»Eine Verlagerung der Verantwortung vom Staat zum Individuum«

Simon Schaupp ist Soziologe und arbeitet als wis­sen­schaft­licher Mit­ar­beiter am Munich Center for Tech­nology in Society der Tech­ni­schen Uni­ver­sität München. Derzeit forscht er zu den Macht­wir­kungen digi­taler Pro­zess­steue­rungs­tech­no­logien in der »Industrie 4.0«. Im Oktober 2016 erschien sein Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus« im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. Am Freitag, 13. Januar 2017, stellt er in Berlin ab 19 Uhr das Buch im FAU-Gewerk­schafts­lokal in der Grünthaler Straße 23 vor.


Warum sind immer mehr Men­schen bereit, mit trag­baren digi­talen Geräten ihren Lebens­wandel zu über­wachen und die Ergeb­nisse dann ins Internet zu stellen?

Die Gründe für dieses soge­nannte Self-Tracking sind viel­fältig. Was ich ver­suche zu zeigen, ist, dass es einen Zusam­menhang gibt zwi­schen den per­ma­nenten Anfor­de­rungen der Selb­st­op­ti­mierung im Neo­li­be­ra­lismus und den Self-Tracking-Prak­tiken. Wenn das Auf­po­lieren des Selbst durch Sport, Wellness, Diäten etc. in vielen Bereichen zur Vor­aus­setzung dafür wird, die eigene Arbeits­kraft erfolg­reich ver­kaufen zu können, dann ist es nahe­liegend, dass über kurz oder lang Hilfs­mittel dafür ange­boten werden. Als solche Hilfs­mittel zur Ratio­na­li­sierung der Arbeit am Selbst können die Self-Tracking-Tech­no­logien ver­standen werden. Ihre Funktion ist in dieser Hin­sicht wesentlich eine buch­hal­te­rische. Die ver­schie­denen Anwen­dungen über­wachen mittels Sen­sor­technik bestimmte Akti­vi­täten und bereiten diese anschließend in Zahlen auf. Oft wird dann »Input« und »Output« gegen­über­ge­stellt, also zum Bei­spiel gelaufene Schritte und ver­brannte Kalorien. Dadurch soll im Gegensatz zur sub­jektiv ver­zerrten Selbst­wahr­nehmung eine »objektive« Dar­stellung geboten werden. So weiß ich immer genau, was ich »inves­tieren« muss, um meine Werte zu steigern. Diese öko­no­mi­schen Begriffe sind übrigens nicht meine Meta­phern, sondern die werden wirklich so in der Self-Tracking-Werbung, die ich ana­ly­siert habe, benutzt. Die Use­rinnen und User werden klar als Unter­nehmer ihrer selbst ange­sprochen. Das sind die wesent­lichen struk­tu­rellen Gründe für das Self-Tracking. Die indi­vi­du­ellen Gründe können aber natürlich auch ganz andere sein, zum Bei­spiel das ­Expe­ri­men­tieren mit dem eigenen Körper. Die Dar­stellung der Self-T

Ihr kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenes Buch heißt »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus«. Was ver­stehen Sie unter »kyber­ne­ti­schem Kapi­ta­lismus«?

Ich ver­stehe dar­unter ein Pro­duk­ti­ons­regime, das wesentlich auf der Erhebung und Ver­ar­beitung von Daten beruht. Durch die All­ge­gen­wär­tigkeit teils minia­tu­ri­sierter ver­netzter Com­puter werden in fast allen Lebens­si­tua­tionen, vor allem aber da, wo Mehrwert pro­du­ziert werden soll, Daten erhoben. Diese Daten erfüllen eine Dop­pel­funktion. Einer­seits dienen sie der Kon­trolle und Opti­mierung des über­wachten Pro­zesses. Das kann die indus­trielle Pro­duktion von Papp­kartons sein, aber eben auch der indi­vi­duelle Kalo­ri­en­haushalt. Ande­rer­seits werden diese Daten selbst zur Ware. Die Daten aus der Über­wa­chung der Pappe-Pro­duk­ti­ons­ma­schinen können bei­spiels­weise zu abs­trakten Pro­zess­op­ti­mie­rungs­mo­dellen aggre­giert werden, oder die Self-Tracking-Daten werden zu detail­lierten per­sön­lichen Pro­filen zusam­men­ge­fasst, die dann als Grundlage für indi­vi­dua­li­sierte Werbung dienen können. Ich benutze den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus, um den Kon­trollaspekt zu betonen, der in der Debatte um Über­wa­chung und die Kom­mo­di­fi­zierung von Daten oft in den Hin­ter­grund gerät. Norbert Wiener, der Begründer der Kyber­netik, hat sie als »Wis­sen­schaft von Kom­mu­ni­kation und Kon­trolle« defi­niert. In ihrem Zentrum steht die Idee der Kon­trolle durch per­ma­nentes Feedback. Self-Tracking ist ein Para­de­bei­spiel für so eine Art von Kon­trolle.

Wie stehen Politik, Wirt­schaft und Kran­ken­kassen zum Self-Tracking?

Der Trend wird dort zu großen Teilen geradezu eupho­risch auf­ge­nommen. Es gibt ein Posi­ti­ons­papier der Euro­päi­schen Kom­mission zu Self-Tracking im Gesund­heits­be­reich. Dort wird im Self-Tracking vor allem das Potential der Kos­ten­ein­sparung in den jewei­ligen Gesund­heits­sys­temen gesehen. Die Idee ist, dass mit dem Self-Tracking eine Ver­la­gerung der Ver­ant­wortung vom Staat zum Indi­viduum statt­finden soll. Die Nut­ze­rinnen und Nutzer sollen zu einem gesün­deren Lebens­wandel und sogar zu Selbst­dia­gnosen »ermächtigt« werden. Ent­spre­chend dieser Vision hat bei­spiels­weise das bri­tische Gesund­heits­mi­nis­terium Ärzten emp­fohlen, ihren Pati­enten Self-Tracking-Tech­no­logien zu ver­schreiben. Das Interesse der Kran­ken­kassen am Self-Tracking ist natürlich nahe­liegend. Ver­schiedene Ver­si­che­rungen, auch in Deutschland, expe­ri­men­tieren mit Bonus­pro­grammen auf der Grundlage von Self-Tracking-Daten. Das ist eine Ent­wicklung, die schnell zum Selbst­läufer werden kann, so dass das Ver­weigern des Tra­ckens indirekt finan­ziell bestraft wird. Noch ist dieser Punkt aber zum Glück nicht erreicht.

Bei einer Analyse der Werbung für Self-Tracking-Tech­no­logien kommen Sie zu dem Fazit, dass Sol­daten und Berg­steiger immer wie­der­keh­rende Bilder sind. Warum gerade diese beiden Gruppen?

Der Berg­steiger ist das zen­trale Bild in der Illus­tration von Werbung für Self-Tracking. Meist wird der Berg­steiger dabei in sehr unwirt­licher Umgebung gezeigt. Er ist gerade ange­seilt auf einem schnee­be­deckten Gipfel ange­kommen und schaut nun in den Son­nen­un­tergang. Damit werden dann Tech­no­logien beworben, die der Über­wa­chung von Pro­duk­ti­vität bei der Schreib­tisch­arbeit dienen. Diese Figur des Berg­steigers ist die ide­al­ty­pische Ver­kör­perung von Leistung und Erfolg, nach dem Motto: »Wenn du nur hart genug an dir arbeitest, wirst du alles meistern.« Hier knüpft auch der mili­ta­ris­tische Aspekt der Werbung an: Fast in jeder Self-Tracking, App gibt es vir­tuelle »Orden«, die bei Rekorden und Höchst­leis­tungen frei­ge­schaltet werden. Die Diät­firma Weight Wat­chers hat sogar eine eigene Wer­be­kam­pagne unter dem Slogan »lose like a man« (abnehmen wie ein Mann), in der ein Soldat dem Publikum erklärt, wie er mittels Self-Tracking zum »Vorbild für seine Männer« geworden ist. Das Bild des Sol­daten steht dabei haupt­sächlich für die Dis­ziplin, die die jewei­ligen Pro­gramme fördern sollen. Gleich­zeitig lässt es sich auch als Aus­druck eines auf Leistung fixierten Männ­lich­keits­kults inter­pre­tieren.

Werden solche Methoden von Unter­nehmen auch zur Über­wa­chung von Beschäf­tigten ein­ge­setzt, wie es bei Fahr­diensten und Call­centern schon geschieht?

Ja. Viele Self-Tracking-Pro­gramme, wie zum Bei­spiel die Zeit­ma­nagement-Anwendung Rescue Time haben soge­nannte Team-Funk­tionen. Damit kann man nicht nur die eigene »Pro­duk­ti­vität« steigern, sondern Vor­ge­setzte können auch minutiös über­wachen, was ihre Unter­ge­benen tun und sich bei­spiels­weise Screen­shots von deren Bild­schirmen anzeigen lassen. Wenn ihnen nicht gefällt, was sie sehen, gibt es »Nudge«-Funktionen, mit denen den Unter­ge­benen ange­zeigt werden kann, dass sie effi­zi­enter arbeiten sollen. Viele setzen sich aber auch scheinbar frei­willig der Über­wa­chung aus, um so ihre Selbst­dis­ziplin zu steigern. So gibt es Pro­gramme, die bei jedem Fehl­tritt oder auch bei man­gelnder Daten­eingabe eine vorher bestimmte Auf­sichts­person infor­mieren. Besonders auf­schluss­reich sind aber die­je­nigen Fälle, in denen Selbst- und Fremd­über­wa­chung ver­schmelzen. Das ist zum Bei­spiel dann der Fall, wenn Unter­nehmen ihren Ange­stellten nahe­legen, sich in ihrer Freizeit zu tracken. Nicht, um dann die Daten abzu­greifen, sondern in der Hoffnung, dass sie dadurch pro­duk­tiver arbeiten.

Im Buch stellen Sie unter anderem die Frage, ob unter nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nissen Self-Tracking und andere Formen kyber­ne­ti­scher Kon­trolle auch zu eman­zi­pa­to­ri­schen Zwecken nutzbar wären. Gibt Ihr nächstes Buch*, das sich unter anderem mit einem solchen Projekt in Chile unter Sal­vador Allende befasst, darauf eine Antwort?

Self-Tracking ist nicht die Ursache des Neo­li­be­ra­lismus, sondern die Kon­se­quenz seiner Anfor­de­rungen. Gleich­zeitig befördert es aber auch eine ­neo­li­berale Lebens­führung und trägt damit zu dessen Sta­bi­li­sierung bei. Ins­gesamt scheint mir die Kyber­netik weder poli­tisch neutral zu sein, noch pro­du­ziert sie not­wen­di­ger­weise eine bestimmte Form von Politik. Sie legt ­jedoch eine tech­nik­un­ter­stützte Selbst­or­ga­ni­sation nahe, die durchaus auch eman­zi­pa­to­risch ange­wandt werden kann. Das von mir mit­her­aus­ge­gebene Buch dreht sich um die Frage, welche eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven der tech­no­lo­gische Wandel eröffnen könnte. Das ange­spro­chene chi­le­nische Projekt Cybersyn sollte so zum Bei­spiel die tech­nische Infra­struktur für eine Art selbst­or­ga­ni­sierte Plan­wirt­schaft liefern. Allende ließ dafür den bri­ti­schen Manage­ment­ky­ber­ne­tiker Stafford Beer nach Chile ein­fliegen, der ein Com­pu­ter­system kon­zi­pieren sollte, das es ermög­licht, Pro­duk­ti­ons­ent­schei­dungen in die jewei­ligen von Arbeitern ver­wal­teten Fabriken zu dele­gieren und trotzdem die Volks­wirt­schaft als Ganze nicht aus dem Blick zu ver­lieren. Für die Koor­di­nation dezen­traler Orga­ni­sation sind kyber­ne­tische Tech­no­logien also durchaus nützlich. Dass wir für eine eman­zi­pa­to­rische Lebens­führung aller­dings Self-Tracking-Tech­no­logien brauchen, scheint mir eher zwei­felhaft.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​0​2​/​5​5​5​3​5​.html

Interview: Peter Nowak

  • Paul Buckermann, Anne Kop­pen­burger und Simon Schaupp (Hg.): »Kyber­netik, Kapi­ta­lismus, Revo­lu­tionen. Eman­zi­pa­to­rische Per­spek­tiven im tech­no­lo­gi­schen Wandel«, Unrast-Verlag, ab März 2017 erhältlich

Digitale Selbstüberwachung

Self-Tracking ist zu einem schnell wach­senden Trend geworden.Immer mehr Men­schen über­wachen mittels trag­barer digi­taler Geräte minutiös ihren Lebens­wandel – und das frei­willig.

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: «Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 10 000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 15 000.» Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Schritte und die Demo­route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er an der Demo ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen erfas­sungs­ämtern unge­ahndete Über­wa­chungs­ög­lich­keiten offen­legen. Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschienene Buch mit dem Titel «Digitale Selbst­über­wa­chung – Self-Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus» dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet, in die Bemü­hungen, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

Den Feind in Dir bekämpfen

«Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­gin­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.» Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters «Run­tastic» Selbst­be­zich­ti­gungen dieser Art: «Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spass und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.» Auch Diät­pro­gramme werben mit dem Grundsatz, dass mit eisernen Willen alles zu schaffen ist . Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Sehr über­zeugend hat Schupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus für die Bezeichnung der aktu­ellen Rgu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der anders griffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik domi­niert. Schaupp bezeichnet Self-Tracking als «Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und dann als Ware zu ver­kaufen». Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ «Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles» so ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür sorgen, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten, werden aber nie ganz ver­schwinden. Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Gross­de­mons­tration, bei der die eigenen Ord­ne­rInnen für Ruhe und Ordnung sorgen. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn man es doch nicht mehr als so an genehm emp­findet, immer und überall kapi­tel­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von aussen. Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. «Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält, über ihre wert­vollste Res­source», heisst es auf der Web­seite der Zeit­ma­nagement-Software. Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet, tat­sächlich handelt es sich aber um eine sehr ein seitige Form der Trans­parenz. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immerhin wenigstens noch einige Nischen, in denen sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.

Self-Tracking per Rezept

Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Gross­bri­tannien Ärz­tinnen und Ärzte auf­ge­fordert, ihren Pati­en­tInnen Self-Tracking-Anwen­dungen zu ver­schreiben, «damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Vernt­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen». Kran­ken­kassen belohnen besonders eifrige Self-Tra­cke­rInnen mit Prämien. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission hofft, mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget zu erzielen. Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, die Kyber­netik im eman­zi­pa­to­ri­schen Sinne ver­wendet werden könnte. Eine Antwort gibt er nicht. Er hätte die Frage mit Blick auf ein his­to­ri­sches Bei­spiel bejahen können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte. Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und grossen Teilen der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die «Unidad Popular»-Regierung beendete den Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Im Hier und Jetzt drängt sich nach der Lektüre von Schaupps emp­feh­lens­werten Buch eine andere Frage auf: Ist es nicht höchste Zeit, dass sich die Men­schen offen­siver den Self-Tracking-Methoden ver­weigern, dem Markt und dem Staat defi­nitiv erklären, sich nicht mehr ständig weiter opti­mieren zu wollen, nicht mehr immer neue Rekorde und Höchst­werte aus sich her­aus­holen zu lassen?

Peter Nowak

vor­wärts – 23. Dez. 2016

SIMON SCHAUPP: DIGITALE SELBST­ÜBER­WA­CHUNGSELF-TRACKING IM KYBER­NE­TI­SCHEN KAPI­TA­LISMUS. VERLAG GRAS­WURZEL-REVO­LUTION, HEI­DELBERG 2016. 14,90 EURO

Der Artikel ist auf Schat­ten­blick doku­men­tiert:

http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​m​e​d​i​e​n​/​a​l​t​e​r​n​/​v​o​r​w​1​2​5​2​.html

Self-Tracking und kybernetischer Kapitalismus

Gleich im ersten Kapitel beschreibt der Soziologe Simon Schaupp[1] eine bezeich­nende Episode, wie er gegen seinen Willen zum Self-Tracker wurde. Er hatte mit seinem neuen Smart­phone an einer Demons­tration teil­ge­nommen und das neue Gerät ver­kündete am Bild­schirm: »Glück­wünsch Simon, Sie haben heute mehr als 1.000 Schritte gemacht. Ver­suchen Sie doch morgen 1.500.« Die vor­in­stal­lierte App hatte nicht nur die Demons­tra­ti­ons­schritte und die Route genau auf­ge­zeichnet, auch konnte man die Lauf­ge­schwin­digkeit fest­stellen, und oben­drein erfuhr Schaupp noch, wie viele Kalorien er für die Demons­tration ver­braucht hatte. Solch ein per­fektes Demons­tra­ti­ons­pro­tokoll dürfte der Polizei und den unter­schied­lichen Ver­fas­sungs­ämtern unge­ahnte Über­wa­chungs­mög­lich­keiten bieten.

Trotzdem erfreut sich Self-Tracking unge­bro­chener Beliebtheit. Nicht Daten­schutz und Daten­mi­ni­mierung, sondern die unge­bremste Offen­legung ganz pri­vater Daten sind Kenn­zeichen einer Bewegung, die ihr Leben von der Arbeit über das Joggen bis zum Schlaf von digi­talen Geräten minutiös auf­zeichnen und über­wachen lässt und die Daten dann noch via Facebook wei­ter­ver­breitet.

Simon Schaupp hat in seinem kürzlich im Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution erschie­nenem Buch »Digitale Selbst­über­wa­chung. Self Tracking im kyber­ne­ti­schen Kapitalismus«[2] dieses Phä­nomen ein­ge­ordnet: in die Bemü­hungen nämlich, den Kampf gegen alles, was die rei­bungslose Anpassung an die kapi­ta­lis­ti­schen Erfor­der­nisse und Zumu­tungen behindert, ins eigene Indi­viduum zu ver­lagern.

»Denn im Self-Tracking ver­schmelzen Polizei und Ver­däch­tiger zu einer Person zusammen, die sich selbst mit allen zur Ver­fügung ste­henden tech­ni­schen Mitteln aus­spio­niert. Jeder ver­säumte Jog­ging­grund, jede über­zählige Kalorie, jede ver­träumte Minute Arbeitszeit wird regis­triert und ange­mahnt, um nicht vor sich selbst in den Ver­dacht zu geraten, das Kapi­tal­ver­brechen der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu begehen: Nicht das Maximum aus sich her­aus­zu­holen.«

Schaupp zeigt in dem Buch anhand der Werbung für die unter­schied­lichen Self-Tracking-Methoden, wie diese Selbst­kon­di­tio­nierung funk­tio­niert. So findet man auf der Homepage des Self-Tracking-Anbieters Runtastic[3] solche Selbst­be­zich­ti­gungen:

Gegen mich selbst anzu­treten und mein Bestes zu geben macht Spaß und ist dank der Rekorde-Funktion auch ganz easy! Es fühlt sich toll an, meine eigenen Best­leis­tungen immer wieder zu unter­bieten und meine neu­esten Rekorde auf Run​tastic​.com zu bewundern.

Run­tastic-User

Jede Woche warte ich gespannt auf meinen Fit­ness­be­richt. Grüne Zahlen & Pfeile moti­vieren mich immer wieder aufs Neue! Ich will mich ja schließlich jede Woche ver­bessern!

Run­tastic-User

»Ent­decke die Geheim­nisse des Super­helden«, fordert eine andere Werbeseite[4] für poten­tielle Selb­st­op­ti­mierer, die immer und überall die Gewinner sein wollen. Auch Diätprogramme[5] arbeiten nach dem Prinzip, wonach mit Dis­ziplin und mit eisernen Willen alles zu schaffen sei. Da ist es nur kon­se­quent, dass ein Zeit­soldat das Abnehmen zu einer Frage der Dis­ziplin erklärt. Auf anderen Self-Tracking Wer­be­an­zeigen finden sich Berg­steiger, die mit Erfolg und vielen Stra­pazen einen Gipfel erklommen haben.

Es ist bezeichnend, das mit Berg­steigern und Sol­daten zwei Gruppen Role-Models für das Self-Tracking sind, die immer wieder auch Tote und Schwer­ver­letzte zu ver­zeichnen haben. Die Bot­schaft ist klar: Beim Rat­ten­retten im kapi­ta­lis­ti­schen Alltag ist Schonung von Gesundheit und Leben etwas für Loser und Ver­sager. Und sie sind in der Wer­bewelt der Self-Tracker wohl auch das Schlimmste, was man sich denken kann.

Sehr über­zeugend hat Schaupp den Begriff des kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Bezeichnung der aktu­ellen Regu­la­ti­ons­phase ein­ge­führt, der, anders als bekannte Begriffe wie Post­for­dismus, deutlich macht, dass wei­terhin die kapi­ta­lis­tische Ver­wertung domi­niert. Die These von Schaupp lautet, dass das Self-Tracking »Teil einer kapi­ta­lis­ti­schen Land­nahme ist, im Zuge derer sich Unter­nehmen die Pro­dukte unbe­zahlter Arbeit in Form von Daten aneignen und als Waren ver­kaufen“.

Der Soziologe inter­pre­tiert den kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lismus als Reaktion auf die sys­te­mi­schen Not­stände des Post­for­dismus, wie den Zwang zur stän­digen Ratio­na­li­sierung und der Aus­weitung der Waren­pro­duktion. Hier liefert Schaupp einen mate­ria­lis­ti­schen Erklä­rungs­ansatz für den Tracking-Boom. Wenn der kapi­ta­lis­tische Impe­rativ »Du bist nichts, Deine Arbeits­kraft ist alles« ver­in­ner­licht ist, können die ideo­lo­gi­schen Staats­ap­parate, die seit Beginn des Kapi­ta­lismus mit Ideo­logie und Repression dafür gesorgt haben, dass sich die Sub­jekte der Kapi­tal­logik beugen, etwas in den Hin­ter­grund treten. Ver­schwinden werden sie aber nicht.

Die Situation ist ver­gleichbar mit einer Groß­de­mons­tration, bei der die eigenen Ordner für Ruhe und Ordnung sorgen. Dann bleibt die Polizei manchmal in den Sei­ten­straßen und ist im ersten Augen­blick nicht sichtbar präsent. Da aber auch da immer die Mög­lichkeit besteht, dass die stör­ri­schen Ele­mente die Oberhand gewinnen, ist sie jederzeit ein­satz­bereit. Nicht anders ist der Umgang mit der indi­vi­du­ellen Polizei. Wenn es jemand nicht mehr so angenehm emp­findet, immer und überall kapi­tal­ge­recht zu agieren, gibt es viel­fältige Druck­mittel von außen.

Viele Self-Tracking-Tech­no­logien werden schon längst von diversen Firmen zur Total­über­wa­chung der Beschäf­tigten ein­ge­setzt. »Res­cueTime ist eine Auf­klä­rungs­an­wendung für Firmen, die Manager infor­miert hält über ihre wert­vollste Res­source«, heißt auf der Web­seite der Zeitmanagement-Software[6].

Die Über­wa­chung wird dann als Kultur der Arbeits­platz­trans­parenz schön­ge­redet. Tat­sächlich handelt es sich um eine ein­seitige Form der Trans­parenz. Der Kapi­tal­be­sitzer bekommt den Zugriff auch auf die letzten Geheim­nisse der Lohn­ab­hän­gigen. In den for­dis­ti­schen Arbeits­ver­hält­nissen gab es immer noch einige Nischen, wo sich die Beschäf­tigten zumindest für kurze Zeit dem Diktat der Maschinen ent­ziehen konnten. Das fällt im Zeit­alter der neuen Tech­no­logien immer schwerer.


Längst haben Politik und Wirt­schaft Druck­mittel in Stellung gebracht, falls die Frei­wil­ligkeit nicht mehr gewähr­leistet ist. Schon hat das Gesund­heits­mi­nis­terium in Groß­bri­tannien Ärzte auf­ge­fordert, sie sollten ihren Pati­enten Self-Tracking-Anwen­dungen ver­schreiben, »damit diese in die Lage ver­setzt werden, ihre Gesundheit effek­tiver zu über­wachen und so mehr Ver­ant­wortung für ihre Gesundheit zu über­nehmen«.

Schon längst haben die Kran­ken­kassen begonnen, besonders eifrige Self-Tracker mit Prämien zu belohnen. Wer nicht mit­macht, zahlt mehr. Auch die Euro­päische Kom­mission setzt ange­sichts von pro­gnos­ti­zierten 3,4 Mil­li­arden Men­schen, die 2017 ein Smart­phone benutzen, große Hoff­nungen darauf, dass mit Self-Tracking immense Ein­spa­rungen im euro­päi­schen Gesund­heits­budget erzielt werden können.

Hier wird schon deutlich, dass in der nächsten Zeit Self-Tracking-Methoden Teil der Politik werden können. Wer sich dem ver­weigert, muss zumindest mit höheren Kran­ken­kas­sen­prämien rechnen. Es könnte aller­dings durchaus auch staat­liche Sank­tionen für Tracking-Ver­wei­gerer geben.

In der Öffent­lichkeit werden sie schon jetzt als Men­schen klas­si­fi­ziert, die mit ihrer Lebens­weise unver­ant­wortlich umgehen und die sozialen Systeme unver­hält­nis­mäßig belasten. Unter dem Begriff Quan­tified Self hat der Publizist Sebastian Friedrich[7] die unter­schied­lichen Tracking-Methoden in sein kürzlich erschie­nenes Lexikon der Leistungsgesellschaft[8] auf­ge­nommen.

Es steht dort neben Ein­trägen wie »Rennrad« oder »Mara­thonlauf«, die in kurzen Kapiteln als Teil der neo­li­be­ralen All­tags­praxis vor­ge­stellt werden. Die Stärke des Büch­leins besteht darin, All­tags­be­schäf­ti­gungen auf­zu­nehmen, die sich auch im kri­ti­schen Milieu reger Zustimmung erfreuen und die oft gar nicht mit dem Neo­li­be­ra­lismus in Ver­bindung gebracht werden.

Dabei zeigt Friedrich über­zeugend, wie der erste Mara­thonlauf in New York wenige Hundert Inter­es­sierte anlockte, bevor er zu jenen Mas­sen­auf­läufen wurde, die heute welt­weite ganze Stadt­be­reiche lahm­legen. Mitt­ler­weile betei­ligen sich daran ganze Fir­men­be­leg­schaften daran, die so ihre Leis­tungs- und Lei­dens­fä­higkeit unter Beweis stellen. Eine Ver­wei­gerung würde sich wohl äußerst negativ für die Kar­riere aus­wirken. Das ist auch ein zen­traler Begriff im Lexikon der Leis­tungs­ge­sell­schaft.

Im letzten Kapitel seines Buches stellt Schaupp die Frage, ob in einer Gesell­schaft, die nicht von der Kapi­tal­ver­wertung bestimmt ist, Self-Tracking-Methoden in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne ver­wendet werden könnte. Doch eine Antwort gibt er darauf nicht.

Dabei hätte er viel­leicht einen Hinweis darauf geben können. Der von ihm mehrfach zitierte Stafford Beer, ein wich­tiger Theo­re­tiker der Kyber­netik, war auch in Chile unter der Regierung der sozia­lis­ti­schen Regierung Allende an einem Projekt[9] beteiligt, das eine wirt­schaft­liche Planung mit Hilfe kyber­ne­ti­scher Methoden erproben sollte.

Dadurch sollte eine Planung mit den Beleg­schaften und großer Teile der Bevöl­kerung gewähr­leistet werden. Der rechte Putsch gegen die Unidad-Popular-Regierung beendete diesen Versuch, Kyber­netik in eman­zi­pa­to­ri­schem Sinne zu nutzen. Das durch den Roman von Sascha Rehs Roman »Gegen die Zeit“[10], in dem dieses Projekt im Mit­tel­punkt steht, wurde es auch hier­zu­lande wieder bekannt[11].

Es ist schade, dass Schaupp darauf nicht zumindest kurz hin­weist, weil in seinem theo­re­ti­schen Teil Stafford Beer schließlich eine wichtige Rolle spielt.

Er stellt nur klar, dass Self-Tracking in den aktu­ellen Macht­ver­hält­nissen eine wichtige Rolle bei der Selbst­zu­richtung und Kon­di­tio­nierung des Sub­jekts für die Zumu­tungen des Kapi­ta­lismus spielt. Gerade diese All­tags­praxen der Leis­tungs­ge­sell­schaft sind eine Antwort auf die Frage, warum der Neo­li­be­ra­lismus so stark ist und selbst die Krisen der letzten Jahre scheinbar schadlos über­standen hat.

Schon lange wird die Phrase vom Neo­li­be­ra­lismus in den Köpfen stra­pa­ziert. Der Self-Tracking-Boom ebenso wie die Mara­thon­welle zeigt deutlich, was damit gemeint ist. Dann stellt sich auch die Frage, ob es nicht Zeit für eine Bewegung ist, die sich diesen Self-Tracking-Methoden bewusst ver­weigert.

Wenn Men­schen offen erklären, sich nicht ständig opti­mieren zu wollen, nicht den Anspruch zu haben, immer mehr Rekorde und Höchst­werde aus sich her­aus­holen zu wollen, dann würde sicher nicht gleich der kyber­ne­tische Kapi­ta­lismus in eine Krise geraten.

Aber man darf auch nicht ver­gessen, dass kon­ser­vative Theo­re­tiker die wach­sende Alter­na­tiv­be­wegung der 1970er Jahre für die Krise des For­dismus mit­ver­ant­wortlich machten. So könnte auch eine No-Tracking-Bewegung zumindest das Image ankratzen, das sich heute alle ganz frei­willig und mit großer Freude für den Sport, das Unter­nehmen und die Nation Opfer bringen.

Peter Nowak

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Erinnerung an ein Stück Computersozialismus

In Chile wurde unter dem sozia­lis­ti­schen Prä­si­denten Sal­vador Allende ver­sucht, eine com­pu­ter­ge­steuerte Plan­wirt­schaft umzu­setzen. Im Roman «Gegen die Zeit» von Sascha Reh stehen die Mit­ar­bei­te­rInnen dieses Pro­jekts im Mit­tel­punkt.
Langsam ver­blasst die Erin­nerung an die knapp drei­jährige Regie­rungszeit der Unidad Popular unter Prä­sident Sal­vador Allende in Chile. Im Herbst 1970 wurde der linke Prä­sident ins Amt gewählt und im Anschluss immer hef­tiger von der chi­le­ni­schen Kon­ter­re­vo­lution
und ihren Ver­bün­deten in den USA, aber auch in latein­ame­ri­ka­ni­schen Nach­bar­staaten atta­ckiert. Am 11. Sep­tember 1973 bereitete das Militär dem Versuch ein Ende, in Latein­amerika den Sozia­lismus auf­zu­bauen. In den 70er-Jahren war die Soli­da­rität mit den in unter­schied­liche Frak­tionen gespal­tenen Linken in Chile noch eine Ange­le­genheit von Mil­lionen Men­schen auf allen Kon­ti­nenten. Ende der 70er-Jahre ent­stand dann mit dem Sieg der San­di­nistas in Nica­ragua eine neue Soli­da­ri­täts­be­wegung, die auch schon lange Geschichte hat. Bereits Mitte der 80er-Jahre fand der linke badische Lie­der­macher Walter Mossmann für die chi­le­nische Exil­ge­meinde und ihre Unter­stüt­ze­rInnen in seinen Stück «Unru­higes Requiem» die traurig rea­lis­ti­schen Worte: «Schlecht ein­ge­richtet im Pariser Exil stellt die Stimme Latein­ame­rikas beharrlich die alten Fragen, die bei uns aus der Mode gekommen sind.
Ich frage die Anwesenden:/ Ist euch der Gedanke so fremd,/ dass diese Welt uns allen gehört,/ und nicht nur denen, die das Geld haben? (…) Ich frage die Anwesenden:/Ist euch der Gedanke so fremd,/ dass uns das gehört,/ was unsere Hände schaffen?»


Kein Willi Brand
Und dann bringt der 1974 geborene Phi­losoph und Ger­manist Sascha Reh im Jahr 2015 im Verlag Schöffling & Co den Roman «Gegen die Zeit» heraus, der mitten hinein geht in das Chile der Unidad Popular. Auf dem Cover sieht man die Moneda, den chi­le­ni­schen Regie­rungssitz, wie er in den Mor­gen­stunden des 9. Sep­tembers 1973 vom Militär ange­griffen wird. Man sieht die Bom­ben­ein­schläge,
Rauch steigt auf und seitlich zielen Sol­da­tInnen auf die Fenster des Gebäudes, in dem sich Prä­sident Allende und seine engsten Mit­ar­bei­te­rInnen gegen die mili­tä­rische Über­macht ver­tei­digen. Als die Militärs schliesslich in das Gebäude ein­dringen, verübt der
schon schwer ver­letzte Allende Selbstmord. So will er ver­meiden, dass er wie sein Freund und Genosse Che Guevara knapp sechs Jahre zuvor erschossen wird. Tat­sächlich verband beide spä­testens seit der kuba­ni­schen Revo­lution eine enge Freund­schaft. Allende war Anfang der 60er-Jahre noch Vor­sit­zender einer kleinen sozia­lis­ti­schen Partei, als er die Soli­da­rität mit der kuba­ni­schen Revo­lution orga­ni­sierte. Als Che Guevara dann Kuba ver­liess und erst in Afrika und dann in Bolivien an vor­derster Front für die Revo­lution kämpfte, blieben ihm Allen­deund seine Partei soli­da­risch ver­bunden. Daher ist es auch infam, wenn Allende heute von Wohl­mei­nenden als eine Art chi­le­ni­scher Willi Brand dar­ge­stellt wird. Allende stand für eine sozia­lis­tische Umge­staltung und genau des­wegen wurde er schliesslich
gestürzt.

Gegen die Markt­wirt­schaft
Genau am Tag des Put­sches beginnt Sascha Rehs Roman: «Während draussen geschossen wurde, bleib ich in meinen Zimmer, hungrig, in dumpfer Sorge vor einer Infektion, in Gedanken bei Ana. Ich tat nichts, als darauf zu warten, dass sie mich holen.» Es war die Per­spektive von vielen chi­le­ni­schen Linken, denen nach dem Putsch nicht nur ihre ganze bis­herige Lebens­per­spektive abhanden gekommen war. Ihr Leben selber war in Gefahr. Doch die Men­schen, um die es im Roman geht, sind noch besonders gefährdet. Es handelt sich um die
Mit­ar­bei­te­rInnen eines wenig bekannten Pro­jekts des Com­pu­ter­so­zia­lismus im Chile der frühen 70er-Jahre. Das Projekt Synco oder Cybersyn sah vor, die chi­le­nische Volks­wirt­schaft durch com­pu­ter­ge­stützte Systeme zu steuern und damit die Markt­wirt­schaft und den Ein­fluss der grossen Kon­zerne zu ver­ringern. Geleitet wurde das Projekt von den bri­ti­schen Kyber­ne­tiker Stafford Beer. Daran war
auch der west­deutsche Hans Everding beteiligt, der im Auf­bruch um 1968 poli­ti­siert wurde und sich der Frak­tio­nierung der west­deut­schen Linken in den 1970er-Jahren entzog, in dem er in Chile mit den Modell einer com­pu­ter­ge­steu­erten Plan­wirt­schaft
expe­ri­men­tierte. Das Projekt war noch im Ver­suchs­stadion als der Putsch die Arbeit beendete. Die Mit­ar­bei­te­rInnen zer­streuten sich in alle Winde. Miss­trauen kam auf. Wer war GenossIn und wer bie­derte sich den neuen Macht­ha­be­rInnen an? Eine Frage, die die Prot­ago­nis­tInnen im Roman immer wieder stellen. Nach dem Putsch ver­sucht Hans Everding, die Haupt­figur des Romans, die Daten­träger in Form von Magnet­bändern vor dem Zugriff der Militärs zu retten. Er ist über­zeugt, dass dort Daten zu finden sind, die jetzt viele Men­schen exis­ten­ziell gefährden könnten. Wenn auch das Com­pu­ter­projekt unter Allende kein Thema öffent­lichen Inter­esses war
und von denen, die davon wussten, als intel­lek­tuelle Spie­lerei abgetan wurde, war es der Kon­ter­re­vo­lution doch bekannt geworden. Ganz im Gegensatz zur Intention der For­sche­rInnen kamen die Com­puter während des Streiks der LKW-Fah­re­rInnen 1972 das erste Mal erfolg­reich zum Einsatz. Zwei­hundert Com­puter wurden mit­ein­ander ver­netzt. Im Roman wird in Rück­blicken noch einmal die Auf­regung der For­sche­rInnen lebendig, die selber nicht wussten, ob ihre auf­wen­digen Geräte den Pra­xistest bestehen würden. Tat­sächlich trug das Projekt Cybersyn mit dazu bei, dass die Unidad Popular 1972 den von der gesamten chi­le­ni­schen Reaktion unter­stützen und von der CIA finan­zierten Unter­neh­me­rIn­nen­streik über­stand. Den Hass der Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rInnen hatte sich das Projekt damit end­gültig zuge­zogen. Daher war die Angst der Mit­ar­bei­te­rInnen berechtigt, dass das Militär damit ein Instrument der Kon­trolle und Über­wa­chung in die Hand bekommen könnte. Genau deshalb sollten die Daten­träger ver­schwinden.


Chile – Pionier des Com­pu­ter­so­zia­lismus

Der Com­puter als Mittel zur Arbeits­er­leich­terung oder zur Kon­trolle der Arbei­te­rInnen? Diese Frage dis­ku­tierten die Pro­jekt­mit­ar­bei­te­rInnen bereits damals sehr intensiv. «‹Aber es geht uns nicht um Über­wa­chung›, sagte ich. Unsere Absicht ist nicht, die Arbeiter zu dis­zi­pli­nieren, sondern vor­aus­zu­sehen, was auf sie zukommt», betonte die Haupt­figur Hans Everding gegenüber einem skep­ti­schen Mit­ar­beiter. Auf welch ver­schlun­genem Weg die Daten­träger vor dem Zugriff der Militärs bewahrt werden und welch über­ra­schende Wen­dungen es dabei gibt, bildet den per­fekten kri­mi­no­lo­gi­schen Teil des Buches. Es ist zu begrüssen, dass Sascha Reh mit seinem Buch ein wenig bekanntes Kapitel der chi­le­ni­schen Revo­lution zugänglich gemacht hat. Chile, das nach dem Putsch ein Labo­ra­torium des Neo­li­be­ra­lismus wurde, war in den Zeiten der Unidad Popular ein Pionier für den Com­pu­ter­so­zia­lismus.


Reh Sascha: Gegen die Zeit.
Verlag Schöffling & Co, 2015,
553 Seiten, 25 Euro

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aus: vor­wärts – 6. Mai 2016

Peter Nowak