„Er teilt das Schicksal vieler linker Querdenker“

Willy Huhn war zu links für die SPD und ver­ges­sener Pionier der West­ber­liner Anti-AKW- Bewegung. Der Poli­tik­wis­sen­schaftler Jochen Gester hat ein Buch über ihn ver­öf­fent­licht 

Der Autor und das Buch
Jochen Gester, Poli­tik­wis­sen­schaftler, 1951 geboren, Ende der Sech­ziger durch die Außer­par­la­men­ta­rische Bewegung poli­ti­siert. In den Sieb­zigern am Versuch kom­mu­nis­ti­scher Gruppen beteiligt, die Betriebe zu poli­ti­sieren. Seit Jahren ehren­amtlich in der IG Metall aktiv.
In seinem Verlag „Die Buch­ma­cherei“ ver­öf­fent­lichte Gester Ende 2017 die Bio­graphie „Auf der Suche nach Rosas Erbe“ über den weit­gehend ver­ges­senen Ber­liner Links­so­zia­listen Willy Huhn.

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Verstärkung am Werktor

Immer mehr Soligruppen organisieren Unterstützung für Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik

Am Wochenende trafen sich Streik­ko­mitees aus ver­schie­denen Städten in Frankfurt am Main, um ihre Erfah­rungen aus­zu­tau­schen. Ver­ab­redet wurde, die Amazon-Beschäf­tigten weiter zu unter­stützen.

Stell Dir vor, bei Amazon wird gestreikt und vor den Werk­toren ver­hindern Unter­stützer, dass Streik­brecher zum Einsatz kommen. Genau so könnte die nächste Streik­woche des Amazon-Ver­sand­handels aus­sehen. Denn mitt­ler­weile gibt es in meh­reren Städten poli­tische Gruppen, die Strei­kende von außen unter­stützen. Am Wochenende trafen sich ca. 30 Per­sonen in Frankfurt am Main zum zweiten bun­des­weiten Ver­net­zungs­treffen.

Ende Juni hatte in Leipzig das erste bun­des­weite Treffen statt­ge­funden. In der Stadt gibt es seit einem Jahr eine haupt­sächlich von Stu­die­renden getragene Initiative, die den Beschäf­tigten des dor­tigen Amazon-Stütz­punktes bei ihrem Arbeits­kampf den Rücken stärkt.

Auch in anderen Aus­ein­an­der­set­zungen grün­deten sich Soli-Komitees für Streiks. So führten beim Ein­zel­han­dels­streik von 2013 Unter­stüt­zer­gruppen in Erfurt und Berlin Soli­da­ri­täts­ak­tionen durch, ebenso an der Ber­liner Charité und beim Ham­burger Ver­pa­ckungs­her­steller Neupack.

Über das poli­tische Ziel, prekäre Arbeits- und Lebens­be­din­gungen zu bekämpfen, waren sich die Teil­nehmer beim Treffen in Frankfurt einig. Im Detail gab es aber durchaus Dif­fe­renzen. Soll lediglich ein bun­des­weites Netzwerk der Streik­so­li­da­rität auf­gebaut werden, wie es dem Bündnis »Streik-Soli-Leipzig«, das zu dem Treffen ein­ge­laden hatte, vor­schwebt? Oder soll sich das Bündnis auch ein Selbst­ver­ständnis geben, wie es die Gruppe »Kritik und Klas­sen­kampf« aus Frankfurt am Main vor­schlug? Für manche standen im ersten Teil des Treffens solche Orga­ni­sa­ti­ons­fragen zu stark im Vor­der­grund. So rutschte der Erfah­rungs­aus­tausch der Streik­so­li­gruppen in die späten Abend­stunden.

Als es aber um die Unter­stützung des Amazon-Streiks ging, waren sich die Teil­nehmer einig. Auf Vor­schlag eines Amazon-Beschäf­tigten soll das nächste Treffen der »Streik­so­li­da­rität« im Frühjahr am Werk­standort Bad Hersfeld statt­finden. Viel­leicht werden aber manche den ost­hes­si­schen Kurort bereits vorher durch Soli­da­ri­täts­ak­tionen ken­nen­lernen.

Auch im Repro­duk­ti­ons­be­reich soll die Streik­so­li­da­rität aus­gebaut werden. Der Stu­die­ren­den­verband der LINKEN, SDS.Die Linke, lädt für das kom­mende Wochenende nach Frankfurt ein, um die Unter­stützung für den Kita­streik im nächsten Jahr vor­zu­be­reiten.

Über die Idee für eine Kon­ferenz zur außer­be­trieb­lichen Streik­so­li­da­rität wurde noch nicht ent­schieden. Eine solche Kon­ferenz böte die Chance, sich eine Geschichte anzu­eignen, die nicht erst 2013 begonnen hat. Bereits 2008 war der damalige Ein­zel­han­dels­streik in Berlin von eigen­stän­digen Unter­stüt­zungs­ak­tionen linker Gruppen begleitet. Die Initiative ging damals vom Euro-Mayday-Bündnis aus, das mehrere Jahre lang am 1. Mai ver­suchte, Demons­tra­tionen von Men­schen in pre­kären Arbeits­ver­hält­nissen zu orga­ni­sieren. Höhe­punkt der dama­ligen Soli­da­ri­täts­arbeit war die Aktion »Dicht­machen«, bei der im Juni 2008 eine Ber­liner Rei­chelt-Filiale für mehrere Stunden blo­ckiert wurde. Im Film »Ende der Ver­tretung« wurde die durchaus nicht kon­flikt­freie Koope­ration der Unter­stüt­zer­gruppen mit den DGB-Gewerk­schaften the­ma­ti­siert. Und in Nord­rhein-West­falen gab es eine mona­te­lange Unter­stüt­zungs­arbeit für den Streik von Beschäf­tigten der Cate­ring­firma Gate Gourmet, der von Basis­ge­werk­schaften geführt wurde.

Peter Nowak

Mehr als nur ein Strohfeuer?

Florian Wilde (32), Bun­des­ge­schäfts­führer des Stu­die­ren­den­ver­bandes »Die Linke.SDS«, über die Per­spek­tiven der Stu­den­ten­pro­teste
 

ND: Ver­gan­genes Wochenende traf sich der Stu­die­ren­den­verband »Die Linke.SDS« in Bochum zu seinem mitt­ler­weile fünften Bun­des­kon­gress. Wie wurden die aktu­ellen Bil­dungs­pro­teste bewertet?
Wilde: Wir sehen in ihnen aus meh­reren Gründen einen großen Erfolg. Es ist gelungen, das Thema Bildung wieder in einer grö­ßeren Öffent­lichkeit zu ver­ankern. Die Zusam­men­arbeit zwi­schen Schülern und Stu­die­renden stellt einen großen Fort­schritt dar. An den Hoch­schulen war es der erste Auf­stand einer Generation, die unter den völlig ver­än­derten Bedin­gungen des Bachelor-Master-Systems stu­diert. Zudem war die zweite Pro­test­welle die erste soziale Bewegung unter der kon­ser­vativ-libe­ralen Bun­des­re­gierung.

Wo sehen Sie Schwächen der Bewegung?
Sie hat noch nicht die Stärke erreicht, um sub­stan­zielle Reformen im Bil­dungs­be­reich durch­zu­setzen. Schließlich sind Stu­di­en­ge­bühren und Bachelor- und Mas­ter­stu­di­en­gänge noch nicht abschafft.

Bekommt Ihr Verband nicht auch die Furcht vieler stu­den­ti­scher Akti­visten vor linker Ver­ein­nahmung zu spüren?
Wir sind ein sozia­lis­ti­scher Verband, der in den Pro­testen eigene Akzente setzen will. Dabei geht es nicht um Ver­ein­nahmung, sondern um soli­da­rische Dis­kussion auf Augenhöhe im Bil­dungs­streik­bündnis über die richtige Pro­test­stra­tegie. Wir haben bei den Pro­testen die Erfahrung gemacht, dass Stu­die­rende durchaus auf Themen ansprechbar sind, die nicht nur das Bil­dungs­thema betreffen. So gab es eine große Unter­stützung für den Streik des Rei­ni­gungs­per­sonals und der Men­sa­mit­ar­beiter an den Hoch­schulen Das grund­le­gende Problem besteht jedoch darin, dass durch die Umstellung auf die Bachelor- und Mas­ter­stu­di­en­gänge der linke Akti­vismus an den Unis ins­gesamt in eine Krise geraten ist, weil die Stu­die­renden kaum noch Zeit für poli­tische Akti­vi­täten haben. Wir müssen darauf Ant­worten finden, um wieder hand­lungs­fähig zu werden. Der Aufbau eines bun­des­weiten Ver­bandes, der den Aktiven vor Ort die Arbeit erleichtert, gehört dazu.

Wie soll es mit den Bil­dungs­pro­testen wei­ter­gehen?
Wir haben den Vor­schlag eines Beset­zungs­streiks in die Dis­kussion gebracht. Im Unter­schied zu den bis­he­rigen Pro­testen würde damit der Uni­be­trieb kom­plett lahm­gelegt. Die Stu­die­renden müssen sich dann nicht wie bisher indi­vi­duell zwi­schen der Betei­ligung an Aktionen oder der Teil­nahme an Vor­le­sungen ent­scheiden. Damit würde ein Freiraum geschaffen, um Alter­na­tiven zur bis­he­rigen Bil­dungs­po­litik zu ent­wi­ckeln und den Protest von der Uni in die Gesell­schaft zu tragen. Aller­dings muss eine solche Aktion gut vor­be­reitet werden und unter den Stu­die­renden ver­ankert sein. Ein Beset­zungs­streik könnte 2011 oder 2012 aktuell werden, wenn die dop­pelten Abitur­jahr­gänge an die Unis drängen.

Warum soll dadurch die Pro­test­be­reit­schaft steigen?
Schon jetzt sind die Stu­di­en­be­din­gungen oft sehr schlecht. Durch die dop­pelten Jahr­gänge wird sich die Situation noch ver­schärfen. Da schon bisher gerade die Erst­se­mester stark an den Pro­testen beteiligt sind, bestehen hier große Chancen, dass dann der Wider­stand wächst.

Wie soll es aber in den nächsten Monaten kurz­fristig mit den Bil­dungs­pro­testen wei­ter­gehen?
Wir wollen die Land­tagswahl in NRW zu einer Abstimmung über die Abschaffung der Stu­di­en­ge­bühren machen. Konkret schlagen wir eine bun­des­weite Demons­tration in NRW Anfang Mai vor, um die Par­teien außer­par­la­men­ta­risch unter Druck zu setzen.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​6​2​9​7​0​.​m​e​h​r​-​a​l​s​-​n​u​r​-​e​i​n​-​s​t​r​o​h​f​e​u​e​r​.html

Interview: Peter Nowak