Unbekannte NS-Verbrechen

Barbaren waren die Deutschen

Alex­andra Klei und Katrin Stoll erinnern an den Ver­nich­tungs­krieg im Osten

900 Tage währte die Bela­gerung Lenin­grads. Truppen der deut­schen Wehr­macht und ihrer Ver­bün­deten umschlossen in den Jahren 1941 bis 1944 die alte rus­sische Haupt­stadt und über­ließen Hun­dert­tau­sende einem qual­vollen Hun­gertod. Das Kriegs­ver­brechen ist jedoch im kol­lek­tiven Bewusstsein der Deut­schen noch immer nicht ver­ankert. Den Gründen für diese Ignoranz widmet sich …

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»Kritisiert Israel …«

nicht die Existenz dieses Staates. Dieser Appell findet sich in einem neuen Band, in dem sich zwei linken Juden mit dem Anti­se­mi­tismus aus­ein­an­der­setzen.

»Mit Faschisten kann man nicht reden, die muss man schlagen.« Dieses Statement kommt nicht etwa von einem jungen auto­nomen Anti­fa­ak­ti­visten. Es ist der 1947 geborene Vor­sit­zende der Jüdi­schen Gemeinde Pin­neberg, Wolfgang Seibert, der sich nicht nur in Worten so klar posi­tio­niert. Für den lang­jäh­rigen Akti­visten, ist es selbst­ver­ständlich, bei Demons­tra­tionen in den vor­deren Reihen zu stehen. Und doch hatte sich Seibert mehrere Jahre ganz von der poli­ti­schen Arbeit zurück­ge­zogen. Der Grund: die Israel­feind­lichkeit großer Teile der Linken in Deutschland, die für Seibert teils anti­se­mi­tische Züge hatte.

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BILD gegen Arte

Wie dumm Zensur im Online-Zeit­alter ist, zeigt sich wieder einmal am Bei­spiel des Doku­men­tar­films »Aus­er­wählt und aus­ge­grenzt. Der Hass auf Juden in Europa«. Aus­ge­rechnet die Bildzeitung[1] kann sich als auf­klä­re­ri­sches Medium gerieren, indem es den Film für 24 Stunden online stellt[2] (auch auf YouTube[3]).

Der WDR hatte die Doku­men­tation in Auftrag gegeben[4] und redak­tionell betreut, die Erstau­strahlung war bei Arte vor­ge­sehen. Beide Sender wollen den Film aber nicht zeigen[5]. Dass Bild als Medium der Auf­klärung daher­kommt und der links­li­berale Sender Arte als Zensor, hat sich letz­terer aber auch selber zuzu­schreiben. Das wird auch noch bei der kurzen Reaktion auf die Ver­öf­fent­li­chung deutlich. So heißt[6] es dort:

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Marginalisierte Linke

Der rus­sische Anti­fa­schist Aleksej Gas­karow wurde wegen Orga­ni­sierung von Pro­testen nach Putins Wie­derwahl zu einer Haft­strafe von drei­einhalb Jahren ver­ur­teilt. Mit einer noch län­geren Gefäng­nis­strafe hat der rus­sische Anar­chist Ilja Romanow zu rechnen. Er beschreibt die internen Hier­ar­chien und die Kor­ruption in rus­si­schen Gefäng­nissen. Von beiden sind Briefe in dem Buch »Iso­lation und Aus­grenzung als post/​sowjetische Erfahrung« ver­öf­fent­licht. Her­aus­geben wurde es von dem weiß­rus­si­schen Wis­sen­schaftler Luca Bublik, dem Ber­liner His­to­riker Johannes Spohr und der rus­si­schen Publi­zistin Valerie Waldow. »Wer sich einer gesell­schaft­lichen Situation nähern will, tut gut daran, sich die Lage derer zu gegen­wär­tigen, denen die Teil­nahme an ihr untersagt oder beschränkt ist«, schreiben sie im Vorwort. Die nach diesem Grundsatz aus­ge­wählten Bei­träge geben einen Über­blick über eine poli­tische und künst­le­rische Szene, die gesell­schaftlich mar­gi­na­li­siert wird und immer in Gefahr ist, im Gefängnis zu ver­schwinden. Die Gefäng­nis­briefe sind wichtige Zeug­nisse von Repression und Wider­stand. Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Galina Mil­haleva gibt einen guten Über­blick über zivil­ge­sell­schaft­liche Alter­na­tiven in Russland unter Putin. In einem kurzen Text zeigt die Initiative Kein Mensch ist illegal aus Minsk, dass auch Weiß­russland mit Frontex bei der Abwehr von Geflüch­teten koope­riert. Im letzten Text geht Falk Springer auf die Situation der schwul-les­bi­schen Bewegung in der DDR ein.

ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 624 / 14.2.2017

https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​2​4​/​1​8.htm

Peter Nowak

Luca Bublik, Johannes Spohr, Valerie Waldow (Hg.): Iso­lation und Aus­grenzung als post/​sowjetische Erfahrung. Trau­er­arbeit. Störung. Flucht­linien. Edition Assem­blage, Münster 2016. 128 Seiten, 12,80 EUR.

Knasterfahrung

Alternative Bewegungen in Russland stehen zwischen Integration und Gefängnis

»Wer sich einer gesell­schaft­lichen Situation nähern will, tut gut daran, sich die Lage derer zu ver­ge­gen­wär­tigen, denen die Teil­nahme an ihr untersagt oder beschränkt ist«, heißt es im Vorwort eines Buches, das sich unter dem Titel »Iso­lation und Aus­grenzung« mit der par­tei­un­ab­hän­gigen Linken und alter­na­tiven Bewe­gungen in Russland und Belarus befasst. Die Bei­träge in diesem Buch geben einen Über­blick über eine poli­tische und künst­le­rische gesell­schaftlich mar­gi­na­li­sierte Szene, deren Prot­ago­nisten in stän­diger Gefahr leben, im Gefängnis zu ver­schwinden.

Drei eben­falls in diesem Band abge­druckte Gefäng­nis­briefe sind daher wichtige Doku­mente und Zeug­nisse von Repression und Wider­stand in Russland. Dar­unter der Brief von Alesej Gas­karow, der sich seit Jahren zur außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken in Russland zählt. Bereits 2010 saß er für mehrere Monate in Unter­su­chungshaft, weil er sich an den Pro­testen gegen die Abholzung des Chimki-Waldes bei Moskau beteiligt hatte. Die Aktionen spielten für die außer­par­la­men­ta­rische Linke in Russland eine sehr wichtige Rolle. Im Oktober 2012 wurde Gas­karow in den Koor­di­na­ti­onsrat der rus­si­schen Oppo­sition gewählt. In dem 45-köp­figen Gremium koor­di­nierten sich auf dem Höhe­punkt der Pro­teste gegen Putins Wie­derwahl die Gegner des Prä­si­denten. Das Spektrum im Koor­di­na­ti­onsrat reichte von Natio­na­listen bis hin zu außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken, die Gas­karow vertrat. Am 28. April 2013 wurde er wegen Störung der öffent­lichen Ordnung zu einer Haft­strafe von drei­einhalb Jahren ver­ur­teilt. Ihm wurde vor­ge­worfen, eine wichtige Rolle bei der Orga­ni­sierung von Demons­tra­tionen gegen Putins Wie­derwahl gespielt zu haben. Dabei hatten Akti­visten trotz ver­hängter Demons­tra­ti­ons­verbote Plätze in Moskau und anderen rus­si­schen Städten besetzt. Dass die Regierung neben der Kri­mi­na­li­sierung der radi­kalen Teile auch Inte­gra­ti­ons­an­gebote an die außer­par­la­men­ta­rische Bewegung macht, bezie­hungs­weise einigen Mas­sen­pro­testen bereits nach­ge­geben hat, beschreibt Galina Mihaleva in ihrem Aufsatz: So wurde ein als korrupt gel­tender Gou­verneur von Kali­ningrad nach Pro­testen Tau­sender Stadt­be­wohner abbe­rufen. In Sankt Petersburg wurde der Bau des Hoch­haus­turms »Gasprom City« nach anhal­tenden Wider­stand der Bevöl­kerung gestoppt.

Her­aus­ge­geben wurde das Buch von dem belo­rus­si­schen Wis­sen­schaftler Luca Bublik, dem Ber­liner His­to­riker Johannes Spohr und der rus­si­schen Publi­zistin Valerie Waldow. Das Trio ist seit Jahren in der Arbeits­gruppe Russland (AGRu) aktiv, die zum Jugend­bil­dungs­netzwerk der Rosa-Luxemburg-Stiftung gehört. Seit meh­reren Jahren hält die AGRu Kontakt zu unter­schied­lichen künst­le­ri­schen, poli­ti­schen und sozialen Pro­jekten vor allem in Nord­west­russland. Dies kam jetzt der vor­lie­genden Ver­öf­fent­li­chung zu Gute. Der Band »Iso­lation und Aus­grenzung« liefert in knapper Form einen guten Ein­stieg in die The­matik der hier­zu­lande noch weit­gehend unbe­kannten rus­si­schen Pro­test­be­we­gungen.

Iso­lation und Aus­grenzung als post/​sowjetische Erfahrung. Trau­er­arbeit. Störung. Flucht­linien. Hg.: Luca Bublik / Johannes Spohr / Valerie Waldow. Assam­blage 2016, 128 Seiten, Bro­schur, 12,80 Euro.

Peter Nowak