Klassiker der Anti-AKW-Bewegung verfilmt

»Friedlich in die Kata­strophe« bietet auch Gele­genheit zu kri­ti­scher Rück­schau

Mit 1360 Seiten ist das Buch »Friedlich in die Kata­strophe« von Holger Strohm ziemlich monu­mental. Wer vor der Lektüre des dicken Wälzers zurück­schreckt, kann sich ab 27. Sep­tember im Kino ein fil­mi­sches Update des Klas­sikers der Anti-AKW-Bewegung ansehen.

In einem neuen, zwei­stün­digen Film des Regis­seurs Marcin El bringt der Publizist Holger Strohm mit jungen Fil­me­ma­chern seine Kritik an der AKW-Tech­no­logie auf die Leinwand und gibt gleich­zeitig Ein­blick in die Geschichte einer Bewegung. Wir begegnen wich­tigen Expo­nenten der Anti-AKW-Bewegung wie dem Zukunfts­for­scher Robert Jungk, dem Foto­chro­nisten Günter Zimt, der lang­jäh­rigen Wendland-Akti­vistin Marianne Fritzen, aber auch Hanna Poddig, die in den letzten Jahren durch Aktionen zivilen Unge­horsams bekannt geworden ist.
Anti­biotika

Holger Strohms Buch brachte »einen erheb­lichen Niveau­sprung in der bun­des­deut­schen Kern­kraft-Kritik«, so der His­to­riker Joachim Radkau. Dabei sprach zunächst nichts dafür, dass das Buch einmal ein solches Echo bekommen sollte. Es ist schon 1971 ent­standen, als sich die Kritik an der Atom­tech­no­logie auch in der Linken in der Haupt­sache gegen die Kern­waffen richtete. Die fried­liche Nutzung der Atom­kraft dagegen hatte damals auch noch in Robert Jungk einen begeis­terten Für­sprecher, der später jedoch mit seinen Buch »Atom­staat« die Gegen­be­wegung ebenso prägen sollte wie Strohm. Der hatte anfangs Schwie­rig­keiten, über­haupt einen Verlag zu finden. Als das Buch 1981 beim Verlag Zwei­tau­sendeins her­auskam, wurde es zu einem Best­seller. Denn mitt­ler­weile hatte der Atom­unfall von Har­risburg weltweit zum Anwachsen der Anti-AKW-Bewegung bei­getragen.

Besonders in Deutschland legten viele Akti­visten ihre Marx- und Lenin­bände bei­seite und wid­meten sich fortan dem Wider­stand gegen die Atom­kraft­werke. Dabei konnten sie Strohm nicht nur im theo­re­ti­schen Disput erleben. Das lang­jährige SPD-Mit­glied war wegen seiner AKW-Kritik 1978 aus der Partei aus­ge­schlossen worden und kan­di­dierte als Spit­zen­kan­didat der »Bunten Liste – Wehrt Euch«, die später zur Grün-Alter­na­tiven Liste werden sollte, für die Ham­burger Bür­ger­schaft.

Linke Teile der Anti-AKW-Bewegung übten zunehmend Kritik an Strohms kata­stro­phi­schem Weltbild, das auch den Film prägt. Die End­zeit­stimmung der späten 80er und frühen 90er Jahre hat auch dazu geführt, dass Gesell­schafts­kritik oft zugunsten von spi­ri­tu­ellen Welt­erklä­rungs­mustern auf­ge­geben wurde. Auch dafür ist Strohm ein Bei­spiel. Der Film bietet so nicht nur die Chance, ein wich­tiges Werk der Anti-AKW-Bewegung kennen zu lernen, sondern zugleich auch Anre­gungen, sich kri­tisch mit der Geschichte und den Argu­menten der AKW-Bewegung zu beschäf­tigen.

»Friedlich in die Kata­strophe« hat am 24.9. um 20 Uhr im Ham­burger Kino Abaton und am 29.9. um 17.15 und 19.45 Uhr im Ber­liner Licht­blick-Kino (www​.licht​blick​-kino​.org ) Pre­mière. Strohm und der Regisseur sind anwesend.
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Peter Nowak

Erinnerung an die Folternacht von Genua

Der Überfall von 300 schwer­be­waff­neten Poli­zisten auf in der Diaz-Schule von Genua schla­fende Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tiker am 21. Juli 2001 sorgte weltweit für Ent­setzen. Jetzt hat der ita­lie­nische Regisseur Carlo Bach­schmidt sieben Men­schen por­trä­tiert, die damals ver­letzt wurden. Sie berichten über ihre Pro­bleme, nach den Fol­ter­er­leb­nissen in den Alltag zurück­finden, von Trau­ma­ti­sie­rungen, aber auch von dem Willen, sich nicht unter­kriegen zu lassen. Der Doku­men­tarfilm holt eine Nacht zurück ins Bewusstsein, als mitten in einem Rechts­staat alle Grund­rechte außer Kraft gesetzt wurden. Der Film kann für Ver­an­stal­tungen aus­ge­liehen werden (gipfelsoli@​nadir.​org).

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Peter Nowak

Banker gegen Kunst

Der Akti­ons­künstler Philipp Ruch über die Schwie­rig­keiten, wenn Pres­se­sprecher ihre Äuße­rungen zurück­nehmen wollen
Philipp Ruch ist Gründer des Zen­trums für Poli­tische Schönheit, in dem Akti­ons­künstler mit poli­ti­schen Akti­visten zusam­men­ar­beiten. Gegen ihren Film »Schuld – Die Bar­barei der Pri­vatheit« über Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­tionen wollte die Deutsche Bank juris­tisch vor­gehen. Peter Nowak sprach mit dem Akti­ons­künstler, der wie alle Mit­glieder des Zen­trums bei öffent­lichen Auf­tritten an Kohle- und Ruß­spuren erkennbar ist. Denn: Sie wühlen in den ver­brannten poli­ti­schen Hoff­nungen Deutsch­lands.
nd: Was störte die Deutsche Bank an Ihrem Film?
Die Passage ihres Pres­se­spre­chers Frank Hartmann, in der er die Men­schen in Somalia für ihre Armut selber ver­ant­wortlich machte.

Der Bank­konzern zog inzwi­schen seine Ankün­digung zurück. Ist das ein Erfolg der mas­siven Inter­net­pro­teste?
Das kann man so sehen. Nach Bekannt­werden eines Ein­griffs­ver­suchs der sonst so kunst­af­finen Deut­schen Bank in die Kunst­freiheit wurde der Film zum Gesprächs­thema Nummer 1 im Internet. Nach den ersten Agen­tur­mel­dungen über den Fall hagelte es Kritik auf der Facebook-Seite der Bank. Die Deutsche Bank wird aber eher wegen des Inter­esses von drei über­re­gio­nalen Zei­tungen ein­ge­lenkt haben.

Wurde nicht vor allen wegen der dro­henden Ein­griffe in die Kunst pro­tes­tiert?
Die Kunst war nur der Anlass. Es ging von Anfang an um die unmo­ra­li­schen Geschäfte mit dem Hunger von Mil­lionen Men­schen. Bis heute hält der Pro­test­sturm an. Ich fürchte, die Bank wird sich bald erklären müssen.

Gab es Eini­gungs­ver­suche?
Wir hatten im Vorfeld Gespräche mit drei ver­schie­denen Abtei­lungen der Bank, in denen wir eine nicht­öf­fent­liche Einigung erzielen wollten. Alle drei Stellen ver­hielten sich dabei ziemlich merk­würdig. Ich habe selten erlebt, dass Men­schen, die pro­fes­sionell Öffent­lich­keits­arbeit betreiben wollen, so wenig Sen­si­bi­lität für die Bedeutung von Straf­an­zeigen gegenüber Akti­ons­künstlern besitzen. Ins­be­sondere der Pres­se­sprecher kam uns zeit­weise wie eine schlechte Kopie von Achilles vor, der nicht weiß, wann man Gefühle zulässt und wann man schweigt. Er drohte mir ernsthaft mit zwei Jahren Gefängnis. Ich weiß ja nicht, in welchen Ländern er sich so her­um­treibt. Aber in jedem Fall wäre ihm eine Welt genehm, in der Men­schen für unliebsame Werke in Haft kommen.

Wie konnten Sie den Bank­sprecher über­haupt zu einem Interview gewinnen?
Indem wir anriefen, uns als Doku­men­tar­film­re­porter zu erkennen gaben und nach einem Interview fragten. Danach hat er uns eine halbe Stunde mit dem Nutzen von Nah­rungs­mit­tel­spe­ku­la­tionen voll-gequatscht. Dar­aufhin habe ich ihm vom Nutzen gigan­ti­scher Frei­luft­gulags vor­ge­schwärmt, die so groß sind wie Staaten. Da war dann erst mal Ruhe.

Hatten Sie Schwie­rig­keiten, Ver­treter aus Wirt­schaft und Politik für den Film vor die Kamera zu bekommen?
Nein. Die großen Akteure warten darauf. Das Thema findet keine Beachtung. Das Zentrum für Poli­tische Schönheit nimmt sich generell nur schwersten Men­schen­rechts­ver­let­zungen an. Wie kann es sein, dass Deutschland heute dritt­größter Waf­fen­händler der Welt ist? Wie kann es sein, dass in Kongo über sechs Mil­lionen Men­schen­leben ver­nichtet werden, ohne dass wir es mit­be­kommen? Diese Fragen sind allesamt »under-reported«, wie es im Eng­li­schen heißt. Sprich – sie werden weit unter ihrer Bedeutung abge­bildet.
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Interview: Peter Nowak

Wenn ein Gespräch über Spatzen zum Verbrechen wird

Es gibt viele Filme über poli­tische Repression. Doch der „Tag der Spatzen“ ist in vie­lerlei Hin­sicht der außer­ge­wöhn­lichste Film in diesem Genre. Schon der Beginn ist unge­wöhnlich. Die Kame­ra­führung ist extrem langsam. Erst putzen sich mehrere Haus­spatzen, dann kommt ein ein­zelner Sperling ins Bild Der Fil­me­macher Philipp Scheffner will damit an eine wenig beachtete Episode
erinnern. Am 14. November 2005 wird im hol­län­di­schen Lee­uwarden ein Spatz erschossen, nachdem er 23000 Domi­no­steine umge­worfen hat, die für eine Aus­stellung auf­gebaut worden waren. Via Internet war der „Domi­nospatz“ weltweit bekannt geworden. Er wurde schließlich kon­ser­viert und der hol­län­dische Wacht­dienst bekam Todes­dro­hungen. Eben­falls am 14. November 2005 starb in Afgha­nistan ein deut­scher Soldat bei einem Selbst­mord­at­tentat. Damit sind die beiden Grund­themen des Films beschrieben. Die Vögel und der Krieg.

Militär und Natur
Immer wieder führt die Kamera durch Natur, durch Wälder, die aus der Per­spektive eines Vogel­kundlers betrachten werden. Lustige Vögel mit langen Beinen wat­scheln öfter durch das Bild. Der Fil­me­macher kann dabei auf eigene Erfah­rungen
zurück­blicken. Scheffner ist von frü­hester Jugend an ein begeis­terter Vogel­be­ob­achter und poli­tisch bewusster Zeit­ge­nosse. Mit der Kamera wird er die Zuschauer in abge­legene scheinbar idyl­lische Gegenden gelotst, wo es kaum Men­schen gibt. Gerade dort trifft der Fil­me­macher auf mili­tä­rische Ein­rich­tungen, die mög­lichst wenig Publicity wün­schen. Dazu gehört das nsatz­füh­rungs­kom­mando in der Henning-von-Tre­sckow-Kaserne in einem Wildpark bei Potsdam, wo laut eigener Homepage “Ope­ra­tionen gegen irre­guläre Kräfte“ geprobt werden. Das Bild zeigt drei Sol­daten, von denen einer ein Gewehr auf einen Men­schen in ziviler Kleidung richten. Das „Zentrum für Ope­rative Infor­mation“, eine Bun­des­wehr­dienst­stelle bei Mayen wurde bei Scheffners Vogel­suche ebenso umrundet, wie der Flug­hafen Büchel. Auch Mili­tärstellen, die mög­liche Schäden auf Mili­tär­flug­häfen durch Vogelflug unter­suchen, werden vor­ge­stellt.

»Wir wollen nicht in ihrem Film auf­tauchen“

Im Film werden auch die Schwie­rig­keiten doku­men­tiert, denen Scheffner beim Drehen seines Natur­films durch mili­tä­rische Stellen, die arg­wöhnten, aus­spio­niert zu werden, begegnet. Als sich Scheffner dann gar bei Bun­des­wehr­stand­orten in Afgha­nistan nach dem
Vogel­schutz erkun­digen will, wird die im Film vor­ge­stellte Kom­mu­ni­kation unfrei­willig komisch. Zeigte die Pres­se­stelle der Bun­deswehr anfangs noch ver­hal­tenes Interesse an dem Projekt, so kam bald die Absage. Doch Scheffner gab nicht auf und nahm
immer Kontakt auf, bis sich ein Minis­te­ri­al­be­amter weitere Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­suche ver­bittet. Im Film sind der Email­verkehr und ver­schiedene Tele­fonate ein­ge­blendet. Manchmal wundert man sich über Scheffners Hart­nä­ckigkeit und seine Ver­suche, der Bun­deswehr die Vor­teile einer neuen Offenheit vor Augen zu führen.

Fest­nahme in Rambo-Manier
Der Höhe­punkt des Filmes aber ist die Ver­haftung seines Freundes Harald im Jahr 2007. Er wurde mit 2 wei­teren Männern von der Polizei bei einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Aktion ver­haftet. Man sieht den Ver­haf­teten nach seiner Haft­ver­schonung bei der Vogel­be­ob­achtung mit dem Fil­me­macher ins Gespräch ver­tieft. Fast bei­läufig berichtet Harald über die Fest­nahme in Rambo-Manier, bei der die Polizei erst die Fenster des Autos und dann auf die Insassen ein­schlug. Bei einem der Betei­ligten löste diese Fest­nah­me­si­tuation ein Trauma aus und er ist noch immer in ärzt­licher Behandlung. Harald berichtet auch, wie
er nach seiner Fest­nahme per Hub­schrauber zur Bun­des­an­walts­schaft nach Karlsruhe trans­por­tiert wurde, dabei seine Flug­angst über­wunden hat und noch einmal einen Blick in deutsche Vor­gärten werden konnte. Er genoss die Situation, weil er
wusste, dass er längere Zeit solche Blicke wissen wird. Wenn Harald dem Fil­me­macher dann über sein anti­mi­li­ta­ris­ti­sches Enga­gement und die Pro­zess­führung erzählt und beide gleich­zeitig ins Fernrohr blicken, wirken sie selber wie zwei weise Vögel 
„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume ein Ver­brechen ist, weil sie soviel Gesagtes mit ein­schließt“, schrieb Brecht. Scheffner hat mit seinem Film den Satz variiert. „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch fast ein
Ver­brechen ist…“. Den Film sollte man sich nicht ent­gehen lassen, wenn er gele­gentlich in Pro­gramm­kinos und viel­leicht dem­nächst auch mal bei Arte läuft.
Wer darauf nicht warten will, kann ihn aus­leihen über das Ber­liner Institut für Film und Video­kunst Arsenal (www​.arsenal​-berlin​.de

Peter Nowak
»Der Tag des Spatzen«. Regie: Philip Scheffner. Essayfilm, Deutschland 2010, 104
Min. Infos zum Film im Netz: http://​www​.der​tag​desspatzen​.de/

ver­öf­fent­licht in der Publli­kation Gefan­geninfo http://​www​.gefan​genen​.info/

Afghanistankrieg ungeschönt und ungefiltert

Ein preis­ge­krönter Doku­men­tarfilm erregt die dänische Öffent­lichkeit
»Was kümmert mich, wenn hier ein Mädchen stirbt. Pech, wie ver­schüttete Milch. Es sterben so viele Leute.« Das ist eine der Pas­sagen, die derzeit in der däni­schen Öffent­lichkeit erregt dis­ku­tiert werden. Es ist das Statement eines däni­schen Sol­daten im Afgha­ni­stan­einsatz. Sie stammt aus dem Film Arma­dillo, der beim Film­fes­tival in Cannes preis­ge­krönt wurde.

Der dänische Fil­me­macher Janus Metz hat für seinen Doku­men­tarfilm die däni­schen Sol­daten in Afgha­nistan über Monate begleitet. Er wollte das wahre Gesicht des Krieges in Afgha­nistan zeigen. Das ist ihm gründlich gelungen und hat jetzt in dem skan­di­na­vi­schen Land zu einer kri­ti­schen Debatte über das mili­tä­rische Enga­gement am Hin­du­kusch geführt.

Obwohl bereits 29 dänische Sol­daten in Afgha­nistan ums Leben gekommen sind, war der Einsatz der 750 ISAF-Sol­daten, die dort vor allem in der Provinz Helmand aktiv sind, bisher kaum Gegen­stand einer öffent­lichen Dis­kussion. Das hat Arma­dillo ver­ändert. Denn der Film kon­ter­ka­riert das offi­zielle dänische Selbstbild von den Sol­daten als eine Art bewaff­neter Hilfs- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sation. Die im Film zitierten Sol­daten machen nämlich deutlich, dass sie nicht aus poli­ti­schen Gründen, sondern wegen des per­sön­lichen Kicks in Afgha­nistan sind.
»Fuck, war das fett! Da lagen vier und röchelten. Tak­t­ak­t­aktak, wir halten drauf, 30, 40 Schuss in den einen. Da kriecht keiner mehr weg, wenn wir da waren. Fucking fett! Jetzt ist man im Krieg gewesen!«, so äußert sich ein Soldat, der den Krieg als eine Art Com­pu­ter­spiel in Rea­lität begreift.

Schon sprechen manche Kriegs­gegner von einem däni­schen Vietnam. In den späten 60er und frühen 70er Jahren sorgten Filme in den USA dafür, dass sich eine rea­lis­tische Sicht auf den Viet­nam­krieg ver­breitete und die Oppo­sition gegen den Krieg wuchs.


Übrigens steht ein ähn­licher Film über die deut­schen Sol­daten in Afgha­nistan noch aus. Der Film Der Tag der Spatzen handelt von dem Versuch des Fil­me­ma­chers Philipp Scheffners, sich dem Thema Mili­ta­ri­sierung in Form eines poli­ti­schen Natur­films anzu­nähern. »Wir wollten nie nach Afgha­nistan, erklärt Philipp Scheffner, und sein Film beweist, dass man das, was dort geschieht, unter Betei­ligung der Bun­deswehr nicht filmen kann«, schreibt die FAZ. Warum eigentlich nicht?.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​47703

Peter Nowak

Nachrichten aus der Krisenrepublik

Mit »Der Gewinn der Krise« legt Jörg Nowak seinen Debutfilm vor
Wie es den Dax und der Börse in der Finanz- und Wirt­schafts­krise geht, ist das Thema der Mas­sen­medien. Aber wie gehen die Lohn­ab­hän­gigen und Erwerbs­losen damit um? Dieser Frage widmete sich der Ber­liner Poli­tik­wis­sen­schaftler und soziale Aktivist Jörg Nowak in seinem ersten Film.
 
Im Sommer 2009 ist der Fil­me­macher quer durch die Republik gefahren, um mit Men­schen zu reden, die auf unter­schied­liche Weise von der Krise betroffen sind. »Die Route hat sich an Zei­tungs­mel­dungen über Ent­las­sungen, Werks­schlie­ßungen und Kämpfe in Betrieben ori­en­tiert. Befragt haben wir aber auch Leute, die wir auf der Straße getroffen haben oder die wir vorher schon kannten«, sagt Nowak.

Während elf anony­mi­sierte Gesprächs­partner aus Eisen­hüt­ten­stadt, Frankfurt am Main, Alzenau, Kai­sers­lautern, Stuttgart und Glück­stadt berichten, wie sich ihr Leben in der Krise ver­ändert hat, sehen wir ihr Wohn- und Arbeits­umfeld. Zwi­schen den Inter­views zieht die deutsche Land­schaft aus der Per­spektive eines PKW am Betrachter vorüber. Der Ver­zicht auf zusätz­liche Kom­mentare oder fil­mische Effekte erweist sich ebenso als Stärke des Films, wie der Ver­zicht auf Poli­tiker und Gewerk­schafts­funk­tionäre als Gesprächs­partner. So ist der Film frei von Phra­sen­dre­schern oder Berufs­op­ti­misten.

Es domi­niert ein gna­den­loser kapi­ta­lis­ti­scher Rea­lismus, wenn eine Frau aus Eisen­hüt­ten­stadt von ihren ver­geb­lichen Bemü­hungen berichtet, als Alten­pfle­gerin ihren Lebens­un­terhalt zu ver­dienen. Selbst ein Job im Drei­schicht­system mit schlechter Bezahlung in Berlin war nicht von langer Dauer. Auch der Phi­lo­so­phie­dok­torand aus Frankfurt/​Main hat wenig Hoffnung auf einen eini­ger­maßen gut bezahlten Job im Wis­sen­schafts­be­trieb. Er sieht in den USA, wo 60-jährige Arbeiter von der Polizei aus ihren zwangs­ver­stei­gerten Häusern geholt werden, einen Blick in die Zukunft des Kapi­ta­lismus. Doch er befürchtet, dass wir auch der nächsten Krise wieder unvor­be­reitet gegenüber stehen. Ein Beschäf­tigter des Auto­mo­bil­zu­lie­ferers Mahle aus dem nord­baye­ri­schen Alzenau hofft noch auf Unter­stützung vom Staat. Die Beleg­schaft hatte gegen die dro­hende Schließung im Mai 2009 das Werk drei Tage besetzt. Die Arbeiter gaben ihren Wider­stand erst auf, nachdem Bereit­schafts­po­lizei auf­mar­schiert war und ein ein­ge­flo­gener Gewerk­schafts­funk­tionär zur Been­digung des Kampfes aufrief und auf die juris­ti­schen Folgen bei einer Fort­setzung hinwies. Jetzt sind die Beschäf­tigten bis 2011 in Kurz­arbeit geparkt.

An die Ver­spre­chungen der Poli­tiker, die Kraft der Gewerk­schaften oder eine autonome Inter­es­sen­ver­tretung glaubt keiner der Gesprächs­partner. So passt das reg­ne­rische Wetter in den letzten Film­se­quenzen zur Stimmung.

»Der Gewinn der Krise«, D 2010, 45 Minuten, von Jörg Nowak. Pre­mière am 22. Mai, 17 Uhr, im Regen­bo­genkino, Lau­sitzer Straße 22, Berlin-Kreuzberg. Anschließend Dis­kussion mit den Fil­me­ma­chern, der Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Katja Die­fenbach und den Gewerk­schafts­ex­perten Willi Hajek.

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Peter Nowak

Perspectives on Drug Free Culture

Per­spec­tives on Drug Free Culture
Regie: Marc Pier­schel und Michael Kirchner
Deutschland 2009
von Peter Nowak
Der Film setzt sich kri­tisch mit der Straight-Edge-Bewegung aus­ein­ander.
Sie waren jung, gesund­heits­be­wusst und hassten Drogen. Die Rede ist von den Begründern und Prot­ago­nisten einer der wohl ver­kann­testen sub­kul­tu­rellen Bewe­gungen der letzten Jahre: der Straight Edge-Bewegung.

«Straight Edge» heißt klare Linie. Für die sog. «Edger» hieß das, keine Drogen zu nehmen und sich min­destens fleischlos, in der Regel aber vegan zu ernähren, also auf alle tie­ri­schen Pro­dukte in der Nahrung zu ver­zichten.
Diesen Anspruch nahmen die Mit­tel­stands­kinder ernst, die Ende der 70er Jahre in den Groß­städten der USA vor allem ein Ziel hatten: nicht in der Gosse zu landen. Sie grenzten sich damit von dem oft exten­siven Dro­gen­konsum der Sub­kul­turen ab, die sie selber kannten. Denn zu dieser Zeit war der Gebrauch dieser Mittel – anders als noch Ende der 60er Jahre – nicht mehr mit Befreiung der Sinne sondern mit dem oft gar nicht so roman­ti­schen Leben der regel­mä­ßigen Dro­gen­kon­su­menten ver­bunden.

Als Reaktion auf diese Erfah­rungen ent­wi­ckelte sich eine Sub­kultur, die auf Dro­gen­freiheit, ein gesundes Leben und auch auf kon­ser­vative Werte setzt. Die in Münster lebenden Fil­me­macher Marc Pier­schel und Michael Kirchner haben sich in ihrem Film Edge auf eine sehr sym­pa­thische Weise mit dieser in die Jahre gekom­menen Sub­kultur aus­ein­an­der­ge­setzt. Sie haben sie weder roman­ti­siert, noch denun­ziert, und auch mit manchen Mythen auf­ge­räumt.

Dazu gehört die ver­breitete Ansicht, die Straight Edge-Bewegung pro­pa­giere eine Ase­xua­lität. Doch mehr­heitlich wanden sich die Straight-Edger gegen einen häu­figen Part­ner­wechsel. Auch hier trafen sie in den frühen 80er Jahren, als der Schrecken über die damals neue Krankheit Aids groß war, auch bei Jugend­lichen auf offene Ohren.

Leider werden diese gesell­schaft­lichen Umstände, ohne die die große Bedeutung der Edge-Bewegung nicht erklärbar ist, im Film nur ange­deutet. Dafür werden Musiker der unter­schied­lichen Bands inter­viewt, die der Bewegung erst die große sub­kul­tu­relle Bedeutung gaben. Die Punk Band Minor Threat, die den Begriff Straight Edge prägte, gehört ebenso dazu, wie der Rapper Ray Cappo oder die Hard-Core-Combo Youth of Today, die Mitte der 80er Jahre die Edge-Bewegung mit gemeinhin links codierten poli­ti­schen Themen verband. Hierin liegt der Grund, dass diese Sub­kultur bis heute junge, mora­lische Gym­na­si­asten in ihren Bann zieht.

Dass die Edge-Bewegung generell eman­zi­pa­to­rische Inhalte habe, ist einer der Mythen, die der Film dekon­struiert. So wird mit der Band Terror Edge eine Combo vor­ge­stellt, die für eine men­schen­feind­liche Strömung steht. Diese Strömung ist auch die Grundlage einer offen rechts­ra­di­kalen Straight-Edge-Bewegung. Mitt­ler­weile gibt es in Deutschland Rechts­ra­dikale, die gesunde Ernährung und den Kampf gegen Drogen mit ras­sis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Ele­menten kom­bi­nieren und sich dabei auf Ahn­herren in der NS-Bewegung berufen. Leider fehlt auch dieser Aspekt in dem ansonsten infor­ma­tiven Film.

Das junge Ziel­pu­blikum wird dadurch ange­sprochen, dass zwi­schen den ein­zelnen Szenen und Inter­views im Film immer wieder Inter­net­re­cherche betrieben wird. Auch die Musik­bei­spiele kommen aus dem Netz. Einige Rezen­senten monieren, dass die Musik­bei­spiele nur von You-Tube und My-Space kommen. Aber abge­sehen davon, dass das ver­mutlich finan­zielle Gründe hat, ist ein Plus des Films, dass der Fokus auf die kri­tische Aus­ein­an­der­setzung, und nicht auf das Kon­su­mieren einer Jugend­kultur gelegt wird.

Ab Mai als DVD erhältlich unter www​.com​pas​si​onmedia​.org/ oder www​.theed​ge​pro​jec​t​movie​.com/.

http://​www​.sozonline​.de/​2​0​1​0​/​0​4​/​p​i​e​r​s​c​h​e​l​k​i​r​c​h​n​e​r​-​e​d​g​e​/​#​m​o​r​e-705

Peter Nowak