Stadteilinitiativen wollen Räumung des M 99 verhindern

Mit der Laden­wohnung würde auch eine reale Gen­tri­fi­zie­rungs­bremse ver­schwinden, an der sich in der Ver­gan­genheit acht Haus­be­sit­ze­rInnen die Zähne aus­ge­bissen haben.
Am 9. August soll der »Gemischt­wa­ren­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf« (M99) in der Man­teuf­fel­straße geräumt werden. Damit würde der Laden­be­treiber Hans Georg Lin­denau, der auf einen Roll­stuhl ange­wiesen ist, auch seine Wohnung ver­lieren. In den nächsten Tagen wollen seine Unterstützer/​innen mit Aktionen und Kund­ge­bungen gegen die Räumung mobi­li­sieren. In der letzten Woche trafen sich etwa 100 Unter­stüt­ze­rInnen auf Ein­ladung des Bünd­nisses „Zwangs­räumung ver­hindern“ im Ber­liner S0 36, um die Pro­tes­tagenda zu koor­di­nieren. Am 7. August soll eine Kiez­de­mons­tration um 16 Uhr am Hein­rich­platz beginnen, um den Betreiber Lin­denau, der auch HG genannt wird, zu unter­stützen. Im Stadtteil haben sich zahl­reiche Läden und Pro­jekte für seinen Ver­bleib ein­ge­setzt. Auch die Stadt­teil­in­itiative Bizim Kiez unter­stützt ihn. Zur Demons­tration haben sich auch Unter­stüt­ze­rInnen aus anderen Städten und aus dem Ausland ange­kündigt. Eine Arbeits­gruppe möchte Schlaf­plätze für die aus­wär­tigen Unterstützer/​innen orga­ni­sieren. Am 9. August sollen sich ab 8 Uhr die Men­schen rund um das M99 ver­sammeln. „Wir wollen so viele sein, dass für die Gerichts­voll­zie­herin, die die Räumung voll­strecken will, kein Durch­kommen mehr ist und sie unver­rich­teter Dinge wieder abziehen muss“, sagte ein Unter­stützer von HG. Auf diese Weise konnten in der Ver­gan­genheit mehrere Zwangs­räu­mungen zumindest auf­ge­schoben werden. Sollte die Räumung nicht ver­hindert werden können, will Hans Georg Lin­denau in einen Hun­ger­streik treten und gemeinsam mit Unterstützer/​innen den Verkauf seiner Waren mittels eines Con­tainers orga­ni­sieren.

Altes gegen neues Kreuzberg


Viele Nach­ba­rInnen von HG befürchten, dass die dro­hende Räumung des Ladens auch eine Gefahr für sie selber ist. „Zahl­reiche nicht­kom­mer­zielle Pro­jekte mussten in der letzten Zeit aus Kreuzberg weg­ziehen. Wenn jetzt auch der M99 aus Kreuzberg ver­schwinden soll, der in vielen Rei­se­bü­chern auf­ge­führt ist, dann bedeutet das, dass wir alle hier in diesem Stadtteil nicht mehr sicher sind“, erklärte eine Nach­barin Sie ver­weist darauf, dass in der letzten Zeit zahl­reiche nicht­kom­mer­zielle Pro­jekte ebenso aus Kreuzberg ver­drängt wurden, wie Mie­te­rInnen mit geringen Ein­kommen. Bereits 2012 war an der Fassade des an dem M99 angren­zenden Laden mit Leucht­schrift „Casino“ zu lesen. Über den Laden von HG prangt hin­gegen noch immer der hand­ge­schriebene Schriftzug „M99 – Laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf“. So konnte man auf engsten Raum das alte und neue Kreuzberg an ihren Sym­bolen erkennen. Der Kon­flikt, der mit HGs Räumung enden soll, währt schon mehr als ein Jahr­zehnt. Ins­gesamt zehn Haus­ei­gen­tü­me­rInnen wollten in den letzten Jahren das Haus sanieren. Doch HG wei­gerte sich, aus­zu­ziehen und er gewann zahl­reiche Gerichts­pro­zesse. Er wurde so auch zur realen Gen­tri­fi­zi­rungs­bremse. Viele Bewoh­ne­rInnen im Stadtteil hoffen nun, dass zumindest im ersten Anlauf die Räumung am 9. August miss­lingt.

MieterEcho online 03.08.2016

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​-​o​n​l​i​n​e​/​m​-​9​9​.html

Peter Nowak

Agenda des Protests

M99 Aktionen sollen Zwangs­räumung ver­hindern

Am 9. August soll der Gemischt­wa­ren­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf (M99) in der Man­teuf­fel­straße geräumt werden. Damit würde der Laden­be­treiber Hans Georg Lin­denau, der auf einen Roll­stuhl ange­wiesen ist, auch seine Wohnung ver­lieren. In den nächsten Tagen wollen seine Unter­stüt­ze­rInnen mit Aktionen und Kund­ge­bungen gegen die Räumung mobi­li­sieren. Am Mitt­woch­abend trafen sich etwa 100 Unter­stüt­ze­rInnen auf Ein­ladung des Bünd­nisses „Zwangs­räumung ver­hindern“ im Ber­liner S0 36, um die Pro­tes­tagenda zu koor­di­nieren. Am 7. August soll eine Kiez­de­mons­tration um 16 Uhr am Hein­rich­platz beginnen, um den Betreiber Lin­denau, der auch HG genannt wird, zu unter­stützen. Im Stadtteil haben sich zahl­reiche Läden und Pro­jekte für seinen Ver­bleib ein­ge­setzt. Auch die Stadt­teil­in­itia­tiven Bizim Kiez und Kotti und Co. unter­stützen ihn. Zur Demons­tration haben sich auch Unter­stüt­ze­rInnen aus anderen Städten und aus dem Ausland ange­kündigt. Eine Arbeits­gruppe
möchte Schlaf­plätze für die aus­wär­tigen Unter­stüt­ze­rInnen orga­ni­sieren. Am 9. August sollen sich ab 8 Uhr die Men­schen rund um das M99 ver­sammeln. „Wir wollen so viele sein, dass für die Gerichts­voll­zie­herin, die die Räumung voll­strecken will, kein
Durch­kommen mehr ist und sie unver­rich­teter Dinge wieder abziehen muss“, sagte ein Unter­stützer von HG. Auf diese Weise konnten in der Ver­gan­genheit mehrere Zwangs­räu­mungen zumindest auf­ge­schoben werden. Sollte die Räumung nicht ver­hindert werden können, will Hans Georg Lin­denau in einen Hun­ger­streik treten und gemeinsam mit Unter­stüt­ze­rInnen
den Verkauf seiner Waren mittels eines Con­tainers orga­ni­sieren.

aus: TAZ, 29. JU LI 2016

Peter Nowak
■■Mehr Infos: http://​berlin​.zwangs​rae​u​mung​ver​hindern​.org/​2​0​1​6​/​0​7​/​2​1​/​m​9​9​-​t​e​r​mine/

Noch gibt es Revolutionsbedarf

VER­DRÄNGUNG Nun ist es amtlich: Der Laden M99 in der Man­teuf­fel­straße in Kreuzberg soll geräumt werden. Sein Betreiber, HG, hofft auf breite Unter­stützung aus dem Kiez

Am 9. August 2016 wird um 9 Uhr eine Gerichts­voll­zie­herin die Laden­räume des Kreuz­berger Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf (M99) in der Man­teuf­fel­straße 99 mit Poli­zei­un­ter­stützung räumen. Das ist der Inhalt eines Schreibens, das dem Laden­be­treiber Hans-Georg Lin­denau, auch als HG bekannt, am ver­gan­genen Wochenende zuge­stellt wurde. Magnus Hengge von der Bizim-Initiative hatte in den letzten Monaten ver­sucht, die Räumung durch einen Dialog mit Behörden und Eigen­tümern abzu­wenden.
„Es gab einige positive Signale, daher ist die Fest­legung des Termins doch über­ra­schend“, sagt er. Im März war ein von der Bezirks­bür­ger­meis­terin Monika Herrmann mode­rierter runder Tisch gescheitert, weil die Eigen­tümer den Räu­mungs­titel nicht zurück­nehmen wollten. Im Mai ver­fassten Nach­ba­rInnen dann einen Aufruf für den Ver­bleib des M99 im Kiez. Die Initiative Bizim Kiez, die sich im letzten Jahr gegen die Ver­drängung von Mie­te­rInnen und Pro­jekten aus dem Kiez gegründet hat, warnte davor, dass mit dem M99 ein wei­teres Stück des rebel­li­schen Kreuzberg ver­schwinden würde. Sie erin­nerte auch daran, dass HG, der den Laden seit 1988 betreibt und nach einem Unfall auf den Roll­stuhl ange­wiesen ist, mit der Räumung auch seine Wohnung ver­lieren würde. HG denkt auch jetzt nicht ans Auf­geben. „Ich hoffe bis zur letzten Minute, dass die Räumung ver­hindert wird, und werde den Laden nicht frei­willig räumen“, erklärte er der taz. Unter dem Motto „Besuchen Sie den M99, solange es ihn noch gibt“ wird in meh­reren Sprachen dafür mobi­li­siert, HG durch einen Einkauf, aber auch durch Soli­da­ri­täts­ak­tionen zu unter­stützen. Der Laden ist auch über die Lan­des­grenzen
hinaus bekannt und wird in alter­na­tiven Rei­se­bü­chern über Kreuzberg auf­ge­führt.


Mobi­li­sie­rungen im Vorfeld

Im Internet wird unter dem Motto „HG und M99 bleiben“ seit Wochen für den Tag X, den Räu­mungs­termin, mobi­li­siert. Was dann genau geplant ist, werde man jetzt dis­ku­tieren, erklärte Hengge. Auch das Bündnis Zwangs­räumung ver­hindern bereitet sich auf die Räumung
vor. Die Pla­nungen für Aktionen im Vorfeld sind da schon kon­kreter. Seit Ende Juni ver­an­staltet HG don­nerstags zwi­schen 18 und 22 Uhr vor dem Laden eine Pro­test­kund­gebung, zu der von Ver­treibung bedrohte Mie­te­rInnen und Pro­jekte ein­ge­laden sind. Bisher war die Resonanz aber gering. Um das Problem der Woh­nungs­lo­sigkeit auch in eine Gegend zu bringen, in der die Dichte der Immo­bi­li­en­firmen
besonders hoch ist, wird gemeinsam mit Obdach­losen eine Schlafdemo am Kur­fürs­tendamm vor­be­reitet. Auch für die Zeit nach einer Räumung hat HG bereits Pläne. „Der Verkauf soll dann in einen Con­tainer verlegt werden „Dafür brauche ich ein Grund­stück mit Dixi-Klo,
Wasser- und Strom­an­schluss in Kreuzberg“, erhofft sich HG Unter­stützung durch alter­native Pro­jekte und Bezirks­po­litik.

aus Taz vom 28.06.2016

http://​www​.taz​.de/​!​5​3​1​3428/

Peter Nowak

Es gibt noch Revolutionsbedarf

PROTEST Die dro­hende Zwangs­räumung des Geschäfts M99 könnte noch ver­hindert werden
Die dro­hende Zwangs­räumung des in der linken Szene über Berlin hinaus bekannten Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf
M99 könnte doch noch ver­hindert werden. Der Laden­be­treiber Hans Georg Lin­denau (HG) hat in einem neuen Angebot an die Eigen­tümer zuge­si­chert, dass er die Räume in der ersten Etage aufgibt. Dafür fordert er für die Räume im Erd­ge­schoss und Keller der Man­teuf­fel­straße
99 einen neuen Miet­vertrag. Die Eigen­tü­me­rInnen wollten sich gegenüber der taz nicht zu dem Angebot äußern. Gegenüber Lin­denaus Anwalt hatten sie erklärt, die Räumung nicht mit­hilfe der Polizei durch­setzen zu wollen. Strittig dürfte vor allem Lin­denaus For­derung sein, dass die Ver­ein­barung keinen Termin für ein end­gül­tiges Ver­lassen der Räume ent­halten soll. Die Eigen­tü­me­rInnen hatten vor­ge­schlagen, dass Lin­denau die Laden­räume noch bis zum 31. 12. 2016 nutzen kann und anschließend sämt­liche Räume ver­lassen
soll. „Ich sehe keine Mög­lich­keiten, an einem anderen Ort den Laden fort­zu­setzen“, begründet Lin­denau gegenüber der taz seine Wei­gerung, ein kon­kretes Datum für einen end­gül­tigen Auszug zu akzep­tieren. Zudem will er nicht auf die For­derung der Eigen­tü­me­rInnen ein­gehen, auf weitere poli­tische Akti­vi­täten gegen seine dro­hende Räumung zu ver­zichten. Mitte April hatte er eine
Kund­gebung vor dem Büro des Haus­ei­gen­tümers ange­meldet. Dabei wurde auch der Aufruf „99 für M99“ über­geben. Dort hatten sich 99 Nach­ba­rInnen für einen Erhalt des Ladens ein­ge­setzt. Dabei wurde auch Kritik an der Gen­tri­fi­zierung Kreuz­bergs deutlich. „Wir haben oft
gehört, dass sich die Men­schen im Stadtteil nicht mehr sicher fühlen, wenn selbst ein so bekannter Laden wie der M99, der schließlich in meh­reren Kreuzberg-Rei­se­bü­chern auf­ge­führt ist, von der Räumung bedroht ist“, erklärte David Schuster vom Bündnis „Zwangs­räumung ver­hindern“ gegenüber der taz. Das Bündnis gehört zu einem losen Bündnis ver­schie­dener Mie­te­rInnen-und Nach­bar­schafts­i­n­i­ta­tiven,
die sich für den Erhaltdes Ladens ein­setzen. Dass zwi­schen Lin­denau und den Haus­ei­gen­tü­me­rInnen weiter ver­handelt wird, sieht Schuster als einen Erfolg der Mobi­li­sie­rungen der letzten Wochen. Ende Februar war ein vom Bezirksamt Kreuzberg ein­be­ru­fener
Runder Tisch noch ohne Einigung aus­ein­an­der­ge­gangen. Nicht nur Schuster vom Zwangs­räu­mungs­bündnis sah damit alle Mög­lich­keiten einer Einigung beendet. Auch die Bezirks­bür­ger­meis­terin von Fried­richshain Kreuzberg Monika Herrmann (Grüne), die den Runden
Tisch leitete, erklärte: „Beim zweiten Treffen wollte der Anwalt des Besitzers nur noch über den Aus­zugs­termin und nicht über den Auszug reden. Da war nichts zu ver­handeln.“ Dass Lin­denau einen Ersatz­laden in Kreuzberg findet, hält Herrmann ange­sichts der Mie­ten­ent­wicklung für unmöglich. Lin­denau selbst hat derzeit gar keine Zeit, an einen Auszug zu denken. Sein Laden läuft im Vorfeld des 1. Mai besonders gut.
aus Taz: 27.4.2016
Peter Nowak

Rettung gescheitert

M99 Anwalt besteht auf Räumung des Ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf
Der Runde Tisch zum Erhalt des Gemischt­wa­ren­ladens mit Revo­lu­ti­ons­bedarf M99 ist gescheitert. Der Eigen­tümer der Man­teuf­fel­straße 99 war nicht erschienen, sein Anwalt beharrte auf der Räumung. „Dass er damit die Lebens­grundlage des roll­stuhl­ab­hän­gigen Laden­be­treibers Hans Georg Lin­denau zer­stört und ihn auch obdachlos macht, scheint ihn nicht zu inter­es­sieren“, kri­ti­siert Sarah
Schuster vom Bündnis „Zwangs­räumung ver­hindern“. Es unter­stützt Lin­denau gegen die dro­hende Zwangs­räumung. Der Runde Tisch sollte eine weitere Eska­lation ver­hindern. Beim ersten Treffen am 16. Februar war der Eigen­tümer noch anwesend (taz berichtete). Nachdem das zweite Treffen keine Einigung gebracht hat und auch kein wei­terer Termin mehr ver­einbart wurde, sieht das Zwangs­räu­mungs­bündnis nun akute Räu­mungs­gefahr. Lin­denau hofft aller­dings noch, sich mit dem Eigen­tümer zu einigen. „Die Ver­hand­lungen finden jetzt außerhalb des Runden Tisches statt“, sagte er der taz. Er wolle eine Blei­be­per­spektive bis min­destens Mitte
2017 ver­ein­baren. Damit würde er Zeit gewinnen, eine Alter­native für seine Laden­wohnung zu suchen. Der Eigen­tümer und sein Anwalt waren für die taz für eine Stel­lung­nahme nicht zu erreichen.
aus taz vom 11.03.2016
Peter Nowak

»Berufsausübungsverbot«

Seit knapp 30 Jahren gibt es den »M99 – Gemischt­wa­ren­handel für Revo­lu­ti­ons­bedarf« in der Man­teuf­fel­staße 99 in Berlin-Kreuzberg, dem nun die Zwangs­räumung droht. Der Betreiber Hans-Georg Lin­denau wohnt auch dort. Der gebürtige Franke ist quer­schnitts­ge­lähmt. Er hat mit der Jungle World gesprochen.

Ist die Laden­be­zeichnung ein Wer­begag für die linke Szene?

Schon Ende der acht­ziger Jahre habe ich mich von den als Zensur emp­fun­denen Dogmen der linken Info­la­den­szene ver­ab­schiedet. Der Name spielt darauf an, dass ich am Jah­restag der Revo­lution von 1848 geboren bin, und ich auch heute noch Revo­lu­ti­ons­bedarf habe, ohne einer im Detail fest­ge­legten Linie zu folgen.

Kürzlich hat Berlins Innen­se­nator Frank Henkel (CDU) die Räumung Ihres Ladens bis Ende Februar als Schlag gegen die autonome Szene bezeichnet. Fühlen Sie sich geehrt?

Mich erinnert diese Hetze im Wahl­kampf an die Situation 1984. Damals wurde so die Räumung des »Kunst- und Kul­tur­cen­trums Kreuzberg« (Kuckuck) vor­be­reitet, in dem ich aktiv war. Im M99 habe ich diese Arbeit fort­ge­setzt. Wenn ich einen Räu­mungs­termin bekomme, wünsche ich mir eine Demons­tration zur Anhalter Straße 7, wo das Kuckuckshaus noch ohne Fassade und Vor­platz steht.

Bereiten Sie sich auf die dro­hende Zwangs­räumung vor?

Ich will keine Zwangs­räumung ver­hindern, sondern kämpfe dafür, in meinen Laden und in meiner Wohnung bleiben zu können. Daher fordere ich einen Runden Tisch mit Politik und Haus­ei­gen­tümern, wie vom ehe­ma­ligen Kreuz­berger Bür­ger­meister Franz Schulz zugesagt.

Gäbe es nach einer Räumung für Sie eine Alter­native?

Ich hätte in meiner sozialen Umgebung Kreuz­bergs keine Chance, meine seit 1990 roll­stuhl­ab­hän­gig­keits­ge­lebte Wohnen-und-Arbeiten-Sym­biose mit seit Jahr­zehnten auf mich per­sönlich abge­stimmter, besuchs­fre­quen­tierter Anwe­sen­heits­as­sistenz fort­zu­setzen. Beim Verlust meiner Laden­wohnung würde ich mich psy­chisch in die iso­lierte Roll­stuhl­klasse mit Berufs­aus­übungs­verbot zurück­ver­setzt fühlen.

Bekommen Sie Soli­da­rität?

Am 9. Januar gab es die erste Soli­da­ri­täts­de­mons­tration durch Kreuzberg. Die Initia­tiven Bizim und »Zwangs­räumung ver­hindern« haben mir ermög­licht, ein Soli­da­ri­täts­plakat unter dem Motto »M99 Him­mel­fahrt« zu erar­beiten. Damit sollen Spenden ein­ge­nommen werden, weil ich schon heute durch die dro­hende Räumung hohe Kosten habe.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​0​4​/​5​3​3​9​8​.html

Small Talk von Peter Nowak

Kiezlegende droht der Rauswurf

In Kreuzberg regt sich Wider­stand gegen die Kün­digung des »Gemischt­wa­ren­ladens für Revo­lu­ti­ons­bedarf«

Seit 1985 ver­kauft Hans-Georg Lin­denau in der Man­teuf­fel­straße seine »Revo­lu­ti­ons­ar­tikel«. Doch am 31. Dezember soll Schluss sein. Dagegen orga­ni­siert sich Wider­stand.

Schwarzrote Fahnen flattern neben einem Stapel Anti­fa­auf­kleber. In Regalen finden sich Plakate und Flug­blätter zu ver­schie­denen Themen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken. Im »Gemischt­wa­ren­handel für Revo­lu­ti­ons­bedarf« in der Man­teuf­fel­straße 99 kann man den Geist des rebel­li­schen Kreuzberg der späten 80er Jahre noch spüren.

Doch zum 31. Dezember soll damit Schluss sein. An diesen Tag soll Laden­in­haber Hans Georg Lin­denau, den alle nur HG nennen, die Räume besenrein an die Idema Immo­bilien- und Ver­wal­tungs­ge­sell­schaft über­geben, die das Haus vor einigen Jahren erworben hat. Es ist der achte Haus­ei­gen­tümer, seit Lin­denau vor 30 Jahren den Laden eröffnet hat. Damals waren in Kreuzberg zahl­reiche Häuser besetzt. Der Stadtteil an der Mauer wurde bei Linken, Alter­na­tiven und Aus­steigern beliebt. Sie waren die ersten Kunden und Nutzer des Ladens.

In den letzten Jahr­zehnten hat sich Kreuzberg rasant ver­ändert. Doch der M99 ist bis heute Anlauf­punkt für Men­schen aus aller Welt, die noch etwas vom Flair des alten Kreuzberg mit­be­kommen wollen. In den nächsten Tagen ist die Gele­genheit dazu besonders günstig. Denn Lin­denau und seine Unter­stützer bereiten den Wider­stand gegen die Zwangs­räumung vor. »Ich gehe hier nicht frei­willig raus«, erklärt HG, der bei einer Räumung nicht nur den Laden, sondern auch seine Wohnung ver­lieren würde, die er nach einer Quer­schnitts­lähmung in den hin­teren Räumen roll­stuhl­ge­recht ein­ge­richtet hat.

An der Kam­pagne gegen die Räumung betei­ligen sich viele Kunden. Das ist im Sinne von Lin­denau, der sich nie als Geschäftsmann gesehen hat. »Von Anfang an haben Men­schen, die im M99 Auf­kleber, Info­ma­terial und die ange­sagten linken T-Shirts und Kapu­zen­pollover erworben haben, geholfen, den Betrieb auf­recht­zu­er­halten«, benennt HG das Konzept.

Jetzt tragen die Unter­stützer dazu bei, dass im ganzen Stadtteil Plakate mit dem Motto »Bizim M99« (Wir sind alle M99) zu sehen sind. Die Parole ist an die Kam­pagne »Bizim Bakkal« ange­lehnt, mit der sich vor einigen Monaten Nachbarn für den Erhalt eines gekün­digten Gemü­se­ladens in der Kreuz­berger Wran­gel­straße enga­gierten (»nd« berichtete). Die Kün­digung wurde zurück­ge­nommen.

Mitt­ler­weile kämpft die Bizim-Initiative gegen die Ver­drängung von Mietern und kleinen Läden in ganz Kreuzberg. Sie enga­giert sich auch für den Erhalt des M99. »HG ist kein pro­fit­ori­en­tierter Geschäftsmann, sondern sieht sich und seine Arbeit als einen Teil der Kultur von unten. Deshalb gibt es auch eine Freebox – hier kann jeder geben und nehmen, was er kann und möchte«, begründete eine Akti­vistin der Bizim-Bewegung das Enga­gement für den Erhalt des Ladens. Der sei ein Anlauf­punkt für die Nach­bar­schaft, die nicht zu der kauf­kräf­tigen Ziel­gruppe der neuen Läden gehört, die sich auch in Kreuzberg aus­breiten, betont sie.

Unter dem Motto »HG/M99 bleibt« soll am 9. Januar für den Erhalt des Ladens demons­triert werden. Beginn ist um 14 Uhr am Hein­rich­platz.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​9​6​3​4​5​.​k​i​e​z​l​e​g​e​n​d​e​-​d​r​o​h​t​-​d​e​r​-​r​a​u​s​w​u​r​f​.html

Von Peter Nowak

Ein Lichterfest gegen die Verdrängung

MIETEN: Mit einem Later­nen­umzug meldete sich in Kreuzberg die Bizim-Initiative zurück
Mit einen Later­nen­umzug gegen Ver­drängung durch den Kreuz­berger Wran­gelkiez pro­tes­tierten am Abend des 11 November Hun­derte Mie­te­rInnen gegen Ver­drängung. Sie wollten an diesem Abend,so hießes, mit Laternen und Glüh­birnen den Inves­to­rInnen heim­leuchten. Attraktion des Umzugs war ein großer leuch­tender Wal. „Dieser Mietwal hat keine Angst vor Miethaien“, sagt die Trä­gerin.
Mit der Aktion meldete sich die Bizim-Initiative zurück, die vor einigen Monaten von Mie­te­rInnen des Kreuz­berger Wran­gel­kiezes initiiert wurde, nachdem ein Gemü­se­laden in der Wran­gel­straße 77 die Ver­treibung drohte. Mitt­ler­weile wurde die Kün­digung zurück­ge­nommen, doch einen neuen Miet­vertrag haben die Laden­be­sit­ze­rInnen bis heute nicht. Die Kiez­spa­zier­gän­ge­rInnen bekun­deten gleich zu Beginn ihre Soli­da­rität. „Es ist uns immer um mehr als den Erhalt des Gemü­se­laden gegangen. Die Nach­ba­rInnen haben Mut bekommen, sich eben­falls gegen ihre dro­hende Ver­treibung zu wehren“, sagte eine Bewoh­ne­rInnen der Wran­gel­straße 66. Dort war von den Eigen­tü­me­rInnen die Umwandlung von güns­tigen Miet- und Eigen­tums­woh­nungen geplant. Die Mie­te­rinnen erwarten von den Bezirks­po­li­ti­ke­rInnen , dass sie die Umwandlung der Woh­nungen in dem Milieu­schutz­gebiet stoppen. Es habe bisher Ver­spre­chungen geben.
Im Anschluss zogen die Spa­zier­gän­ge­rInnen zur Man­teuf­fel­straße 99. Hans Georg Lin­denau, des akut von Räumung bedrohten »Gemischt­laden mit Revo­lu­ti­ons­bedarf M99« trug Pro­test­lieder vor und erntete viel Applaus. Der Lich­ter­umzug endete mit einem Konzert vor der Zeug­hof­straße 20, das derzeit ein­grüstet ist. Ein lang­jäh­riger Mieter zeigte auf einer Leinwand Dias: es ging um die Geschichte des Hauses. Die Mie­te­rInnen beklagen, mit Schi­kanen zum Auszug gedrängt zu worden.
aus Taz-Berlin: 13.11.2015

Peter Nowak