Mieter wehren sich gegen Vertreibung

In vielen Häusern läuft eine brutale Sanie­rungs­praxis – in Pankow regt sich Wider­stand

Nach der Sanierung wird das Drei­fache der Miete ver­langt. In Pankow trafen sich Betroffene zum ersten Mie­ter­forum, um sich gegen ihre Ver­treibung zu wehren.

»Hier ent­mietet die Christmann Unter­neh­mens­gruppe 29 große und 16 kleine Men­schen«, stand auf einen großen Trans­parent im Saal der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung Pankow. Die Firma Christmann saniert das Haus Kopen­ha­gener Straße 46 in Prenz­lauer Berg und hat es damit schon zu einiger Berühmtheit gebracht. Denn die Mieten sollen sich danach fast ver­drei­fachen.

Ähnlich geht es vielen Mietern im Bezirk. Doch sie wollen dieses Schicksal nicht mehr einfach so hin­nehmen. Am Frei­tag­abend trafen sich 60 Bewohner aus Häusern in Prenz­lauer Berg und Pankow zu einem Mie­ter­forum, um über ihre Situation und darüber zu reden, wie sie ihre Ver­drängung ver­hindern können. Deutlich wurde, dass in begehrten Wohn­ge­bieten eine zweite Ver­treibung im Gange ist. Während bis Mitte der 90er Jahre ein großer Teil der ursprüng­lichen Bewohner weg­ziehen musste, sind nun die Ver­blie­benen ebenso wie auch ein Teil der in den 90er Jahren neu Zuge­zo­genen betroffen.

»Eine neue Spe­ku­la­ti­ons­welle ist über uns her­ein­ge­brochen. Sie ist mit einer bru­talen Sanie­rungs­praxis ver­bunden. Ent­mie­tungen und Zwangs­räu­mungen sind ganz normale Geschäfts­prak­tiken geworden«, stellte Oleg Myrzak fest. Er wohnt in einen der betrof­fenen Häuser, in der Gleim­straße 52.

Die Erfah­rungs­be­richte zeigten, dass Myrzak nicht über­trieben hat. 16 Mieter der Kopen­ha­gener Straße 46 bekamen fristlose Kün­di­gungen und Abmah­nungen, die juris­tisch natürlich keinen Bestand hatten. Sie sollten aber die Mieter zer­mürben. Dass sich nicht nur private Inves­toren, sondern auch städ­tische Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften an der Ver­drängung von Mietern betei­ligen, machten Bewohner des Hauses Raum­er­straße 13 deutlich, das im Besitz der Gewobag ist. Sie schil­derten den Umgang des Unter­nehmens mit ihnen als »nicht so dra­ma­tisch wie in der Kopen­ha­gener Straße, aber auch nicht wirklich human«. Erst sei ihnen mit­ge­teilt worden, dass die Wohn­qua­lität ver­bessert werden solle, dann kamen die Ankün­di­gungen für den Einbau eines Fahr­stuhls, der von allen bis­he­rigen Mietern abge­lehnt wird, weil er die Miete in die Höhe treibt.

Ver­wiesen wurde auf die zahl­reichen Inter­net­blogs, mit denen Mieter aus den unter­schied­lichen Häusern auf ihre Situation auf­merksam machen. »Leben hinter einer weißen Plane« und »Chronik einer ange­kün­digten Ent­mietung« lauten die Titel.

Mit dem neu­ge­grün­deten Pan­kower Mie­ter­forum wollen sich die Betrof­fenen ver­netzen und die Inter­essen der von Ver­drängung bedrohten Men­schen auch in der Politik lauter zu Gehör bringen. Der Senat wurde auf­ge­fordert, »umgehend eine Umwand­lungs­ver­bots­ver­ordnung zu erlassen, durch die die Umwandlung von Miet- in Eigen­tums­woh­nungen in allen sozialen Erhal­tungs­ge­bieten unter einen Geneh­mi­gungs­vor­behalt gestellt wird«.

Das nächste Mie­ter­forum will sich besonders der ener­ge­ti­schen Sanierung im Interesse der Mieter widmen. Derzeit dient sie oft der Ver­treibung von Mietern, bei­spiels­weise in der Kopen­ha­gener Straße 46. Sind die bis­he­rigen Bewohner aus­ge­zogen, können ihre Woh­nungen als Eigentum teuer ver­kauft werden.

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Peter Nowak