War Hannah Arendt die Judith Butler der frühen 60er Jahre?

Ein neuer Film von Mar­ga­retha von Trotha behandelt die heftige Dis­kussion, die das Arendt ver­fasste Buch »Eichmann in Jeru­salem« vor 50 Jahren aus­löste und wird wohl in Deutschland aus den fal­schen Gründen Zustimmung finden

Das Jubiläum des Buches wird auch in Deutschland nicht unbe­achtet vor­über­gehen. Dafür wird der Film Hannah Arendt – ihr Denken ver­än­derte die Welt sorgen, der auf inter­na­tio­nalen Film­fes­tivals Preise gewann und Anfang Januar in die deut­schen Kinos kommt. Die Regis­seurin bleibt in dem Film ihrer Film­tra­dition treu, Frauen in der Geschichte ein fil­mi­sches Denkmal zu setzen. Nach Rosa Luxemburg und Hil­degard von Bingen hat sie nun Hannah Arendt zur Heldin ihres neuen Filmes gemacht. Der Begriff Denkmal stimmt hier nicht nur im über­tra­genden Sinne. Die Regis­seurin lässt keinen Zweifel, dass Arendt ihre Sym­pathie genießt. Dabei kon­zen­triert sie sich nur auf eine relativ kurze Phase in Arendts Leben. Der Film beginnt, als sich die Poli­to­login ent­schließt, den Eichmann-Prozess in Jeru­salem als Jour­na­listin zu besuchen, doku­men­tiert die heftige Kon­tro­verse und hat ihren dra­ma­tur­gi­schen Höhe­punkt, als ihr der lang­jährige Freund und Kollege Hans Jonas die Freund­schaft auf­kün­digte und Arendt besonders damit ver­letzte, dass er sie als Lieb­lings­stu­dentin des NS-belas­teten Frei­burger Pro­fessors Martin Hei­degger bezeichnete.

Immer wieder wechselt der Film aus dem USA der 60er Jahre in die Mar­burger Uni­ver­sität, wo die Stu­dentin Arendt sich bei Hei­degger vor­stellt und dann seine Vor­le­sungen besucht. Das Ver­hältnis zwi­schen Hei­degger, der sich dem NS-System andiente und Arendt, die ihn dafür heftig kri­ti­sierte, aber nie mit ihm brach, ist seit Langem Gegen­stand von Büchern und Debatten. Die Logik der Ver­knüpfung dieser beiden wich­tigen Daten in Arendts Bio­graphie ergibt sich schon daraus, dass auf dem Höhe­punkt der Debatte um das Eichmann-Buch die vehe­menten Kri­tiker, nicht nur Hans Jonas, Hei­degger gegen die Buch­au­torin ins Feld führten.

Nach dem Motto, wer bei einem Nazi stu­diert hat, muss zur Israel­has­serin werden, findet man in der Aus­ein­an­der­setzung vor 50 Jahren viele Ele­mente wieder, die sich heute wie­der­holen, wenn linke jüdische Intel­lek­tuelle die Politik Israels kri­ti­sieren. Ein pro­mi­nentes noch recht aktu­elles Bei­spiel ist die Aus­ein­an­der­setzung um die Ver­leihung des Adorno-Preises an Judith Butler. Auch ihr wird jüdi­scher Selbsthass vor­ge­worfen.

»Hab Geduld mit uns Juden«

Schon in den ersten Minuten des Films deuten sich die intel­lek­tu­ellen Front­ver­läufe an. Wir sehen Arendts Freunde heftig darüber dis­ku­tieren, ob Israel das Recht hat, Eichmann in Jeru­salem anzu­klagen. Während einige von Arendts Freunden darauf ver­weisen, dass Israel als Heim­staat der Über­le­benden der Shoah dazu legi­ti­miert ist, plä­diert Arendts Mann mit anti­zio­nis­ti­schen Argu­menten für eine Anklage vor einen inter­na­tio­nalen Gerichtshof.

Hannah Arendt wird in diesem Streit als Zuhö­rerin gezeigt, die die Argu­mente beider Seiten abwägt, ohne sich selber zu posi­tio­nieren. Das ändert sich, als Arendt bei Freunden in Jeru­salem ange­kommen ist, bei denen sie während ihres Pro­zess­be­suches lebt. Hier wird schnell ihre Distanz zum jungen israe­li­schen­Staat deutlich. »Hab Geduld mit uns Juden«, bittet ein Ver­wandter. Sie betonen, dass der Prozess für den jungen Staat wichtig ist. Bis in die frühen 60er Jahre wurde über die Shoah in Israel wenig geredet. Das von der zio­nis­ti­schen Grün­der­ge­neration bevor­zugte Bild von selbst­be­wussten, starken Men­schen, die den neuen Staat begrün­deten, war nicht in Über­ein­stimmung zu bringen mit den Bildern der wehr­losen, gemar­terten und getö­teten Men­schen in den Ver­nich­tungs­lagern der Nazis und ihrer euro­päi­schen Ver­bün­deten. Dass es selbst unter diesen Bedin­gungen Wider­stands­ak­tionen gab und dass die Juden von ihren Mördern zu Opfern gemacht wurden, wurde in Israel im ersten Jahr­zehnt nach der Gründung zum Leid­wesen vieler Über­le­bender zu wenig reflek­tiert.

Der Eichmann-Prozess war eine Zäsur. Im Film ist in meh­reren Szenen zu sehen, wie die Men­schen überall in Israel an den Radios das Ver­fahren gebannt ver­folgten. Arendt tat sich schwer, die Arti­kel­serie für The New Yorker frist­ge­recht abzu­liefern. Immer wieder sieht man sie vor Akten­bergen am Schreib­tisch ihrer New Yorker Wohnung sitzen. Als sie ihre Arbeit schließlich beendet hatte, kamen vom Verlag sofort erschro­ckene Rück­mel­dungen. Man befürchtete, dass der Text einen Skandal aus­lösen würde, doch die Dimension des Kon­flikts konnte niemand vor­her­sehen.

Es waren vor allem drei Text­pas­sagen, die die Kritik her­vorrief. Arendt hatte den Juden­räten vor­ge­worfen, mit den deut­schen Behörden koope­riert zu haben, und ihnen eine Mit­schuld an der Ver­nichtung gegeben. Zudem beschei­nigte sie Eichmann. ein Pro­totyp der »Bana­lität des Bösen« gewesen zu sein, der sich auf Befehle höherer Dienst­stellen berief und vorgab, nicht selber über diese nach­ge­dacht zu haben. Arendt sah in dieser Unfä­higkeit zu denken das Wesen von Eich­manns Per­sön­lichkeit.

»Warum soll ich die Juden lieben, wo ich doch keine Völker liebe«

Im Film wird gezeigt, wie sich lang­jährige Bekannte, Freunde und selbst Ver­wandte sich von Arendt abwandten. Ein dra­ma­ti­scher Höhe­punkt des Films ist erreicht, als Arendt am Bett des schwer­kranken Ver­wandten sitzt, der ihr demons­trativ den Rücken zukehrt, nachdem er ihr vor­ge­worfen hat: »Du liebst die Juden nicht.« Ihre Gegen­frage im Film hört sich fast pro­gram­ma­tisch an. »Warum soll ich die Juden lieben, wo ich doch keine Völker liebe? Ich liebe Men­schen.« So würden auch viele linke Israel­kri­tiker heute ant­worten, wenn ihnen jüdi­scher Selbsthass oder Feind­schaft zu Israel vor­ge­worfen wird. So kann die Kon­tro­verse um das Buch von Hannah Arendt tat­sächlich als Beginn einer Kon­tro­verse zwi­schen linken jüdi­schen Intel­lek­tu­ellen und dem Staat Israel gesehen werden, die bis heute andauert. Mar­ga­rethe von Trotta macht Arendts zur Strei­terin für Mei­nungs­freiheit. Kom­pro­misslos wider­setzt sie sich allen Auf­for­de­rungen, das Buch zurück­zu­ziehen. An einer Stelle wird dra­ma­tur­gisch über­trieben, als Arendt bei einem Wald­spa­ziergang von meh­reren Männern mit dunklen Brillen ange­halten und barsch auf­ge­fordert wird, das Buch zurück zu ziehen. Schnell stellt sich heraus, dass es Mossad-Mit­ar­beiter sind, die auch gleich erklären, zumindest in Israel werde das Eichmann-Buch nicht erscheinen. Tat­sächlich wurde es dort erst im Jahr 2000 verlegt. Die Szene erinnert an staat­liche Roll­kom­mandos und scheint schon deshalb über­trieben, weil gleich im Anschluss gezeigt wird, wie Arendt unge­hindert zu dem schwer­kranken Ver­wandten nach Israel reist, der ihr wegen des Buches seine Freund­schaft auf­ge­kündigt hat.

Der Film dürfte in Deutschland aus den fal­schen Gründen viel Zustimmung bekommen. So wird es zumindest in großen Teilen der Bevöl­kerung nicht um die Wie­der­ent­de­ckung von Hannah Arendt und ihrer radi­kalen Kritik an der Mehrheit der Deut­schen im Natio­nal­so­zia­lismus gehen, wie sie in dem Eichmann-Buch for­mu­liert wird. Sie wird vielmehr als Israel­kri­ti­kerin gefeiert werden. Diese falsche Ein­ge­meindung erleben linke jüdische Kri­tiker der israe­li­schen Politik auch heute noch. Da wird dann womöglich Arendt noch mit Günther Grass auf eine Stufe gestellt, was die Poli­to­login nun wirklich nicht ver­dient hat.

Die Instru­men­ta­li­sierung von Hannah Arendt begann schon kurz nach der Her­ausgabe des Eichmann-Buches. Der Ver­lags­leiter des Piper-Verlag Hans Rößner, der die deutsche Ausgabe des Eichmann-Buches betreute, war während der NS-Zeit SS-Ober­sturm­bann­führer und Kul­tur­re­fe­rats­leiter im Reichs­si­cher­heits­hauptamt. Arendt hat davon nie erfahren.
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​53438
Peter Nowak