Rechte freut Deutschlands WM-Aus

Das sollte aber kein Argument für einen Schland-Patrio­tismus sein

Das WM-Debakel Deutsch­lands wird von rechten Poli­tikern, Medien und Netz­werken für eine Kam­pagne gegen ein angeblich buntes, mul­ti­kul­tu­relles Team genutzt. »Unsere Natio­nal­mann­schaft nahm ja ohnehin nicht teil«, twit­terte der AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Uwe Schulz.

Ein­ge­schossen haben sich zahl­reiche rechte Poli­tiker auf die deutsch-tür­ki­schen Natio­nal­spieler Mesut Özil und Ilkay Gün­dogan. Sie standen nicht nur bei Rechten wegen ihres Fotos mit dem auto­kra­ti­schen tür­ki­schen Prä­si­denten Erdogan im Vorfeld der WM in der Kritik[1]. Der AfD-Pres­se­sprecher Christian Lüth unter­stellte den beiden Kickern sogar, mit Absicht ver­loren zu haben. »Özil kann zufrieden sein, Glück­wunsch Erdogan«, kom­men­tierte Lüth das WM-Debakel für die deutsche Mann­schaft.

Der AfD-Rechts­außen Jens Meier twit­terte »Ohne Özil hätten wir gewonnen«[2]. Zudem teilte er ein Foto des Fuß­ball­spielers mit der Über­schrift »Zufrieden, mein Prä­sident«. »Die Mann­schaft reprä­sen­tiert das kaputte Deutschland von Angela Merkel«, ätzte[3] Norbert Klein­wächter, der in einem Video akri­bisch die Stamm­bäume des Fuß­ball­teams aus­breitet. »Wie Mul­ti­kulti soll unser Land eigentlich sein?«, fragt der AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ordnete am Ende rhe­to­risch.

Autoren der rechts­po­pu­lis­ti­schen Plattform PI-News[4] schießen sich auch auf den Bun­des­trainer ein. »Löw weg, Merkel – ein schöner Tag für Deutschland« titelte der ehe­malige BILD-Chef­re­dakteur und PI-Autor Peter Bartels. »Das Ver­sagen war kol­lektiv, und trotzdem liegt der Grund darin, dass gerade kein natio­nales Kol­lektiv mehr zu sehen war«, pole­mi­sierte der Ex-Linke Jürgen Elsässer im von ihm her­aus­ge­ge­benen Compact-Magazin und ergeht sich in natio­na­lis­ti­schen Bestrafungsphantasien[5]. »Der Rück­tritt von Löw, ein Rauswurf von Özil und Gün­dogan reichen nicht mehr. Strafe muss sein: Die zwei Türken sollen ab nach Ana­tolien, ihr badi­scher Pate darf in Sibirien Steine klopfen.«

Das kann die offen neo­na­zis­tische NPD nicht toppen. Sie hat sich zum WM-Debakel noch nicht zu Wort gemeldet. 2006 hatte sie noch mit einen urdeut­schen WM-Planer für Empörung[6] gesorgt. Auch die Justiz ermittelte[7] gegen rechte Hetze gegen Fuß­ball­spieler, die den Rechten nicht ins nor­dische Weltbild passten

Schland – oder wie Links­li­berale zu Fuß­ball­pa­trioten wurden

Spä­testens seit 2006 wurde erstmals regis­triert, dass ein Teil der Rechten mit den vielen Deutsch­land­fahnen, die anlässlich der WM gezeigt wurden, nicht recht zufrieden sind. Denn es waren auch Men­schen, die nicht ins rechte Weltbild passten, die die Deutsch­land­fahne schwangen. Das war für einen großen Teil der Rechten Grund genug, gegen die schwarz­rot­gelbe Mul­ti­kul­ti­re­publik zu ätzen. Die Parole »Du bist nicht Deutschland«, richtete sich besonders gegen Bürger, die ihren deut­schen Pass nicht schon seit Genera­tionen haben.

Umge­kehrt haben Links­li­berale und Teile der Linken nun ihre Liebe zum schwarz­rot­gol­denen Fuß­ball­pa­trio­tismus ent­deckt. Aus Deutschland wurde Schland und so wollte man sich die Feier und die Fahnen nicht mehr ver­miesen lassen. Als vor einigen Tagen die deutsche Mann­schaft ganz knapp gegen Schweden gewonnen hatte, beschwor[8] der Taz-Chef­kom­men­tator Jens Fed­dersen erneut den Geist von Schland:

Jedes Spiel, das das DFB-Team gewinnt, ist wie ein Maulkorb für jene, die sich über das Scheitern Özils und Boa­tengs freuen. Gemeint ist die AfD.

Jens Fed­dersen
Gerade zu pathe­tisch wurde es, als er schrieb:

»Wer ein linkes, wer ein mul­ti­kul­tu­relles Herz hat, will, dass die DFB-Männer weiter gewinnen. Wer nur einen Sinn hegt für eine Mann­schaft, die von nie­mandem so verehrt wird wie gerade von den Kindern der Einwanderer*innen nach Deutschland, von keinem wie von den Kindern der Geflüch­teten, unter­stützt dieses Team. Weil die Völ­ki­schen und Tra­di­tio­na­listen Bun­des­trainer Löw und seine Auswahl nicht mögen. Weil sie ihnen den Erfolg neiden – und weil ihre cha­rak­terlose Miss­gunst nicht anders kann.

Jens Fed­dersen

Wer nun die rechte Freude am WM-Debakel einer Mann­schaft, die für AfD und Co. nicht deutsch genug war, erlebt, muss ein­räumen, dass Fed­dersen auf einer real­po­li­ti­schen Ebene nicht unrecht hat. Es stimmt auch, dass nach dem WM-Aus gerade im besonders trans­na­tio­nalen Ber­liner Stadt­teilen wie Kreuzberg und Neu­kölln gedrückte Stimmung herrschte. Doch diese Fir­mierung eines neuen natio­nalen Pro­jekts Deutschland unter Ein­schluss von Neu­bürgern funk­tio­niert in trans­na­tio­nalen Stadt­teilen, aber wohl nicht beim WM-Team.

Das Foto von Özil und Gün­dogan mit Erdogan sowie die Erklärung, dass er nicht Deutsch­lands Hymne mit­singt, sind für Ver­fechter des moder­ni­sierten deut­schen Patrio­tismus tat­sächlich ein Debakel, über das sie bisher wenig reden. Denn dieses Modell basiert ja auf der Annahme, dass die Neu­bürger als stolze Deutsche die Hymne besonders ergriffen singen und die Fahne besonders vehement wedeln. Es ist klar, dass diese Schwach­stellen des moder­ni­sierten deut­schen Patrio­tismus von den klas­si­schen Ver­fechtern des Deutsch­na­tio­na­lismus wie AfD und Co. nun für ihre Angriffe genutzt wird.

Eine Alter­native zu Schland

Gene­relle Kri­tiker von Staat und Nation tun gut daran, zu beiden Vari­anten des Natio­na­lismus auf Distanz zu gehen. Schließlich ist auch der post­mo­derne Par­typa­trio­tismus eine Variante des Natio­na­lismus. Die Schland-Bun­deswehr stellt die alten deut­schen Tra­di­tionen nicht mehr so stark in den Mit­tel­punkt. Manche NS-Täter sind nicht für eine Tra­di­ti­ons­pflege geeignet, andere werden nur etwas in den Hin­ter­grund gerückt. Man ist auch offen für Frauen und die Haut­farbe soll bei der bunten Truppe theo­re­tisch auch kein Aus­schluss­kri­terium mehr sein.

Für AfD-Rechts­außen Höcke und Co. ist diese Bun­deswehr nicht mehr ihre Armee. Das ist das Pendant zur WM-Mann­schaft. Wem die zu bunt und mul­ti­kul­turell ist, wird sich wohl auch gegen die moderne Bun­deswehr wenden. Doch ist das ein Grund, dass kri­tische Men­schen nun die Bun­deswehr ver­tei­digen und mit dem Fußball-Team aus Deutschland feiern müssen? Wohl kaum. Dafür gibt es viele Gründe. Die Sozio­login Dagmar Schediwy hat in ihre Studie »Ganz ent­spannt in Schwarz-Rot-Gold«[9] eine sehr kri­tische Per­spektive auf den post­mo­dernen Par­typa­trio­tismus eingenommen[10].

Die meisten, die ich unter anderem auf den Fan­meilen befragt habe, haben während der WM 2006 ein natio­nales Coming-out erlebt. Vorher war die offene Zur­schau­stellung von Natio­nal­gefühl stärker tabui­siert. Erst als dieses Ver­halten in den Medien als Nor­ma­li­sierung des Ver­hält­nisses zur eigenen Nation begrüßt wurde, haben sich die Leute mas­senhaft getraut, Deutsch­land­flaggen zu schwenken. Das wurde von vielen als Befreiung emp­funden. Besonders stark war das bei jün­geren Inter­view­part­ne­rInnen aus­ge­prägt. Sie lehnten auch mit Vehemenz eine Fest­schreibung des Deutsch­land­bildes auf den Natio­nal­so­zia­lismus ab. Der 2006 auf­flam­mende Fuß­ball­pa­trio­tismus trug Züge einer Revolte gegen ein Geschichts­ver­ständnis, das sich auf den Holo­caust fokus­siert.

Dagmar Schediwy

Die Sozio­login sieht die Zunahme des Par­ty­na­tio­na­lismus auch im Zusam­menhang mit der Zunahme pre­kärer Arbeits- und Lebens­ver­hält­nisse vieler Men­schen (Fuß­ball­pa­trio­tismus in Krisenzeiten[11]). Es ist ein Ventil für die all­täg­lichen Zumu­tungen im Job oder an der Schule.

Um Gründe gegen den moder­ni­sierten deut­schen Natio­na­lismus zu finden, braucht man nur die Gratis-Bild­zeitung durch­blättern, die Anfang Juli mil­lio­nenfach ver­teilt wurde. Auf der letzten Seite findet sich ein Foto des WM-Teams, das die Rechten aller Couleur so auf­geregt hat, weil es nicht mehr an den deut­schen Mief erinnert, der noch bis in die 1970er Jahre dort geherrscht hat.

Doch in der Bild-Ausgabe gibt Ex-Bun­des­prä­sident Gauck für die Neu­bürger die Grenzen und Regeln vor, die der neue deutsche Natio­na­lismus zieht. Ein deut­scher Bergmann und viel deut­scher Adel stehen für alte deutsche Werte. Hier wird auch deutlich, wie eng begrenzt die so viel­be­schworene Moder­nität des angeblich neuen deut­schen Patrio­tismus doch ist.

Es geht um die Fes­tigung natio­naler Iden­ti­fi­kation

Der kon­ser­vative pol­nische Poli­tiker Marek Migalski[12] sagte[13] recht unver­blümt, dass der Fuß­ball­na­tio­na­lismus im Sinne der Herr­schaft gut ist:

Wenn wir die Spiele der WM anschauen, machen wir uns nicht klar, wie sehr wir dabei poli­tisch mani­pu­liert werden. Nicht nur in dem banalen Sinn, dass alle mög­lichen Poli­tiker bei Gele­genheit der Spiele ins Fern­sehen kommen wollen. Die wirk­liche Mani­pu­lation liegt eine Ebene tiefer: Sie betrifft die Her­aus­bildung patrio­ti­scher Ein­stel­lungen. Denn der Sport, ins­be­sondere der Fußball, dient dazu, aus Zuschauern Polen, Deutsche oder Sene­ga­lesen zu machen, indem er ihnen den Gedanken der Liebe zu ihren Hei­mat­ländern nahe­bringt. (…) Die Kom­men­ta­toren bedienen sich nolens volens der Sprache des Krieges: »Türkei macht Ägypten fertig«, »Fran­zosen besiegen England«, »Polen zwingt Russland in die Knie«. (…) Diese Sprache festigt nationale Iden­ti­fi­ka­tionen und schweißt die ein­zelnen Nationen zusammen.

Ein natür­liches Phä­nomen ist das nicht; man wird schließlich nicht als Pole oder Tscheche geboren. Daher benutzen Staaten und Natio­na­listen alle denk­baren Werk­zeuge wie Erziehung, Medien, Mili­tär­dienst, Museen usw., um patrio­tische Gefühle in die Köpfe der Wähler hin­ein­zu­drücken. Die WM ist eine fan­tas­tische Mög­lichkeit, das­selbe auch mit den Mitteln des Sports zu tun.

Marek Migalski
Was der Poli­tiker hier durchaus in zustim­mender Absicht sagt, trifft auch auf den Par­ty­na­tio­na­lismus zu. Daher sollte nicht nur die rechte Kam­pagne, sondern auch der Schland-Patrio­tismus wei­terhin Gegen­stand von Kritik sein. Nur weil die Rechte sich auf die WM-Mann­schaft und die Bun­deswehr ein­schießt, heißt das noch lange nicht, dass sie von links ver­teidigt werden muss.

Peter Nowak
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[2] https://​twitter​.com/​J​e​n​s​M​a​i​e​r​A​f​D​/​s​t​a​t​u​s​/​1​0​1​2​0​1​4​9​3​4​7​7​3​7​80480
[3] https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​V​q​U​a​4​o​2ys34
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[6] http://​www​.spiegel​.de/​s​p​o​r​t​/​f​u​s​s​b​a​l​l​/​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​n​p​d​-​h​e​t​z​t​-​g​e​g​e​n​-​n​a​t​i​o​n​a​l​s​p​i​e​l​e​r​-​a​-​4​0​9​3​1​6​.html
[7] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​s​p​o​r​t​/​f​u​s​s​b​a​l​l​/​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​a​s​a​m​o​a​h​-​v​o​n​-​n​e​o​n​a​z​i​s​-​b​e​l​e​i​d​i​g​t​-​1​3​0​3​7​4​2​.html
[8] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​1​2428/
[9] http://www.lit-verlag.de/isbn/3–643-11635–2
[10] http://​www​.taz​.de/​!​5​0​9​2293/
[11] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​F​u​s​s​b​a​l​l​p​a​t​r​i​o​t​i​s​m​u​s​-​i​n​-​K​r​i​s​e​n​z​e​i​t​e​n​-​1​9​9​4​5​1​0​.html
[12] http://​www​.migalski​.eu/
[13] https://​www​.jun​gewelt​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​3​3​4​9​8​6​.​k​e​i​n​-​u​n​s​c​h​u​l​d​i​g​e​s​-​s​p​i​e​l​.html

Fahnenschwenken als Krisenbewältigung

Studie ver­bindet Fuß­ball­pa­trio­tismus mit pre­kären Arbeits­ver­hält­nissen
Je bedrohter die eigene soziale Situation, desto stärker ist die Iden­ti­fi­kation mit Fußball-Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die Ber­liner Sozi­al­psy­cho­login Dagmar Schediwy in ihrer Studie zum wieder erstarkten Patrio­tismus rund um den deut­schen Fußball.

Wenn heute Abend die deutsche Elf in Charkow gegen die Nie­der­lande spielt, werden Deutsch­lands Straßen wieder in Schwarz-Rot-Gold getaucht sein. Anders als bei den ver­gan­genen großen Fußball-Events ist die Beflaggung aber heute in den Medien kein großes Thema mehr.

Da ist es besonders bemer­kenswert, dass die Ber­liner Sozi­al­psy­cho­login Dagmar Schediwy kürzlich im Lit-Verlag den deut­schen Fuß­ball­pa­trio­tismus aus sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Per­spektive unter­sucht. Der Anlass war ein Schock, als die damalige Stu­dentin während der WM 2006 zwi­schen fei­ernde Fuß­ballfans geriet und mit Erschrecken die natio­nalen Symbole ent­deckte. „Ich konnte mich noch an die WM 1974 erinnern, als es diese Flaggen nicht gab und wollte die Gründe für die Ver­än­derung unter­suchen“, erklärte die Autorin gegenüber nd ihre Motive für das Thema, obwohl sie sich nicht als Fuß­ball­be­geis­terte ver­steht.
Schediwy hat Inter­views auf Fan­meilen in ver­schie­denen deut­schen Städten bei den Welt­meis­ter­schaften 2006 und 2010 sowie den Euro­pa­meis­ter­schaften 2008 durch­ge­führt.
Sie hat bei der Fußball-WM 2006 ins­gesamt 113 Person, bei der EM 2008 78 und bei der Fußball-WM 2010 55 Per­sonen befragt. Ein­ziges Kri­terium für die Auswahl der Inter­view­partner, waren schwarz-goldene Fahnen, Wimpel, Schals oder andere Acces­soires.

Wis­sen­schaft­liche Pio­nier­arbeit leistete Schediwy mit ihren Link zwi­schen dem Anwachsen des Fuß­ball­na­tio­na­lismus seit 2006 und der zuneh­menden Ent­si­cherung der Lebens- und Arbeits­ver­hält­nisse vieler Men­schen, die mit der Ein­führung der Agenda 2010 einen Höhe­punkt erreichten. Dabei erinnert die Autorin daran, dass nicht nur Erwerbslose und Men­schen im Nied­rig­lohn­sektor, sondern auch viele Selbst­ständige diese Pre­ka­ri­sierung in ihrem Alltag immer mehr zu spüren bekommen. .
Fußball und Nation werden dann zur Zuflucht. Mit Rück­griff auf die Theorien der Frank­furter Schule schreibt Schediwy: „Die Abhän­gigkeit von öko­no­mi­schen Zwängen denen sich die Mehrheit der Arbei­tenden aus Gründen des wirt­schaft­lichen Über­lebens anpassen muss, lässt sie zum Aus­gleich für ihre gekränkte Selbst­achtung zum Opium des Kol­lek­tivstolzes greifen“. Schließlich habe die Nation in Kri­sen­zeiten den psy­cho­lo­gi­schen Vorteil, dass Zuge­hö­rigkeit nicht ver­loren gehen kann, so die Autorin. „Während eine Stelle gekündigt und ein Ver­mögen ver­schwinden kann, bleibt die Zuge­hö­rigkeit zur Nation für die bereits Zuge­hö­rigen bestehen“, so Schediwy
Wenn die befragten Fuß­ballfans ganz selbst­ver­ständlich erklären, wir werden Welt­meister, dann wird deutlich, wie die Mecha­nismen funk­tio­nieren. Mit dem „Wir“ ist dann nicht nur die Fußball-Elf sondern Deutschland. Daher beteuern die fah­nen­schwen­kenden Fans auch immer zu Deutschland zu stehen. Sche­diwys durch die Befra­gungen unter­füt­terten Thesen zum Zusam­menhang von Kri­sen­be­wusstsein und Fuß­ball­na­tio­na­lismus sollten auch nach der EM weiter dis­ku­tiert werden, denn der nächste Event zum Flagge zeigen kommt bestimmt.
https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​ikel/
229548.fahnenschwenken-als-krisenbewaeltigung.html
Peter Nowak

Dagmar Schediwy, Ganz ent­spannt in Schwarz-Rot-Gold?
Der Neue deutsche Fuß­ball­pa­trio­tismus aus sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Per­spektive, Lit-Verlag,
Bd. 1, 2012, 384 S., 34.90 EUR, br., ISBN 978−3−643−11635−2

Fußballpatriotismus in Krisenzeiten

Die Ber­liner Sozi­al­psy­cho­login Dagmar Schediwy erklärt das ver­stärkte Natio­nal­fah­nen­schwenken mit der Zunahme pre­kärer Arbeits- und Lebens­be­din­gungen

Seit Freitag ist Deutschland wieder Schland geworden. Schwarz­rot­golde Fähnchen sind mitt­ler­weile Alltag. Nachdem in den letzten Jahren viele Artikel ver­fasst wurden, die sich mit dem nun nicht mehr so neuen Fuß­ball­pa­trio­tismus befassen, scheint das Interesse nach­zu­lassen. Des­wegen ist es besonders bemer­kenswert, dass die Ber­liner Sozi­al­psy­cho­login Dagmar Schediwy auch im Jahr 2012 ein Buch zum neuen deut­schen Fuß­ball­pa­trio­tismus aus sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Per­spektive her­aus­bringt. Die Wis­sen­schaft­lerin hat dort die Ergeb­nisse zahl­reicher Befra­gungen von Fuß­ballfans ver­öf­fent­licht. Sie hat die Inter­views auf Fan­meilen in ver­schie­denen deut­schen Städten bei den Welt­meis­ter­schaften 2006 und 2010 sowie den Euro­pa­meis­ter­schaften 2008 durch­ge­führt.

Mythos vom post­mo­dernen Fuß­ball­na­tio­na­lismus?

Dabei hat sie einige der Thesen hin­ter­fragt, die in den letzten Jahren auch von kri­ti­schen Intel­lek­tu­ellen zum Thema Fuß­ball­na­tio­na­lismus ver­fasst worden sind. Es handele sich um einen post­mo­dernen, spie­le­ri­schen Umgang mit dem Natio­nal­fahnen, so eine der Thesen. Sche­diwys Inter­view­partner meinten es über­wiegend sehr Ernst mit dem Patrio­tismus. Das zeigte sich schon an der Wortwahl, mit der sie ihr Fah­nen­schwenken begründen. Häufig wurde die For­mu­lierung gewählt, dass man mit damit zu seinem Land stehe. Vor allem in der Bild­zeitung wurden die Fans darauf mit Tönen ein­ge­stimmt, die die Metapher vom lockeren Patrio­tismus in Frage stellen. »In einer Art Selbstaf­fir­ma­tions-Offensive pro­pa­gierte Deutsch­lands auf­la­gen­stärkstes Bou­le­vard­blatt eine ‚Ja zu Deutschland‘-Haltung, die gegen alle his­to­ri­schen Zweifel immu­ni­sieren sollte«, schreibt Schediwy und liefert einige Bei­spiele. So hieß es in einem Kom­mentar in Gedichtform am 8.6.2006:

»Die Welt kommt zu uns,
Wer sind wir?
Wir sind wir!
Wir sind Deutschland!
Ja zu Schwarz-Rot-Gold!«

Wenige Tage später ver­öf­fent­lichte die Bild­zeitung In- und Out-Listen, die keinen Zweifel ließen, dass deren Deutsch­land­be­kenntnis nicht von post­mo­dernen Anwand­lungen ange­kratzt ist. Out waren demnach »Snobs, die zu eitel sind, sich die Deutsch­land­fahne ins Gesicht zu malen oder »Zwitter-Fans, die auf der linken Wange für die eine, auf der rechten für die andere Mann­schaft sind«, denn »echte Fuß­ball­liebe kennt keine 50 Prozent« liefert das Blatt gleich die Begründung nach. Welche Folgen ein solches unbe­dingtes Freund-Feind­denken haben kann, zeigte sich bei der letzten WM in Han­nover, als ein deut­scher Fuß­ballfan zwei Ita­liener erschossen hat, mit denen er zuvor in Streit geriet, weil einer ein Trikot der ita­lie­ni­schen Teams trug. Zudem konnte der Deutsch­landfan auch den Fakt nicht ertragen, dass das ita­lie­nische Fuß­ballteam ins­gesamt viermal und Deutschland dreimal Welt­meister war.

Fußball und Nation, die letzte Zuflucht?

Wis­sen­schaft­liche Pio­nier­arbeit leistete Schediwy mit der von ihr gezo­genen Ver­bindung zwi­schen dem Anwachsen des Fuß­ball­na­tio­na­lismus seit 2006 und der fast zeit­gleichen Ent­si­cherung der Lebens- und Arbeits­ver­hält­nisse vieler Men­schen, die mit der Ein­führung der Agenda 2010 einen Höhe­punkt erreichten. Aber auch viele Selbst­ständige bekommen die Ver­un­si­cherung zu spüren. Je bedrohter die eigene soziale Situation, desto stärker ist die Iden­ti­fi­kation mit Fußball-Deutschland, so Sche­diwys Fazit. »Die Nation hat in Kri­sen­zeiten den psy­cho­lo­gi­schen Vorteil, dass Zuge­hö­rigkeit nicht ver­loren gehen kann. Während eine Stelle gekündigt und ein Ver­mögen ver­schwinden kann, bleibt die Zuge­hö­rigkeit zur Nation für die bereits Zuge­hö­rigen bestehen«, so die Sozi­al­psy­cho­login.

Man kann kri­ti­sieren, dass Schediwy bei ihrer Erklärung für das nationale Fußball-Coming-out den Fall der Mauer und die Wie­der­ver­ei­nigung ver­nach­lässigt, obwohl damals schon Schwarz-Rot-Gold auch ohne Fußball auf den Straßen zu sehen war. Zudem über­be­wertet sie die kri­tische Haltung zur deut­schen Nation, wie sie in Teilen der Nach-68er-Generation anzu­treffen war. Sie spricht dabei sogar von einer »Nie wieder Deutschland«-Haltung, die aller­dings nie eine rele­vante gesell­schaft­liche Strömung gewesen ist. Doch ihre durch die Befra­gungen unter­füt­terten Thesen zum Zusam­menhang von Kri­sen­be­wusstsein und Fuß­ball­na­tio­na­lismus sollten weiter dis­ku­tiert werden.
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Peter Nowak