Der Traum heißt Europa

Bunker-Parties und Skaten auf den Ruinen des Real­so­zia­lismus: In der alba­ni­schen Haupt­stadt Tirana ent­wi­ckelt sich post­so­zia­lis­ti­sches metro­po­li­tanes Flair nach bestem Ost­ber­liner Vorbild. Doch trotz des pul­sie­renden Stadt­lebens träumen viele junge Albaner nur davon, ihr Land zu ver­lassen

Auf den ersten Blick macht das kegel­förmige Gebäude den Ein­druck einer Ruine, die aus irgend­welchen Gründen bisher nicht abge­rissen wurde. Die Wände sind voll­ständig mit Graffiti besprüht. Der Putz brö­ckelt, die Stufen zum Eingang sind mit Moos und Gräsern über­wu­chert. An manchen Stellen weist die Fassade große Löcher auf. Sämt­liche Fenster des Ein­gangstors sind zer­schlagen. Kartons, Well­blech und Holz­platten können die Lücken nicht ver­decken. Große Löcher geben den Blick in den rie­sigen, fast leer­ge­räumten Innenraum frei. Schutt, zer­schla­genes Mobiliar und eine Menge Glas­scherben erinnern daran, dass dieses Gebäude bessere Zeiten gesehen hat.

Ver­lässt man das Uni­ver­si­täts­viertel und die Innen­stadt von Tirana, ändert sich das Stra­ßenbild schnell. EU-Fahnen findet man dort nicht, dafür enge Straßen, in denen Hand­werker an alten Maschinen sitzen. Pfer­de­fuhr­werke fahren über die Straßen und ein junger Mann sucht am Stra­ßenrand nach Gegen­ständen, die sich ver­werten lassen. An einer Stra­ßenecke haben Kinder einige Uten­silien aus­ge­packt, die sie ver­kaufen wollen. Auch einige alte Taschen­lampen und Bat­terien sind dar­unter. Nach Ein­bruch der Dun­kelheit bringen sich an vielen Stra­ßen­ecken Sex­ar­bei­te­rinnen in Position.

Viele Men­schen ver­suchen ihr Glück aber im euro­päi­schen Ausland. Auf Pla­katen, die an ver­schie­denen Stellen in den alba­ni­schen Städten zu sehen sind, werden Bus­reisen von Tirana nach Mailand oder in andere ita­lie­nische Städte ange­boten. Viele Albaner ver­suchen, mit Jobs in Italien sich und ihre Familien über die Runden zu bringen. Mitt­ler­weile arbeiten Hun­dert­tau­sende Albaner in allen Branchen in Italien. Im Putz­ge­werbe sind sie ebenso zu finden wie bei der Ernte­hilfe, in der Pflege oder auf dem Bau. Nur wenige Arbeits­mi­granten kommen in den Genuss gere­gelter Arbeits­ver­hält­nisse, die meisten sind auf einige Monate befristet. Andere arbeiten ohne gültige Papiere. Ihnen droht stets Abschiebung und ihr Rei­seweg ist immer noch aben­teu­erlich. Die Pas­sagen mit Schlauch­booten über das Meer aber gehören heute in Albanien der Ver­gan­genheit an. Noch vor zehn Jahren gab es von der alba­ni­schen Küste Bilder, wie wir sie heute von den nord­afri­ka­ni­schen Staaten kennen. Junge Albaner ver­suchten immer wieder, mit Schlauch­booten die ita­lie­nische Küste zu erreichen, dabei kamen viele Men­schen ums Leben. Die größte Tra­gödie ereignete sich am 9. Januar 2004, als min­destens 20 Jugend­liche auf dem Weg von Nord­al­banien nach Italien starben.

Neben Italien war Grie­chenland lange Jahre ein begehrtes Ziel für alba­nische Arbeits­mi­granten. Doch mit der Ver­schärfung der Schulden- und Wirt­schafts­krise gab es dort auch für viele aus­län­dische Arbeits­kräfte kein Aus­kommen mehr. Noch immer ver­suchen alba­nische Jobber am Hafen von Piräus und anderen Arbeits­stellen in Grie­chenland ihr Glück. Die Arbeits­be­din­gungen der alba­ni­schen Migranten sind auch im Ausland nicht ideal. Oft arbeiten sie zu wesentlich gerin­geren Löhne als die ein­hei­mische Bevöl­kerung. Der größte Teil des Lohnes geht nach Albanien und soll das Über­leben der Familien sichern. Mitt­ler­weile sind viele Albaner, die jah­relang im euro­päi­schen Ausland gear­beitet haben, wieder in ihr Her­kunftsland zurück­ge­kehrt. Besonders der Boom in der Bau­branche hat in den ver­gan­genen Jahren zahl­reiche Arbeits­plätze geschaffen, aber auch Men­schen aus ihren Woh­nungen ver­drängt.

Am Rande der Küs­ten­stadt Durres reißt ein Bagger mit Abriss­birne gerade mehrere Häuser ein. Das Gelände wird von Mit­ar­beitern der Abriss­firma und Poli­zisten bewacht, die jeden Zutritt ver­hindern. »Hier musste ein Wohnpark einem Hotel weichen«, erklären zwei junge Männer, die am Zaun stehen. Mehrere ehe­malige Bewohner, die gegen den Abriss pro­tes­tierten, seien vor wenigen Tagen von der Polizei fest­ge­nommen worden, berichten sie. Selbst das alba­nische Fern­sehen hatte in den Nach­richten über die Mie­ter­pro­teste berichtet.

Für knapp drei Jahre gehörte es zu den Vor­zei­ge­pro­jekten der sozia­lis­ti­schen Gedenk- und Erin­ne­rungs­kultur. Hier wurde dem ver­stor­benen Gründer der Sozia­lis­ti­schen Republik Albanien, Enver Hoxha, nach seinen Tod ein High-Tech-Mau­soleum errichtet, das bald nur noch »die Pyramide« genannt wurde. Kaum etwas an der Ruine erinnert heute noch an den futu­ris­ti­schen Bau, der hier einmal gestanden hat.

Ivo Shtrepi kann sich noch gut an das Gebäude mit den zahl­reichen Spie­gel­fenstern erinnern, das nachts ange­strahlt wurde. Er hat als Ver­wal­tungs­an­ge­stellter in den späten Jahren das Museum zweimal besucht. Als Rentner beob­achtet er heute die Tou­risten, die ratlos vor der Ruine stehen und nach Infor­ma­tionen suchen.

Die »Pyramide« im Zentrum von Tirana barg keine Gold- und Sil­ber­schätze, sondern zahl­reiche Video­pro­jek­toren. Dort wurden in Kurz­filmen Szenen aus Hoxhas Leben nach­ge­stellt. Besonders als Tier­freund sei er in Filmen häufig gezeigt worden, erinnert sich Shtrepi. Er kann sich an Filme erinnern, in denen der sta­li­nis­tische Dik­tator mit Hunden zu sehen ist, in anderen habe er Schafe und Kühe gestrei­chelt. Daneben hingen im Museum Fotos, die Hoxha beim Hän­de­schütteln mit zahl­reichen Staats­prä­si­denten, vor­nehmlich aus dem real­so­zia­lis­ti­schen Lager, zeigen. Doch die alba­nische Pha­rao­nen­ver­ehrung währte nur kurze Zeit. Der Pyramide, die 1988 mit einem großen Staatsakt ein­ge­weiht worden war, wurden nach dem Umsturz 1991 zunächst sämt­liche Mittel ent­zogen. In der Folge wurde das Gebäude mehrmals von der wütenden Menge gestürmt und die Innen­ein­richtung zer­stört. In den neun­ziger Jahren wurde auf Demons­tra­tionen ihr bal­diger Abriss gefordert.

Dass sie noch immer vor sich hin ver­rottet, hat nach Ansicht vieler hier poli­tische Gründe. Direkt gegenüber wurde eine Kapelle errichtet. Eine ­Jesus­figur an ihrem Eingang weist mit der Hand auf das ehe­malige Mau­soleum. Eine Geste, die den Triumph der Kirche über den unter­ge­gan­genen Sozia­lismus alba­ni­scher Prägung sym­bo­li­sieren soll. Zudem wurde die Straße an der Rück­seite des ehe­ma­ligen Mau­so­leums nach dem aus Polen stam­menden Papst Johannes Paul II. benannt, dem seine Anhänger beschei­nigen, zum Ende des Nomi­nal­so­zia­lismus in Europa bei­getragen zu haben. Dabei hatte der Sturz dessen alba­ni­scher Variante eine besondere Bedeutung, weil dort eine strikt anti­kle­rikale Politik ver­folgt wurde. Viele ehe­malige Kirchen waren in Albanien zu Kin­der­gärten und Kran­ken­häusern umfunk­tio­niert worden. Vor dem Eingang des Mau­so­leums soll eine Frei­heits­glocke an den Sieg über den Sozia­lismus alba­ni­scher Prägung erinnern. Während die meisten alba­ni­schen Pas­santen achtlos vor­bei­gehen, lassen sich Tou­risten oft beim Anstoßen der Glocke foto­gra­fieren.

Unter den vielen Men­schen, die sich bei schönem Wetter an der Pyramide treffen, erinnern sich die wenigsten an die Zeit, als dort Enver Hoxhas gedacht wurde. Mitt­ler­weile ist der Platz um die Mau­so­le­ums­ruine zum ange­sagten Treff­punkt junger Men­schen geworden. Denn anders als der unbe­lebte Platz mit dem monu­men­talen Skan­derbeg-Denkmal, das im Zentrum Tiranas den alba­ni­schen Dik­tator glo­ri­fi­ziert, ist der Platz um die Pyramide ein Ort ver­schie­dener Frei­zeit­ak­ti­vi­täten geworden. Skater und Sprayer haben auf den Wänden der Ruine unüber­sehbar ihre Spuren hin­ter­lassen, Fas­sa­den­klet­terer erproben ihre Künste an den steilen Mauern. Ver­bli­chene Poster erinnern an eine Pla­kat­aus­stellung, die einige Künstler im Sommer ver­gan­genen Jahres an den Wänden der Mau­so­le­ums­ruine orga­ni­sierten und die auch inter­na­tional beachtet wurde.

So wie die Pyramide hat ein wei­teres Symbol der Hoxha-Ära eine Zweit­ver­wertung erfahren. Es handelt sich um die berühmten Bunker, die in der sozia­lis­ti­schen Zeit überall in Albanien gebaut wurden. Über 750 000 dieser Schutz­räume soll es Mitte der acht­ziger Jahre gegeben haben. In den über­wiegend sehr kleinen Bunkern sollten sich Sol­daten im Fall einer Invasion ver­schanzen. All­zuviel Schutz hätten sie nicht geboten. Während des Kosovo-Krieges, als einige Nato-Bomben irr­tümlich über alba­ni­schem Ter­ri­torium abge­worfen wurden, wurde auch ein Bunker getroffen und stürzte ein. Ob sozia­lis­ti­scher Pfusch die Ursache war, blieb aller­dings unklar. Denn bereits in der frühen Nach­wen­dezeit wurden zahl­reiche Bunker zer­stört, weil sich der Stahl unter dem Beton ver­werten ließ. Hofften viele Men­schen nach der Wende, dass über die Bunker schnell Gras wachsen würde, haben in den ver­gan­genen Jahren junge Men­schen die Unter­stände als Party-Location ent­deckt. Im Uni­ver­si­täts­viertel von Tirana laden Flyer zur Bunker-Party ein. Auch die ersten Bunker-Hostels, in denen vor allem Indi­vi­du­al­tou­risten während ihres Auf­ent­halts in Tirana sozia­lis­ti­schen Flair genießen können, haben mitt­ler­weile geöffnet. Ein Bunker, der im Zentrum von Tirana nach­gebaut wurde, soll dort neben einem Stück der Ber­liner Mauer die Befreiung vom Sozia­lismus sym­bo­li­sieren und bietet Foto­termine für Tou­risten. Schließlich war der Bunker ein weltweit bekanntes Symbol des Hoxha-Sozi­a­limus.

Ein Besuch im alba­ni­schen Natio­nal­museum kann tiefere Ein­blicke in diese Epoche liefern. In den großen Räumen des Gebäudes im Zentrum Tiranas wird nicht nur Kunst aus der Hoxha-Ära gezeigt. Auf Tafeln gibt es zu vielen Werken kurze Erklä­rungen in alba­ni­scher und eng­li­scher Sprache, die die Ein­ordnung der Arbeiten erleichtern sollen. In einer Halle finden sich Bilder, die wohl Enver Hoxha, seine Frau und hohe Par­tei­funk­tionäre im Umgang mit der Bevöl­kerung zeigen. Solche Herr­schafts­ma­lerei macht aller­dings nur einen kleinen Teil der prä­sen­tierten Werke aus. Daneben finden sich Bilder, deren Mal­weise als modern, sogar als avant­gar­dis­tisch bezeichnet werden kann. Auf­fallend häufig sind auf den Bildern Frauen in zen­tralen Funk­tionen im Betrieb, der Uni­ver­sität oder im For­schungs­labor zu sehen. Sie sind ent­weder den Männern gleich­ge­stellt oder haben sogar eine her­aus­ra­gende Position. In den Begleit­texten wird erläutert, dass die von der Kom­mu­nis­ti­schen Partei pro­pa­gierte Gleich­stellung der Frau sich auch in der Kunst aus­drücken sollte.

Eine besondere Rolle spielten Frauen auch in der alba­ni­schen »Kul­tur­re­vo­lution«, für die ab 1967 nach dem chi­ne­si­schen Vorbild gegen die »klein­bür­ger­liche Ideo­logie« mobi­li­siert wurde. Vor allem in länd­lichen Regionen enga­gierten sich Frauen, unter­stützt von der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, gegen den Ein­fluss von Religion und Kirche. Wie sich die »Kul­tur­re­vo­lution« auf die Kunst aus­wirkte, wird im Natio­nal­museum an der ­Geschichte ein­zelner Bilder erläutert. So wurden nach 1967 Kunst­werke, die nackte Frauen dar­stellten, aus den Museen und dem Stadtbild ver­bannt, weil sie nicht zum neuen Frau­enbild passten. In dieser Zeit wurde gezielt ver­sucht, die Kunst mit der Arbeitswelt in Kontakt zu bringen. So haben Arbei­ter­de­le­ga­tionen unter Anleitung der Partei Aus­stel­lungen besucht und es wurde über die prä­sen­tierten Werke dis­ku­tiert, oft in Anwe­senheit der Künstler. In der Aus­stellung sind mehrere Bilder zu sehen, die aus den Museen ent­fernt wurden, nachdem sie von den orga­ni­sierten Arbei­ter­de­le­ga­tionen kri­ti­siert worden waren, weil sie angeblich nicht das reale Leben dar­stellten. Künstler, deren Werke häu­figer Gegen­stand der Kritik waren, sollten in der Pro­duktion die Pro­bleme der arbei­tenden Bevöl­kerung besser ken­nen­lernen.

Im Hof des Natio­nal­mu­seums kann man noch eine unfrei­willige Kunst­aktion der beson­deren Art bestaunen: drei Statuen, fast voll­ständig von hellen Planen ver­deckt, nur ihre Füße sind zu erkennen. An den Umrissen kann man erkennen, dass es sich um die Denk­mäler von Lenin, Stalin und Enver Hoxha handelt, die bis 1990 an ver­schie­denen Stellen in Tirana auf­ge­stellt waren. Danach wurden sie abgebaut und sind seitdem im Hof der Natio­nal­ga­lerie zwi­schen­ge­lagert. Dort findet der Besucher auch unver­hüllte Sta­tuten aus der real­so­zia­lis­ti­schen Ära, die geschicht­liche Ereig­nisse wie den Kampf gegen die ita­lie­ni­schen Faschisten dar­stellen. Das Interesse an der Kunst im Sozia­lismus und am heu­tigen Umgang damit kann so groß nicht sein, zumindest ist die Zahl der Muse­ums­be­sucher gering.

Will man auf junge Men­schen in Tirana treffen, braucht man nur die am Natio­nal­museum angren­zenden Straßen ent­lang­zu­gehen. In Bloku, in unmit­tel­barer Nähe zur Innen­stadt von Tirana, wohnen viele Stu­denten. Überall in den vielen kleinen Cafés und Imbiss­stuben sitzen junge Leute mit ihren Smart­phones, wie in jeder anderen euro­päi­schen Groß­stadt. An vielen Häu­ser­wänden erinnern die langsam ver­blas­senden bunten Streifen an die Ära von Edi Rama, der als Bür­ger­meister von Tirana etwas Farbe in das graue Häu­sermeer brachte. Heute ist der Sozi­al­de­mokrat alba­ni­scher Minis­ter­prä­sident und strebt eine EU-Mit­glied­schaft für das Land an. Zumindest in Bloku scheint diese For­derung populär zu sein. An manchen Häu­ser­wänden sieht man die blauen Fahnen mit den EU-Sternen. Ein EU-Info­center nur wenige Straßen vom Haupt­ge­bäude der Uni­ver­sität ent­fernt wird vor allem von jungen Leuten besucht, die in einem EU-Land stu­dieren wollen. Ein Aus­lands­studium ist auch deshalb so beliebt, weil es für alba­nische Hoch­schul­ab­sol­venten viel schwie­riger als für andere ist, nach dem Stu­di­en­ab­schluss im Ausland Arbeit zu finden. Das nämlich ist der Traum vieler junger Albaner. Schließlich kann das pul­sie­rende Stadt­leben von Tirana nicht über den nied­rigen Lebens­standard großer Teile der Bevöl­kerung hin­weg­täu­schen.

Ver­lässt man das Uni­ver­si­täts­viertel und die Innen­stadt von Tirana, ändert sich das Stra­ßenbild schnell. EU-Fahnen findet man dort nicht, dafür enge Straßen, in denen Hand­werker an alten Maschinen sitzen. Pfer­de­fuhr­werke fahren über die Straßen und ein junger Mann sucht am Stra­ßenrand nach Gegen­ständen, die sich ver­werten lassen. An einer Stra­ßenecke haben Kinder einige Uten­silien aus­ge­packt, die sie ver­kaufen wollen. Auch einige alte Taschen­lampen und Bat­terien sind dar­unter. Nach Ein­bruch der Dun­kelheit bringen sich an vielen Stra­ßen­ecken Sex­ar­bei­te­rinnen in Position.

Viele Men­schen ver­suchen ihr Glück aber im euro­päi­schen Ausland. Auf Pla­katen, die an ver­schie­denen Stellen in den alba­ni­schen Städten zu sehen sind, werden Bus­reisen von Tirana nach Mailand oder in andere ita­lie­nische Städte ange­boten. Viele Albaner ver­suchen, mit Jobs in Italien sich und ihre Familien über die Runden zu bringen. Mitt­ler­weile arbeiten Hun­dert­tau­sende Albaner in allen Branchen in Italien. Im Putz­ge­werbe sind sie ebenso zu finden wie bei der Ernte­hilfe, in der Pflege oder auf dem Bau. Nur wenige Arbeits­mi­granten kommen in den Genuss gere­gelter Arbeits­ver­hält­nisse, die meisten sind auf einige Monate befristet. Andere arbeiten ohne gültige Papiere. Ihnen droht stets Abschiebung und ihr Rei­seweg ist immer noch aben­teu­erlich. Die Pas­sagen mit Schlauch­booten über das Meer aber gehören heute in Albanien der Ver­gan­genheit an. Noch vor zehn Jahren gab es von der alba­ni­schen Küste Bilder, wie wir sie heute von den nord­afri­ka­ni­schen Staaten kennen. Junge Albaner ver­suchten immer wieder, mit Schlauch­booten die ita­lie­nische Küste zu erreichen, dabei kamen viele Men­schen ums Leben. Die größte Tra­gödie ereignete sich am 9. Januar 2004, als min­destens 20 Jugend­liche auf dem Weg von Nord­al­banien nach Italien starben.

Neben Italien war Grie­chenland lange Jahre ein begehrtes Ziel für alba­nische Arbeits­mi­granten. Doch mit der Ver­schärfung der Schulden- und Wirt­schafts­krise gab es dort auch für viele aus­län­dische Arbeits­kräfte kein Aus­kommen mehr. Noch immer ver­suchen alba­nische Jobber am Hafen von Piräus und anderen Arbeits­stellen in Grie­chenland ihr Glück. Die Arbeits­be­din­gungen der alba­ni­schen Migranten sind auch im Ausland nicht ideal. Oft arbeiten sie zu wesentlich gerin­geren Löhne als die ein­hei­mische Bevöl­kerung. Der größte Teil des Lohnes geht nach Albanien und soll das Über­leben der Familien sichern. Mitt­ler­weile sind viele Albaner, die jah­relang im euro­päi­schen Ausland gear­beitet haben, wieder in ihr Her­kunftsland zurück­ge­kehrt. Besonders der Boom in der Bau­branche hat in den ver­gan­genen Jahren zahl­reiche Arbeits­plätze geschaffen, aber auch Men­schen aus ihren Woh­nungen ver­drängt.

Am Rande der Küs­ten­stadt Durres reißt ein Bagger mit Abriss­birne gerade mehrere Häuser ein. Das Gelände wird von Mit­ar­beitern der Abriss­firma und Poli­zisten bewacht, die jeden Zutritt ver­hindern. »Hier musste ein Wohnpark einem Hotel weichen«, erklären zwei junge Männer, die am Zaun stehen. Mehrere ehe­malige Bewohner, die gegen den Abriss pro­tes­tierten, seien vor wenigen Tagen von der Polizei fest­ge­nommen worden, berichten sie. Selbst das alba­nische Fern­sehen hatte in den Nach­richten über die Mie­ter­pro­teste berichtet.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​4​/​0​4​/​4​9​1​9​7​.html

Peter Nowak