Wie aus WBA „Wir bleiben alle!“ wurde


Von den Anfängen der Mie­ter­selbst­or­ga­ni­sierung in Prenz­lauer Berg bis hin zu groß­flä­chigen Pro­testen


Der Slogan „Wir bleiben alle!“ oder auch das Kürzel WBA ist heute kaum weg­zu­denken, wenn sich Mieter/​innen wehren oder Stadtteilaktivist/​innen auf die Straße gehen. Fast ver­gessen ist, dass es sich dabei um ein Erbe der DDR handelt.

Die Abkürzung WBA stand in der DDR für Wohn­be­zirks­aus­schuss. Es han­delte sich dabei um eine untere Glie­de­rungs­einheit der Natio­nalen Front, dem Zusam­men­schluss der Par­teien und Mas­sen­or­ga­ni­sa­tionen der DDR. Der WBA wurde von den Einwohner/​innen des jewei­ligen Wohn­be­zirks gewählt und erfüllte eine Dop­pel­rolle. Auf der einen Seite konnte er räte­de­mo­kra­tische Züge annehmen und aktiven Bürger/​innen die Mög­lichkeit zur Mit­ge­staltung bieten. Auf der anderen Seite erfüllte er auch die Rolle eines Kon­troll­organs. Was von beidem überwog, lag stark an den Men­schen, die in ihm aktiv waren.
Der damalige Grünen-Poli­tiker Mat­thias Klipp ver­glich die Wohn­be­zirks­aus­schüsse in einem Interview mit der taz im Jahr 2009 gar mit den Betrof­fe­nen­ver­tre­tungen in Sanie­rungs­ge­bieten. Doch dieser Ver­gleich passt nur sehr bedingt, wie auch die eigene poli­tische Bio­grafie Klipps deutlich macht. Er war selbst Mit­glied eines WBA in Prenz­lauer Berg und wurde von diesem im Frühjahr 1989 zu den Kom­mu­nal­wahlen auf­ge­stellt. Wie er als dama­liger linker Oppo­si­tio­neller auf die Wahl­liste der Natio­nalen Front kam, schildert er in dem Interview so: „Ich war damals unter anderem im Frie­dens­kreis der Geth­semane-Gemeinde tätig und habe die Arbeits­gruppe Straf­recht geleitet. Wir haben die Gesetze der DDR ana­ly­siert und fest­ge­stellt, dass die Wohn­be­zirks­aus­schüsse eigene Kan­di­daten auf­stellen können. Das hatte nur keiner vorher gemacht.“ So wurde Klipp in die Stadt­be­zirks­ver­sammlung von Prenz­lauer Berg gewählt und war damit der erste oppo­si­tio­nelle Abge­ordnete in der DDR vor der letzten Volks­kam­merwahl im März 1990.
Der WBA 56 in der Oder­berger Straße, der Klipp zur Kom­mu­nalwahl auf­ge­stellt hatte, war seit Mitte der 80er Jahre in der Hand der linken DDR-Oppo­sition. Ein Haupt­an­liegen der im WBA Aktiven war die Ver­hin­derung des Abrisses von Alt­bauten in der grenz­nahen Gegend um die Oder­berger Straße. Der größte Erfolg aber war die Schaffung des soge­nannten Hirschhofs. Es handelt sich dabei um den Innen­be­reich des größten Stra­ßen­blocks in Prenz­lauer Berg, gelegen zwi­schen Kas­ta­ni­en­allee, Oder­berger und Ebers­walder Straße. Anwohner/​innen legten dort, unter­stützt vom WBA, mehrere Brachen zusammen. Das Areal wurde fortan als Stadt­teil­treff­punkt genutzt. Eine Frei­luft­bühne wurde errichtet und es gab Theater- und Film­vor­füh­rungen sowie regel­mäßig im Sommer ein großes Hirsch­hoffest. Den Namen hat der Hirschhof von seinem Wahr­zeichen, einem aus Schrott­teilen zusam­men­ge­schweißten Hirsch.
Während die Stasi das Treiben arg­wöh­nisch beob­achtete und einige Meter Akten anlegte, unter­stützten die Kom­mu­nal­be­hörden den Stadt­teil­garten – auch finan­ziell. Mit­unter war gar von einem Bündnis zwi­schen Bür­ger­initia­tiven und lokaler Staats­macht die Rede. Möglich war das nur, weil die Flächen kein Pri­vat­ei­gentum waren, was auch den meisten Aktivist/​innen des WBA klar war, deren Ziel zwar ein Ende der auto­ri­tären Struk­turen in der DDR, aber kei­neswegs eine Restau­ration des Kapi­ta­lismus oder eine Ver­ei­nigung mit der BRD war.

Keim­zelle des Mie­ter­wi­der­stands
So ent­wi­ckelte sich aus dem ehe­ma­ligen WBA in den frühen 90er Jahren ein Akti­ons­bündnis, das zu einem Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt des Wider­stands gegen die begin­nende Ver­treibung wurde. Das Kürzel WBA wurde bei­be­halten, doch nun stand es für „Wir bleiben alle!“. Unter diesem Slogan demons­trierten am 9. Sep­tember 1992 über 20.000 Men­schen gegen die anste­hende Erhöhung der Mieten in Ost-Berlin. Viele trugen den Slogan „Wir bleiben alle!“ in den Umrissen eines Hauses auf selbst gemalten Schildern. Die besondere gesell­schaft­liche Breite der WBA-Mobi­li­sierung war der all­ge­meinen Unsi­cherheit geschuldet, die ange­sichts der Auf­hebung der Miet­preis­bindung und der Über­tragung der Woh­nungs­be­stände an Alt­ei­gen­tümer und Woh­nungs­ge­sell­schaften bestand. Das 1995 beschlossene Mie­ten­über­lei­tungs­gesetz (MÜG) besie­gelte schließlich die Ver­ein­heit­li­chung der miet­recht­lichen Bestim­mungen durch das Bun­des­recht.
In der DDR hatte es Pro­bleme beim Zugang zu einer Wohnung oder bei Umzugs­wün­schen gegeben – die Vor­stellung jedoch, dass eine so exis­ten­zielle Ange­le­genheit wie das Wohnen von rein öko­no­mi­schen Kri­terien bestimmt werden könnte, lag schlicht außerhalb der Vor­stel­lungs­kraft vieler Men­schen. Der WBA in der Oder­berger Straße war durch seine erfolg­reiche Stadt­teil­arbeit in der DDR zu einem Organ geworden, das diesen Protest orga­ni­sieren konnte. Er war jedoch nicht der einzige. Im Lich­ten­berger Nöld­nerkiez rund um die Pfarr­straße besetzten 1981 Nachbar/​innen eine ehe­malige Apo­theke und grün­deten den Jugendclub Neues Arbeits­zentrum Pfarr­straße (N.A.Pf.). Später wurde er in Klub der Werk­tä­tigen umbe­nannt und schließlich sogar von der SED unter­stützt und mit öffent­lichen Geldern finan­ziert. Auch auf stadt­po­li­ti­schem Gebiet hatte der dortige WBA Erfolg. Kurz­fristig wurden die schon fast beschlos­senen Abriss­pläne geändert und im Nöld­nerkiez Häuser saniert. Obwohl der Klub der Werk­tä­tigen und die Arbeit des WBA in der Nöld­ner­straße über fast 10 Jahre den Kiez geprägt hatten, ist ihre Geschichte schnell in Ver­ges­senheit geraten. Nach der Wende zer­streuten sich die Men­schen schnell in alle Winde, die neuen Anfor­de­rungen des kapi­ta­lis­ti­schen Alltags for­derten ihren Tribut. In Prenz­lauer Berg dauerte dieser Prozess länger.

Kapi­ta­lis­tische Land­nahme nach 1989
In der ersten Hälfte der 90er Jahre hatte der ehe­malige WBA dort noch einen gewissen Ein­fluss auf die Ent­wicklung der Straße. Natürlich blieben auch interne Zwis­tig­keiten nicht aus, die bis in die Zeit der DDR-Oppo­sition zurück­reichten. Als der lang­jährige WBA-Aktivist Bernd Holt­freter als Par­tei­loser auf der Liste der PDS 1995 für die Wahl ins Abge­ord­ne­tenhaus kan­di­dierte, bekam er eine unge­wöhn­liche Unter­stützung. „Wählen Sie diesen Mann. Dann sind wir ihn endlich los“, stand auf Pla­katen, die von liber­tären Kräften aus dem WBA in seinem Wahl­kreis geklebt wurden. Holt­freter wurde dreimal wieder gewählt und behielt sein Mandat bis zu seinem frühen Tod im Jahr 2003. Die Zeitung „Horch und Guck“ schrieb in ihrem Nachruf: „Vor allem auf Bernds Betreiben erfolgte die Unter­wan­derung des offi­zi­ellen Wohn­be­zirks­aus­schusses (WBA) der Natio­nalen Front in der Oder­berger Straße, dessen Vor­sit­zender er 1987 wurde und den er gemeinsam mit anderen in eine basis­de­mo­kra­tische Bür­ger­initiative umfunk­tio­nierte. Ins­be­sondere bleibt sein Name damit ver­bunden, dass es dieser Bür­ger­initiative und einer bald darauf nach ihrem Vorbild gegrün­deten zweiten in der nahe lie­genden Ryke­straße gelang, die von der SED geplante Abriss-Sanierung in Prenz­lauer Berg zu ver­hindern (…). Als nach der Wie­der­ver­ei­nigung die von der SED geschaf­fenen Pro­bleme durch die Pro­bleme der kapi­ta­lis­ti­schen Umstruk­tu­rierung des Ostens abgelöst wurden, in deren Gefolge eine ver­stärkte Mie­ter­ver­treibung aus seinem Kiez begann, stand Bernd wieder an vor­derster Stelle bei der Orga­ni­sierung von Gegenwehr.“
Die Trau­er­feier für Holt­freter fand im Stadtbad Oder­berger Straße statt, das der WBA zu einen Zentrum für den Kiez machen wollte. Heute ist es ein Nobel­re­staurant und passt gut zu einem Viertel, in dem die Bevöl­kerung seit den frühen 90er Jahren fast voll­ständig aus­ge­tauscht wurde.
Auch der Hirschhof war über mehrere Jahre nicht mehr zugänglich, weil die dort woh­nenden, ver­mö­genden Eigen­heim­be­sitzer den Zugang ver­wei­gerten. Das Ber­liner Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hatte 2011 ent­schieden, dass das Areal keine öffent­liche Fläche ist und daher durch Zäune getrennt werden kann. Seit 2011 wurde ein „Neuer Hirschhof“ errichtet, ein Platzhaus und ein öffent­liches Café sind im Bau. Dass dort noch an den alten WBA erinnert wird, ist unwahr­scheinlich. Aber das macht nichts, schließlich gibt es eine viel bessere Wür­digung: Das Kürzel WBA als Ver­mächtnis einer Oppo­sition gegen auto­ritäre Struk­turen in der DDR und gegen die kapi­ta­lis­tische Land­nahme nach 1989 ist auch aus heu­tigen Mie­ter­kämpfen nicht mehr weg zu denken.

Peter Nowak ist Jour­nalist. Im Herbst 1990 besetzte er als zuge­zo­gener Westler eine Wohnung in der Oder­berger Straße in Prenz­lauer Berg, in der er 13 Jahre lebte.

Eine der Mit­be­setzer in der Oder­ber­ger­straße war der Archäologe Klaus Koschmieder, seinen Freund_​innen nur als Koschi bekannt. Er starb über­ra­schend Mitte Dezember 2017. Ihm ist der Artikel gewidmet.

aus: Ber­liner Mie­te­recho 392; Dezember 2017

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Peter Nowak

Pro-Mieter-Politiker Holm zurück in der Apo

Nach dem Rück­tritt des Staats­se­kretärs muss sich Rot-Rot-Grün Fragen stellen: Hatte man das Kräf­te­ver­hältnis in Berlin falsch ein­ge­schätzt?

»Staats­se­kretär Holm gibt auf« titelten die Zeitungen[1] über den nicht ganz frei­wil­ligen Abgang des Ber­liner Mie­ter­ak­ti­visten (siehe Klas­sen­kampf mit der Stasi[2]). Doch im großen Ver­samm­lungsraum des Wed­dinger Exrotaprint[3]-Pro­jekts erlebte man einen Andrej Holm, der fast erleichtert schien, vom Posten des Staats­se­kretärs wieder in die außer­par­la­men­ta­rische Oppo­sition zurück­ge­kehrt zu sein[4].

Von den mehr als 200 Men­schen im über­füllten Raum wurde er herzlich und mit Applaus zurück in der Apo will­kommen geheißen. Zahl­reiche Initiativen[5] und enga­gierte Einzelpersonen[6], die sich in den Wochen für den Ver­bleib von Holm[7] im Amt ein­ge­setzt hatten, brachten noch einmal ihre Soli­da­rität mit dem Ange­grif­fenen zum Aus­druck.

Neben der SPD und den Grünen wurde auch der Linken vor­ge­worfen, sich nicht vor­be­haltslos hinter Holm gestellt zu haben. Ein enger Unter­stützer erklärte, er habe selbst erlebt, wie der Vor­stand der Linken Druck auf Holm aus­geübt hat, seinen Posten zu räumen, um die Ber­liner Koalition zu retten. Manchmal wünschte man sich etwas mehr selbst­kri­tische Analyse, wenn nun zum wie­der­holten Male eine Eloge auf Holm kam.

Hatte man nicht viel­leicht auch Fehler gemacht, in dem man unter­schätzt hat, wie stark gerade jeder kleinste Fehler bei einen Staats­se­kretär aus­ge­schlachtet wird, der mit der erklärten Absicht ange­treten ist, Politik im Interesse der Mieter und nicht der Inves­toren zu machen?

Hatte man vor allem Dingen das Kräf­te­ver­hältnis in der Stadt falsch ein­ge­schätzt, wo sich viele gegen Gen­tri­fi­zierung erregen, aber längst nicht alle diese Ent­wicklung auf dem Woh­nungs­markt mit dem Kapi­ta­lismus in Ver­bindung bringen? Hätte Holm über­haupt in einem derart ver­drah­teten und ver­re­gelten Kapi­ta­lismus eine Chance gehabt, nur einen Teil seiner Pläne umzu­setzen?

Das wären einige Fragen gewesen, die auf ein linkes Bewe­gungs­treffen gehören und die auf der Web­seite der Trep­tower Initiative Karla Pappel ange­sprochen wurden[8]. Da hätte man auch darauf ver­weisen können, dass der heutige Regie­rende Bür­ger­meister Müller als Senator im Kabinett Wowereit dafür berüchtigt war, dass er Mieter in der Trep­tower Beermannstraße[9], die sich juris­tisch dagegen wehrten, dass sie ihre Woh­nungen ver­lassen sollten, weil sie einer von großen Teilen der Bevöl­kerung abge­lehnten Ver­län­gerung der Autobahn Platz machen sollten, kur­zerhand mit einem Ent­eig­nungs­ver­fahren unter Druck setzen ließ.

Ihr beharr­licher Wider­stand und die Unter­stützung der Stadt­teil­in­itiative Karla Pappel konnte den Mietern die Woh­nungen nicht retten. Aber immerhin bekamen sie Ent­schä­digung. Unter der rosa-rot-grünen Regierung gingen auch die Zwangsräumungen[10] weiter. Nur wenige Tage vor Weih­nachten wurde in Kreuzberg ein Mieter aus seiner Wohnung ver­trieben. Aber für solch kri­tische Dis­kus­sionen gab es am Mon­tag­abend keinen Raum.

Man wollte Andrej Holm wieder in den Reihen der Apo begrüßen und man war froh, dass er eben nur seinen Posten, nicht aber seine Bereit­schaft auf­ge­geben hat, für eine Mie­ter­stadt Berlin zu kämpfen. Dann war das Treffen auch schon beendet, weil Anwe­sende an einer Pro­test­kund­gebung gegen einen Auf­tritt des Regie­renden Bür­ger­meiser Müller im Gorki-Theater teil­nehmen wollten. Dort traf sich aber nur ein Teil der Men­schen wieder, die Holm zurück in der Apo will­kommen geheißen hatten.

In den nächsten Tagen sind noch weitere Pro­teste gegen Holms Ent­lassung geplant. Stu­die­rende der Hum­bold­tuni­ver­sität wollen auch dafür auf die Straße gehen, dass Holm seine Stelle am Institut für Stadtsoziologie[11] an der Hum­bold­tuni­ver­sität wieder antreten kann. Das ist bisher unklar, weil ja der Vorwurf im Raum steht, Holm habe bei der Bewerbung um die Stelle unvoll­ständige Angaben zu seiner Sta­si­tä­tigkeit gemacht.

In den letzten Tagen haben sich aber die Ein­schät­zungen gehäuft, die darin keinen Grund sehen, Holm nicht wieder anzu­stellen. Die juris­tische Grundlage des Fra­ge­bogens wurde infrage gestellt[12]. Das hätte zur Folge, dass Holm sogar bewusst falsche Angaben hätte machen können, ohne dass er des­wegen sank­tio­niert werden kann.

Die Regis­seurin Kathrin Rothe, die mit dem Film Betongold bekannt wurde, der ihre eigene Ver­drängung aus Berlin-Mitte zum Thema hat, sagte kürzlich in der Taz, sie habe in einen Fra­ge­bogen für ein Seminar bewusst Quatsch ein­ge­tragen. Dabei hatte sie nie etwas mit der Stasi zu tun und auch kei­nerlei Sym­pathie dafür. Sie wollte mit dem krea­tiven Umgang mit dem Stasi-Fra­ge­bogen aber ihren Unwillen aus­drücken, nach 27 Jahren immer noch mit dieser »Son­der­be­handlung Ost« kon­fron­tiert zu werden.

Der Umgang mit der Causa Holm dürfte bei mehr Leuten diesen Unmut bestärkt haben. Wenn nicht einmal mehr ein Nachweis einer Bespit­zelung nötig ist, um einen Men­schen, der bereits 2007 vor einem sehr kri­ti­schen Publikum, DDR-Oppo­si­tio­nellen, die unter der Stasi gelitten haben, mit seiner Bio­graphie offen umge­gangen ist, zu mobben, wird deutlich, dass es hier um Inves­to­ren­schutz geht. Nicht seine kurz­zeitige Sta­si­mit­glied­schaft sondern seine kapi­ta­lis­mus­kri­tische Haltung störte an Holm.

Und wenn jetzt wieder in Erin­nerung gerufen wird, dass Nazi-Täter[14], die teil­weise für Morde und Juden­de­por­ta­tionen ver­ant­wortlich waren, an füh­renden Stellen der BRD-Politik und Justiz saßen, dass sich NS-Richter in den 1950 Jahren bei der Ver­ur­teilung von Kom­mu­nisten sogar auf die NS-Urteile bezogen und ihre neue Strafe damit begrün­deten, der Ange­klagte habe sich nicht bewährt, dann kann das etwas kri­ti­sches Geschichts­be­wusstsein fördern. Das wäre tat­sächlich ein kleiner Erfolg aus dem Fall Holm.

Viel­leicht kommt auch mancher auf den Gedanken, dass die DDR nicht nur aus der Stasi bestand, sondern dass dort bei allen Pro­blemen eine Woh­nungs­po­litik rea­li­siert wurde, in denen die Men­schen das Problem der Gen­tri­fi­zierung nicht kannten. Es waren gerade auch die vielen unre­no­vierten Häuser in den Stadt­teilen Prenz­lauer Berg und Mitte, wo es fast pro­blemlos möglich war, Woh­nungen zu besetzten und selber zu repa­rieren. Dort war auch die Quelle für die DDR-Sub­kultur, die zur DDR-Oppo­sition wurde.

Viele wollten eine DDR ohne SED-Herr­schaft, nicht aber eine Wie­der­ver­ei­nigung. Sie brachten auch ein beson­deres Erbe mit in die BRD, das Kürzel WBA, was in der DDR Wohn­be­zirks­aus­schuss hieß. Manche nutzten es als ver­län­gerte Stasi, manche als einen Rat der Bewohner, der bei­spiels­weise in der Oder­ber­ger­straße in Prenz­lauer Berg den Abriss von Häusern in den 1980er Jahren erfolg­reich verhinderte[15].

Dieser Erfolg ermu­tigte die Akti­visten schon in den frühen 1990er Jahren, den WBA als Initiative »Wir bleiben Alle« wieder auf­leben zu lassen und nun gegen die Gen­tri­fi­zierung zu kämpfen. Kaum einer dieser DDR-Oppo­si­tio­nellen und WBA-Akti­visten der ersten Stunde lebt heute noch in dem Stadtteil.

Auch das gehört zu einer kri­ti­schen Betrachtung von BRD und DDR im Ver­gleich. Es hätte gerade einen His­to­riker wie Ilko Sascha Kow­alzcuk, der sich dif­fe­ren­ziert mit dem Fall Holm befasst[16] hat, gut ange­standen, diese Aspekte der DDR auch in die Debatte ein­zu­bringen. Wie er dann aber zur fol­genden hane­büchen Ein­schätzung kommt, ist unklar und zeugt nur davon, dass selbst kri­tische Köpfe in einen staats­nahen Slang ver­fallen.

Manche waren gleicher; viele lebten unter unwür­digen Umständen in den eins­tigen Rui­nen­land­schaften in Prenz­lauer Berg oder Fried­richshain, die die SED-Dik­tatur hin­ter­lassen hatte.

Ilko Sascha Kow­alzcuk

Ange­sichts von Gen­tri­fi­zierung und Woh­nungsnot könnten wir nur davon träumen, wir hätten noch so diese von Sascha Kow­alzcuk so zu Unrecht geschmähten Häuser zur Ver­fügung, in denen sich kreative Men­schen tat­sächlich noch in Eigen­regie eine Wohnung selber her­richten konnten. Das wäre tat­sächlich ein Ver­sprechen, das anders als die ins­gesamt zahme und nur die Rand­pro­bleme lösenden Woh­nungs­pro­gramme des neuen Ber­liner Senats tat­sächlich ein Beitrag zur Lösung der Woh­nungs­frage in Berlin wäre.

Peter Nowak

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[7] http://​www​.holm​bleibt​.de/
[8] https://​kar​la​pappel​.word​press​.com/
[9] http://​beer​mann​strasse​.blogspot​.de/
[10] http://​berlin​.zwangs​rae​u​mung​ver​hindern​.org/
[11] https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/stadtsoz/mitarbeiterinnen/copy_of_a‑z/holm
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[16] http://​www​.bpb​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​d​e​u​t​s​c​h​e​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​s​t​a​s​i​/​2​4​0​0​4​7​/​e​i​n​m​a​l​-​s​t​a​s​i​-​i​m​m​e​r​-​stasi

Mieterprotest mit Sambarhythmen

Wohninitiative übergibt »Wunschzettel« an neue Geschäftsführerin des Liegenschaftsfonds

Am Niko­laustag stattete das Bündnis »Recht auf Wohnen« Birgit Möhring, der neuen Geschäfts­füh­rerin, des Lie­gen­schafts­fonds einen beson­deren Besuch ab.

Eine Bescherung der beson­deren Art berei­teten am Niko­laustag Akti­visten des Ber­liner Bünd­nisses »Recht auf Wohnen« der neuen Geschäfts­füh­rerin des Ber­liner Lie­gen­schafts­fonds Birgit Möhring. Knapp 35 Per­sonen und eine Sam­b­aband betei­ligten sich am Frei­tag­vor­mittag an einer Aktion in der Zen­trale der Behörde, die für die Grund­stücke ver­ant­wortlich ist, die sich im Besitz des Landes Berlin befinden.

Auf einem Wunsch­zettel, der an Birgit Möhring gerichtet war, wird eine Änderung der Politik des Lie­gen­schafts­fonds ange­mahnt. Eigentlich sollte der Lie­gen­schafts­fonds nach einem Senats­be­schluss bereits seit 2010 neu aus­ge­richtet werden und soziale und öko­lo­gische Ziele ver­folgen Der Wunsch­zettel am Niko­laustag war ein For­de­rungs­ka­talog der­je­nigen, die von der aktu­ellen Linie der Lie­gen­schafts­po­litik betroffen sind. Dazu gehören die Wagen­plätze Rum­mel­platz und Schwarzer Kanal, der Jugend­treff »Kirche von Unten« und die Initiative »Studis gegen hohe Mieten«. Auch einige woh­nungslose Familien aus Rumänien, die vor einigen Wochen ein Haus besetzt hatten, betei­ligten sich.

»Ich schaue mir den Wunsch­zettel an, dann können wir gemeinsam darüber reden, was möglich ist. Hin­ter­lassen sie Ihre Nummer, dann können wir einen Termin aus­machen«, erklärte Birgit Möhring. Die Akti­visten wollen dieses Angebot in den nächsten Tagen wahr­nehmen.

Jan Stein von der Initiative »Recht auf Stadt« lobte gegenüber »nd« die »freund­liche Gesprächs­at­mo­sphäre«. »Wir freuen uns auf ein gemein­sames Gespräch zwi­schen Initia­tiven und Lie­gen­schafts­fonds und hoffen auf eine pro­duktive Arbeits­at­mo­sphäre, in der gemeinsam an Lösungen gear­beitet wird«, betonte er.

Aller­dings werde man auch in den nächsten Tagen an ver­schie­denen Stellen in Berlin auf hohe Mieten, dro­hende Ver­treibung nicht­kom­mer­zi­eller Pro­jekte aus der Innen­stadt und Woh­nungsnot auf­merksam machen. Dazu wollen die Akti­visten die Vor­weih­nachtszeit nutzen. Das »Recht-auf-Stadt-Bündnis« hat einen Akti­on­s­ka­lender erstellt und im Internet und auf Pla­katen ange­kündigt, »jeden Tag ein Türchen zu öffnen«.

Die Aktion im Büro des Lie­gen­schafts­fonds war der Auftakt der Advents­kam­pagne. Am Dienstag soll ein neues Türchen geöffnet werden. Der Ort wird wie bei allen Aktionen dieser Kam­pagne nicht vorher bekannt gegeben. Mit dem Mittel des zivilen Unge­horsams und des Angebots, sich an Lösungs­vor­schlägen kon­struktiv zu betei­ligen, sucht das Pro­test­bündnis einen Ausweg aus dem Wohn­di­lemma in der Stadt.

Oft gab es in der Ver­gan­genheit Demons­tra­tionen vor Büros von Behörden und Eigen­tümern nach Fei­er­abend, wenn bloß noch der Wach­schutz im Haus war. Daher kommen die Akti­visten jetzt unan­ge­meldet zu den Büro­zeiten. Gleich die erste Aktion wird als Erfolg gewertet und moti­viert zum Nach­legen, so Jan Stein.

Über die wei­teren Aktionen des Advents­ka­lenders der Recht-auf-Stadt-Bewegung gibt es Infor­ma­tionen unter: wirb​lei​benalle​.org

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​1​7​3​9​4​.​m​i​e​t​e​r​p​r​o​t​e​s​t​-​m​i​t​-​s​a​m​b​a​r​h​y​t​h​m​e​n​.html

Peter Nowak