Ein Blick hinter die WM-Kulissen

Ein Blick hinter die WM-Kulissen Süd­afrika. Die Grenzen der Befreiung Hg. J.E.Ambacher/R.Khan Berlin/​Hamburg: Asso­ziation A, 2010 263 Seiten, 16 Euro von Peter Nowak Die ersten Wer­be­symbole für die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in Süd­afrika tauchen schon in deut­schen Städten auf. Wer sie zum Anlass nehmen will, um sich über die sozialen und poli­ti­schen Ver­hält­nisse des Landes zu infor­mieren, dem sei dieses Buch emp­fohlen. In 17 Auf­sätzen geben Sozio­logen, Poli­to­logen und Jour­na­listen, die alle auch Teil von poli­ti­schen und sozialen Bewe­gungen sind, einen kurzen Über­blick über ein Land, das nach dem Ende der Apartheid auch in der Linken enorm an Interesse ver­loren hat. Die WM wird nur in zwei von Romin Khan geführten Inter­views gestreift. Während der His­to­riker Achille Mbembe davon spricht, dass die Regierung mit der kon­kreten Aus­ge­staltung der WM eine Chance auf eine Gesell­schafts­um­ge­staltung ver­passt hat, berichtet der aus Kongo stam­mende Stra­ßen­friseur und soziale Aktivist Gaby Bikombo über die Schwie­rig­keiten, die gerade Stra­ßen­händler und Arme in Zeiten der WM haben. Die Regierung will die Vor­gaben der FIFA erfüllen, was für Bikombo und seine Kol­legen Ver­treibung und weitere Ver­armung bedeuten kann. Solche unter­schied­lichen Sicht­weisen stehen in dem Buch häu­figer neben­ein­ander. Was aber in den unter­schied­lichen Bei­trägen immer ange­sprochen wird, sind die Pro­bleme von sozialen Bewe­gungen, die in den letzten Jahren des Apart­heid­re­gimes gewachsen waren und später zum großen Teil vom all­mäch­tigen ANC koop­tiert oder an den Rand gedrängt wurden. Dass dafür auch interne Pro­bleme ver­ant­wortlich sind, machen Stephen Greenberg am Scheitern der Land­lo­sen­be­wegung und Prishani Naidoo an den internen Kon­flikten des Anti­pri­va­ti­sie­rungs­forums trans­parent. Es kommen auch kri­tische ANC-Mit­glieder zu Wort, wie der Anti-AIDS-Aktivist Zackie Achmat. Der sieht die Partei noch immer als ein Bollwerk gegen Xeno­phobie und Ras­sismus. Achma und die Akti­vistin Manisa Mali zeichnen ein wesentlich dif­fe­ren­zier­teres Bild von der AIDS-Politik der ANC-Regie­rungen als ein Großteil der hie­sigen Medien. So sehr sie die Ignoranz des vor­letzten Prä­si­denten Mkebi und seiner Gesund­heits­mi­nis­terin in der Frage der Ent­stehung von AIDS kri­ti­sieren, so sehr betonen sie, dass es bei der Her­stellung wirk­samer, güns­tiger Medi­ka­mente sogar eine Zusam­men­arbeit gegen die Ver­bände der Phar­ma­in­dustrie gegeben hat. Die letzten beiden Kapitel befassen sich mit dem Ras­sismus gegenüber Migranten aus anderen afri­ka­ni­schen Ländern. Dabei geht der in der Arbei­ter­bil­dungs­arbeit tätige Oupa Lehulere scharf mit der Position der größten süd­afri­ka­ni­schen Gewerk­schaft COSATU ins Gericht, der er vor­wirft, sich haupt­sächlich für die süd­afri­ka­ni­schen Arbeiter zu enga­gieren. Für Lehulere ist der wach­sende Ras­sismus in Süd­afrika nicht in erster Linie eine Folge der Ver­armung sondern der Nie­derlage der linken Kräfte in der Arbei­ter­be­wegung. Das Buch schließt mit einer Erklärung von Akti­visten aus Armen­sied­lungen in der Nähe von Durban, die sich wenige Tage nach den ras­sis­ti­schen Pogromen vom Mai 2008 in bewe­genden Worten für einen gemein­samen Kampf aller Unter­drückten aus­ge­sprochen haben. Solche Stimmen von der Basis hätte sich der Leser öfter gewünscht, weil das Buch doch gerade in den Kapiteln über den Kampf der Frauen in einem sehr sozio­lo­gi­schen Duktus gehalten ist. Es liefert aber einen guten Blick hinter die WM-Kulissen.

http://​www​.sozonline​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​e​i​n​-​b​l​i​c​k​-​h​i​n​t​e​r​-​d​i​e​-​w​m​-​k​u​l​i​s​s​e​n​/​#​m​o​r​e​-1033

Peter Nowak

Südafrika: Befreiung mit Fallstricken

Ein Sam­melband liefert einen Blick hinter die WM-Kulissen am Kap der Guten Hoffnung
Die ersten Wer­be­banner für die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft in Süd­afrika sind mitt­ler­weile in deut­schen Städten auf­ge­taucht. Wer sich über die sozialen und poli­ti­schen Ver­hält­nisse des Landes am Kap der Guten Hoffnung infor­mieren will, der greife statt zu WM-Bro­schüren besser zu einem kürzlich im Verlag Asso­ziation A erschie­nenen Buch: »Süd­afrika – die Grenzen der Befreiung.«
 
Die eine Lesart über die Gesell­schaft des heu­tigen Süd­afrika gibt es nicht. Des­wegen kommen in dem Sam­melband »Süd­afrika – Grenzen der Befreiung« 17 Wis­sen­schaftler und Akti­visten aus und außerhalb von Süd­afrika zu Wort. Sie geben einen fun­dierten Über­blick über ein Land, das bis zum Ende der Apartheid im Fokus der inter­na­tio­nalen Linken stand. Die vor der Tür ste­hende WM wird nur in zwei von Romin Khan geführten Inter­views gestreift. Während der His­to­riker Achille Mbembe moniert, die Regierung habe mit der kon­kreten Aus­ge­staltung der WM eine Chance auf eine Gesell­schafts­um­ge­staltung ver­passt hat, berichtet der aus Kongo stam­mende Stra­ßen­friseur und soziale Aktivist Gaby Bikombo, was die WM für die Armen bedeutet. Um die Vor­gaben des Welt­fuß­ball­ver­bands zu erfüllen, sollen Bikombo und seine Kol­legen während des Tur­niers von den Straßen ver­schwinden. Unter­schied­lichen Sicht­weisen stehen in dem Buch häu­figer neben­ein­ander.

Was die unter­schied­lichen Bei­trägen vereint, sind die Pro­bleme von sozialen Bewe­gungen, die in den letzten Jahren des Apartheid-Regimes gewachsen sind. Später wurden die sozialen Bewe­gungen zum großen Teil vom mäch­tigen Afri­ka­ni­schen Natio­nal­kon­gress (ANC) koop­tiert oder an den Rand gedrängt. Dass dafür aber auch interne Pro­bleme ver­ant­wortlich sind, zeigt Stephen Greenberg am Scheitern der Land­lo­sen­be­wegung und Prishani Naidoo an den internen Kon­flikten des Anti­pri­va­ti­sie­rungs­forums.

In dem Buch kommen kri­tische ANC-Mit­glieder zu Wort, wie der Anti-Aids-Aktivist Zackie Achmad. Er sieht die Partei noch immer als ein Bollwerk gegen Frem­den­feind­lichkeit und Ras­sismus. Achmad und die Akti­vistin Manisa Mali zeichnen in ihren Bei­trägen ein wesentlich dif­fe­ren­ziertes Bild von der Aids-Politik der ANC-Regie­rungen, als ein Großteil der hie­sigen Medien. So sehr sie die Ignoranz vom vor­letzten Prä­si­denten Thabo Mkebi und seiner Gesund­heits­mi­nis­terin Manto Tsha­balala-Msimang in der Frage der Aids­ent­stehung kri­ti­sieren, so machen sie doch deutlich, dass es in der Frage der Her­stellung von wirk­samen, güns­tigen Medi­ka­menten sogar eine Zusam­men­arbeit gegen die Ver­bände der Phar­ma­in­dustrie gegeben hat.

Die letzten beiden Kapitel befassen sich mit dem Ras­sismus gegenüber Migranten aus anderen afri­ka­ni­schen Ländern. Dabei geht der in der Arbei­ter­bil­dungs­arbeit tätige Oupa Lehulere scharf mit der Position der größten süd­afri­ka­ni­schen Gewerk­schaft COSATU ins Gericht, der er vor­wirft, sich haupt­sächlich für die süd­afri­ka­ni­schen Arbeiter zu enga­gieren. Für Lehulere ist der wach­sende Ras­sismus in Süd­afrika nicht in erster Linie eine Folge der Ver­armung sondern eine Nie­derlage linker Kräfte in der Arbei­ter­be­wegung. Erst dadurch sei der Raum für ras­sis­tische Deu­tungs­muster der Armut geöffnet worden. Das Buch schließt mit einer Erklärung von Akti­visten aus Armen­sied­lungen in der Nähe von Durban, die sich wenige Tage nach den ras­sis­ti­schen Pogromen vom Mai 2008 in bewe­genden Worten für einen gemein­samen Kampf aller Unter­drückten aus­ge­sprochen haben. Das Buch liefert einen guten Blick hinter die WM-Kulissen, die in den nächsten Monaten die Sicht auf die realen Lebens­ver­hält­nisse in Süd­afrika ver­stellen.

Jens Erik Ambacher, Romin Khan: Süd­afrika – die Grenzen der Befreiung. Verlag Asso­ziation A, Berlin/​Hamburg, April 2010, 263 Seiten, 16 Euro.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​2​0​5​3​.​s​u​e​d​a​f​r​i​k​a​-​b​e​f​r​e​i​u​n​g​-​m​i​t​-​f​a​l​l​s​t​r​i​c​k​e​n​.html

Peter Nowak

Späte Anklage

In New York läuft ein Ver­fahren gegen die deut­schen Unter­nehmen Daimler und Rhein-Metall; ihnen wird vor­ge­worfen, dass sie mit dem frü­heren süd­afri­ka­ni­schen Apartheid-Régime wirt­schaftlich zusam­men­ge­ar­beitet haben
Fast zwei Jahr­zehnte ist das Apartheid-Régime in Süd­afrika schon Ver­gan­genheit. Jetzt könnten mehrere Groß­kon­zerne doch noch von der Geschichte ein­geholt werden. Zur Zeit läuft in New York ein Ver­fahren gegen die deut­schen Unter­nehmen Daimler und Rhein-Metall sowie die US-Firmen GM, Ford und IBM. Opfer des Apartheid-Regimes, die sich in der Khu­lumani-Support-Group zusam­men­ge­schlossen haben, und ihre Unter­stützer werfen diesen Unter­nehmen vor, durch die wirt­schaft­liche Zusam­men­arbeit dazu bei­getragen zu haben, dass sich das inter­na­tional geächtete Régime an der Macht halten konnte.

So wird dem Daimler-Konzern vor­ge­worfen, dem Apart­heid­regime-Régime Hub­schrauber und Flug­zeuge geliefert zu haben, die auch bei der Bekämpfung von Pro­testen der Bevöl­kerung zum Einsatz gekommen sind. Dadurch seien sie auch an deren Ver­brechen gegen die Bevöl­kerung schuldig, argu­men­tieren die Rechts­an­wälte, die eine Sam­mel­klage von meh­reren Tausend Apart­heid­gegnern ein­ge­reicht haben. Sollten sie Erfolg haben, müssten die Firmen mit Scha­den­er­satz­for­de­rungen in Mil­li­ar­denhöhe rechnen. Auch der Image­verlust für die betrof­fenen Firmen wäre enorm.

Frage der Zustän­digkeit

Doch zunächst geht es vor dem New Yorker Gericht um die Frage, ob die Klagen über­haupt zulässig sind. Die Kläger berufen sich auf den Alien Tort Claims Act, mit dem gegen die Pira­terie vor­ge­gangen werden sollte. Das Papier von 1798 erklärt völ­ker­recht­liche Ver­let­zungen von Nicht­ame­ri­kanern gegenüber Nicht­ame­ri­kanern für geset­zes­widrig und gesteht ihnen das Recht zu, sich an Gerichte in den USA zu wenden. Die Bun­des­re­gierung will die Zustän­digkeit eines US-Gerichts für deutsche Firmen nicht aner­kennen. Bisher haben auch mehrere Vor­in­stanzen in diesem Sinne ent­schieden und die Klagen deshalb als unbe­gründet zurück­ge­wiesen.

Doch jetzt stehen die Chancen für die Kläger besser. So hat der süd­afri­ka­nische Jus­tiz­mi­nister Jeff Radebe ein Ver­fahren in den USA aus­drücklich begrüßt. Auch die Obama-Regierung hat sich, anders als ihre Vor­gänger, für die Anwendung des Alien Tort Claims Act in diesen Fällen aus­ge­sprochen. Der Anwalt der Kläger Michael Hausfeld gehört zu den poli­ti­schen Unter­stützern des gegen­wär­tigen US-Prä­si­denten
 http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​8​/​1​47035

Peter Nowak