Aleppo: Warum gibt es in Deutschland kaum Erleichterung über ein Ende der Kämpfe…

… und die Nie­derlage der Isla­misten? Das hat viel­leicht weniger mit der Ent­wicklung in Syrien als mit der deut­schen Geschichte zu tun

»Macht Euch keine Sorgen, bald werden keine Bilder aus Aleppo mehr kommen.« Dieser Satz auf der Titel­seite der Taz[1] über einem Bild von Men­schen, die aus einem in diesen Tagen besonders umkämpften Stadtteil von Aleppo ins Nach­bar­viertel geflohen sind, soll Stimmung machen. »Mehr Macht für die UN-Voll­ver­sammlung«, for­derte die Publi­zistin Kirsten Hilberg auf der gleichen Titel­seite in einem Kommentar[2]:

Doch Aleppo ist mehr als eine Prio­rität Assads. Es sym­bo­li­siert das Ende einer Ära und sendet inter­na­tional ein fatales Signal. Ruanda, Sre­brenica, Grosny – was »nie wieder« geschehen sollte, wie­derholt sich im Jahr 2016 in Echtzeit vor aller Augen und bestens doku­men­tiert. Der Mas­senmord in Syrien steht für das Ver­sagen sämt­licher inter­na­tio­naler Insti­tu­tionen und Mecha­nismen, die nach dem Zweiten Welt­krieg errichtet wurden, um Kriege und Kriegs­ver­brechen zu ver­hindern. Ver­einte Nationen, Inter­na­tio­naler Straf­ge­richtshof, Genfer Kon­vention? Lächerlich. Die Bot­schaft, die von Aleppo an die Macht­haber dieser Welt ausgeht, lautet: Ihr könnt Zivi­listen töten, so viele ihr wollt, solange ihr einen Freund im Welt­si­cher­heitsrat habt. Aus dem mora­li­schen Anspruch »Nie wieder!« muss deshalb eine kon­krete Anleitung zum Schutz von Zivi­listen werden. Etwa so: Bei offen­sicht­lichen Kriegs­ver­brechen würde man nicht mehr auf Ein­stim­migkeit im Welt­si­cher­heitsrat warten, sondern die UN-Voll­ver­sammlung ent­scheiden lassen, was zu tun ist – zur Not auch mili­tä­risch.

Kristin Helberg

Bei diesen Argu­men­ta­ti­ons­linien fühlt man sich an die 1990er Jahre zurück­ver­setzt, als die einst pazi­fis­ti­schen Grünen kriegs­fähig wurden. Wieder einmal geht es darum, einen »Mas­senmord« zu ver­hindern. Nur etwas schlauer ist man in den letzten Jahren doch geworden. Ein neues Auschwitz, wie es damals Grüne herbei hal­lu­zi­nierten, will man in Aleppo nicht ver­hindern. Doch ansonsten sind alle Ele­mente vor­handen, um die Schwelle zur Kriegs­fä­higkeit weiter zu senken.

Dabei wird im Fall Aleppo oft mit Zitaten aus sozialen Netz­werken gear­beitet, die mehr auf das Gefühl als auf Analyse setzen. Das wird bei dem ein­gangs ange­führten Zitat besonders deutlich. Es sagt erst einmal nur aus, dass sich Men­schen im Kriegs­gebiet nichts Sehn­li­cheres wün­schen, als ein Ende der Kämpfe.

Das ist auch die Version der Jour­na­listin Karin Leu­kefeld, eine der wenigen Pres­se­ver­treter, die bis zum Schluss in Syrien akkre­di­tiert waren. Ihr wird aber sicherlich nicht zu Unrecht, eine gewisse poli­tische Nähe zum Baathismus nach­gesagt. Doch durch ihre Recherchen vor Ort gelang es ihr, ein Bild der syri­schen Gesell­schaft zu zeigen, dass sich den Gut-Böse-Ein­tei­lungen ent­zieht, die gerade in der letzten Zeit in den großen Teilen der Medien in Deutschland Kon­junktur haben.

Daher sollte man bei allen Vor­be­halten gegenüber Leu­ke­felds recht unkri­ti­scher Haltung zur syri­schen Regierung, ihre Schluss­fol­gerung, dass viele Ein­wohner Aleppos, unab­hängig von ihrer Haltung zum Régime über ein Ende der Kämpfe froh sind, nicht vor­schnell als ein­seitig abtun.

»Ob man für oder gegen die Regierung ist, spielt für viele Men­schen in Aleppo schon lange keine Rolle mehr. Sie wollen vor allem den Kämpfen ent­kommen. Insofern gibt es im Gebiet unter Kon­trolle der Regierung durchaus Per­sonen, die mit der Regierung nicht ein­ver­standen sind, die aber noch viel weniger damit ein­ver­standen sind, dass die Oppo­sition sich von bewaff­neten Gruppen unter­stützen lässt«, so Leu­ke­felds Einschätzung[3] der Situation in Aleppo.

Sie weist auch darauf hin, dass in Aleppo nicht eine wehrlose Zivil­be­völ­kerung einem hoch­ge­rüs­teten Régime gegen­über­stand. Es gab bewaffnete isla­mis­tische For­ma­tionen, die gegen die Regie­rungs­truppen gekämpft haben, und so gab es auch in allen Teilen Aleppos, in den Bereichen, die von der Regierung gehalten wurden, ebenso von den von der bewaff­neten Oppo­sition beherrschten Regionen, Ver­wüstung und Tod. Und dann gab es noch in den von der Oppo­sition beherrschten Teilen Aleppos den isla­mis­ti­schen Terror, der merk­wür­di­ger­weise von vielen Kom­men­ta­toren der Ereig­nisse gar nicht erwähnt wird.

»Man darf nicht ver­gessen, dass Men­schen auf der Straße hin­ge­richtet wurden, dass die Frauen sich tief ver­schleiern mussten«, so Leu­kefeld. Man sollte auch nicht ver­gessen, dass viele Akti­visten der demo­kra­ti­schen Oppo­sition, die einst gegen das Baath-Régime rebel­lierten, Opfer dieser Isla­misten wurden. Doch nachdem Russland in den Kon­flikt ein­griff und auch noch Erfolge zu ver­zeichnen hatte, schienen sich für manche diese Isla­misten in Luft auf­gelöst zu haben.

Zu den eif­rigsten Leugnern des Isla­mismus in Syrien gehörte Bente Scheller[4], die das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut[5] leitet und vorher in Afgha­nistan war. Haben einst die Mar­ke­ten­de­rinnen die Kriegs­plätze des Mit­tel­alters abge­grast, so über­nehmen diese Rolle heute Mit­ar­beiter von bestimmten Insti­tu­tionen.

In einem Taz-Beitrag stellt sie die steile These auf, dass Assad mit Hilfe Russ­lands einen Mas­senmord verübt[6]. Besonders abstrus ist der Vorwurf an die Frie­dens­be­wegung, weit­gehend tatenlos zuzu­sehen. Denn unab­hängig davon, was man von deren Posi­tio­nierung hält, ist die Frie­dens­be­wegung in Deutschland doch weit­gehend mar­gi­na­li­siert und hat nun wirklich keinen Ein­fluss auf das was in Syrien pas­siert oder nicht pas­siert. Doch Scheller geht es um etwas Anderes. Sie will den Krieg in Syrien nicht beenden sondern ver­längern:

An die Stelle einer Ver­ant­wor­tungs­moral ist die Gesin­nungs­moral getreten. Lieber bleibt man seinem schlichten Welt­ver­ständnis treu, nachdem west­liche Waffen keinen Frieden schaffen, als sich damit aus­ein­an­der­zu­setzen, dass nicht jeder Kon­flikt sich lösen lässt, ohne mili­tä­rische Optionen auch nur zu erwägen. Das syrische Régime hat an keiner Stelle Kon­zes­sionen gemacht. Es nutzt das inter­na­tionale Fei­gen­blatt der Ver­hand­lungen, um in seinem Schatten eine gna­denlose Mili­tär­of­fensive gegen die eigene Bevöl­kerung zu voll­strecken – etwas, das gerade Pazi­fisten umtreiben sollte.

Bente Scheller

In ihrem Artikel ist von den ver­schie­denen isla­mis­ti­schen Banden, die in vielen Gebieten die Oppo­sition ver­trieben haben, nicht ein ein­ziges Mal die Rede. Dafür wird viel Ver­ständnis für die bewaffnete Oppo­sition und nicht einmal verbal eine Distanz zu deren radi­kal­is­la­mis­ti­schen Frak­tionen geäußert. Die Zitate aus sozialen Netz­werken, mit denen die Men­schen, die in den Kampf­ge­bieten wohnten, ihre Ohn­macht und Ver­zweiflung äußerten, werden instru­men­ta­li­siert.

Es wird nicht einmal die Über­legung ange­stellt, ob die Men­schen nicht vor allem ein Ende der Kämpfe wollten. So könnte der Sieg der Regierung und ihrer Unter­stützer tat­sächlich auch für die Gegner des Regimes eine gute Nach­richt sein. Jetzt können sie wieder Kraft schöpfen und sich auf den Wider­stand gegen Assad kon­zen­trierten, was in der Zeit viel schwie­riger war, als die Bewaff­neten die Szene beherrschten.

Warum gibt es in den Tagen, in denen in Aleppo viel­leicht diese Bilder tat­sächlich niemand mehr zu sehen bekommt, weil der Krieg vorerst zumindest dort beendet und die Isla­misten ver­trieben sind, kaum irgendwo eine Stimme, die darin eine Chance für die leid­ge­prüfte Bevöl­kerung sieht. Warum wird jetzt sogar in vielen Medien davor gewarnt, dass der künftige US-Prä­sident Trump in der Syri­en­frage die Koope­ration mit Russland sucht?

Die Erklärung sollte weniger in Syrien als in der deut­schen Geschichte gesucht werden. Die fast durchweg negative Bericht­erstattung über die rus­sische Inter­vention in Syrien noch ver­schärft durch einen mög­lichen Bei­stands Trumps wirkt wohl für manche in Deutschland so, als würde noch einmal eine Anti-Hitler-Koalition ent­stehen. Dieses Mal aber gegen den Isla­mismus, der in manchen Aspekten durchaus faschis­tische Züge hatte.

Der Begriff des Islam­fa­schismus kann durchaus auf einige der For­ma­tionen ange­wandt werden, die auch in Syrien ihr Unwesen trieben. Wenn jetzt in den deut­schen Medien gar keine Erleich­terung auf­kommt, dass in der zweit­größten Stadt Syriens diese Kräfte besiegt sind und die Bevöl­kerung jetzt zumindest keine Angst vor den Bomben und den Islam­fa­schisten mehr haben muss, könnte das durchaus daran liegen, dass im unter­be­wussten kol­lek­tiven Gedächtnis manche an Berlin 1945 dachten.

Für die meisten Deut­schen waren die Sol­daten der Roten Armee auch nur »die Russen«, und damals waren sie mit den USA ver­bündet. Man stelle sich nur vor, Hitlers Pri­vat­se­kre­tärin Traudl Junge[7] hätte aus ihrem toten Winkel[8] in der Reichs­kanzlei die Mög­lichkeit gehabt, die sozialen Netz­werke über die Situation im Berlin in den letzten Wochen vor dem Ende des NS zu füttern. Man hätte genügend Zitate über tote Kinder, über zer­bombte Häuser, über Hunger und Not finden können und man hätte damit das soge­nannte Gewissen der Welt über­zeugen können, doch abzu­lassen von der For­derung der bedin­gungs­losen Kapi­tu­lation des NS.

Diese Vor­stellung war in Deutschland weit ver­breitet und des­wegen hat sich auch ein Großteil der Bevöl­kerung nicht befreit, sondern von fremden Truppen erobert gesehen. Kann nicht hier ein Grund liegen, dass so viele gar kein gutes Wort über den Sieg über die Isla­misten in Aleppo finden können?

In den 1980er Jahren haben Publi­zisten wie Eike Geisel[9] und Wolfgang Pohrt[10] die Befind­lich­keiten der dama­ligen deut­schen Frie­dens­be­wegung mit der NS-Ver­gan­genheit Deutsch­lands abgeglichen[11]. Es wäre heute an der Zeit in ähn­licher Weise die aktu­ellen Befind­lich­keiten deut­scher Medien und Poli­tiker im Syri­en­kon­flikt zu hin­ter­fragen. Sieht man nicht heute in den Russen und den fremden Truppen, die in Syrien die Isla­misten besiegt haben, die Wie­der­gänger der Alli­ierten, die in Berlin für Deutsch­lands bedin­gungslose Kapi­tu­lation durch­setzten?

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[2] https://​www​.taz​.de/​K​o​m​m​e​n​t​a​r​-​K​a​e​m​p​f​e​-​u​m​-​A​l​e​p​p​o​/​!​5​3​6​2341/
[3] http://www.n‑tv.de/politik/Die-Syrer-wollen-ein-Ende-der-Kaempfe-article19323121.html
[4] https://​www​.boell​.de/​d​e​/​p​e​r​s​o​n​/​b​e​n​t​e​-​s​c​h​eller
[5] https://​www​.boell​.de/​d​e​/​n​a​v​i​g​a​t​i​o​n​/​n​a​h​e​r​-​m​i​t​t​l​e​r​e​r​-​o​s​t​e​n​-​5​2​9​3​.html
[6] https://​www​.boell​.de/​d​e​/​2​0​1​6​/​1​2​/​1​2​/​b​e​i​m​-​s​t​e​r​b​e​n​-​w​e​g​sehen
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[8] http://​www​.imdb​.com/​t​i​t​l​e​/​t​t​0​3​11320
[9] http://​www​.hagalil​.com/​a​r​c​h​i​v​/​9​8​/​0​6​/​g​e​i​s​e​l.htm
[10] https://​www​.per​len​taucher​.de/​a​u​t​o​r​/​w​o​l​f​g​a​n​g​-​p​o​h​r​t​.html
[11] http://​www​.zeit​.de/​1​9​8​1​/​4​5​/​e​i​n​-​v​o​l​k​-​e​i​n​-​r​e​i​c​h​-​e​i​n​-​f​r​ieden