Das Brexit-Bashing bei Linken und Liberalen geht weiter


Vor allem in Deutschland wird EU-Kritik als moderne Form des Vater­lands­verrats hin­ge­stellt

Wenn Linke oder Liberale auf­lis­teten, was ihnen im ver­gan­genen Jahr so besonders sauer auf­ge­stoßen ist, fehlte das Brexit-Votum selten. Die Ent­scheidung einer knappen Mehrheit der bri­ti­schen Bevöl­kerung, sich aus der EU zu ver­ab­schieden, ran­giert neben der Trump-Wahl und dem inter­na­tio­nalen Bedeu­tungs­zu­wachs von Erdogan und Putin als Indi­kator für einen welt­weiten Rechtsruck.

Nun ist nicht zu bestreiten, dass die Brexit-Kam­pagne mit großer Mehrheit mit natio­na­lis­ti­schen Argu­menten geführt wurde. Die Lexit-Kampagne[1] linker Gruppen und einiger klei­nerer Gewerk­schaften, die mit ganz anderen Argu­menten eben­falls für den Aus­tritt aus der EU warben, hatte es schon in Groß­bri­tannien schwer, wahr­ge­nommen zu werden.

Doch in Deutschland wurde sie vor und nach dem Brexit-Votum gezielt igno­riert.

Das zen­trale Argument der Lexit-Kam­pagne wurde nicht einmal dis­ku­tiert und kri­ti­siert, sondern einfach nicht beachtet. Es lautet: Die EU in ihrer aktu­ellen Form ist ein Desaster für Arbeiter‑, Gewerk­schafts- und Flücht­lings­rechte. Sie ist also gerade nicht die von vielen Linken und Libe­ralen so hoch­ge­lobte Alter­native zur natio­na­lis­ti­schen Brexit-Kam­pagne, sondern nur die andere Seite der Medaille.

Des­wegen hat das Lexit-Bündnis für einen Aus­tritt aus der EU geworben und kämpft jetzt darum, Mit­streiter dafür zu gewinnen, dass ein Groß­bri­tannien außerhalb der EU eben nicht die Flücht­lings­rechte weiter ein­schränkt. Auch Arbeiter- und Gewerk­schafts­rechte werden nicht am grünen Tisch, sondern in der kon­kreten Aus­ein­an­der­setzung ver­teidigt. Wenn man mit­be­kommen hat, wie in den letzten Monaten die Arbeits­kämpfe in Groß­bri­tannien in ver­schie­denen Bereichen zuge­kommen haben, könnte das auch schon ein kleiner Erfolg für die Lexit-Kam­pagne sein, obwohl viele der Strei­kenden sich selber gar nicht so posi­tio­nieren wollten.

Schon vor einigen Monaten sorgten Lon­doner Mit­ar­beiter von einm Lie­fer­service-Start-Up mit ihrem Arbeitskampf[2] für Aufmerksamkeit[3]. Vor Weih­nachten führten Streik­über­le­gungen von Beschäf­tigten der Post, Bahn und des Flug­ver­kehres bei den herr­schenden Torys zu Über­le­gungen, die Not­stands­ge­setze einzusetzen[4].

Das wäre doch für eine Linke, der angeblich so viel an Europa liegt, eigentlich eine Gele­genheit gewesen, diese trans­na­tionale Soli­da­rität mal umzu­setzen. Doch die Arbeits­kämpfe und die Dro­hungen der Regie­rungen dagegen, wurden kaum regis­triert. Dafür ist noch immer das Lamento über den Brexit groß. Da wird auch die Genera­tio­nen­ge­rech­tigkeit ins Spiel gebracht.

Ältere Wähler hatten jün­geren Men­schen um ihre Rechte als EU-Bürger gebracht, wird immer wieder behauptet. Um welche Rechte es genau geht, wird natürlich nie spe­zi­fi­ziert. Wenn es den Kri­tikern ernst wäre, müssten sie auf die deutsche Regierung Druck machen, dass die Briten auch nach einem Aus­tritt nicht sank­tio­niert werden. Dann würden die viel­zi­tierten jün­geren Briten auch nicht ihre EU-Rechte ver­lieren.

Aber die­selben Medien, die darüber klagen, setzen sich für harte EU-Aus­tritts­ver­hand­lungen ein und fordern, dass ein Exempel sta­tuiert werden müsse, damit das bri­tische Votum nicht etwa Nach­ahmer finden könnte. Da gäbe es vor allem in den Ländern der euro­päi­schen Peri­pherie sicher noch einige Kan­di­daten.


Es sind Länder wie Grie­chenland, Spanien, Italien, Por­tugal, wo durchaus nicht mehr so klar ist, wie ein Votum über die EU heute oder in einigen Monaten dort aus­gehen würde. Ja selbst in Grie­chenland, wo vor zwei Jahren noch viele Syriza gewählt hatten, weil sie hofften, der Aus­terität zu ent­kommen und trotzdem in der EU und sogar in der Eurozone bleiben zu können, ist die Ernüch­terung mitt­ler­weile groß.

Die Nie­derlage von Syriza gegen die von Deutschland domi­nierte EU und deren Aus­teri­täts­po­litik hat dazu geführt, dass die Ent­täu­schung auch in die Milieus ein­ge­drungen ist, die noch hofften, es könnte eine andere, einer sozialere EU geben. Doch der Block der »Deutsch-EU«, hier ver­körpert von Schäuble, hat die grie­chi­schen Poli­tiker vor die Alter­native gestellt, Unter­werfung oder ihr müsst die Eurozone ver­lassen. Seitdem werden die Rechte und Per­spek­tiven vor allem der jün­geren Generation weiter geschmälert, Gewerk­schafts- und Arbeits­rechte werden ent­gegen grie­chi­schem Recht weiter ein­ge­schränkt.

So wie in Grie­chenland pas­sierte und pas­siert es in Spanien und Por­tugal. Über einen län­geren Zeitraum gab der por­tu­gie­sische Autor Miguel Szy­manski mit seiner Kolumne[5] in der Taz einen Ein­blick in das Ausmaß von Ver­zweiflung und Ent­rechtung, das gerade junge Men­schen in diesen Ländern durch die Aus­teri­täts­po­litik von Deutsch-Europa zu ertragen haben.

Aber merk­wür­di­ger­weise wird über diese Rechte junger Men­schen, die ihnen durch die kon­krete Politik der EU genommen werden, bei denen nicht geredet, die jetzt darüber klagen, die Brexit-Ent­scheidung habe jungen Briten Rechte als EU-Bürger genommen. Und es scheint auch wenig wahr­scheinlich, dass die beein­dru­ckenden Schil­de­rungen der Folgen der Aus­teri­täts­po­litik, die Szy­manski in seinen Kolumnen dar­legte, bei manchen bedin­gungs­losen EU-Befür­wortern auch nur zum Nach­denken geführt haben könnte.

Denn inhaltlich widerlegt wurde Szy­manski nie, es gab keine Gegen­ar­gu­mente, wenn er Kolumne für Kolumne schil­derte, wie die Aus­teri­täts­po­litik seine Länder verarmt und vielen Men­schen nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Per­spek­tiven raubt. Doch mit seinen Texten wurde so umge­gangen wie mit den Argu­menten der Lexit-Befür­worter. Sie wurden »nicht einmal igno­riert«.

Statt­dessen geben öko­li­berale Vor­denker wie der Taz-Publizist mit guten Kon­takten ins grüne Milieu, Peter Unfried, die Parole aus, dass links nur sein könne, wer bedin­gungslos für EU und Nato ist. Konkret auf die inner­grüne Debatte bezogen hat Unfried die Frage auf die Per­so­nalien »Merkel versus Wagen­knecht« zuge­spitzt. Sollten die Grünen – wenn es dafür Mehr­heiten gäbe – also eher mit einer Merkel-Union oder mit SPD und einer Links­partei, in der Wagen­knecht eine wichtige Rolle spielt, koalieren?

Für Unfried ist die Antwort klar, Die Grünen werden mit Merkel gehen. Neben dem Credo, links kann nur für die EU und ihre Ver­tiefung sein, ist das Ver­hältnis zu Russland ein zweiter Knack­punkt. Dabei leben alte anti­rus­sische Kli­schees wieder auf, mit denen schon die Mehrheit der SPD mit Hurra in den ersten Welt­krieg gezogen ist. Dabei ging es damals nicht darum, das reak­tionäre zaris­tische Régime zu ver­tei­digen – wie auch die Ablehnung, sich aktuell in eine anti­rus­sische Mobi­li­sierung ein­zu­reihen, natürlich nicht bedeutet, irgend­welche Sym­pa­thien mit dem reak­tio­nären Putin-Régime zu haben.

Dabei sollte man nicht ver­schweigen, dass diese not­wendige Trenn­schärfe auch manche ver­meintlich Linke ver­missen lassen, die sich gegen die neue anti­rus­sische Front­stellung wenden. Und dass heute fast alle rechts von Merkel, bis auf einige Ver­trie­be­nen­funk­tio­nä­rinnen wie Erika Steinbach, Putin hul­digen, sollte noch einmal mehr ver­deut­lichen, dass eman­zi­pa­to­rische Politik und Putin-Hoch­ju­belei nicht zu ver­ein­baren sind. Das Ein­reihen in die anti­rus­sische Front, bei der heute die Grünen an vor­derster Linie stehen, aller­dings ebenso wenig.


Genau so ist es mit der Haltung einer eman­zi­pa­to­ri­schen zur real-exis­tie­renden »Deutsch-EU«. Genau die sollte immer so benannt werden, wenn gerade deren Befür­worter von der EU oder von Europa reden und den Gegnern unter­stellen, sie wären ja gegen ein trans­na­tio­nales Bündnis und für die Wie­der­her­stellung von Natio­nal­staaten.

Nein, es geht gegen diese »Deutsch-EU«, wie sie hier und heute exis­tiert, vielen Men­schen Rechte und Chancen nimmt, und in Deutschland eine Schicht von Gewinnern und Nutz­nießern hat ent­stehen lassen, die natürlich genau diese Pri­vi­legien ver­tei­digen. Dazu gehört ein Großteil dr Grünen, aber auch ehe­malige Akti­visten und Funk­tionäre von zivil­ge­sell­schaft­lichen Orga­ni­sa­tionen, die von »Deutsch-Europa« koop­tiert wurden.

Für sie ist eine Infra­ge­stellung der »Deutsch-EU« gleich­be­deutend mit dem, was für die Deutsch­na­tio­nalen jeg­licher Couleur der Lan­des­verrat war. Und tat­sächlich sind die Par­al­lelen frap­pierend. In der aktu­ellen EU sind die deut­schen Inter­essen so dominant, dass eine Infra­ge­stellung der EU in ihrer heu­tigen Form auch eine Infra­ge­stellung Deutsch­lands ist. Daher auch die Vehemenz und die Härte, mit der diese Aus­ein­an­der­setzung geführt wird, die sich nach dem Brexit noch ver­schärft hat.

Denn nicht das rechte Nein ist es, was dabei stört, sondern die Tat­sache, dass Men­schen ent­scheiden, dieses »Deutsch-Europa« wollen wir nicht mehr, es hat für uns mehr­heitlich seine Mythos ver­loren. Schon 2013 titelte der Spanien-Kor­re­spondent der Taz, Reiner Wandler, »Europa ist am Ende«[6] und hat eigentlich »Deutsch-Europa« gemeint. Ansonsten liefert er genug Argu­mente für die Antwort auf Frage, ob es links ist, für oder gegen diese EU zu sein.

War einst von Soli­da­rität die Rede, um das Projekt Europa zu ver­kaufen, ist jetzt klar, dass die­je­nigen Recht hatten, die die Union als ein Projekt der Märkte gei­ßelten. In guten Zeiten fielen Bro­samen für den Süden ab, in schlechten Zeiten zeigt sich klar, wem Europa nützt. Der deut­schen Wirt­schaft und den deut­schen Banken. Sie ver­dienten und spe­ku­lierten in den heu­tigen Kri­sen­ländern fleißig mit. Während ihre Kunden, die Banken und Spar­kassen in Süd­europa bankrott gehen, hat die Aus­teri­täts­po­litik »Made in Germany« die Geld­geber aus Deutschland und Frank­reich aus der Schuss­linie genommen.

Reiner Wandler[7]

Nein, diese Deutsch-EU muss nach dem Brexit hof­fentlich noch einige weitere Nie­der­lagen ein­stecken, damit sich ein trans­na­tio­nales euro­päi­sches Projekt ent­wi­ckeln kann, das bestimmt nicht von Brüssel und Berlin vor­ge­geben wird. Wann und wie es sich ent­wi­ckelt, hängt von der Bereit­schaft ab, wie wir uns mit den Kämpfen von Men­schen und Bewe­gungen soli­da­ri­sieren.

Die Unter­stützung der kleinen bri­ti­schen Lexit-Kam­pagne bei ihren Bemü­hungen, nicht den Rechten und Natio­na­listen in einem Groß­bri­tannien ohne EU das Feld zu über­lassen, könnte ein Anfang ein. Wenn in Groß­bri­tannien oder wo auch immer Strei­kenden mit Not­stands­ge­setzten gedroht wird, und es folgt eine soli­da­rische Antwort, wäre das auch ein Bau­stein für ein solches Europa der Basis, das sich gerade deshalb zu ver­tei­digen lohnt, weil es kein »Deutsch-Europa« ist sondern eine Kon­se­quenz von dessen Scheitern.

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Peter Nowak


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Die Linke war in der Brexit-Debatte nicht präsent

Fast 3 Mil­lionen wollen nach­träglich die Schwelle für eine Aner­kennung des Brexit in einer Petition höher­legen

Lange Zeit hatten die EU-Befür­worter das Ver­bleiben Groß­bri­tan­niens in diesem Bündnis auch damit ange­priesen, dass dort ja zumindest einige bür­ger­liche Rechte gewähr­leistet seien. Das Refe­rendum mache doch deutlich, dass dort die Bevöl­kerung auch mal gefragt wird.

Nun ist es tat­sächlich keine Errun­gen­schaft der so oft als Hort der Demo­kratie besun­genen EU, dass das Refe­rendum zustande kam. Die Gründe liegen in den Frak­ti­ons­kämpfen innerhalb der Tories und der Taktik von David Cameron. Doch kaum ist das Refe­rendum nicht so aus­ge­gangen, wie es die Freunde der EU wollten, zeigt sich, wie ernst es manche von ihnen mit der Demo­kratie wirklich meinen. In einer von fast 3 Mil­lionen unter­zeich­neten Online-Peti­tionen[1] wird gefordert, dass das Refe­rendum nur gültig sein soll, wenn 60 Prozent der Wähler bei einer Wahl­be­tei­ligung von über 70 Prozent für den Brexit gestimmt haben. Sonst müsse das Refe­rendum wie­derholt werden.

Solche Modi­fi­zie­rungen sind grund­sätzlich legitim. Doch Brexit-Befür­worter und ‑gegner haben sich auf ein Refe­rendum zu den Regeln geeinigt, wie sie nun galten. Und nach diesen Regeln haben die EU-Gegner gewonnen. Wer nach­träglich die Ergeb­nisse ändern will, weil die Ergeb­nisse nicht passen, hat höchstens ein tak­ti­sches Ver­hältnis zu bür­ger­lichen Grund­rechten.

Es ist nicht wahr­scheinlich, dass sich die­je­nigen, die unmit­telbar eine neue Abstimmung wollen, durch­setzen werden. Schon allein deshalb, weil es unwahr­scheinlich ist, dass sich mit solch plumpen Tricks eine Mehrheit für die EU orga­ni­sieren lässt. Viel wahr­schein­licher ist, dass die Brexit-Befür­worter einen noch grö­ßeren Erfolg hätten. Und was dann?

Dann lieber über­haupt kein Refe­rendum. Das ist die Linie der Euro­kraten in sämt­lichen Ländern und Par­teien Sie werfen Cameron vor, aus macht­tak­ti­schen Gründen ein Refe­rendum in die Wege geleitet und damit den Brexit in Kauf genommen zu haben. Solche Vor­würfe las man auch in vielen Kom­men­taren von Tages­zei­tungen, die sich nicht genug echauf­fieren können, über Wahl­be­hin­de­rungen in Vene­zuela und ähn­liche Staaten, die gemeinhin als nicht-kapi­ta­lis­tisch gelten, was mit Recht bestritten werden kann. Dass in diesem Ländern gerade die Sub­al­ternen in den letzten Jahren mehr Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten haben als vorher, ist aber ziemlich klar. Trotzdem wird hier­zu­lande immer die Meinung ver­breitet, es handele sich um unde­mo­kra­tische Régime.

Refe­rendum einfach igno­rieren, weil es nicht ins Kalkül der Lon­doner City passt

Wenn der bri­tische Abge­ord­netel David Lammay vor­schlägt[2], die Ergeb­nisse des Refe­rendums einfach zu igno­rieren, weil es nicht im Sinne der Lon­doner City ist, dann könnte man eigentlich denken, die Labour-Partei, die ja den inner­par­tei­ischen Rän­ke­spielen der Tories fern steht, würde solche Gele­gen­heits­de­mo­kraten wie Lammay in die Schranken weisen. Doch der ist sogar Mit­glied der Partei.

Was ist von einer Partei zu erwarten, die immer noch einen Tony Blair in ihren Reihen hat, der mit einer Lüge das Land in den Irak­krieg zog und deren rechter Sumpf nach der Brexit-Abstimmung auf einen Rück­tritt des Labour-Vor­sit­zenden Corbyn drängt[3], weil der angeblich nicht vehement genug für die EU getrommelt hat?

Corbyn war nie der Kan­didat der spä­testens seit Blair auf Tory-Kurs gebrachten Labour-Partei. Sein Erfolg war das Ergebnis einer Gras­wur­zel­be­wegung, der den Par­tei­bü­ro­kraten schon immer suspekt war. Wenn nun von den Labour-Rechten Corbyn zum Rück­tritt gedrängt werden soll, machen sie nur deutlich, wie wenig sie sich um Demo­kratie scheren, in der Partei genauso wenig wie in Europa.

Dabei war es Corbyns Fehler, auf Druck der Partei über­haupt auf einen Pro-EU-Kurs ein­ge­schwenkt zu sein. Wäre er seinen jah­re­langen EU-kri­ti­schen Über­zeu­gungen treu geblieben, wäre er zu einer Linie zurück­ge­kehrt, die die Labour-Partei in den 1960er und 1970er Jahren ver­treten hat. Die Unter­haus­wahlen 1973/74 gewann sie mit dem Ver­sprechen, die Bedin­gungen zum EU-Bei­tritt, den die Tories schon aus­ge­handelt hatten, zur Dis­po­sition und das Ergebnis dann in einen Refe­rendum zur Abstimmung zu stellen. Dazu ist es dann nie gekommen. Doch es gab immer eine EU-kri­tische Strömung bei der Labour-Partei und den bri­ti­schen Gewerk­schaften.

Warum keine Mobi­li­sierung zum Lexit?

Nur im Bündnis mit den Tories konnte die Labour-Partei EU-Beschlüsse durch­setzen. Bei den Tories wurde aus natio­na­lis­ti­schen und auch xeno­phoben Gründen die Oppo­sition gegen die EU stärker und erzwang das Refe­rendum. Bei der Labour-Partei aber wurde die eigene Tra­dition nicht auf­ge­griffen, eine Kam­pagne für einen Lexit, einen EU-Aus­tritt aus linken und eman­zi­pa­to­ri­schen Gründen, zu orga­ni­sieren. Dann hätte der Ras­sismus der Mehrheit der Brexit-Kam­pagne natürlich kri­ti­siert werden müssen. Aber es hätte immer daran erinnert werden müssen, dass heute die Migranten im Mit­telmeer ertrinken, weil eine EU-Richt­linie ihnen einen sicheren Transit ver­bietet.

Eine Lexit-Kam­pagne hätte auch die wirt­schafts­li­berale Politik der Mehrheit der Brexit-Befür­worter in den Fokus ihrer Kritik rücken und gleich­zeitig deutlich machen müssen, dass die EU selber ein wirt­schafts­li­be­rales Projekt ist. Tat­sächlich haben kleinere linke Gruppen und Gewerk­schaften[4], die sich für einen Lexit stark gemacht, daran erinnern, wie die Aus­teri­täts­po­litik der EU in Grie­chenland Demo­kratie, Ergeb­nisse von Wahlen, sowie Arbeiter- und Tarif­rechte zer­störten.

In einer Erklärung[5] der linken Aus­tritts­be­für­worter zum Ausgang des Refe­rendums wird darauf ver­wiesen, dass es sich auch um Stimmen gegen die Politik der Aus­terität han­delte. Die linken Brexit-Befür­worter hatten es auch deshalb bei der aktu­ellen Debatte schwer, weil sie oft aus tak­ti­schen Gründen doch für einen Ver­bleib in der EU stimmten.

Ein gutes Bei­spiel ist der Guardian-Kolumnist Paul Mason[6], dessen Buch »Post­ka­pi­ta­lismus – Grund­risse einer kom­menden Öko­nomie« gerade auf Deutsch erschienen ist und der im Guardian schrieb[7], dass es viele gute Gründe gäbe, bei dem Refe­rendum gegen die EU zu stimmen. Doch da man keine gemeinsame Sache mit rechten Tories und Rechts­po­pu­listen machen wolle, sei jetzt nicht der Zeit­punkt für einen Aus­tritt gekommen.

Doch wann wäre die richtige Zeit für einen Lexit? Und führt Masons Argu­men­tation nicht gerade dazu, dass sich gerade in der EU-Frage als einzige Oppo­sition gerieren kann, während sich die Linke ent­weder gar nicht zur EU äußert oder sogar aus unter­schied­lichen Gründen für die EU votiert? Ist es dann nicht ver­wun­derlich, dass eine solche Linke als Teil der EU-Nomen­klatura wahr­ge­nommen und so igno­riert wird? Ein wei­terer Wider­spruch in Masons Argu­men­tation besteht darin, dass er die guten Gründe gegen die EU benennt und dann wegen der Rechten emp­fiehlt, trotzdem für diese EU zu votieren. Dass ist die Fort­setzung der Politik des angeblich klei­neres Übels, dass der Linken schon immer geschadet hat.

Die Linke kommt in der Post-Brexit-Debatte nicht vor

Nach dem Ausgang des Refe­rendums zeigt sich, wie fatal eine solche Ori­en­tierung für die Linke ist. Sie kommt in der Post-Brexit-Debatte nicht vor. Dafür sehen sich die Rechten jeg­licher Couleur von FPÖ über Front National bis zur AfD bestätigt[8]. Sie müssen gar nicht selber zum EU-Aus­tritt auf­rufen. Es reicht schon, dass sie wie ver­schiedene AfD-Poli­tiker erklären, auch sie würden die Bevöl­kerung über die EU befragen.

Gele­gen­heits­de­mo­kraten wie Lammay, die jetzt dazu auf­rufen, das Ergebnis des Refe­rendums zu igno­rieren, kommen solchen Kreisen gerade recht, um sich zur Ver­tei­digung der Mehrheit der Abstim­menden auf­zu­schwingen. Die Linke in ihren unter­schied­lichen Aus­for­mungen kommt in diesen Debatten nicht vor. Spä­testens nach der put­schis­ti­schen Durch­setzung der Aus­teri­täts­po­litik gegen Grie­chenland hätte die Debatte über ein Ver­lassen der EU beginnen müssen. Dabei müsste deutlich werden, dass es dabei nicht um ein Zurück zu den alten Natio­nal­staaten geht, sondern um eine euro­päische Koope­ration der Bevöl­kerung. Die EU-Büro­kratie ist dabei nicht för­derlich, sondern ein Hin­de­rungs­grund.

Der Ausgang des Refe­rendums in Groß­bri­tannien könnte die letzte Chance sein, eine eigene Position zu beziehen und sich für eine euro­päische Koope­ration stark zu machen, die sich nicht auf Natio­nal­staaten und die Brüs­seler Behörden bezieht. Zieht es diese Linke hin­gegen vor, wei­terhin als linkes Fei­gen­blatt im EU-Zirkus zu fun­gieren, könnte das ihren Bedeu­tungs­verlust noch ver­stärken, während sich die Rechten aller Couleur als wahre Oppo­sition gerieren. Denn eins ist klar, und das ist auch der Grund für die Ner­vo­sität der Aus­tritts­gegner, die Aus­tritts­be­für­worter werden in allen euro­päi­schen Ländern stärker. In Italien könnte nach den nächsten Wahlen mit der Fünf-Sterne-Bewegung eine Partei die Regierung über­nehmen, die die Mit­glied­schaft Ita­liens in der EU infrage stellt.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​8​/​4​8​6​4​8​/​2​.html

Peter Nowak 26.06.2016

Anhang

Links

[1]

https://​petition​.par​li​ament​.uk/​p​e​t​i​t​i​o​n​s​/​1​31215

[2]

http://​www​.inde​pendent​.co​.uk/​n​e​w​s​/​u​k​/​h​o​m​e​-​n​e​w​s​/​b​r​e​x​i​t​-​r​e​s​u​l​t​-​l​a​t​e​s​t​-​d​a​v​i​d​-​l​a​m​m​y​-​m​p​-​e​u​-​r​e​f​e​r​e​n​d​u​m​-​r​e​s​u​l​t​-​p​a​r​l​i​a​m​e​n​t​-​t​w​i​t​t​e​r​-​s​t​a​t​e​m​e​n​t​-​s​t​o​p​-​t​h​i​s​-​a​7​1​0​2​9​3​1​.html

[3]

http://​www​.tele​graph​.co​.uk/​n​e​w​s​/​2​0​1​6​/​0​6​/​2​5​/​j​e​r​e​m​y​-​c​o​r​b​y​n​-​i​-​w​i​l​l​-​f​i​g​h​t​-​f​o​r​-​l​a​b​o​u​r​-​l​e​a​d​e​r​ship/

[4]

http://​www​.left​leave​.org/

[5]

http://​www​.left​leave​.org/​l​e​x​i​t​-​s​t​a​t​e​m​e​n​t​-​o​n​-​t​h​e​-​v​o​t​e​-​t​o​-​l​e​a​v​e​-​t​h​e​-​e​u​r​o​p​e​a​n​-​u​nion/

[6]

http://​www​.imdb​.com/​n​a​m​e​/​n​m​2​2​5​8480/

[7]

https://​www​.the​guardian​.com/​c​o​m​m​e​n​t​i​s​f​r​e​e​/​2​0​1​6​/​m​a​y​/​1​6​/​b​r​e​x​i​t​-​e​u​-​r​e​f​e​r​e​n​d​u​m​-​b​o​r​i​s​-​j​o​h​n​s​o​n​-​g​r​e​e​c​e​-tory

[8]

http://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​f​n​-​a​f​d​-​f​p​o​e​-​u​n​d​-​c​o​-​r​e​c​h​t​s​p​o​p​u​l​i​s​t​e​n​-​f​e​i​e​r​n​-​b​r​e​x​i​t​-​v​o​t​u​m​/​1​3​7​8​2​9​4​4​.html

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Lesetip:

Für ein linkes Nein beim Referendum

Linker Brexit Am 23. Juni soll in Groß­bri­tannien über einen Aus­tritt aus der EU abge­stimt werden. Linke sollten die Gele­genheit für ein Nein zu EU und Nationalist_​innen nutzen.

https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​p​e​t​e​r​-​n​o​w​a​k​/​f​u​e​r​-​e​i​n​-​l​i​n​k​e​s​-​n​e​i​n​-​b​e​i​m​-​r​e​f​e​r​endum