Kleinbauern und Fortschritt

Nicht nur ein Problem des glo­balen Südens

Klein­gärten haben in Deutschland eine lange Geschichte. Doch seit einigen Jahren ver­sucht die Gue­rilla-Gar­dening-Bewegung dem Lau­ben­pieper-Image zu ent­kommen. Sie pflanzen auf städ­ti­schem Brachland zur Not auch ohne die behörd­liche Geneh­migung Obst und Gemüse an. Statt über die Länge von Gräsern und Ästen reden sie über die poli­tische Dimension der Selbst­ver­sorgung mit Obst und Gemüse. Daher ist es auch nur kon­se­quent, wenn sich einige der Polit­gärtner am ver­gan­genen Samstag am glo­balen Aktions- und Infor­ma­ti­onstag für Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität und bäu­er­liche Rechte betei­ligten. Auf Initiative des Klein­bau­ern­netz­werkes La Via Cam­pesina gab es rund um den Globus Aktionen der unter­schied­lichen Art. Lange Zeit sahen die hie­sigen Linken die Aktionen von Via Cam­pesina als Problem des glo­balen Südens. Manch Marx-geschulter Linker meinte gar, dass da der gesell­schaft­liche Fort­schritt gebremst und die bäu­er­liche Lebens­weise kon­ser­viert werde. Doch mitt­ler­weile wird Ernäh­rungs­sou­ve­rä­nität auch als eigenes Problem wahr­ge­nommen. Das wurde an den unter­schied­lichen Aktionen deutlich, die in Deutschland statt­fanden. Der Kampf gegen die Gen­technik gehört ebenso dazu, wie der Protest gegen ener­gie­auf­wendige Ver­triebs­systeme für Lebens­mittel. Als Alter­native zu über Tau­sende Kilo­meter trans­por­tiertes Obst und Gemüse werden Bio­pro­dukte des eigenen Garten zunehmend beliebter. Dass man dabei über den Zaun des eigenen Stadt­gartens blicken kann, zeigte das glo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Netzwerk Attac. Anlässlich des bäu­er­lichen Akti­onstags monierte Jutta Sun­dermann von Attac: »Frisch mit Steu­er­mil­li­arden gerettete Banken bieten Wetten auf die Preis­ent­wicklung von Agrar­roh­stoffen an. Weit mehr als 100 Mil­lionen Men­schen weltweit, die wegen der Krise unter die Armuts­grenze gefallen sind, werden offenbar als Kol­la­te­ral­schäden hin­ge­nommen.«

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Peter Nowak

Frankreichs Atome

auf­ge­fallen
Kaum Interesse an AKW-Unfällen
Frank­reich gilt als das Eldorado der Atom­in­dustrie. Fast 80 Prozent des Stroms wird dort in AKW pro­du­ziert. Doch von den 58 Atom­kraft­werken in unserem Nach­barland sind längst nicht alle in Betrieb. Das ist das Ergebnis des vor wenigen Tagen ver­öf­fent­lichten Jah­res­be­richtes der Fran­zö­si­schen Behörde für Nukleare Sicherheit (ASN). Das Fazit des Berichts: Im Beob­ach­tungs­zeitraum sei nichts Dra­ma­ti­sches pas­siert. Die fran­zö­sische Regierung liest dies als Bestä­tigung ihres Pro-Atom­kraft-Kurses. Frank­reich hat zwei Druck­was­ser­re­ak­toren der neuen Generation (EPR) in Auftrag gegeben und denkt über den Bau einer vierten Reak­tor­ge­neration nach.

Die grüne Sena­torin Marie Blandin bezeichnet diese Inter­pre­tation als grotesk. Denn immerhin ver­zeichnet der Report mit 795 AKW-Zwi­schen­fällen den höchsten Wert seit fünf Jahren. Auch die 95 Stö­rungen der Alarm­stufe eins stellen einen Spit­zenwert dar. Erstmals seit fünf Jahren war auch ein Störfall der Alarm­stufe zwei zu ver­melden. Treibgut auf der Rhône hatte eine Was­ser­leitung im Kühl­system des Atom­kraft­werks Cruas ver­stopft. Unge­klärt ist bisher auch die Her­kunft von 39 Kilo­gramm Plu­tonium, das beim Abbau des süd­fran­zö­si­schen For­schungs­zen­trums Cadarache gefunden wurde.

In Deutschland würde der­gleichen zu einer großen öffent­lichen Debatte führen und die Atom­lobby in Erklä­rungsnöte bringen. In Frank­reich hin­gegen sorgte der Bericht außerhalb der kleinen Umwelt­be­wegung für wenig Auf­sehen.

Viel­leicht aber könnte der Bericht die län­der­über­grei­fende Koope­ration der AKW-Gegner stärken, die auch schon mal inten­siver war. So pro­tes­tierten im Frühjahr 1986 Tau­sende Men­schen gegen das AKW Cat­tenom in der deutsch-fran­zö­si­schen Grenz­region. Als kürzlich im Rahmen einer Not­stands­übung ein GAU in Cat­tenom simu­liert wurde, ver­schliefen die AKW-Gegner das. Dabei ging Cat­tenom allein im März 2010 wegen tech­ni­scher Pro­bleme zwei Mal vom Netz.

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Peter Nowak