Tatsächlich kam ein Politbüromitglied vorbei

Horst Gobrecht würdigt den Kampf von Else und Alfred Nothnagel gegen Hitler und die Stalinisierung der DDR

Das Todes­urteil für Alfred Noth­nagel hatten die Nazis schon geschrieben. Und seine Frau Else hat sich schon innerlich von ihrem Mann ver­ab­schiedet. Doch die beiden sollten die braune Dik­tatur über­leben. Sie betei­ligten sich am Aufbau der DDR, gerieten dann jedoch in die Mühlen der sta­li­nis­ti­schen Repression. Bei aller Kritik am Dog­ma­tismus der SED standen die Noth­nagels in prin­zi­pi­eller Soli­da­rität zur DDR, deren Untergang beide im hohen Alter erlebten. Else Noth­nagel starb 1993, ihr Mann 1999.



Der Gewerk­schaftler und Jour­nalist Horst Gobrecht hat jetzt die Vita der beiden ver­öf­fent­licht, die zur Min­derheit der anstän­digen Deut­schen gehörten. Beide waren in Leipzig Mit­glied der Jugend­or­ga­ni­sation der Sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­partei (SAP), die sich für eine Ein­heits­front aller Hit­ler­gegner ein­setzte. Damit standen sie im Wider­spruch zur offi­zi­ellen Politik von SPD und KPD. Gobrecht berichtet, wie die Noth-nagels eng mit Kom­mu­nisten zusam­men­ar­bei­teten, nachdem deren Partei auf die Politik der Volks­front ein­ge­schwenkt ist. Aus­führlich geht er auf die Arbeit der Anti­fa­schisten in der NS-Frei­zeit­or­ga­ni­sation »Kraft durch Freude« (KdF) ein. Ent­spre­chend der Taktik des Tro­ja­ni­schen Pferdes wollten sie innerhalb der Mas­sen­or­ga­ni­sation auf Wider­sprüche zwi­schen Dem­agogie und Wirk­lichkeit im Faschismus auf­merksam machen. Gobrecht wider­spricht der These des His­to­rikers Alex­ander Lange , der das Ein­dringen von Anti­fa­schisten in NS-Orga­ni­sa­tionen als »Über­wintern« denun­ziert. Es war aktiver Wider­stand. Gobrecht weist nach, dass die Jugend­lichen Kon­takte zu sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­genen unter­hielten und sogar Waffen für das illegale Buchen­wald­ko­mitee orga­ni­sierten, deren Übergabe indes nicht klappte.

Ins Reich der Legende ver­weist Gobrecht auch die Lesart der SED, nach der die Leip­ziger Anti­fa­schisten unter Führung der KPD agierten. Der Autor weiß, dass die NS-Gegner oft von­ein­ander iso­liert tätig waren und die sei­ner­zei­tigen Direk­tiven der KPD erst Jahre später lesen konnten. Für Gobrecht ist es ein Rit­ter­schlag, dass die jungen Kom­mu­nisten »auch tat­sächlich bereit waren, selbst­ständig poli­tisch zu handeln, statt auf eine (wirk­liche oder ima­ginäre) zen­trale ope­rative Leitung der KPD innerhalb Nazi­deutsch­lands zu warten«. Der Autor berichtet, wie sich Alfred Noth­nagel schon Mitte der 1960er für die Ent­my­tho­lo­gi­sierung der Geschichte des Leip­ziger Wider­stands ein­setzte.

Aus­führlich widmet sich Gobrecht der Streit­frage, ob es sich bei der Gründung der SED um Ein­sicht in eine Not­wen­digkeit oder Zwang gehandelt habe. Nicht die Ver­ei­nigung, sondern die nach­fol­gende Sta­li­ni­sierung ist für ihn das eigent­liche Problem. Der Ver­ei­ni­gungs­prozess sei gescheitert, als ehe­malige Mit­glieder linker Orga­ni­sa­tionen außerhalb der KPD wie Par­tei­feinde behandelt wurden. Auch die Noth­nagels blieben davon nicht ver­schont. Nachdem Alfred Noth­nagel bereits wegen seiner SAP-Ver­gan­genheit ange­griffen wurde, brachte ihm sein cou­ra­giertes Agieren am 17. Juni 1953 den end­gül­tigen Bann­strahl ein. Als Direktor der VEB Tex­til­werke in Kirchberg hatte er sich der Kritik der Arbeiter gestellt und für sie gar eine Kund­gebung ange­meldet. Damit habe er gegen das von der Sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tration erlassene Ver­samm­lungs­verbot ver­stoßen, hieß es.

Trotz Par­tei­aus­schluss blieben die Noth­nagels Kom­mu­nisten. Sie kuschten vor nie­mandem. Als Alfred Noth­nagel 1968 die Par­tei­mit­glied­schaft wieder zuer­kannt und er auf­ge­fordert wurde, sein Par­teibuch abzu­holen, lehnte er trotzig ab. Man müsse es ihm schon vor­bei­bringen. Tat­sächlich kam ein Mit­glied des Polit­büros. Gobrecht ehrt zwei außer­ge­wöhn­liche, bewun­derns­werte Men­schen.


Buch im nd-Shop bestellen:
* Horst Gobrecht: Ent­weder wir sind einig – oder wir sind nichts! Else und Alfred Noth­nagel. GNN. 356 S., br., 18 €

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​2​8​8​5​1​.​t​a​t​s​a​e​c​h​l​i​c​h​-​k​a​m​-​e​i​n​-​p​o​l​i​t​b​u​e​r​o​m​i​t​g​l​i​e​d​-​v​o​r​b​e​i​.html

Peter Nowak

Die sich nicht brechen ließen

»Sie hätten klar und deutlich schreiben müssen, dass Noetzel als Nazi-Opfer ver­storben ist … Es hieß damals, Noetzel hätte sich auf­ge­hängt. Leute, die es noch besser wissen müssen als ich, behaupten aller­dings, er sei ermordet worden.«

Diesen Leser­brief schrieb der ehe­malige SPD-Ober­bür­ger­meister von Wies­baden, Georg Buch, am 30. Dezember 1980 an den »Wies­ba­dener Kurier«. Das kon­ser­vative Lokal­blatt hatte über eine Aus­stellung des Malers Adolf Noetzel berichtet und seinen Kampf gegen den Faschismus ver­schwiegen. Er sei 1941 in Wies­baden gestorben, hieß es in dem Blatt. Von der Folter, der er in den letzten Wochen seines Lebens in den Händen der Gestapo aus­ge­setzt war, kein Wort.

„Die sich nicht brechen ließen“ wei­ter­lesen