi­al­po­li­tische Gruppen wie die Tafel e.V. [7], das Erwerbs­lo­sen­forum und der Deutsche Mie­terbund wie auch andere, sozi­al­po­li­tisch enga­gierte Orga­ni­sa­tionen [8]Teil des Bünd­nisses sind. Sinnvoll wäre es gewesen, wenn auch ein Teil ihrer For­de­rungen mit auf­ge­nommen worden wären.

»Auf­stehen« und »Unteilbar« ver­binden?

Auch der Publizist Mat­thias Gref­frath kri­ti­sierte in einem Taz-Kom­mentar [9], dass das Unteilbar-Bündnis sozi­al­po­li­tisch nicht besonders akzen­tuiert ist. Er fragt sich, ob er sich ent­scheiden muss zwi­schen zwei Bünd­nissen – #unteilbar und #Auf­stehen.

»Auf­stehen« [10] , dem Projekt von Sahra Wagen­knecht und Oskar Lafon­taine, kann nach­gesagt werden, dass es die soziale Frage in den Mit­tel­punkt stellt und dabei Unter­drü­ckungs­formen wie Ras­sismus und Anti­fe­mi­nismus so kurz abzu­handelt, wie es im Unteilbar-Bündnis mit den sozialen Themen geschieht.

Zurück zur SPD der 1960er Jahre?

Gref­frath will sich nicht zwi­schen beiden Bünd­nissen ent­scheiden. Er sieht beide für not­wendig an und wünscht sich am Ende eine SPD der 1960er Jahre zurück.

Ein Auf­bruch für eine »öku­me­nische Linke« tut not oder, warum nicht gleich: für eine Neu­geburt der Sozi­al­de­mo­kratie. Jener Partei, die – nach Godesberg – auf die Teilhabe an der Wachs­tums­ma­schine Kapi­ta­lismus setzte und deren Nie­dergang begann, als das Wachstum aus­blieb, sich beschleu­nigte, als Kanzler Schmidt die öko­lo­gische Krise nicht wahr­haben wollte, und noch einmal, als sie unter dem Auto­kanzler Schröder – unter kon­stant erfolg­losem Murren des linken Flügels – der neo­li­be­ralen Illusion erlag.

Mat­thias Gref­frath, Taz

Der Taz-Kom­men­tator vergaß nur zu erwähnen, dass die SPD schon vor 100 Jahren die Rolle als Arzt am Kran­kenbett des Kapi­ta­lismus ein­ge­nommen und mit Godesberg die letzten sozia­lis­ti­schen Wurzeln gekappt hat, was auch kon­se­quen­ter­weise zum Rauswurf der letzten Sozia­listen führte. Sich eine solche SPD zurück­zu­wün­schen, ist nicht nur illu­sionär, sondern auch poli­tisch falsch.

Wenn man schon auf Tra­di­tionen setzt, dann bitte auf jene der Räte, die vor 100 Jahren tat­sächlich eine Revo­lution machten, die von der SPD mit Hilfe der Frei­korps nie­der­ge­schlagen wurde. Seitdem kann es keine posi­tiven Bezüge mehr zur SPD geben. Deshalb bringt es auch wenig, die ein­zelnen Bünd­nisse wie Schach­fi­guren hin- und her zu schieben.

Es ist gut möglich, dass es in irgend­einer Form eine Koope­ration zwi­schen »Unteilbar« und »Auf­stehen« geben wird. Schließlich ver­stehen sich beide als Reform­bünd­nisse. Nur sollte man sehen, welche begrenzten Wir­kungen solche Groß­de­mons­tra­tionen haben.

Der beste Schutz gegen rechts

Ein­fluss­ver­suche ver­schie­dener Par­teien sorgen eher für mehr Streit. Wich­tiger aber für Ver­än­de­rungen im Land sind Kämpfe im Alltag, in den Tagen im Jahr, an denen es keine Groß­de­mons­tra­tionen gibt. In den All­tags­kämpfen an Arbeits­plätzen, Uni­ver­si­täten, Schulen, Job­center ent­scheidet sich wahr­scheinlich mehr als an den Groß­de­mons­tra­tionen, in welche Richtung die Gesell­schaft geht.

Der beste Schutz gegen rechts ist eine kon­se­quente Inter­es­sen­ver­tretung. Da hat der Sozi­al­ak­tivist Elmar Wigand recht, wenn er den Pilo­ten­streik bei Ryan-Air als Mei­len­stein in der trans­na­tio­nalen Gewerk­schafts­be­wegung [11] ver­steht.

Das heißt nicht, dass Groß­de­mons­tra­tionen wie am 13.10. über­flüssig sind. Sie können aber nur dann gesell­schaftlich etwas bewirken, wenn sie nicht ein soli­täres Ereignis sind, sondern Inspi­ra­tionen für diese All­tags­kämpfe geben.

Peter Nowak

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[6] https://www.heise.de/tp/features/Klappmesser-gibt-es-schon-fuer-2–50-Euro-4024448.html
[7] http://​www​.tafel​.de/​u​e​b​e​r​-​u​n​s​/​a​k​t​u​e​l​l​e​-​m​e​l​d​u​n​g​e​n​/​a​k​t​u​e​l​l​e​-​m​e​l​d​u​n​g​e​n​-​2​0​1​8​/​g​r​o​s​s​d​e​m​o​-​d​e​s​-​b​u​e​n​d​n​i​s​s​e​s​-​u​n​t​e​i​l​b​a​r​-​a​m​-​1​3​1​0​-​i​n​-​b​e​rlin/
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Der Eventjournalismus und seine bedrohten Spielplätze

Beim aktu­ellen Böh­mermann-Hype sollte auch ein Jour­na­lismus kri­ti­siert werden, dem es in erster Linie um Krawall und weniger um Inhalte geht

Vor 40 Jahren fühlten sich manche kri­ti­schen Men­schen besonders mutig und ver­folgt, wenn sie aus der SPD aus­ge­schlossen werden sollten. Das war in den 1960er und 1970er Jahren nicht schwer.

Ein Aus­schluss­ver­fahren bekam man schon, wenn man sich an den Oster­mär­schen oder anderen poli­ti­schen Akti­vi­täten betei­ligte, die dem SPD-Vor­stand nicht behagten. Auch die Unter­zeichnung des Aufrufs des Komitees für Frieden, Abrüstung und Zusam­men­arbeit konnte einen SPD-Aus­schluss nach sich ziehen. Denn dort waren ja auch Kom­mu­nisten ver­treten und mit denen durfte das gemeine SPD-Mit­glied auf keinen Fall koope­rieren, zumindest wenn sie poli­tisch so mar­ginal waren, wie in West­deutschland.

Die vielen Mel­dungen mehr oder weniger bekannter linker Publi­zisten, Gewerk­schafter und Akti­visten zogen bald Spott nach sich. Die wollen wohl ein SPD-Aus­schluss­ver­fahren ehren­halber, wurde manch einem nach­gesagt, die sich besonders bemühten, beim SPD-Vor­stand für Auf­merk­samkeit zu sorgen. Wenn heute jemand einen SPD-Aus­schluss ver­melden wollte, würden viele mit einem Gähnen reagieren. Andere würden den Betref­fenden beglück­wün­schen und ihn fragen, was ihn über­haupt in die Partei getrieben hat. In einer Zeit, wo ein Par­teibuch, ein sozi­al­de­mo­kra­ti­sches zumal, eher auf Miss­trauen stößt, muss man sich heute schon mehr ein­fallen lassen, um Gegen­stand einer Soli­da­ri­täts­kam­pagne zu wehren.

»Ich habe keine ihrer Sen­dungen gesehen, aber ich finde Sie gut«

Jan Böh­mermann ist da schon auf den rich­tigen Weg. Als typi­scher Ver­treter des post­mo­dernen Event­jour­na­lismus weiß er sich in Szene zu setzen. Da muss ein mit ras­sis­ti­schen Ste­reo­typen durch­setztes Gedicht her­halten und schon bekommt er Soli­da­ri­täts­briefe von Men­schen, die seine Arbeit bisher als Gos­sen­jour­na­lismus bezeichnet hätten und selber vor Gericht klagen würden, wenn sie Gegen­stand einer solchen Form von Schmähung würden.

Der Auf­sichts­rats­vor­sit­zende der Springer AG Mat­thias Döpfner ist dafür ein gutes Bei­spiel. Die Welt ver­öf­fent­lichte seinen Offenen Brief[1], der so beginnt:

Lieber Herr Böh­mermann, wir kennen uns nicht, und ich habe leider auch bisher Ihre Sen­dungen nicht sehen können. Dennoch wende ich mich in einem offenen Brief an Sie, denn es ist auf­schluss­reich, welche Reak­tionen Ihre Satire aus­gelöst hat. Ein Kris­tal­li­sa­tions- und Wen­de­punkt.

Deutlich könnte man nicht zum Aus­druck bringen, um was es bei dem ganzen Hype um diesen Event­jour­na­lismus geht. Man will poli­tisch auf der rich­tigen Seite sein, wenn man sich jetzt mit Böh­mermann soli­da­ri­siert, obwohl man mit ihm und seiner Arbeit bisher nichts zu tun haben wollte und sie auch poli­tisch abge­lehnt hat.

Die Raa­bi­sierung des Jour­na­lismus

Die Gründe für diese Distanz sind viel­fältig. Sicher spielen auch poli­tische Gründe eine Rolle. Aber es gibt auch gute Gründe, unab­hängig vom Inhalt, Jour­na­lismus à la Böh­mermann kri­tisch zu sehen. Er mag, wie bei der Satire um den Stin­ke­finger des grie­chi­schen Ministers Varo­fakis, manchmal auch kri­tische Inhalte damit ver­binden.

Doch letztlich geht es um einen Event, der mit mehr oder weniger Krawall ver­bunden ist. Die Inhalte sind aus­tauschbar, mal lacht der Linke, mal die Rechte und immer steht die Person im Mit­tel­punkt. Schon Stefan Raab stand an der Schnitt­stelle zwi­schen Event­mar­keting und Jour­na­lismus und Böh­mermann und andere sind da nur die Fort­setzung.

Aller­dings will die Selbst­ver­marktung auch gekonnt sein und da ist Böh­mermann ein Meister. Des­wegen war es auch nur noch peinlich, dass selbst ein Didi Hal­ler­vorden vom Böh­mermann-Hype pro­fi­tieren und eben­falls Erdogan belei­digen wollte (Hal­ler­vorden: »Erdogan, zeig mich an!«[2]). Am Ende war er selber der Bla­mierte. Diese Art von Jour­na­lismus lebt von Event und Krawall.

Die Kehr­seite ist jener Wohl­fühl­jour­na­lismus, der im Zeit­alter vom Label Cor­porate Publi­shing um sich greift. Jour­na­lismus soll gute Nach­richten ver­breiten und den Wohl­fühl­faktor der Lesenden erhöhen. In manchen Artikeln wird gleich in jeden zweiten Satz das Wort toll ein­ge­ar­beitet, wenn es auch nur um den Bericht über einen Kon­gress geht. Die Aus­breitung solcher Jour­na­lis­mus­formen, die die Leser nicht mehr mit den Zuständen auf der Welt über­fordern wollen, ist die Krise der Medi­en­wirt­schaft.

Da die alten Bezahl­mo­delle nicht mehr funk­tio­nieren, werden neue Formen erprobt. Vom Stif­tungs- und Spen­den­jour­na­lismus über Mit­glieder-bzw. Leser­fi­nan­zierung bis hin zum Inter­net­be­zahl­mo­dellen reichen die Modelle. Wie kri­tisch ein solcher Jour­na­lismus noch ist, war auch Thema auf der Linken Medi­en­aka­demie[3] Anfang April in Berlin.

Tat­sächlich zeigt sich aber, dass Wohlfühl- und Event­jour­na­lismus ein Ergebnis dieses Umbruchs in der Medi­en­land­schaft sind. Damit werden bestimmte Leser­in­ter­essen befriedigt. Gemeinsam ist ihnen, dass es nicht um kri­tische Reflexion mit der Welt geht, sondern um die eigene kleine Welt der jewei­ligen Ziel­gruppen der Medien. Da platze dann auf einmal die Rea­lität in der Welt rein und daraus wurde dann der Böh­mermann-Hype.

Die Debatte gehört in die Gesell­schaft, nicht ins Feuil­leton

Von den Ver­fassern einer Soli­da­ri­täts­er­klärung an Böh­mermann, die gestern in der Zeit ver­öf­fent­licht[4] und von zahl­reichen Künstlern unter­zeichnet wurde, ist anzu­nehmen, dass zumindest einige schon mal seine Sendung gesehen haben.

Zunächst ist die Über­schrift »Liebe Regierung, jetzt mal ruhig bleiben« sym­pa­thisch. Tat­sächlich wäre es ein gutes Ergebnis des Böh­mermann-Hypes, wenn die Son­der­re­ge­lungen abge­schafft werden, die Staat­chefs einen beson­deren Schutz vor Belei­di­gungen bieten sollen und das in der Ver­gan­genheit oft getan haben.

Aller­dings muss das dann für alle gelten, auch für Joachim Gauck. Dass die sich beleidigt Füh­lenden dann immer noch als Pri­vat­per­sonen Anzeige erstatten können, was Erdogan auch schon gemacht hat, ist ihnen unbe­nommen und gehört auch zu ihren Recht. Daher ist es irre­führend, wenn es in dem Aufruf heißt, die Debatte gehöre nicht in den Gerichtssaal. Zudem ist es ver­wun­derlich, dass sie ins Feuil­leton ver­bannt und damit ent­po­li­ti­siert werden soll. Schließlich ist in vielen Feuil­letons zu lesen, was in den Innen­po­litik- und Wirt­schafts­teilen der Zei­tungen nie ver­öf­fent­licht würde.

Mit der For­derung, die Debatte soll wieder ins Feuil­leton gesperrt werden, bekennt man sich dazu, nicht gesell­schaftlich wirken zu wollen. Wir machen nur Kunst und keine Politik, lasst uns gefäl­ligst diese Spiel­wiese, ist die Aussage. Dagegen müsste die For­derung stehen, dass die Debatte in die Gesell­schaft gehört und dass es dabei nicht nur um Kritik in Richtung der tür­ki­schen Regierung gehen muss. Es sollte auch über die Funktion eines kra­wal­ligen Event­jour­na­lismus à la Böh­mermann dis­ku­tiert werden, der sich, wenn es Ernst wird, auf seinen Spiel­platz Feuil­leton zurück­ziehen will. Diese Gele­genheit haben kri­tische Jour­na­listen in der Türkei und Kur­distan und vielen anderen Ländern in der Regel nicht. Sie werden ver­haftet, ange­klagt und ver­schwinden über Jahre in Gefäng­nissen. Die meisten der­je­nigen, die jetzt mit Offenen Briefen an Böh­mermann wieder eine Gele­genheit finden, ihren Namen in der Öffent­lichkeit zu lesen, findet man in der Regel nicht, wenn es um Soli­da­rität für die wirklich vom tür­ki­schen Régime Ver­folgen geht

Liebe Böh­mermann-Freunde, jetzt mal ruhig bleiben

Beim ganzen Hype um Böh­mermann wird das gerne ver­gessen. Dabei könnte doch die Causa Böh­mermann sogar als Expe­riment gesehen werden, wie Erdogan sich um die viel­zi­tieren west­lichen Werte bemüht. Schließlich ist nicht bekannt, dass er zu einer Fatwah gegen ihn auf­ge­rufen hat, sondern er beschreitet den Rechtsweg und unter­scheidet sich damit nicht von vielen anderen, die in ähn­licher Situation ebenso reagieren würden.

Die Auf­regung der letzten Tage ist also schwer zu ver­stehen. Man könnte daher einen Satz aus dem in der Zeit abge­druckten Brief der Böh­mermann-Freunde auch auf sie selbst und ihr Umfeld münzen: »Jetzt mal ruhig bleiben.« Vor allem sollte auch mal reflek­tiert werden, welche poli­ti­schen Kräfte den Böh­mermann-Hype nutzen, um ihre poli­ti­schen Zwecke vor­an­zu­treiben. Dazu gehören all jene, für die Türkei sowieso in Europa nichts zu suchen hat und die wieder nach einen Prinz Eugen rufen, der »die Türken« ver­treibt.

Wenn der rechts­li­berale bel­gische Poli­tiker Guy Vor­hof­stadt mit dem Satz zitiert[5] wird: »Wir haben Sultan Erdogan schon den Schlüssel zu Europas Toren gegeben, nun laufen wir Gefahr, ihn auch unsere Redak­tionen und Medien kon­trol­lieren zu lassen«, dann ver­wendet er Kern­ele­mente dieses rechts­po­pu­lis­ti­schen Dis­kurses.

Tat­sächlich haben die euro­päi­schen Instanzen die Türkei bekniet, dass sie ihnen die Migranten fernhält. Wenn der Tor­wächter dann aber noch Rechte bean­sprucht, die nur der Herr­schaft gebühren, dann greifen manche wieder zu einer Rhe­torik, als stünden die Türken vor Wien.

Anhang

Links

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[1]

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[2]

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[3]

http://​www​.lin​ke​me​di​en​aka​demie​.de/​h​i​g​h​l​i​g​h​t​s​/​3​1​-​d​o​n​n​e​r​s​t​a​g​/​w​i​e​-​k​r​i​t​i​s​c​h​-​i​s​t​-​u​n​a​b​h​a​e​n​g​i​g​e​r​-​j​o​u​r​n​a​l​i​s​m​u​s​-​w​i​e​-​u​n​a​b​h​a​e​n​g​i​g​-​i​s​t​-​k​r​i​t​i​s​c​h​e​r​-​j​o​u​r​n​a​l​i​smus/

[4]

http://www.zeit.de/kultur/film/2016–04/jan-boehmermann-satire-solidaritaet-prominente-offener-brief

[5]

http://​dere​dactie​.be/​c​m​/​v​r​t​n​i​e​u​w​s​.​d​e​u​t​s​c​h​/​E​U​/​1​.​2​5​95324

[6]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​e​b​o​o​k​/​e​b​o​o​k​_​2​7​.html