Weihnachten soll wehtun

Mit Spontanität wollen die Amazon-Arbeiter den Konzern unter Druck setzten

Eine große Kam­pagne gegen die Arbeits­be­din­gungen bei Amazon vor Weih­nachten sucht man in diesem Jahr ver­gebens. Das liegt jedoch nicht an Untä­tigkeit sondern an einer neuen Taktik der Gewerk­schaft.

Bis Wei­hachten wird an den Amazon-Stand­orten Rheinberg, Werne und Koblenz gestreikt. Der Aus­stand begann am 21.Dezember. Damit ist der Kampf der Amazon-Beschäf­tigten für einen neuen Tarif­vertrag nach den Kon­di­tionen des Ein­zel­handels wieder neu ent­brannt. In den ver­gan­genen Jahren fand der Arbeits­kampf vor allem in den Weih­nachts­tagen ein großes öffent­liches Interesse. Schließlich ist der Online­konzern in dieser Zeit besonders druck­emp­findlich, weil sehr viele Men­schen Bestel­lungen auf­geben.

Im November und der ersten Dezem­ber­hälfte wurde auch in diesem Jahr an 12 Tagen an unter­schied­lichen Amazon-Stand­orten die Arbeit nie­der­gelegt. Dass diese Aus­stände medial wenig Beachtung fanden, lag auch an der ver­än­derten Streik­taktik der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di. »Es werden nicht alle Streiks per bun­des­weiter Pres­se­mit­teilung bekannt gemacht. Wenn in einem Lan­des­bezirk gestreikt wird, wird dies über eine Lan­des­pres­se­mit­teilung bekannt gegeben«, erklärt Thomas Voss vom verdi-Fach­be­reich Handel gegenüber »nd«. Die neue Streik­taktik habe sich aber bewährt, meint der Gewerk­schafts­se­kretär. Die fle­xible Stra­tegie, bei der Streiks sehr kurz­fristig bekannt gemacht werden, mache es für Amazon schwer, zu reagieren und sich auf den Aus­stand vor­zu­be­reiten. »Das führt zu spür­baren Stö­rungen der Arbeits­ab­läufe mit Aus­wir­kungen auf die Aus­lie­ferung und treibt die Kosten für Amazon in die Höhe. Denn das Unter­nehmen hat an vielen Stand­orten Ersatz­be­schäf­tigte ein­ge­stellt, die dann nicht zum Einsatz kommen, weil wir zum ange­nom­menen Zeit­punkt eben nicht streiken«, betont Voss. Dabei seien allein in Leipzig im November rund 7000 soge­nannte unpro­duktive Stunden ange­fallen.

Dass Amazon manchmal mehr Geld aus­geben muss, wenn nicht gestreikt wird, bestätigt auch David Johns vom Streik-Soli­da­ri­täts­bündnis Leipzig gegenüber »nd«. Die zusätzlich ein­ge­stellten Ersatz­be­schäf­tigten müssen ebenso bezahlt werden, wie die regu­lären Mit­ar­beiter. Wenn es dann doch zu ver­län­gerten Mit­tags­pausen kommt, wie eine der fle­xiblen Arbeits­kampf­me­thoden genannt wird, sei die Stimmung gut und es würden auch sich auch Beschäf­tigte daran betei­ligen, die vorher abseits standen.

Das außer­be­trieb­liche Bündnis unter­stützt seit mehr als drei Jahren die Beschäf­tigten, die für bessere Arbeits­be­din­gungen kämpfen.Es wurde zum Vorbild für Soli­bünd­nisse an anderen Amazon-Stand­orten. Das letzte bun­des­weite Treffen der Soli­da­ri­täts­gruppen fand im November 2016 am Standort Bad Hersfeld statt. Dort wurde auch das Konzept des Kon­su­men­ten­streiks ent­wi­ckelt. Kunden sollten Waren bestellen und anschließend von der Mög­lichkeit der Rück­sen­dungen gebrauch machen. Dabei sollten die Sen­dungen mit Unter­stüt­zungs­be­kun­dungen der Strei­kenden ver­sehen werden.

»Wir waren orga­ni­sa­to­risch nicht in der Lage, diese Kunden-Kam­pagne so aus­zu­weiten, dass sie sich für Amazon auch finan­ziell bemerkbar macht«, meint Johns. Ver.di bietet für ihre Aktion Auf­kleber an, die für die Rück­sen­dungen ver­wendet werden können. Darauf heißt es unter anderem: »«

»Eine präzise Aus­wertung können wir nicht bieten. Wir wissen aber, dass sie auf großes Interesse bei Kunden stößt und der Arbeit­geber Amazon sie sehr wohl regis­triert«, meint Thomas Voss. Über die weitere Per­spektive des Amazon-Streiks will sich der Gewerk­schafts­se­kretär nicht äußern. Nur soviel, der Kampf werde wei­ter­gehen. »So lange bei Amazon kein Tarif­vertrag exis­tiert, muss sich das Unter­nehmen jederzeit auf Arbeits­kampf­maß­nahmen und auch weitere Streiks ein­stellen. Und wir werden bei unserer der­zei­tigen fle­xiblen Streik­taktik bleiben, weil wir sie als sehr erfolg­reich ansehen«, stellt Voss klar.

Auch das Soli­bündnis hat seine Arbeit kei­neswegs ein­ge­stellt, selbst wenn die Homepage seit einem Jahr nicht erneuert wurde. »Wir haben in letzter Zeit mehr mit den Kol­legen vor Ort gear­beitet, als bun­des­weite Kam­pagnen gemacht«, begründet David John diese digitale Inak­tua­lität. Das Bündnis bereitet das am pol­ni­schen Amazon-Standort Wroclaw geplante Treffen der Beschäf­tigten vor. Dort wollen Amazon-Beschäf­tigte aus ver­schie­denen Ländern darüber beraten, wie sie Amazon trans­na­tional unter Druck setzen können.

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Von Peter Nowak