Das Problem der Wissenschaftlerin ist nicht, dass sie die Rechten verstehen will, sondern vor lauter Singularitäten keine Gesellschaft erkennen will

Ist Cornelia Koppetsch die Sahra Wagenknecht der Soziologie?

Deshalb ist auch die in Teilen durchaus gelungene Beschreibung der Ver­än­derung in der Gesell­schafts­struktur so pro­ble­ma­tisch. Sie ist eben nicht in eine mate­ria­lis­tische Gesell­schafts­analyse ein­ge­bunden und kann deshalb auch von rechts ver­ein­nahmt werden.

Bücher, die den Anspruch haben, den Rechts­po­pu­lismus zu ana­ly­sieren, sind aktuell sehr gefragt. Doch der Grund, warum der Band »Die Gesell­schaft des Zorns« der Darm­städter Sozio­login Cor­nelia Kop­petsch zurzeit ver­griffen ist, hat andere Ursachen. Das Buch wurde.…

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Ehe für Alle nur glitzernde Hülle?

Streit um eine eigentlich richtige Erkenntnis von Wagen­knecht, die aber so for­mu­liert wurde, dass sie Kritik her­aus­fordert

Die Frak­ti­ons­vor­sit­zende der LINKEN steht par­tei­intern seit Langem in der Kritik. Stich­punkte sind die linke Samm­lungs­be­wegung und die Posi­tio­nierung zur For­derung nach offenen Grenzen. Nun hat sich auch der Lesben- und Schwu­len­verband mit der Links­po­li­ti­kerin angelegt. In einem Offenen Brief[1] kri­ti­sieren sie ihren Gastbeitrag[2] in der kon­ser­va­tiven Welt, in dem sie ihren Einsatz für eine Samm­lungs­be­wegung begründet.

Dort geht sie auf den nun nicht besonders neuen Fakt ein, dass sich extrem wirt­schafts­li­berale Poli­tiker in kul­tu­rellen Fragen liberal geben. Die Grünen sind hier Pio­niere, aber auch die SPD und die Merkel-Union haben längst erkannt, wie man sich eine gute Presse ver­schafft, in dem man sich eben kreativ, fle­xibel und divers gibt, wie die Labels des modernen Kapi­ta­lismus heute lauten. Über die Poli­tiker einer großen Koalition von der Merkel-Union bis zu den Grünen schreibt sie:

Sie alle pre­digen die ver­meint­liche Unfä­higkeit des Natio­nal­staats, seine Bürger vor Dum­ping­kon­kurrenz und dem Ren­di­te­druck inter­na­tio­naler Finanz­in­ves­toren zu schützen. Sie alle ver­treten somit einen Wirt­schafts­li­be­ra­lismus, der die War­nungen der Frei­burger Schule vor der Kon­zen­tration von Wirt­schafts­macht in den Wind geschrieben hat und deren fatale Folgen nicht nur für Inno­vation und Kun­den­ori­en­tierung, sondern auch für die Demo­kratie igno­riert.

Und sie alle haben diesem Uralt-Libe­ra­lismus, der aus der Zeit vor der Ent­stehung moderner Sozi­al­staaten stammt, die glit­zernde Hülle links­li­be­raler Werte über­ge­streift, um ihm ein Image von Moder­nität, ja mora­li­scher Inte­grität zu geben. Welt­of­fenheit, Anti­ras­sismus und Min­der­hei­ten­schutz sind das Wohlfühl-Label, um rüde Umver­teilung von unten nach oben zu kaschieren und ihren Nutz­nießern ein gutes Gewissen zu bereiten.

Sahra Wagen­knecht

Dagegen wenden sich die Ver­fasser des Briefes des Kri­tik­briefes:

In Ihrem Beitrag bleiben Sie zwar eher vage, für welche Politik und Ziele diese »neue Samm­lungs­be­wegung« oder »pro­gressive Stimme« steht. Aller­dings drängt sich auf­grund Ihres Tenors der Ein­druck auf, dass diese sich deutlich von Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­po­li­tiken, Anti­ras­sismus oder einer Politik die Men­schen­rechte ver­ab­schieden sollte, diese jeden­falls auf keinen Fall von ihr ver­teidigt werden wird.

Denn diese sind doch angeblich »Wohlfühl-Label, um rüde Umver­teilung von unten nach oben zu kaschieren und ihren Nutz­nießern ein gutes Gewissen zu bereiten«. Zusam­men­ge­fasst behaupten Sie weiter, dass »die glit­zernde Hülle links­li­be­raler Werte« nur von durch neo­li­be­ralen Poli­tiken ver­ur­sachte Armut und wach­sender öko­no­mi­scher Ungleichheit ablenken sollen. Damit Ihre These aufgeht, ver­schweigen Sie, ver­mutlich bewusst, dass diese gesell­schaftlich hart erkämpft werden mussten.

So ein mehr oder weniger von der Politik als Ablen­kungs­ma­növer hin­ge­wor­fenes Häppchen ist für Sie die »Ehe für Alle«, die Sie in einem Satz mit dem sozialen Auf­stieg von wenigen ver­knüpfen. Zwar schreiben Sie, dass beides sich nicht wider­spreche, aber dennoch stellen Sie beide Ent­wick­lungen in einen Zusam­menhang und sug­ge­rieren, dass das eine mit dem anderen zu tun hätte.

Auch das ist ja eine bewusste Ent­scheidung von Ihnen. Und dieser Tenor zieht sich durch den gesamten Beitrag.

Das demon­tiert und demen­tiert ein Stück sogar die eigene Politik der Linken. Schließlich hat sich die Fraktion Die LINKE über mehrere Wahl­pe­rioden im Bun­destag nach­drücklich für die Öffnung der Ehe ein­ge­setzt und alle anwe­senden Abge­ord­neten der Linken haben bei der Ehe für alle mit Ja gestimmt.

Offener Brief des LSVD

Seitdem tobt im Umfeld der LINKEN und ihr nahe­ste­henden Medien ein wei­terer Streit um die Frak­ti­ons­vor­sit­zende.

Warum miss­ver­ständ­liche For­mu­lie­rungen in Wagen­knechts Text?

Nun hat sie sich das auch selber zuzu­schreiben. Denn Wagen­knecht weist auf einen nun wahrlich nicht ori­gi­nellen Fakt hin, dass in der kapi­ta­lis­ti­schen Welt­ordnung eine unter den Füll­wörtern wie Diver­sität und Vielfalt gela­belten Min­der­hei­ten­po­litik als Stand­ort­vorteil im inner­ka­pi­ta­lis­ti­schen Wett­bewerb eine wichtige Rolle spielt. Man muss sich nur die Wer­be­tafeln von trans­na­tio­nalen Kon­zernen ansehen, die genau diese modernen Kapi­ta­lismus reprä­sen­tieren. Die Bot­schaft ist klar: Wir sind bunt, wir sind divers, wir kennen keine Res­sen­ti­ments, wenn Du nur finan­ziell liquide bist. Wenn Du aber kein Geld hast, hilft Dir keine Buntheit, keine Diver­sität. Du bist aus­ge­schlossen aus der schönen kapi­ta­lis­ti­schen Warenwelt.

Orga­ni­sa­tionen wie der LSVD fun­gieren so längst als Bot­schafter dieses modernen Kapi­ta­lismus und haben die Rolle gerne ange­nommen. Sie prägen in ihrem ganzen Auf­treten das Bild von wohl­ha­benden, kon­sum­ori­en­tierten Men­schen. Den Fakt, dass es Schwule und Lesben gibt, die kein Geld haben, kommt da kaum vor. Hier müsste linke Kritik ein­setzen, die genau Wagen­knecht nicht leistet. Sie erinnert in einem Satz daran, dass sich der Kampf um soziale Rechte und der Kampf für die Rechte von Schwulen und Lesben nicht aus­schließen. Das liest sich aber wie eine vage Absi­cherung.

Warum erwähnt sie als Poli­ti­kerin der LINKEN nicht, dass bereits die Sozi­al­de­mo­kratie vor mehr als 120 Jahren diesen Kampf führte. Es waren frühe Sozi­al­de­mo­kraten wie August Bebel, die auch par­la­men­ta­risch für die Ent­kri­mi­na­li­sierung von Homo­se­xua­lität ein­traten. Es gab in der Geschichte vor allem des linken Flügels der Arbei­ter­be­wegung immer wieder eine solche Position, die eben den Kampf gegen alle Formen von Unter­drü­ckung und Aus­beutung in den Fokus rückte. Hinter eine solche Position sollte heute niemand von den Linken zurück­fallen.

Es gab aber auch in der Arbei­ter­be­wegung immer wieder Ver­suche, soziale Rechte gegen Rechte von den unter­schied­lichen Min­der­heiten aus­zu­spielen. Gerade eine Strömung der Arbei­ter­be­wegung, die im Zuge der Sta­bi­li­sierung dem Mythos des männ­lichen Arbei­ter­helden frönte, vertrat auch explizit schwulen- und les­ben­feind­liche Posi­tionen. Doch diese patri­ar­chalen Ele­mente waren selbst in Teilen der Strö­mungen in der Arbei­ter­be­wegung zu finden, die sich klar gegen die sta­li­nis­tische Kon­ter­re­vo­lution wandten.

Die selb­ständige Orga­ni­sierung von Frauen, Schwulen und Lesben ist auch mit den schlechten Erfah­rungen ver­bunden, die sie mit einer arbei­ter­tü­melnden Bewegung gemacht haben, für die Min­der­heiten nur bür­ger­liches Getöns waren. Es wäre daher für eine Poli­ti­kerin der LINKEN ange­bracht gewesen, darauf hin­zu­weisen und sich explizit auf jene Teile der Arbei­ter­be­wegung zu beziehen, die einen umfas­senden Begriff von Eman­zi­pation ver­traten und damit nicht nur den Arbei­termann und die genauso fleißige Arbei­terfrau damit meinten. So hat sich also Wagen­knecht einen Teil der Kritik selber zuzu­schreiben.

Warum fehlt im LSVD-Brief die Klas­sen­un­ter­drü­ckung?

Doch auch der Offene Brief des LSVD ver­dient kri­tische Fragen. Zunächst fällt auf, dass dort in keinem Wort auch nur eine Kritik an der Politik des sozialen Kahl­schlags geschweige denn am Kapi­ta­lismus geübt wird. Es wird nur an einer Stelle zutreffend behauptet, dass es Trans­phobie und Ras­sismus bereits vor der Ein­führung von Hartz IV gab. Doch warum wird von den Ver­fassern des Briefes diese Gele­genheit nicht genutzt, um sich ganz klar von der Agenda 2010 zu distan­zieren? Schließlich sind auch viele Schwule und Lesben Men­schen, die davon betroffen sind. An einer Stelle wird Wagen­knecht im Brief ermahnt:

Zuletzt möchten wir Sie daran erinnern, dass Homo­phobie, Sexismus und Ras­sismus wie alle anderen Formen der grup­pen­be­zo­genen Men­schen­feind­lichkeit und Abwertung Men­schen aus­ein­an­der­treibt und Soli­da­rität gerade schwächt.

Ist es Zufall, dass bei der Auf­zählung der Unter­drü­ckungs­formen die Klas­sen­un­ter­drü­ckung fehlt? Und schwächt diese Ignoranz des LSVD gegenüber dieser kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beutung nicht auch den Kampf um eine eman­zi­pative Gesell­schaft? Wie eine solche Soli­da­rität aus­sehen kann, die alle Formen von Aus­beutung und Unter­drü­ckung ein­schließt, zeigt die Soli­da­ri­täts­be­wegung von bri­ti­schen Schwulen und Lesben mit dem Bergarbeiterstreik[3] vor über 30 Jahren, die durch den Film Pride[4] dan­kens­wer­ter­weise wieder bekannter wurde.

Auch Lohn­arbeit ver­dient Respekt

Nun müsste der LSVD nicht weit in die Ver­gan­genheit zurück­gehen, um sich auch für Klas­sen­un­ter­drü­ckung zu inter­es­sieren. Er hätte sich nur mit den Mit­ar­bei­te­rinnen des Bil­dungswerk des LSVD Berlin soli­da­ri­sieren können, die Ende letzten Jahres für bessere Arbeits­be­din­gungen stritten[5]. Ihr Arbeits­kampf war auch deshalb erfolglos, weil der gesamte LSVH ihre Anliegen igno­rierte.

Das Motto der Beschäf­tigten lautete: »Auch Lohn­arbeit ver­dient Respekt«[6]. Die Beschäf­tigten mussten die Erfahrung machen, dass in einem Milieu, in dem so viel über Respekt geredet wird, ihnen als Beschäf­tigte genau dieser Respekt ver­weigert wird. Dieser Vorwurf fällt auch auf den LSVD außerhalb Berlins zurück, weil der sich trotz Auf­for­derung nicht für die Beschäf­tigten posi­tio­niert ist. Daher ist es zwei­felhaft, ob ein solcher Verband des schwulen Mit­tel­stands wirklich dazu taugt, über eine eman­zi­pative Gesell­schaft zu belehren. Dabei steht der LSVD stell­ver­tretend für eine Mit­tel­schicht, die sich schon längst von den Pro­blemen der Ein­kom­mens­armen abge­wandt hat.

Links­li­berale Werte ver­halten sich zum neuen Kapi­ta­lismus wie ein Schlüssel zum Schloss

Die Sozio­login Cor­nelia Koppetsch[7] hat kürzlich in einem taz-Interview[8] diese Schicht treffend ana­ly­siert und ohne jeg­liches Res­sen­timent seziert:

taz am wochenende: Frau Kop­petsch, Sie beschei­nigen der urbanen Mit­tel­schicht Spie­ßigkeit, Ange­passtheit und die Rückkehr zu kon­ser­va­tiven Werten. Wer sind diese soge­nannten Kos­mo­po­liten, die Sie in Ihren Büchern beschreiben?

Cor­nelia Kop­petsch: Als Kos­mo­po­liten bezeichne ich die aka­de­misch gebildete, zumeist in urbanen Zentren ansässige Mit­tel­schicht, die sich an Werten wie Toleranz und Welt­of­fenheit ori­en­tiert, poli­tisch inter­es­siert und zivil­ge­sell­schaftlich enga­giert ist. Ange­passt sind sie insofern, als dass sie durch Selb­st­op­ti­mierung und unter­neh­me­ri­sches Handeln das Projekt des Neo­li­be­ra­lismus ver­in­ner­licht haben, auch wenn sie diesem eigentlich kri­tisch gegen­über­stehen und sich gegen eska­lie­rende Ungleich­heiten aus­sprechen. Doch ver­halten sich links­li­berale Werte zum neuen Kapi­ta­lismus wie ein Schlüssel zum Schloss.

Sie meinen Werte wie Selbst­ver­wirk­li­chung, Krea­ti­vität, Toleranz und Diversity?

Ja. Das sind ja genau die Schlag­worte, die sich der neue Kapi­ta­lismus auf seine Fahnen geschrieben hat. Die links­li­be­ralen Werte sind der Motor der Glo­ba­li­sierung. So haben sich einst alter­native Lebens­formen in ihren Struk­turen überall in der Wirt­schaft eta­bliert.

Claudia Kop­petsch

Der LSVD spielt hier die im Kapi­ta­lismus not­wendige Rolle und auch das ist wichtig zu betonen, es geht dabei nicht um bösen Willen, sondern einen Prozess, der hinter dem Rücken der Betei­ligten abläuft. Damit erklärt sich auch, warum eine einstmals links­op­po­si­tio­nelle Schwulen- und Les­ben­be­wegung, die die bür­ger­liche Ehe ablehnte, nun feiert, dass die Ehe für Alle ein­ge­führt wurde.

In dem Brief an Wagen­knecht wird die Ehe für Alle gar zum Ergebnis lang­jäh­riger Kämpfe ver­klärt. Dabei wird die his­to­rische Wahrheit unter­schlagen, dass nur eine kon­ser­vative Min­derheit in den 1970er und 1980er Jahre die Ehe für alle for­derte. Die Mehrheit der damals Links­op­po­si­tio­nellen erkannte den Zusam­menhang von bür­ger­licher Ehe und bür­ger­licher Gesell­schaft und bekämpfte sie.

Im Streit zwi­schen dem LSVD und Wagen­knecht zeigt sich, dass auf beiden Seiten dieses Ziel keine Rolle mehr spielt, ja nicht einmal benannt wird. Es geht dann letztlich nur um darum, dass beide Seiten unter­schied­liche Ziel­gruppen adres­sieren, aber keiner von beiden über­haupt nur über den Tel­lerrand des Kapi­ta­lismus hin­aus­denkt.

Peter Nowak
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[2] https://​www​.welt​.de/​d​e​b​a​t​t​e​/​k​o​m​m​e​n​t​a​r​e​/​a​r​t​i​c​l​e​1​7​8​1​2​1​5​2​2​/​G​a​s​t​b​e​i​t​r​a​g​-​W​a​r​u​m​-​w​i​r​-​e​i​n​e​-​n​e​u​e​-​S​a​m​m​l​u​n​g​s​b​e​w​e​g​u​n​g​-​b​r​a​u​c​h​e​n​.html
[3] http://​www​.les​bi​an​sand​gays​sup​port​the​miners​.org
[4] https://​zeit​ge​schichte​-online​.de/​f​i​l​m​/prid
[5] https://​berlin​.fau​.org/​p​r​e​s​s​e​/​p​r​e​s​s​e​m​i​t​t​e​i​l​u​n​g​e​n​/​k​o​n​f​l​i​k​t​-​i​m​-​l​e​s​b​e​n​-​u​n​d​-​s​c​h​w​u​l​e​n​v​e​r​b​a​n​d​-​k​o​c​h​t​-hoch
[6] http://
[7] https://​www​.ifs​.tu​-darm​stadt​.de/​?​i​d​=3035
[8] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​1​6398/