Möglichkeiten von Befreiung

Karl Reitters »Heinz Steinert und die Wider­stän­digkeit seines Denkens«

Der 2011 ver­storbene Heinz Steinert war ein Uni­ver­sal­ge­lehrter. Er stu­dierte Phi­lo­sophie, Psy­cho­logie, Ger­ma­nistik und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, absol­vierte eine psy­cho­ana­ly­tische Aus­bildung, wurde im Fach Psycho­logie pro­mo­viert und habi­li­tierte sich in Sozio­logie. Er war Mit­be­gründer und bis 2000 wis­sen­schaft­licher Leiter des Instituts für Rechts- und ­Kri­mi­nal­so­zio­logie in Wien und von 1978 bis 2007 Pro­fessor für Sozio­logie an der Goethe-Uni­ver­sität in Frankfurt. Nun ist eine Ein­führung in das Denken Stei­nerts, der mit ­seiner Arbeit immer auch die gesell­schaft­liche Eman­zi­pation vor­an­treiben wollte, erschienen. Ver­fasst hat sie der Wiener Phi­losoph Karl Reitter.

Mit Adorno und der Frank­furter Schule hatte sich Steinert jah­relang beschäftigt. Während er trotz aller Kritik im Detail die Frank­furter Schule zum wider­stän­digen Denken zählte, hielt er Max ­Webers zen­trales Werk »Die pro­tes­tan­tische Ethik und der Geist des Kapi­ta­lismus« für unwis­sen­schaftlich. Reitter zeichnet in einem Kapitel die gra­vie­renden Fehler nach, die Steinert Weber nachwies. Ein wei­teres Kapitel widmet sich dem Kri­mi­nal­so­zio­logen Steinert, der sich wis­sen­schaftlich begründet für eine Gesell­schaft ohne Gefäng­nisse ein­setzte und die Sinn­haf­tigkeit von Haft­strafen hin­ter­fragte.

Dabei for­mu­lierte er Thesen, die gerade in der der­zei­tigen Law-and-Order-Stimmung erstaunlich aktuell sind: »Zwi­schen der Strenge der Strafen, der Anzahl der Men­schen in Gefäng­nissen und der Summe der ver­übten Strafen besteht ein erkenn­barer Zusam­menhang. Weder die Höhe der Strafen noch die Wahr­schein­lichkeit, ein­gesperrt zu werden, selbst die Todes­strafe ver­hindern Ver­brechen.« Reitter schließt das infor­mative Buch mit der Hoffnung, dass es dazu bei­trage, »wider­stän­diges Denken ­bekannter zu machen«. Das ist ihm zu wün­schen.

Karl Reitter: Heinz Steinert und die Wider­stän­digkeit seines Denkens. Dampfboot-Verlag, Münster 2018, 213 Seiten

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Peter Nowak