Arbeit – Bewegung – Geschichte

Die Schweiz spielte keine unwichtige Rolle in der Geschichte der linken Arbei­te­rIn­nen­be­wegung. Die Zim­mer­walder-Kon­ferenz von 1915, zu der die sozia­lis­ti­schen Geg­ne­rInnen des 1. Welt­kriegs zusammen kamen, ist ein bekanntes Bei­spiel. Kaum bekannt ist hin­gegen, dass die Schweiz vor über 40 Jahren auch eine wichtige Rolle in der euro­päi­schen Ver­netzung der linken Betriebs­in­ter­vention gespielt hat.

Anfang der 1970er Jahre wurde in Zürich ein inter­na­tio­nales Koor­di­na­ti­onsbüro für die län­der­über­grei­fende Unter­stützung von Streiks und Arbeits­kämpfe auf­gebaut. Getragen wurde es von Gruppen der radi­kalen Linken, die durch den Auf­bruch nach 1968 ent­standen sind und sich weder der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen noch der tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Richtung zuord­neten. Neben dem Pariser Mai 1968 war auch der ita­lie­nische Herbst 1969 für diese Linke ein wich­tiger Bezugs­punkt. Denn in Italien betei­ligten sich viele Arbei­te­rInnen im ganzen Land an Betriebs­be­set­zungen, Streiks und mili­tanten Demons­tra­tionen. Dort war der Funke des revo­lu­tio­nären Auf­bruchs tat­sächlich über­ge­sprungen, von den Hoch­schulen auf die Fabriken. Linke Akti­vis­tInnen sowie kämp­fe­rische Arbei­te­rInnen aus vielen euro­päi­schen Ländern ver­folgten die Ent­wicklung mit grossem Interesse. «In der his­to­ri­schen For­schung zu den Streik­be­we­gungen und Arbeits­kämpfen der 1960er und 1970er ist die inter­na­tionale Zusam­men­arbeit von Strö­mungen und Gruppen, die sich an diesen Aus­ein­an­der­set­zungen in der Fabrik ori­en­tieren, noch wenig beachtet worden», schreibt der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange in der aktu­ellen Ausgabe von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Zeit­schrift für his­to­rische Studien.

Die Pro­phe­zeiung des her­auf­ziehen den Post­for­dismus

Das Schwer­punkt­thema lautet «Linke Betriebs­in­ter­vention, wilde Streiks und ope­rais­tische Politik 1968 bis 1988». Dietmar Lange, der gemeinsam mit Fabian Ben­newitz, Ralf Hoff­rogge und Axel Weipert die Zeit­schrift her­ausgibt, forscht seit län­gerem zur Geschichte der linken Betriebs­in­ter­ven­tionen der 1960er und 1970er Jahre. Dabei hat er auch einen Bericht über eine Inter­na­tionale Arbei­te­rIn­nen­kon­ferenz im April 1973 aus­ge­graben, die in Paris statt­ge­funden hat. Sie wurde wesentlich von dem Zürcher Koor­di­na­ti­onsbüro vor­be­reitet und widmete sich den Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen in der Auto­mo­bil­in­dustrie. Anwesend Arbei­te­rInnen aus den wich­tigsten Auto­mo­bil­kon­zernen wie BMW, VW, Fiat, Opel, Alfa Romeo, Renault und Citroen. Aus der Schweiz waren Beschäf­tigte von Saurier ver­treten. Auch ver­schiedene Linke aus Deutschland, Frank­reich, Italien und Gross­bri­tannien nahmen an der Kon­ferenz teil. Aus der Schweiz waren Akti­vis­tInnen der Gruppe Klas­sen­kampf nach Paris gekommen, die sich aus einer mao­is­tisch ori­en­tierten Jugend­be­wegung in der ita­lie­ni­schen Schweiz ent­wi­ckelt hatte und Anfang der 70er Jahre ihren Ein­fluss auf die deutsch­spra­chige Schweiz aus­dehnte. Mitte der 70er Jahre löste sich die Gruppe auf. In dieser Zeit war die linke Betriebs­in­ter­vention in eine Krise geraten geraten
und auch das Zürcher Koor­di­nie­rungsbüro stellte die Arbeit ein. Die Vor­be­reitung der Pariser Kon­ferenz war ihre wich­tigste Arbeit. «Nur kurze Zeit nach der Kon­ferenz in Paris vollzog ein Grossteil der betei­ligten Gruppen einen Rich­tungs­wechsel oder löste sich auf», schreibt Dietmar Lange. In einem Interview mit dem Arzt und His­to­riker Karl Heinz Roth, der damals an der linken Betriebs­in­ter­vention beteiligt war, spürt Lange den Gründen für den schnellen Zusam­men­bruch der trans­na­tio­nalen Soli­da­ri­täts­arbeit nach, der zu einem langen Abschied der linken Bewegung vom Pro­le­tariat führen sollte. Roth erinnert sich an war­nende Stimmen auf der Kon­ferenz, die berich­teten, wie durch Kon­zern­stra­tegien das Konzept des kämp­fe­ri­schen Mas­sen­ar­beiters unter­graben wurde. «Diese Pro­phe­zeiung des her­auf­zie­henden Post­for­dismus stand als Mene­tekel an der Wand des Kon­gresses», so Roth. Er begründet auch, warum das Koor­di­nie­rungsbüro, dass neben der Gruppe Klas­sen­kampf auch von der Berner und St. Gal­lener Orts­gruppen der Pro­le­ta­ri­schen
Front getragen wurden, in der Schweiz errichtet wurde: «Die Stand­ortwahl lag nicht nur aus geo­gra­phi­schen Gründen nahe, sondern hatte mit der damals leider noch sehr sel­tenen Mehr­spra­chigkeit der schwei­ze­ri­schen Genos­sinnen und Genossen zu tun».
Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen
Das Koor­di­nie­rungsbüro habe sich zum Ziel gesetzt, die Selbst­or­ga­ni­sation der am meisten mar­gi­na­li­sierten Sek­toren der euro­päi­schen Arbei­te­rIn­nen­klasse zu fördern. Das ist eine sehr aktuelle Ziel­setzung. Schliesslich gibt es zurzeit eine linke Betriebs­in­ter­vention bei Amazon. Es gab bereits mehrere Treffen von Beschäf­tigten von Amazon-Werken in Deutschland und Polen. Deshalb weckt das Schwer­punkt­thema der Zeit­schrift Arbeit – Bewegung – Geschichte nicht nur his­to­ri­sches Interesse. Die Her­aus­ge­be­rInnen weisen darauf hin, dass sich «in den hier publi­zierten Texten zahl­reiche Aspekte finden, die Par­al­lelen zu heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen auf­weisen». Nelly Tügel unter­sucht in ihren Beitrag, wie der Bun­des­vor­stand des Deut­schen Gewerk­schafts­bundes (DGB) auf gewerk­schaft­liche
Akti­vi­täten von Arbeits­mi­gran­tInnen in West­deutschland reagierte, die oft noch Klas­sen­kampf­tra­di­tionen ein­brachten, die in Deutschland durch den Natio­nal­so­zia­lismus aus­ge­löscht worden waren. «Zum einen erging die Auf­for­derung an die Ein­zel­ge­werk­schaften, jeweils einen Kol­legen zu benennen, der in einen der Abteilung Orga­ni­sation unter­stellten Unter­aus­schuss für die Betreuung aus­län­di­scher Kol­legen ent­sandt werden sollte. Zum anderen wurde beschlossen, Mate­rialen über die kom­mu­nis­tische und faschis­tische Unter­wan­derung durch aus­län­dische Arbeit­nehmer zusam­men­zu­stellen und allen Bun­des­tags­ab­ge­ord­neten zuzu­stellen». Sehr emp­feh­lenswert sind auch die Bei­träge in der Zeit­schrift, die sich nicht mit dem Schwer­punkt­thema befassen. Auch dabei wird deutlich,
dass die Schweiz in der Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung eine wichtige Rolle spielte. So berichtet die His­to­ri­kerin Miriam Sachse von einem Sym­posium, das sich mit der inter­na­tio­nalen sozia­lis­ti­schen Frau­en­kon­ferenz 1915 in Bern befasste. Dabei betonte die Prä­si­dentin der Schweizer Robert Grimm Gesell­schaft, Monika Wick aus Zürich, dass die Kon­ferenz, die in klarer Oppo­sition zum sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kurs des Burg­friedens stand, auch männ­liche Unter­stützer hatte. Dazu gehörte in der Schweiz Robert Grimm.

Arbeit – Bewegung – Geschichte.
Zeit­schrift für his­to­rische Studien, Heft
1/2016, 230 Seiten, Bezug: www​.metro​pol​verlag​.de

aus: vor­wärts – 26. April 2016

http://​www​.schat​ten​blick​.de/​i​n​f​o​p​o​o​l​/​m​e​d​i​e​n​/​a​l​t​e​r​n​/​v​o​r​w​1​1​8​5​.html

Peter Nowak

Das Proletariat wird transnational

Neue Publi­ka­tionen beschäf­tigen sich mit linken Betriebs­in­ter­ven­tionen in Europa infolge des Auf­bruchs von 1968. Die län­der­über­grei­fende Soli­da­rität in Arbeits­kämpfen war damals pro­gram­ma­tisch.

»Mit seinem Ket­zerbuch ›Abschied vom Pro­le­tariat‹ ist er nun über­ra­schend aus der St.-Marx-Kirche aus­ge­treten«, spottete der Spiegel 1981 über den linken fran­zö­si­schen Sozio­logen André Gorz. Das Buch wurde damals vor allem bei der vom Auf­bruch von 1968 geprägten Linken zum Best­seller und sein Titel zum Pro­gramm. Denn nun konnte manch alt­ge­dienter Maoist auch theo­re­tisch begründen, warum sein Bemühen, die Fabrik­ar­beiter für die Revo­lution zu gewinnen, keinen Erfolg gehabt hatte. Von Gorz ist vielen heute nur »Abschied vom Pro­le­tariat« bekannt. Die Bücher, in denen er Brücken zwi­schen der alten Arbei­ter­be­wegung und dem Auf­bruch der Neuen Linken nach 1968 schlagen wollte, sind hin­gegen fast ver­gessen. Sie trugen ebenso pro­gram­ma­tische Titel wie »Die Aktua­lität der Revo­lution« und »Zur Stra­tegie der Arbei­ter­be­wegung im Neo­ka­pi­ta­lismus«.

Klassenkampf überall. Eine Demonstration der Gruppe »Lotta Continua« in Mailand, Anfang der siebziger Jahre
Klas­sen­kampf überall. Eine Demons­tration der Gruppe »Lotta Con­tinua« in Mailand, Anfang der sieb­ziger Jahre (Foto: www​.lalotta​con​tinua​.it)

Es könnte sein, dass die heute nur noch anti­qua­risch erhält­lichen Bücher bald wieder stärkere Beachtung finden. In den ver­gan­genen Jahren haben jüngere His­to­riker den lange ver­ges­senen dis­si­denten Strö­mungen der Arbei­ter­be­wegung Auf­merk­samkeit gewidmet. Diese hatten in der For­schung zuvor höchstens in den Fuß­noten Erwähnung gefunden. Kon­zen­trierte sich die For­schung auf die großen Arbei­ter­par­teien und Gewerk­schaften, widmet man sich jetzt der Räte­be­wegung und unter­sucht die zahl­reichen Gruppen, die sich weder der Sozi­al­de­mo­kratie noch dem Par­tei­kom­mu­nismus zurech­neten.

Kürzlich ist die erste Ausgabe der Zeit­schrift für his­to­rische Studien »Arbeit Bewegung Geschichte« mit dem Schwer­punkt­thema »Linke Betriebs­in­ter­vention, wilde Streiks und ope­rais­tische Politik 1968 bis 1988« im Metropol-Verlag erschienen. Die Zeit­schrift ist aus dem »Jahrbuch für For­schung zur Geschichte der Arbei­ter­be­wegung«, das seine Wurzeln in der DDR hatte, her­vor­ge­gangen. Vor allem der trans­na­tionale Cha­rakter der Betriebs­in­ter­ven­tionen sei in der his­to­ri­schen For­schung bisher kaum beachtet worden, schreibt der Ber­liner His­to­riker Dietmar Lange von der Redaktion von »Arbeit Bewegung Geschichte«. Dabei habe es vor allem nach 1969 einen regen Aus­tausch unter den linken Gruppen diverser euro­päi­scher Länder gegeben.

Neben dem Pariser Mai sei der heiße Herbst 1969 in Italien ein wich­tiges Schlüs­sel­datum gewesen.Damit ist ein Zyklus von Kämpfen und Streiks gemeint, die ganz Italien erfasst hatten. Diese Aus­ein­an­der­setzung wurde von Linken in Europa mit beson­derem Interesse wahr­ge­nommen, weil in Italien für einige Monate Rea­lität wurde, was sich viele von ihnen in anderen Ländern ver­geblich erhofften: Ein rele­vanter Teil der Lohn­ab­hän­gigen betei­ligte sich mit mili­tanten Demons­tra­tionen, Streiks und Fabrik­be­set­zungen an den gesell­schaft­lichen Kämpfen. Bereits 1969 kam es zu ersten Ver­net­zungs­treffen linker Gruppen, Gewerk­schaften und Soli­da­ri­täts­in­itia­tiven aus ver­schie­denen Ländern. Dabei wurden Fragen dis­ku­tiert, die erstaunlich aktuell scheinen. »For­ciert wurde die Kon­takt­auf­nahme nicht nur durch die geo­gra­phische Nähe, sondern durch die zu dieser Zeit wach­senden Her­aus­for­de­rungen, wie die wach­sende Kapi­tal­ver­flechtung, die zuneh­mende Migration von Arbeits­kräften und die zuneh­mende Inte­gration im Rahmen des gemein­samen euro­päi­schen Marktes«, schreibt Dietmar Lange. Er hat bei seinen For­schungen in ita­lie­ni­schen Archiven einige bisher weit­gehend unbe­kannte Quellen über diese trans­na­tionale Ver­netzung erschlossen.

Das erste Treffen fand in Rom statt. Daran betei­ligten sich Ver­treter links­so­zia­lis­ti­scher Gruppen und Par­teien, die seit 1968 ent­standen waren und sich weder dem Tra­di­ti­ons­kom­mu­nismus noch der Sozi­al­de­mo­kratie zuordnen wollten. Auch die beiden in Italien zeit­weise ein­fluss­reichen linken Gruppen Lotta Con­tinua und Auto­nomia Operaia, die sich auf unter­schied­liche Frak­tionen der dis­si­denten Linken bezogen, suchten und fes­tigten ihre inter­na­tio­nalen Kon­takte. 1971 war in Zürich ein Koor­di­na­ti­onsbüro eröffnet worden, das sich dem Aufbau einer län­der­über­grei­fenden Soli­da­rität mit strei­kenden Betrieben widmen sollte. Zu der wich­tigsten Akti­vität dieses Büros gehörte eine im April 1973 in Paris ver­an­staltete Kon­ferenz zur Situation in der euro­päi­schen Auto­mo­bil­in­dustrie. Dort war es zu spon­tanen Streiks gekommen. Als Prot­agonist der Kämpfe wurde auf der Kon­ferenz der »mul­ti­na­tionale Mas­sen­ar­beiter« aus­ge­macht. Damit waren vor allem an- und unge­lernte Beschäf­tigte an den großen Mon­ta­ge­bändern gemeint, die oft aus andere Lan­des­teilen oder Ländern zuge­wandert waren. So spielten in den ita­lie­ni­schen Fabrik­kämpfen unge­lernte Beschäftige aus Süd­italien eine zen­trale Rolle.

Über die Pariser Kon­ferenz sind viele Details bekannt, weil Lange in den Archiven einen ver­schollen geglaubten Bericht gefunden und über­setzt hat. Demnach haben sich Auto­mo­bil­ar­beiter aus Frank­reich, Groß­bri­tannien, Italien und der Schweiz an der Kon­ferenz beteiligt. Aus Deutschland waren Beschäf­tigte der Kölner Ford-Werke, von VW aus Rüs­selsheim, Volks­wagen aus Han­nover und BMW aus München beteiligt. Die Teil­nehmer wider­legten die in den bür­ger­lichen Medien ver­breitete These, dass die »ita­lie­nische Krankheit«, wie die Zunahme der Kämpfe in Italien von Politik und Wirt­schaft genannt wurde, nicht auch für andere Länder Bedeutung erlangen könnte. So hätten sich Sabotage und Absen­tismus, wie das Ver­lassen des Arbeits­platzes genannt wurde, auch bei VW-Han­nover und bei BMW-München ver­breitet.

Doch es wurde auch offen über die Schwie­rig­keiten und Pro­bleme gesprochen, die einer schnellen Aus­breitung der Arbeits­kämpfe in ganz Europa im Wege standen. »Es gibt zu viele Schutz­vor­rich­tungen, poli­tische Stau­räume, Ventile zum Dampf­ab­lassen, die das Gesamt­ka­pital mit allen seinen pro­duk­tiven und insti­tu­tio­nellen Glie­de­rungen in Bewegung setzen kann«, lautete die Ein­schätzung in dem Pro­tokoll. »Unter diesen Vor­aus­set­zungen kann eine inter­na­tionale Ver­ein­heit­li­chung des Arbei­ter­ver­haltens nur in dem Tempo und nach dem Interesse der Bosse von­statten gehen«, so das wenig opti­mis­tische Fazit. Das war für die Kon­fe­renz­teil­nehmer gleich­zeitig ein Plä­doyer für den Aufbau einer ein­heit­lichen kom­mu­nis­ti­schen Orga­ni­sation, die sie Gesamt­projekt nannten.

Doch die Phase der linken Fabrik­in­ter­ven­tionen fand ein rasches Ende. »Nur kurze Zeit nach der Kon­ferenz in Paris vollzog ein Großteil der betei­ligten Gruppen einen Rich­tungs­wechsel und löst sich auf«, schreibt Lange. Auch sein Inter­view­partner Karl-Heinz Roth, der damals in diesen Kämpfen eine wichtige Rolle spielte, konnte im Gespräch wichtige Hin­weise auf die Hin­ter­gründe geben, die nicht nur zur Auf­lösung des Zürcher Büros, sondern auch zum Zusam­men­bruch der trans­na­tio­nalen Betriebs­so­li­da­rität führten. Er erin­nerte an Berichte von Teil­nehmern der Pariser Kon­ferenz, die sich damals neuen Kon­zern­stra­tegien wid­meten, mit denen das Konzept des kämp­fe­ri­schen Mas­sen­ar­beiters unter­graben wurde. »Diese Pro­phe­zeiung des her­auf­zie­henden Post­for­dismus stand als Mene­tekel an der Wand des Kon­gresses«, so Roth. Der lange Abschied der Linken vom Pro­le­tariat nahm hier seinen Anfang.

In den ver­gan­genen Jahren gab es neue Ver­suche, eine trans­na­tionale Streik­so­li­da­rität auf­zu­bauen. Dafür stehen die Streiks bei Amazon ebenso wie die Migrant Strikers oder die Oficina Pre­caria Berlin, zwei Initia­tiven, in denen sich spa­nische und ita­lie­nische Arbeits­mi­granten in Berlin orga­ni­sieren. So dürfte das Schwer­punkt­thema von Arbeit Geschichte Bewegung nicht nur his­to­ri­sches Interesse wecken. Im Vorwort weisen die Her­aus­geber auf Par­al­lelen zwi­schen ihrem For­schungs­thema und heu­tigen Aus­ein­an­der­set­zungen hin: »Dazu gehören die bedeu­tende Rolle von Migranten und Migran­tinnen, die The­ma­ti­sierung der Gesundheit der Arbeiter und Arbei­te­rinnen sowie der Wohn- und Lebens­ver­hält­nisse im Stadtteil.«

Am 30. Mai um 19 Uhr dis­ku­tieren in Berlin im Buch­laden Schwarze Risse (Mehringhof) Dietmar Lange, Redakteur von »Arbeit Bewegung Geschichte«, und Mit­glieder der Basis­ge­werk­schaft IWW über Betriebs­so­li­da­rität damals und heute.

Peter Nowak

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​1​5​/​5​3​8​3​6​.html
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Berlin:

Diskussionsveranstaltung:

30.Mai 2016, 19 Uhr, Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustr. 2a.

Ist der lange Abschied vom Proletariat zu Ende?

Gespräch über die Geschichte und Aktua­lität linker Betriebs­in­ter­ven­tionen
Mit Dietmar Lange, His­to­riker und Mit­her­aus­geber der Zeit­schrift Arbeit
Bewegung Geschichte und Mark Richter Mit­glied der IWW*

Mode­ration Peter Nowak, Jour­nalist und Her­aus­geber des Buches „Ein Streikt seht, wenn mensch ihn selber macht“

In der aktu­ellen Ausgabe der Zeit­schrift Arbeit Bewegung Geschichte

(http://​www​.arbei​ter​be​wegung​-jahrbuch​.de/​?​p=536) werden heute weit­gehend
unbe­kannt Details über eine län­der­über­grei­fende Koor­di­nierung der linken
betrieb­lichen Inter­ven­tionen vor­ge­stellt. Dar­unter ist ein Bericht über eine Pariser Kon­ferenz von Beschäf­tigten aus dem Auto­mo­bil­sektor aus meh­reren euro­päi­schen Ländern im April 1973. Dietmar Lange wird einen Über­blick über den Versuch einer trans­na­tio­nalen linken
Betriebs­in­ter­vention geben und auchdie Pro­bleme benennen. Waren sie der Grund für den langen Abschied vom Pro­le­tariat vieler linker Gruppen? In den letzten Jahren sind Soli­da­rität mit Streiks und anderen betrieb­lichen Kämpfen wieder Gegen­stand linker Initia­tiven geworden.
Unter dem Titel „Direct Unionism“- Stra­tegie für erfolg­reiche Basis­ge­werk­schaften auf der Höhe der Zeit“ ver­öf­fent­lichte die IWW kürzlich ein Dis­kus­si­ons­papier

(https://​de​.scribd​.com/​d​o​c​/​2​8​3​8​7​6​8​7​9​/​D​i​r​e​c​t​-​U​n​i​o​n​i​s​m​-​S​t​r​a​t​e​g​i​e​-​f​u​r​-​e​r​f​o​l​g​r​e​i​c​h​e​-​B​a​s​i​s​g​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​e​n​-​a​u​f​-​d​e​r​-​H​o​h​e​-​d​e​r​-Zeit),
in das Erfah­rungen mit Arbeits­kämpfen in pre­kären Sek­toren ein­flossen. Mark Richter aus Frankfurt am Main wird die dort ver­tre­tenen Thesen zur Dis­kussion stellen.

Rosa, Karl & die Räte

Axel Weipert erinnert an die Zweite Revo­lution

Sie erhielten kein Rede­recht auf dem Reichs­rä­te­kon­gress vom 16. bis zum 20. Dezember 1918 in Berlin: Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht. Und so ent­schied sich die Mehrheit der Dele­gierten wider das Räte­system für Wahlen zu einer ver­fas­sung­ge­benden Natio­nal­ver­sammlung, also die par­la­men­ta­rische Demo­kratie.

Die Räte­be­wegung in Deutschland 1918 bis 1920 ist von der Geschichts­wis­sen­schaft wenig beachtet worden. Dabei waren die Arbeiter- und Sol­da­tenräte die Träger der Novem­ber­re­vo­lution. Weil sie sich nicht mit dem Aus­tausch der Eliten begnügen wollten und eine grund­sätz­liche poli­tische und soziale Umwälzung anstrebten, galten sie kon­ser­va­tiven His­to­rikern als Kom­mu­nisten. Linke His­to­riker wie­derum sahen in ihnen nur ein Inter­regnum bis zur Gründung der Avant­gar­de­partei KPD.

Erst in den letzten Jahren haben sich jüngere For­scher wieder ver­stärkt mit der Räte­be­wegung befasst, so der Bochumer Ralf Hoff­rogge in seiner Bio­grafie über den Akti­visten Richard Müller und der Ber­liner Dietmar Lange in seinem Buch »Gene­ral­streik und Schieß­befehl«. Und nun auch Axel Weipert. Aus­führlich befasst sich der Ber­liner His­to­riker mit der bru­talen Nie­der­schlagung der von der Räte­be­wegung getra­genen Aus­ständen im März 1919. Den Haupt­grund für die Nie­derlage der Räte sieht er in man­gelnder Koor­di­nation und zöger­licher Haltung, u. a. von Richard Müller. Bevor der Streik in Berlin begann, war er andernorts bereits abge­würgt. Weipert erinnert des wei­teren an das weit­gehend ver­gessene Blutbad vor dem Reichs­tags­ge­bäude am 13. Januar 1920. Frei­korps schossen in eine Demons­tration gegen das von der Regierung beschlossene, die Betriebsräte ent­mach­tende Reichs­rä­te­gesetz. 42 Tote und über 100 Ver­letzte waren zu beklagen. Damit fand der von SPD-Poli­tikern zumindest tole­rierte Terror, dem am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht zum Opfer gefallen waren, blutige Fort­setzung.

Echte Pio­nier­arbeit leistete Weipert bei der Erfor­schung der Schüler- und Erwerbs­lo­senräte, die indes nicht per se revo­lu­tionär waren, wie er im Vorwort betont. So war es ein Schü­lerrat in Ste­glitz, der dem ältesten Sohn des gerade ermor­deten Karl Lieb­knecht das Ablegen des Abiturs ver­weigern wollte. In einem Extra-Kapitel geht Weipert auf die Kon­zepte der Räte zur poli­ti­schen Mobi­li­sierung der Frauen ein. In der Abwehr des Kapp-Putsch erfuhren sie noch einmal einen Auf­schwung. Danach ging es bergab. Erst am Ende der Wei­marer Republik wurde diese Poli­tikform durch Mie­terräte wieder auf­ge­griffen. – Weipert hat nicht nur eine wichtige Arbeit über ein Stück linker Geschichte vor­gelegt, sondern bietet auch Anre­gungen für die heutige poli­tische Praxis.

Von Peter Nowak

Axel Weipert: Die Zweite Revo­lution. Räte­be­wegung in Berlin 1919/1920. Bebra Verlag, Berlin. 476 S., br., 32 €.

Fragend schreiten sie im Kreis

Ein neues Buch zur linken Geschichtsdebatte

Lou­ka­nikos hieß der Stra­ßenhund, der während der Mas­sen­pro­teste in Grie­chenland 2012 und 2013 auf unzäh­ligen Fotos zu sehen war. Sein Tod im ver­gan­genen Jahr war der »Süd­deut­schen Zeitung« sogar einen Artikel wert. Doch das Tier schrieb noch auf eine andere Weise Geschichte. Nach ihm benannten sich fünf His­to­ri­ke­rinnen und His­to­riker, die Dis­kus­sionen über den Umgang der Linken mit Geschichte vor­an­treiben. Unter dem Titel »History is unwritten« hat der Arbeits­kreis Lou­ka­nikos jetzt ein Buch her­aus­ge­geben, das auf einer Kon­ferenz beruht, und doch weit über die dama­ligen Bei­träge hinaus geht. Die 25 Auf­sätze geben einen guten Über­blick über den Stand der linken Geschichts­de­batte in Deutschland.

Die Suche nach einer neuen linken Per­spektive in der geschichts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­setzung und die Frage, welche Bedeutung linken Mythen hierbei zukommt, benennen die Her­aus­geber als roten Faden des Buches. Die His­to­rikern Cor­nelia Siebeck erteilt jeg­lichen linken Geschichts­mythen eine Absage: »Was eman­zi­pa­to­rische Zukunfts­po­litik ganz sicher nicht braucht, ist die eine his­to­rische Erzählung, um ihre Anliegen zu begründen.« Ihr wider­spricht der His­to­riker Max Lill. »Viele Intel­lek­tuelle der radi­kalen Linken laben sich am Miss­trauen gegenüber jedem Versuch, größere Zusam­men­hänge her­zu­stellen. Fragend schreiten sie im Kreis«, kri­ti­siert er die Ver­suche einer post­mo­dernen Geschichts­de­kon­struktion.

Der His­to­riker Ralf Hoff­rogge, der in den ver­gan­genen Jahren ver­gessene Teile der Geschichte der Arbei­ter­be­wegung in Deutschland erforschte, plä­diert in seinen »Fünf Thesen zum Kampf um die Geschichte« dafür, die sozia­lis­tische Bewegung als Tra­dition anzu­nehmen und in der Kritik an den geschei­terten linken Bewe­gungen beschei­dener zu sein. »Auch wir werden im poli­ti­schen Leben Fehler machen und unseren Ansprüchen nicht gerecht werden, das richtige Leben im Fal­schen nicht erreichen, und die Abschaffung des ganzen Fal­schen wohl auch nicht.«

Ein eigenes Kapitel ist geschichts­po­li­ti­schen Initia­tiven in Deutschland gewidmet. Die Gruppe audio­script stellt einen Stadt­rundgang vor, der über die Ver­folgung und Ver­nichtung der Jüdinnen und Juden zwi­schen 1933 und 1945 in Dresden infor­miert. Sie kri­ti­siert damit auch den in der säch­si­schen Stadt herr­schenden Erin­ne­rungs­diskurs, der vor allem die deut­schen Bom­ben­opfer von 1945 in den Mit­tel­punkt stellt. Die Anti­fa­schis­tische Initiative Moabit (AIM) aus Berlin betont in ihrem Beitrag die Aktua­lität anti­fa­schis­ti­scher Geschichts­po­litik in einer Zeit, in der die »deutsche Erin­ne­rungs­land­schaft gepflastert ist mit Stol­per­steinen und Orten der Erin­nerung an die Opfer der NS-Ver­brechen«. Als Bei­spiel für gelungene Erin­ne­rungs­arbeit führt die AIM die »Fragt uns Bro­schüren« an, in denen junge Anti­fa­schisten die letzten noch lebenden Wider­stands­kämpfer und NS-Ver­folgten inter­viewen. Vor­ge­stellt wird zudem die Initiative für einen Gedenkort an das ehe­malige KZ Uckermark, wo zwi­schen 1942 und 1945 Mädchen und junge Frauen ein­ge­pfercht wurden, weil sie nicht in die NS-Volks­ge­mein­schafts­ideo­logie passten. Mit femi­nis­ti­schen Bau- und Begeg­nungs­camps hat die Initiative den Ort bekannt gemacht und erschlossen.

Autor_​innenkollektiv Lou­ka­nikos (Hg.): History is unwritten. Linke Geschichts­po­litik und kri­tische Wis­sen­schaft, Edition Assem­blage, 400 Seiten, 19,80 Euro.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​8​3​1​1​9​.​f​r​a​g​e​n​d​-​s​c​h​r​e​i​t​e​n​-​s​i​e​-​i​m​-​k​r​e​i​s​.html

Peter Nowak

Im Zweifel für den Zweifel

History is unwritten - AutorInnenkollektiv Loukanikos (Hg.)
AutorIn­nen­kol­lektiv Lou­ka­nikos (Hg.)
History is unwritten
Linke Geschichts­po­litik und kri­tische Wis­sen­schaft

Ein Kreis linker Historiker_​innen und poli­ti­scher Aktivist_​innen dis­ku­tiert über den Stel­lenwert von Geschichte.

Lou­ka­nikos hieß der Stra­ßenhund, der während der Zeit der grie­chi­schen Mas­sen­pro­teste in den Jahren 2012 und 2013 auf vielen Fotos zu sehen war. Der Hund schrieb Geschichte, und sein Tod im letzten Jahr war der Süd­deut­schen Zeitung sogar einen eigenen Artikel wert. Doch das Tier schrieb auch auf eine ganz besondere Weise Geschichte. Nach ihm benannte sich eine Gruppe von fünf Historiker_​innen, die in den letzten Jahren Dis­kus­sionen über den linken Umgang mit Geschichte vor­an­ge­trieben haben. Das AutorIn­nen­kol­lektiv Lou­ka­nikos, bestehend aus Henning Fischer, Uwe Fuhrmann, Jana König, Eli­sabeth Steffen und Till Sträter, gab 2012 den Sam­melband „Zwi­schen Ignoranz und Insze­nierung. Die Bedeutung von Mythen und Geschichte für die Gegenwart der Nation“ heraus (siehe Rezension in kri​tisch​-lesen​.de #26). Daran schloss sich eine längere Dis­kussion über den Stel­lenwert der Geschichte für eine eman­zi­pative Politik an, die 2012 und 2013 in der Monats­zeitung analyse und kritik (ak) geführt wurde. Die ak-Redaktion hat eine Son­der­beilage mit den Debat­ten­bei­trägen her­aus­ge­geben, die mitt­ler­weile ver­griffen ist.

Der Gegen­stand der Debatte ver­schob sich mitt­ler­weile. Über die Kritik an den Geschichts­mythen von Staat und herr­schender Politik gibt es in den unter­schied­lichen Frak­tionen der Linken grund­sätz­liche Dif­fe­renzen. Bei der Frage, ob nicht auch alle linken Geschichts­mythen dekon­struiert werden müssten, bietet sich ent­spre­chend reichlich Zünd­stoff. „Was macht die Linke mit Geschichte?“ lautete denn auch die Fra­ge­stellung einer Kon­ferenz, die das AK Lou­ka­nikos im Dezember 2013 in Berlin orga­ni­sierte. Ein­ge­laden waren neben Historiker_​innen und Soziolog_​innen auch poli­tische Aktivist_​innen.

Unter dem Titel „History is unwritten“ hat das AK Lou­ka­nikos kürzlich im Verlag edition assem­blage ein Buch her­aus­ge­geben, das mehr ist als der erwei­terte Kon­fe­renz­be­richt. Die 25 dort ver­öf­fent­lichten Auf­sätze geben einen guten Über­blick über den Stand der linken Geschichts­de­batte in Deutschland.

Einige der Auf­sätze befassen sich mit einem Teil­be­reich linker Geschichte. So widmet sich der Gewerk­schafts­his­to­riker Wolfgang Uel­lenberg-van Dawen der Geschichte der Deut­schen Gewerk­schaften im Ersten Welt­krieg. Dabei zeigt er auf, wie die Politik des Burg­friedens die Sozi­al­part­ner­schaft zwi­schen Kapital und Arbeit ein­leitete, die auch nach 1918 fort­ge­führt wurde. Hierin liegt auch die massive Ablehnung der Räte­struk­turen durch die Gewerk­schaften begründet, die sich während der Novem­ber­re­vo­lution gebildet hatten. Unver­ständlich bleibt, warum „die harten Bedin­gungen und die wirt­schaft­lichen Folgen des Ver­sailler Ver­trags die Politik der Lan­des­ver­tei­digung im Nach­hinein […] recht­fer­tigen“ (S. 87). Unab­hängig von der unter Historiker_​innen strit­tigen Frage, ob der Ver­sailler Vertrag besonders harte Bedin­gungen ent­hielt, müssten hier ent­schiedene Kriegsgegner_​innen argu­men­tieren, dass es ohne den maß­geblich von Deutschland ent­fachten Welt­krieg keinen Ver­sailler Vertrag gegeben hätte. Doch solche Detail­fragen ließen sich im Kontext der Kon­ferenz nicht klären.

Brauche ich die Vergangenheit, um eine linke Politik zu begründen?

Der Beitrag von Susanne Götze zur Bedeutung des mar­xis­ti­schen Phi­lo­sophen Henri Lef­ebvre und Dominik Nagels Aufsatz über den bri­ti­schen His­to­riker Edward P. Thompson widmen sich zwei linken Wis­sen­schaftlern, die sich der Erneuerung der mar­xis­ti­schen Theorie ver­schrieben haben. Neben den Bei­trägen, die sich einer Person oder einem bestimmten Teil­be­reich in der linken Geschichte widmen, stellen andere Artikel die Frage, ob die Linke eigene Mythen braucht. Dazu gehört auch die Maxime, „wer sich nicht an die Ver­gan­genheit erinnern kann, ist dazu ver­dammt, sie zu wie­der­holen“, die in linken Kreisen häufig ver­wendet wird. Der Publizist Bernd Engelmann gebrauchte den Satz gleich mehrmals in seinen in den 1970er Jahren popu­lären Anti-Geschichts-Büchern. Vor allem an die Geschichte von Gewalt und Krieg sollte erinnert werden, um sie für die Zukunft aus­zu­schließen.

Wenn irgendwo auf der Welt wieder massive Men­schen­rechts­ver­let­zungen bekannt werden, lautet ein Vorwurf, man habe aus der Geschichte nichts gelernt. Die His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck unter­zieht das gesamte Konzept vom Lernen aus der Geschichte in ihrem „Plä­doyer für eine post-apo­dik­tische Geschichts­po­litik“ (S. 373) einer scharfen Kritik. Dabei beruft sie sich auf post­mo­derne Theoretiker_​innen wie Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Für sie gibt es keine letzte Schlacht, die „wir“ gewinnen und auch keine „Enkel“, die es besser aus­fechten, womit sich viele Linke nach einer poli­ti­schen Nie­derlage trösten. Siebeck kri­ti­siert ein linkes Geschichts­modell, das die Ver­gan­genheit her­an­zieht, um Lehren für die Zukunft zu ziehen. „Was eman­zi­pa­to­rische Zukunfts­po­litik ganz sicher nicht braucht, ist die eine his­to­rische Erzählung, um ihre Anliegen zu begründen“ (S. 370). Für Siebeck sind deshalb auch alle Denk­mäler frag­würdig, mögen sie auch einem noch so guten Zweck dienen, bei­spiels­weise der Beschwörung einer Welt ohne Krieg und Faschismus. Sinnbild eines in ihrem Sinne posi­tiven Denkmals ist ein leerer Sockel.

Dieser totalen Geschichts­de­kon­struktion wider­sprechen andere Autor_​innen aus unter­schied­lichen Gründen. So plä­diert der His­to­riker Ralf Hoff­rogge in seinen „Fünf Thesen zum Kampf um die Geschichte“ (S. 114) dafür, „die sozia­lis­tische Bewegung als Tra­dition künftig anzu­nehmen“ (S. 115) und auch in der Kritik an den geschei­terten linken Bewe­gungen beschei­dener zu sein. „Auch wir werden im poli­ti­schen Leben Fehler machen und unseren Ansprüchen nicht gerecht werden, das Richtige Leben im Fal­schen nicht erreichen, und die Abschaffung des ganzen Fal­schen wohl auch nicht“ (S. 119). Für Hoff­rogge ist diese kri­tische Ergänzung aller­dings kein Anlass für Resi­gnation. Daher beendet er seinen Aufsatz auch mit der alten linken Parole „Vor­wärts und nicht ver­gessen“.

Fragend schreitend im Kreise?

Die schärfste Kritik an Sie­becks post­mo­derner Geschichts­de­kon­struktion liefert der His­to­riker Max Lill. „Viele Intel­lek­tuelle der radi­kalen Linken laben sich − inzwi­schen buch­stäblich seit Jahr­zehnten – am Miss­trauen gegenüber jedem Versuch, größere Zusam­men­hänge her­zu­stellen. Fragend schreiten sie im Kreis“ (S. 327). Lill wendet sich mit Verweis auf die Geschichte der US-Bür­ger­rechts­be­wegung gegen ein Mythen­verbot in der linken Geschichts­wis­sen­schaft.

Die vor neuen Impulsen vibrie­renden Gegen­kul­turen waren auch, besonders zu Beginn, auf paradoxe Weise geprägt von einem tiefen Gefühl der Nost­algie und der Iden­ti­fi­kation mit ihren sozial und his­to­risch scheinbar fern lie­genden Akteur_​innen. Die eigenen, anfangs in noch roman­tisch gefärbter Inner­lichkeit gärenden Ent­frem­dungs­er­fah­rungen und Sehn­süchte wurden auf die alte Arbei­ter­be­wegung oder die anti­fa­schis­ti­schen und anti-kolo­nialen Kämpfe pro­ji­ziert. Sie arti­ku­lieren sich mit­unter sogar in einer Adaption der Sprache der christ­lichen Befrei­ungs­theo­logie, wie sie für die Bür­ger­rechts­be­wegung prägend war. Alle mög­lichen sozialen Rand­exis­tenzen rücken in den Mit­tel­punkt der herauf quel­lenden Phan­tasien einer durch Bil­dungs­ex­pansion sozial auf­stei­genden Jugend: eine Ent­grenzung der Empathie- und Ein­bil­dungs­kraft“ (S. 330).

Was Lill hier anspricht, betrifft viele eman­zi­pa­to­rische Bewe­gungen überall auf der Welt. So bezogen sich femi­nis­tische Kämpfe auf Frauen, die in ihrer Zeit als Hexen ver­folgt wurden. Regionale öko­lo­gische Initia­tiven in Bayern benannten sich nach der Bunt­schuh­be­wegung des Spät­mit­tel­alters, um gegen eine Mer­cedes-Test­strecke zu pro­tes­tieren. Natürlich ist der Hinweis richtig, dass bei solchen Bezug­nahmen über die Jahr­hun­derte hinweg immer Pro­jek­tionen und Kon­struk­tionen im Spiel sind. Es gab in der Zeit der Bunt­schuh­be­wegung keine Autos, und daher ist es müßig, darüber nach­zu­denken, ob und wie sich die Bewegung zur Mer­cedes-Test­strecke posi­tio­niert hätte. Das ist aber auch den Aktivst_​innen bewusst. Es ging den Aktivist_​innen aber um ein wider­stän­diges Ver­halten gegenüber der jewei­ligen Obrigkeit und Respekt vor Men­schen, die in der Ver­gan­genheit mit Ver­folgung bis zum Tod kon­fron­tiert waren. Daraus kann selbst­ver­ständlich auch eine pro­ble­ma­tische Über­iden­ti­fi­kation werden. Das kann man an der Geschichte der jün­geren Frau­en­be­wegung beob­achten. Der Respekt vor den als Hexen ver­folgten Frauen endete in manchen femi­nis­ti­schen Kreisen damit, dass man einen Hexenkult eta­blierte, der durchaus reli­giöse Formen annehmen konnte. In dem Film „Die Rit­te­rinnen“ schil­derte die Regis­seurin Barbara Teufel diese Ent­wicklung exem­pla­risch anhand der Ent­wicklung einer femi­nis­ti­schen Wohn­ge­mein­schaft in Berlin-Kreuzberg der späten 1980er Jahre.

So werden im Buch „History is unwritten“ tat­sächlich für eine eman­zi­pative Theorie und Praxis wichtige Fragen gestellt. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte auch mit den poli­ti­schen Aktivist_​innen fort­ge­setzt wird, die trotz guter Vor­sätze auf der Kon­ferenz nur sehr begrenzt möglich war. Erfreu­li­cher­weise wird dieser Kri­tik­punkt im Buch an meh­reren Stellen klar benannt. „Für einen Aus­tausch, bei den alle ein­be­zogen werden sollen, waren die Vor­träge nicht geeignet“(S. 172), kri­ti­siert Chris Rotmund von der Initiative für einen Gedenkort ehe­ma­liges KZ Uckermark den aka­de­mi­schen Dis­kus­si­onsstil auf der Kon­ferenz. Mit dem Buch sind aber die Grund­lagen für eine Debatte gelegt, die aus diesen Fehlern lernt. Dem dürften selbst die Autor_​innen zustimmen, die die Geschichte nicht als Lern­an­stalt betrachten.

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Peter Nowak

Wiederentdeckung eines Aufständischen


AUF­GE­SCHRIEBEN Der Novem­ber­re­vo­lu­tionär Richard Müller war lange ver­gessen – bis ein junger His­to­riker seine Bio­grafie ver­fasste. Jetzt wurde auch Müllers »Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution« neu auf­gelegt

Dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird, diese These lässt sich an der Rezeption der Novem­ber­re­vo­lution in Deutschland besonders gut nach­weisen. Während der rechte Sozi­al­de­mokrat Friedrich Ebert, der die Revo­lution nach eigenen Bekunden hasste wie die Sünde, in allen Schul­bü­chern steht, ist Richard Müller ver­gessen. Dabei gehörte der Ber­liner Metall­ar­beiter als Vor­sit­zender der Revo­lu­tio­nären Obleute 1918 zu den zen­tralen Prot­ago­nisten der Revo­lution. Für kurze Zeit war er als Vor­sit­zender des Rats der Volks­be­auf­tragten sogar nominell Staats­ober­haupt im nach­re­vo­lu­tio­nären Deutschland. Doch selbst ein aus­ge­wie­sener Kenner der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung wie der Mar­burger Poli­tologe Wolfgang Abendroth schrieb über Müller in den 70er Jahren: »Dann ver­lieren sich seine Spuren in der Geschichte.«

Der junge Ber­liner His­to­riker Ralf Hoff­rogge hat sich dennoch auf die geschicht­liche Spu­ren­suche begeben und ist fündig geworden: 2008 hat er eine Bio­grafie des ver­ges­senen Gewerk­schafters her­aus­ge­geben: »Richard Müller – der Mann hinter der Novem­ber­re­vo­lution«.

Mit Tele­fon­bü­chern auf dem Fuß­boden

Er habe sich für seine Abschluss­arbeit an der Freien Uni­ver­sität bewusst für Müller ent­schieden, weil es zu ihm kei­nerlei For­schungs­er­geb­nisse gab, erklärt Hoff­rogge. Seine Recherche erwies sich anfangs als recht mühsam: »Zeit­weise habe ich auf dem Fuß­boden des Archivs gesessen und Tele­fon­bücher aus den 1920ern nach dem Namen ‚Müller‘ durch­sucht«, beschreibt der Geschichts­wis­sen­schaftler die Mühen der For­schung. Aus Tauf- und Han­dels­re­gis­ter­ein­trägen sowie Zei­tungs­mel­dungen gelang es ihm schließlich, Müllers Bio­grafie weit­gehend zu rekon­stru­ieren. Das Ergebnis stieß nicht nur bei His­to­ri­ke­rInnen, sondern auch bei Ber­liner Gewerk­schaf­te­rInnen auf Interesse. Dort inter­es­sierte man sich vor allem für Müllers Räte­kon­zepte und seine Ansätze einer basis­ori­en­tierten Gewerk­schafts­po­litik. Und von dort kam auch der Anstoß, Müllers »Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution«, die Mitte der 1920er Jahre zum ersten Mal erschien, im Ber­liner Verlag »Die Buch­ma­cherei« neu her­aus­zu­geben. Als Müller das drei­bändige Werk ver­fasste, spielte er in der Politik bereits keine Rolle mehr. Nachdem er – nach kurzer Mit­glied­schaft – wegen eines Streits über die poli­tische Ori­en­tierung aus der KPD aus­ge­schlossen wurde und der Aufbau einer neuen linken Gewerk­schaft gescheitert war, hatte er sich aus der Öffent­lichkeit zurück­ge­zogen.

»Die Zeit­zeu­gen­be­richte Richard Müllers kamen der dama­ligen Rea­lität deutlich näher als die recht ein­sei­tigen und mit Mythen, Legenden und Tabus behaf­teten Geschichts­be­trach­tungen vieler sozi­al­de­mo­kra­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher His­to­ri­ke­rInnen«, begründet Ver­lags­mit­ar­beiter Jochen Gester den Reprint, von dem seit Dezember 2011 bereits mehr als 500 Exem­plare ver­kauft worden sind.

Ralf Hoff­rogge hat jetzt angeregt, eine Straße in Berlin nach Richard Müller zu benennen. Von der Politik ist der Vor­schlag bisher noch nicht auf­ge­griffen worden. PETER NOWAK

Richard Müller: »Eine Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution«. Neu­ausgabe der Bände »Vom Kai­ser­reich zur Republik«, »Die Novem­ber­re­vo­lution«, »Der Bür­ger­krieg in Deutschland«. Verlag Die Buch­ma­cherei, Berlin 2011, 756 Seiten

http://​www​.taz​.de/​1​/​a​r​c​h​i​v​/​d​i​g​i​t​a​z​/​a​r​t​ikel/
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Peter Nowak