»Die Russen sind da!«

In Polen steht das Ende des Zweiten Welt­kriegs für den Beginn einer neuen Besat­zungszeit.

Geht es nach dem pol­ni­schen Prä­si­denten Bro­nislaw Komo­rowski, soll der 8. Mai in diesem Jahr zu einem geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Spek­takel werden. An diesem Tag will er die Staats- und Regie­rungs­chefs aller EU-Staaten auf die Wes­ter­platte bei Gdańsk zu einer Kon­ferenz begrüssen. auf der eine Lesart der Geschichte euro­päi­siert werden soll, die in den letzten Jahren in Polen zum All­ge­meingut geworden ist. Ihr zufolge hat die Rote Armee Polen im Frühjahr 1945 besetzt und die Befreiung habe erst 1989 statt­ge­funden. Es ist ver­ständlich, dass auf einer solchen Kon­ferenz ein Ver­treter der rus­si­schen Regierung keinen Platz hat.

Auf der Wes­ter­platte, auf der die Deut­schen mit einem Schuss ausder Kanone eines Pan­zer­kreu­zersd den Zweite Welt­krieg eröff­neten, soll am 8. Mai der in Russland weiter gepflegten sowje­ti­schen Geschichts­er­zählung die Per­spektive der Länder ent­ge­gen­stellen werden, für die 1945 keine volle nationale Freiheit gebracht hat, heißt es in pol­ni­schen Medien. Das Gedenken dürfe nicht poli­ti­siert werden, ent­gegnete der pol­nische Prä­sident den Kri­tikern, die an den his­to­ri­schen Fakt erinnern, dass die Rote Armee mit großen Opfern die deutsche Wehr­macht aus Polen ver­trieben hat.

Der absichts­volle Aus­schluss Russ­lands als Rechts­nach­folger der Sowjet­union hat für die Ver­treter der aktu­ellen pol­ni­schen Geschichts­po­litik aller­dings mit Politik nichts zu tun; er zählt zur pol­ni­schen Staats­raison. Damit werden aller­dings nicht nur die Ange­hö­rigen der Roten Armee aus der offi­zi­ellen Gedenk­po­litik aus­ge­schlossen. „Die viel­fäl­tigen Orga­ni­sa­ti­ons­formen des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands in Polen und ins­be­sondere die Bedeutung der 1. und 2. Pol­ni­schen Armee, die Seite an Seite mit der Roten Armee kämpfte, werden heute in Polen kaum gewürdigt. Die Befreiung vom Faschismus im Mai 1945 wird in den Schul­bü­chern nicht als Befreiung, sondern Beginn einer neuen Besat­zungs­pe­riode gedeutet. Nicht der Kampf gegen den deut­schen Faschismus und Natio­na­lismus wird her­vor­ge­hoben, sondern der eigene Natio­na­lismus ver­klärt“, kri­ti­siert der Jurist und Publizist Kamil Majchrzak die neue pol­nische Geschichts­po­litik. Einen zen­tralen Grund für das Ver­schweigen des linken pol­ni­schen Bei­trags bei der Zer­schlagung des NS sieht er darin, dass die Kom­bat­tanten nicht nur gegen die deut­schen Besatzer kämpften, sondern für eine grund­le­gende gesell­schaft­liche Umge­staltung in Polen ein­traten.

Nach neueren his­to­ri­schen For­schungen betei­ligten sich an den Kämpfen um Berlin ins­gesamt 170 000 pol­nische Sol­daten .12 000 von ihnen kämpften in der Ber­liner Innen­stadt gegen die letzten Nester von Wehr­macht und Volks­sturm. An den ver­schie­denen Fronten kämpften nach Majchrzaks Recherchen ca. von 600.000 pol­ni­schen Kom­bat­tanten gegen die Wehr­macht. Ihr Beitrag zur Zer­schlagung des NS wird heute in Polen igno­riert, weil sie an der Seite der Roten Armee kämpften.

Selbst die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung von Auschwitz ist in der heu­tigen offi­zi­ellen Geschichts­po­litik zumindest strittig. Der pol­nische Prä­sident Komo­rowski erklärte in einem Interview mit der Gazeta Wyborcza, den Häft­lingen von Auschwitz könne man nicht absprechen, dass sie sich von den sowje­ti­schen Truppen befreit fühlten. Dies habe aber nicht für alle Men­schen in Ost­mit­tel­europa gegolten. Dass die letzten Über­le­benden von Auschwitz von der Roten Armee real befreit wurden, kam ihm nicht über die Lippen.

Polens Außen­mi­nister Grzegorz Schetyna ver­suchte mit der These, Auschwitz sei nicht von »Russen«, sondern von Ukrainern befreit worden, die neue pol­nische Geschichts­doktrin aus­zu­weiten. Er begründete seine Auf­fassung auf den Umstand, dass die 1945 in Süd­polen ope­rie­renden sowje­ti­schen Ein­heiten der »1. Ukrai­ni­schen Front« ange­hörten. Dieser eigen­wil­ligen Geschichts­in­ter­pre­tation kon­terte das rus­sische Außen­mi­nis­terium mit einer Erklärung, in der dem Außen­mi­nister Wis­sens­lücken attes­tiert worden. „Es ist all­gemein bekannt, dass das KZ Auschwitz von den Truppen der Roten Armee befreit wurde, in der Ver­treter vieler Natio­na­li­täten hel­denhaft kämpften“, heißt es darin.

Unter den sowje­ti­schen Sol­daten der soge­annten Ukrai­ni­schen Front, die Auschwitz befreiten, viele Juden. Etwa Ana­tolij Schapiro; er öffnete als erster Soldat der Roten Armee das Tor von Auschwitz öffnete und wurde von den Über­le­benden mit dem Jubel­schrei „Die Russen sind da!“ begrüßt. Den Ange­hö­rigen der Ukrai­ni­schen Front in der Roten Armee stand die natio­na­lis­tische ukrai­nische Bewegung gegenüber, die sich im Kampf gegen die Sowjet­union mit Nazi­deutschland ver­bündete und schon unmit­telbar nach dem Ein­marsch der Wehr­macht mit den Mas­sen­morden an den ukrai­ni­schen Juden begann. Füh­rende Köpfe dieser Bewegung, zum Bei­spiel Stephan Bandera, werden in der heu­tigen Ukraine reha­bi­li­tiert und als Frei­heits­kämpfer gegen Russland gefeiert. Daher ist es eine besonders perfide Geschichts­klit­terung, wenn der pol­nische Außen­mi­nister diese Ukraine heute in die Tra­dition der Auschwitz­be­freier stellt.

Nicht nur als Befreier vom NS auch als Opfer der Nazis sind Kom­mu­nisten in der neuen pol­ni­schen Gedenk­po­litik nicht vor­ge­sehen. Die Kon­se­quenzen bekamen Ange­hörige von NS-Opfern aus ver­schie­denen euro­päi­schen Ländern zu spüren. Sie wollten am 30. Januar 2015 im west­pol­ni­schen Slonsk an der Ein­weihung der neu gestal­teten Aus­stellung über das Kon­zen­tra­ti­ons­lager und Zuchthaus Son­nenburg teil­nehmen. „Sie waren ein­ge­laden aber nicht will­kommen. Nur unter großen Schwie­rig­keiten kamen sie in den Saal, in dem die Eröff­nungs­ver­an­staltung stattfand. Dort wurden sie nicht begrüßt. Als die Aus­stellung eröffnet wurde, mussten sie vor dem Museum warten bis die Führung für die offi­zi­ellen Gäste beendet war“, heißt es in einer Pres­se­mit­teilung des Inter­na­tio­nalen Arbeits­kreises zum Gedenken an die Häft­linge des KZ und Zucht­hauses Son­nenburg bei der Ber­liner Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Nazi­re­gimes (VVN-BdA).

In Son­nenburg wurden bereits im Frühjahr 1933 hun­derte Kom­mu­nisten und bekannte linke Nazi­gegner wie Erich Mühsam, Carl von Ossietzky und Johannes Litten inhaf­tiert und gefoltert. Nach dem 2. Welt­krieg wurden soge­nannte Nacht-und Nebel-Gefangene aus ganz Europa nach Son­nenburg ver­schleppt. 819 Gefan­genen wurden in der Nacht vom 31. Januar 1931 von einem SS-Kom­mando erschossen, kurz bevor die Roten Armee das Lager erreichte? Ob der pol­ni­schen Prä­si­denten den wenigen Gefan­genen, die sich vor dem Mas­saker ver­stecken konnten, wohl aus­nahms­weise zuge­steht, dass die von der Roten Armee real und nicht nur gefühlt befreit wurden?

aus: Konkret 5/2015

http://​www​.konkret​-magazin​.de/​h​e​f​t​e​/​h​e​f​t​a​r​c​h​i​v​/​i​d​-​2​0​1​5​/​h​e​f​t​-​5​2​0​1​5​/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​i​n​-​k​o​n​k​r​e​t​-​1​4​8​8​.html

Peter Nowak

»Ich verlor die Hoffnung«

NS-GESCHICHTE Eine kleine Aus­stellung widmet sich den Todes­mär­schen von KZ-Häft­lingen

»An einem bestimmten Punkt dieses Todes­marschs verlor ich jede Hoffnung«, erinnert sich Eric Imre Hitter, ein jüdi­scher KZ-Häftling. »Ich konnte nicht mehr wei­ter­gehen, und ich wusste, dass ich sterben würde. Dies war ein zen­trales Erlebnis. Ich war mir sicher: Das ist mein Ende.« Doch dann hätten ihn zwei Häft­linge in die Mitte genommen, unter­gehakt und mit­ge­schleift.

Mit diesen bewe­genden Worten schildert Hitter den Moment, der ihm das Leben rettete. Er gehört zu den nach His­to­ri­ke­rIn­nen­an­gaben rund 785.000 Gefan­genen, die in den letzten Monaten des NS-Regimes von SS-Mann­schaften, Polizei und frei­wil­ligen Helfern auf der Flucht vor den Alli­ierten durch ganz Deutschland getrieben wurden.

Eine Aus­stellung im Foyer der Stiftung Erinnern, Ver­ant­wortung und Zukunft (EVZ), zu deren Eröffnung Hitter sprach, beschreibt noch bis zum 22. Januar die Todes­märsche. Auf sieben Schau­tafeln hat die His­to­rikern Susanne Urban Zeug­nisse von Opfern, Über­le­benden und Augen­zeu­g­Innen des letzten orga­ni­sierten Mas­sen­ver­bre­chens der Nazis zusam­men­ge­stellt. Ein Großteil der schon durch die KZ-Haft geschwächten Gefan­genen über­lebte die Märsche nicht. Wer zu fliehen ver­suchte oder nicht gehen konnte, wurde erschossen. Zudem gab es Mas­sen­er­schie­ßungen von Gefan­genen, damit sie nicht von den Alli­ierten befreit werden konnten. Auch mitten durch Berlin wurde ein Zug von Gefan­genen auf den Weg von Lie­berose nach Sach­sen­hausen getrieben.

Günter Saathoff vom Vor­stand der EVZ spricht am Eröff­nungs­abend von »Mas­sen­ver­brechen im dop­pelten Sinne«. Die Zahl der Opfer sei groß gewesen, aber auch die Zahl der Täter. An den Morden betei­ligten sich neben der SS auch Zivi­listen, dar­unter der »Volks­sturm« und die Hit­ler­jugend.

Die Aus­stellung macht die Absur­dität der Behauptung großer Teile der deut­schen Bevöl­kerung in der Nach­kriegszeit deutlich, sie habe von den NS-Ver­brechen nichts gewusst. Aus­reden dieser Art von Bür­ger­meistern und Amts­trägern sind dort doku­men­tiert. Dabei ist das letzte Ver­brechen der NS-Zeit vor Mil­lionen Augen­zeu­g­Innen verübt worden. Die Zahl der Men­schen, die den Häft­lingen halfen, indem sie ihnen etwa zu essen gaben oder sie ver­steckten, war hin­gegen klein.

Die Aus­stellung ist ein wich­tiger Beitrag zur Auf­ar­beitung dieses letzten NS-Ver­bre­chens nach fast 70 Jahren. Sie sollte aller­dings nicht nur im Foyer der EVZ mit ihren eng begrenzten Öff­nungs­zeiten, sondern auch in Biblio­theken, Schulen und anderen öffent­lichen Gebäuden gezeigt werden.

Peter Nowak

Bis 22. Januar, Montag bis Freitag 10 bis 15 Uhr. Bitte klingeln. Stiftung EVZ, Lindenstraße 20–25, 10969 Berlin

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2014%2F01%2F07%2Fa0134&cHash=e66a0438cd83af58f55ac1c5bf63e225

Odyssee durch die Konzentrationslager

WIDER­STAND Aus­stellung erinnert an den Kampf von Gewerk­schaftern gegen die Nazis
»Einen Sozi­al­de­mo­kraten kann man auf die Schnauze hauen, aber die Gesinnung könnt ihr mir nicht nehmen.« So selbst­be­wusst äußerte sich der Gewerk­schafter Max Ulrich gegenüber den Gestapo-Leuten, die ihn 1933 abholten. Damals begann für ihn eine Odyssee durch mehrere KZs, die erst 1945 endete. Ulrichs Geschichte dem Ver­gessen ent­rissen hat eine Aus­stellung mit dem etwas pathe­ti­schen Titel »Seid wachsam, dass über Deutschland nie wieder die Nacht her­ein­bricht«. Noch bis Monatsende ist sie im DGB-Haus am Hacke­schen Markt zu sehen.

In zwei Räumen werden die Bio­grafien von Gewerk­schaftern der unter­schied­lichen poli­ti­schen Strö­mungen vor­ge­stellt, die von den Nazis ver­folgt wurden. Viele über­lebten den Nazi­terror nicht. So starb der Sozi­al­de­mokrat und Berg­ar­beiter-Gewerk­schafter Fritz Husemann nach schweren Miss­hand­lungen im KZ Ester­wegen. »Die Lippen waren blutig geschlagen, die Augen stark geschwollen von Schlägen. Er wurde mit den Worten emp­fangen: ‚Da kommt der rote Hund, der das Ruhr­gebiet ver­seuchen wollte‘ «, beschreibt ein Augen­zeuge.

Auch der in der Aus­stellung por­trä­tierte Lothar Erdmann starb 1939 im KZ Sach­sen­hausen. Dabei hatte sich der Exponent des rechten Flügels der Gewerk­schaften noch bis Mai 1933 für eine Ver­stän­digung mit den Natio­nal­so­zia­listen ein­ge­setzt und »die nationale Orga­ni­sation der Arbeit« beschworen. Mit Maria Pleßner und Mat­hilde Klose werden auch zwei ver­gessene Gewerk­schaf­te­rinnen in der Aus­stellung vor­ge­stellt.

Streit um eine Jacke

Besonders tra­gisch ist die Bio­grafie des kom­mu­nis­ti­schen Gewerk­schafters Rudolf Lentzsch. Nach jah­re­langen KZ-Auf­ent­halten wurde er wenige Tage vor dem Ende des Nazi­re­gimes von einem sowje­ti­schen Sol­daten beim Streit um eine Leder­jacke erschossen. Lentzsch war Mit­be­gründer der Revo­lu­tio­nären Gewerk­schafts­op­po­sition (RGO), mit der die KPD in den letzten Jahren der Wei­marer Republik eine Links­wende unter den Arbei­te­rInnen erreichen wollte. In diesem Zusam­menhang kor­ri­giert Stefan Heinz von der Arbeits­stelle Nationale und Inter­na­tionale Gewerk­schafts­po­litik am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin das Bild der völlig von Mos­kauer Direk­tiven abhän­gigen RGO und arbeitet die relative Auto­nomie der linken Gewerk­schaf­te­rInnen heraus – auch gegenüber der KPD.

Die Arbeits­stelle hat die Aus­stellung mit der Heinz-Böckler-Stiftung und der Stiftung Bran­den­bur­gi­scher Gedenk­stätten kon­zi­piert. Ihr Anliegen ist es, den Arbei­ter­wi­der­stand wieder stärker bekannt zu machen. Die meisten der hier Por­trä­tierten waren schon gegen die Nazis aktiv, als viele der später umfang­reich geehrten »Männer des 20. Juli« noch glü­hende Hit­ler­an­hänger waren. 

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2011%2F06%2F14%2Fa0149&cHash=7e337cc88e

Peter Nowak

»Seid wachsam, dass über Deutschland nie wieder die Nacht her­ein­bricht. Gewerk­schafter in Kon­zen­tra­ti­ons­lagern 1933–1945«. Bis 30. 6. im DGB-Haus, Hacke­scher Markt. Mo.-Sa. 10–18 Uhr, Ein­tritt frei. Bro­schüre, 240 Seiten, 4 Euro

Aufklärung über »Neofaschismus«

ANTIFA Eine Ausstellung in der TU informiert über neue Entwicklungen im Rechtsextremismus

Über die aktu­ellen Erschei­nungs­formen des »Neo­fa­schismus in Deutschland« infor­miert derzeit eine Aus­stellung im Lichthof der Tech­ni­schen Uni­ver­sität. Sie wurde von der Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Naziregimes/​Bund der Anti­fa­schisten (VVN/​BdA) gemeinsam mit dem Asta der TU erstellt. Auf 26 Tafeln wird auf unter­schied­liche Aspekte der Ideo­logie und Praxis der extremen Rechten ein­ge­gangen. Durch die Kom­bi­nation von Fotos und knappen, aber aus­sa­ge­kräf­tigen Erklä­rungen und Zitaten aus rechten Publi­ka­tionen und Inter­view­mit­schnitten wird auch Besu­che­rInnen ohne Vor­wissen ein guter Ein­blick in die rechte Szene ver­mittelt.

Die Tafeln gehen auf die unter­schied­lichen Poli­tik­felder ein, in denen die extreme Rechte mit­mischt. Dazu gehört natürlich die Hetze gegen Migran­tInnen und die Agi­tation für Härte gegen Kri­mi­nelle. So findet sich die Parole »Wir räumen auf« auf ver­schie­denen Foto­gra­phien rechter Demons­tra­tionen. Die T‑Shirt-Motive mancher Teil­neh­me­rInnen sind oft noch deut­licher. »Jesus konnte angeblich über Wasser gehen, ich gehe über Leichen« lautet etwa das Bekenntnis eines Jung­rechten.

Wesentlich schwerer ist rechte Pro­pa­ganda in sozialen Bewe­gungen zu erkennen. Da findet sich auf einen Trans­parent die Anti-AKW-Sonne mit der Parole »Natio­na­listen gegen Atom­kraft«. Freie Natio­na­lis­tInnen ver­teilen Flyer gegen Sozi­al­abbau, die sich im Layout kaum von linken Mate­rialien unter­scheiden.

Eine Tafel widmet sich den Schnitt­stellen zwi­schen der extremen Rechten und der Debatte im gesell­schaft­lichen Main­stream. So titelte Bild am 3. 1. 2008: »Dau­er­kri­mi­nelle Aus­länder aus­weisen«, und fand damit viel Beifall in der extremen Rechten. Der Bun­des­ge­schäfts­führer der VVN/​BdA Thomas Willms warnt vor einer Unter­schätzung dieses Aspekts. »Neo­fa­schis­tische Gruppen haben schließlich nur Erfolg, wenn es ihnen gelingt, rele­vante poli­tische Fragen auf­zu­nehmen und Impulse aus dem poli­ti­schen und sozialen Geschehen zu ziehen.« PETER NOWAK

Bis 26. 11., Haupt­ge­bäude der TU, Straße des 17. Juni 135, Ein­tritt frei. Begleitend zur Aus­stellung findet jeden Montag um 18 Uhr im Raum H 2038 Ver­an­stal­tungen statt

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2010%2F11%2F10%2Fa0158&cHash=47a0c44822

Peter Nowak

Berliner »Studentenpack«

Aus­stellung wirft einen kri­ti­schen Blick auf 200 Jahre Stu­den­ten­be­we­gungen
Beim Begriff Stu­den­ten­be­wegung denken die meisten sicher an die APO-Zeit der 1960er Jahre. Doch Stu­denten waren in Deutschland schon immer poli­tisch in Bewegung – nach rechts wie nach links. Daran erinnert derzeit eine Aus­stellung in der Ber­liner Hum­boldt-Uni­ver­sität.

»Stu­den­tenpack« lautete das Schimpfwort von Kon­ser­va­tiven, die sich nach 1968 von den Akti­vi­täten auf­be­geh­render Uni­ver­si­täts­ab­sol­venten gestört fühlten. Wenn der Begriff zurzeit auf Pla­katen im Ber­liner Stra­ßenbild auf­taucht, wird damit aller­dings für eine Aus­stellung geworben, für die der Begriff »in Bewegung bleiben« gleich in dop­pelter Hin­sicht gilt. Da die Aus­stellung auf sechs Etagen im Hegel­ge­bäude der Ber­liner Hum­boldt-Uni­ver­sität ver­teilt ist, sollte der Betrachter viel Zeit mit­bringen. Denn auf den Tafeln wird man über die durchaus nicht nur fort­schritt­liche Geschichte der Stu­die­renden und ihrer Bewe­gungen in den letzten 200 Jahren in Berlin infor­miert.

So wird an die schon Mitte des 19. Jahr­hundert begin­nende Kam­pagne gegen pol­nische Kom­mi­li­tonen erinnert. »Die Aus­län­de­rinnen erdrücken uns durch die Überzahl«, wird eine Medi­zin­stu­dentin Anfang des 20. Jahr­hun­derts in der Aus­stellung zitiert. Dabei hatten auch Frauen nach der Meinung vieler Stu­den­ten­ver­bände nichts an den Uni­ver­si­täten ver­loren. Manche der Kom­mi­li­to­ninnen for­derten ihr Recht auf ein Studium deshalb mit ihrem Status als deutsche Frau ein.

Auch die jüdi­schen Stu­die­renden wurden schon seit Mitte des 19. Jahr­hun­derts dis­kri­mi­niert, verbal und zunehmend auch tätlich ange­griffen. Der Anti­se­mi­tismus am Campus der Ber­liner Hoch­schule wird in der Aus­stellung gründlich doku­men­tiert. So unter­schrieben 1880 fast 20 Prozent der dama­ligen Stu­die­renden an der Ber­liner Uni­ver­sität eine Petition gegen die Gleich­stellung der jüdi­schen Kom­mi­li­tonen. Die Novem­ber­re­vo­lution 1918 änderte an der reak­tio­nären Grund­stimmung an der Uni­ver­sität wenig. Einem Rat sozia­lis­ti­scher Stu­die­render, die die Revo­lution unter­stützte und am Dach der Uni­ver­sität die rote Fahne hissen ließ, wurde schon nach wenigen Tagen vom Rat der Volks­be­auf­tragten das Recht aberkannt, als Ver­tre­tungs­organ der Ber­liner Stu­die­renden zu fun­gieren. Dafür hatten die mas­siven Pro­teste der kon­ser­va­tiven Stu­die­renden gesorgt. Nicht wenige von ihnen kämpften 1919 als Frei­willige in den Frei­korps gegen die Arbei­ter­auf­stände oder schlossen sich 1920 dem Kapp-Putsch für die Abschaffung der Republik an. Ein jüdi­scher Kos­mo­polit wie der Medi­ziner Georg Friedrich Nicolai wurde 1920 vom aka­de­mi­schen Senat als »mora­lisch unwürdig« klas­si­fi­ziert, weil er während des 1. Welt­kriegs in der Schweiz alle Europäer gegen den Krieg auf­ge­rufen hatte.

Wer diese in der Aus­stellung gut belegten Fakten kennt, wundert sich nicht mehr über die frei­willige Gleich­schaltung der Uni­ver­sität im Natio­nal­so­zia­lismus. Am Bei­spiel der Juristin Erna Pros­kauer werden Kon­ti­nui­täten bis in die Nach­kriegszeit deutlich. 1956 ver­wei­gerte das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der aus dem Exil zurück­ge­kehrten Frau eine Ent­schä­digung für ihre Ent­lassung als ange­hende Juristin im Jahr 1933. Als Frau und mit ihren Noten­durch­schnitt hätte sie sowieso keine Chance auf eine Ver­be­amtung gehabt, lautete die zynische Begründung der Richter.

Die beiden unteren Etagen sind den aktu­el­leren Stu­die­ren­den­be­wegung gewidmet. Dort werden am Bei­spiel der Geschichte von stu­den­ti­schen Publi­ka­tionen die unter­schied­lichen Wege der Pro­test­szene doku­men­tiert. Während die im West­ber­liner Uni­ver­si­täts­streik von 1989 gegründete »Faust« Mitte der 1990er Jahren ihr Erscheinen ein­stellte, mutierte die »Unauf­ge­fordert«, ein Produkt des Ost­ber­liner Wen­de­herbstes am Campus, zum Life-Style-Magazin. Mitt­ler­weile ist das Internet zum wich­tigen Medium geworden.

Die Aus­stellung »stud. Berlin – 200 Jahre Stu­dieren in Berlin« ist bis zum 23. Dezember 2010 im HU-Semi­nar­ge­bäude am Hegel­platz (Doro­the­enstr. 24) von Mo-Fr, 8–22 Uhr und Sa., 10–18 geöffnet. Der Ein­tritt ist frei. Im Internet: www​.stu​dier​barkeit​.de

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​7​5​7​9​7​.​b​e​r​l​i​n​e​r​-​s​t​u​d​e​n​t​e​n​p​a​c​k​.html

Peter Nowak

Unsichtbare Grenzen

FLÜCHT­LINGE Eine von Neo­nazis in Zossen zer­störte anti­ras­sis­tische Aus­stellung zur FLücht­lings­po­litik ist rekon­struiert worden und im Haus der Demo­kratie zu sehen

Der Mann mitt­leren Alters war empört: Er sei nicht vor 20 Jahren gegen die Mauer auf die Straße gegangen, um jetzt einen schrift­lichen Antrag zu stellen, wenn er von Ober­havel nach Berlin fahren will. Diese Maß­nahme hatte ihm ein Team junger Männer und Frauen ange­kündigt, die sich »Arbeits­kreis Innere Sicherheit Ober­havel« nannten. Die Szene findet sich in einem Video, das in der am Mon­tag­abend im Ber­liner Haus der Demo­kratie wie­der­eröff­neten Aus­stellung »Resi­denz­pflicht – Invi­sible Borders« zu sehen ist. Die 1982 im Bun­destag ver­ab­schiedete Regelung ver­bietet Flücht­lingen das Ver­lassen des ihnen von den Aus­län­der­be­hörden zuge­wie­senen Land­kreises ohne Geneh­migung. Die in dem Video gezeigten Szenen sind also nicht so absurd, wie sie sich anhören.

Die Aus­stellung ist Teil einer Diplom­arbeit, die der Archi­tek­tur­so­ziologe Philipp Kuebart an der TU Berlin erstellt hat. Dass die Expo­sition jetzt in Berlin gezeigt werden kann, ist dem Enga­gement vieler Unter­stüt­ze­rInnen zu ver­danken. Sie war am 22. Januar bei einem von Neo­nazis gelegten Brand im Haus der Demo­kratie in Zossen (Teltow-Fläming) völlig zer­stört worden. Während zivil­ge­sell­schaft­liche Initia­tiven in Zossen im Gebäude einer ehe­ma­ligen Kfz-Zulas­sungs­stelle ein neues Haus der Demo­kratie auf­bauen, ist die über­ar­beitete und erwei­terte Aus­stellung im Ber­liner Haus der Demo­kratie bis 2. Juli zu sehen.

Neu hin­zu­ge­kommen sind die Land­schafts­bilder des Foto­grafen Max Kratzer. Die abge­bil­deten Wiesen, Feld- oder Waldwege sind für Flücht­linge Orte der Angst und Kon­trolle, die sie beim Ver­lassen ihres Flücht­lings­heims pas­sieren müssen. Kay Wendel vom Flücht­lingsrat Bran­denburg betonte in seiner Eröff­nungsrede, dass in der Aus­stellung Flücht­linge nicht zu Opfern gemacht werden. Statt­dessen stehe in den Arbeiten die Technik der Über­wa­chung und Kon­trolle im Mit­tel­punkt. Das wird an den aus­ge­stellten Modellen ver­schie­dener Bran­den­burger Flücht­lings­heime deutlich, die häufig in ehe­ma­ligen Kasernen errichtet worden sind. In Wort, Bild und Text werden den Besu­che­rInnen Hin­ter­gründe zum deut­schen Asyl­recht ver­mittelt.

In der letzten Zeit sei der Druck zur Auf­hebung dieser Bewe­gungs­ein­schränkung in ver­schie­denen Bun­des­ländern gewachsen, betont Wendel. In Bayern und Thü­ringen habe der kon­ti­nu­ier­liche Wider­stand von Flücht­lingen für Dis­kus­sionen gesorgt. In Bran­denburg und Berlin habe sich die Links­partei als Teil der Lan­des­re­gierung gegen die Resi­denz­pflicht aus­ge­sprochen, während die SPD noch bremse. Des­wegen planen anti­ras­sis­tische Gruppen anlässlich des SPD-Par­teitags am Samstag um 8.30 Uhr vor der Kon­gress­halle eine Kund­gebung.

Die Aus­stellung könne in einer Zeit, wo es eine öffent­liche Dis­kussion über die Resi­denz­pflicht gibt, eine wichtige Auf­klä­rungs­funktion über­nehmen, betonte Wendel. Unter anderem soll sie in der Kreis­ver­waltung von Lucken­walde zu sehen sein, wo auch ein Publikum garan­tiert ist, das Infor­ma­ti­ons­bedarf hat.

Die Aus­stellung »Resi­denz­pflicht – Invi­sible Borders« ist bis 2. Juli montag bis samstags von 10- 17 Uhr im Haus der Demo­kratie und Men­schen­rechte, Greifs­walder Str. 4, zu sehen
Anti­ras­sis­tische Gruppen planen anlässlich des SPD-Par­teitags am Samstag um 8.30 Uhr eine Kund­gebung

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2010%2F06%2F23%2Fa0165&cHash=aecdb71f33

Peter Nowak

Tatort Brunnenstraße – zwischen Kunst und Widerstand

Wegen eines Fehlers des Autors wurde in der ersten Version der Aus­stel­lungs­be­spre­chung die Foto­arbeit von Said Sennine der Künst­lerin Gio­vanna Schulte-Ontrop zuge­ordnet. Der Autor bedauert den Fehler und ent­schuldigt sich bei Frau Schulte-Ontrop.

————————————————————————————————————————————
Ein schwarz­ge­klei­deter, ver­mummter Jugend­licher steht auf einen Dach und schwenkt eine Fahne mit einem Anar­chie­zeichen. Im Loop von Jan Wirdeier wie­derholt sich die Szene immer wieder von Neuem. 

Bis vor einigen Monaten konnte man in der Ber­liner Brun­nen­straße solche Szenen noch im realen Leben sehen. Am 21. November 2009 wurde mit der Brun­nen­straße 181 eines der letzten besetzen Häuser Berlins geräumt.

In der Aus­stellung „Tatort Brun­nen­straße“ in der Neuen Schule für Foto­grafe kommt das Haus­projekt, in dem Berlins erster Umsonst­laden sein Domizil gefunden hatte, gleich mehrfach vor. Schließlich stelle die Dozentin Eva Bertram den Stu­die­renden ihrer Klasse die Aufgabe, sich in ihren Semes­ter­ab­schluss­ar­beiten mit der Straße zu befassen, in der sich die Schule seit einiger Zeit befindet.

Nicht alle Foto­grafen konnten mit der gestellten Aufgabe etwas anfangen. Tobias Wirth betonte, dass er keinen Zugang zu der Straße gefunden hat. Deshalb hatte er auch Mode­fo­to­grafien zur Aus­stellung bei­gesteuert. Die übrigen Arbeiten drehen sich tat­sächlich um die Brun­nen­straße, die im Wedding beginnt und fast am Hacke­schen Markt endet. Der Kon­trast der beiden Stadt­teile wird in der Arbeit von Said Sennine etwas über­stra­pa­ziert. Auf den 10 Fotos sind unter Anderem ein Blu­men­laden, ein Imbiss, ein Restaurant abge­bildet. Die Zuordnung nach Stadt­teilen aber will dem unbe­fan­genen Betrachter nicht sofort gelingen. Denn der im Begleittext auf­ge­stellten These, dass im Wed­dinger Teil der Brun­nen­straße eher bür­ger­liche, ältere Men­schen das Bild prägen, werden zumindest lang­jährige Bewohner oder Besucher der Gegend nicht zustimmen.

Auf den ersten Blick irri­tierend wirken die Foto­gra­phien von Juliane Apel mit dem vielen zuge­mau­erten Fenstern und Türen und den ver­las­senen Häusern. Sie wurden nicht in Berlin sondern in der Großen Brun­nen­straße in Halle, dem Hei­matort der Künst­lerin, auf­ge­nommen. Das Bild dieser Straße ist von der Ver­armung und dem Wegzug vieler Men­schen geprägt. An den alten Brunnen erinnert nur noch der Name, aus der eine Schule waren ein Armenhaus und dann ein Gefängnis geworden, bevor das Gebäude ver­schwand. Auch die Stu­den­ten­kneipe hat schon lange geschlossen.

Die Arbeiten drehen sich um den schnellen Wandel einer Straße und da ist die Ber­liner Brun­nen­straße tat­sächlich ein gutes Bei­spiel. Nur wenige Meter von dem Aus­stel­lungsort befindet sich das geräumte Gebäude, jetzt ohne Fenster und mit zuge­mau­erten Türen. „Wir bleiben alle“ prangt noch groß auf den Außen­mauern. Direkt gegenüber der Galerie findet sich auf der Fassade eines sanierten Gebäudes der Satz: „Dieses Haus stand einmal in einem anderen Land“. Kunst und Wider­stand findet sich also hier auf engsten Raum. Die Aus­stellung lädt auch zur Frage ein, wie die Straße in 10 Jahren aus­sehen wird. 

Wo heute noch kleine Galerien ihr Domizil haben, könnte in wenigen Jahren mondäne Restau­rants die Pforten eröffnen. Schließlich sind Kunst­ob­jekte auch nur zeit­weilige Platz­halter im Auf­wer­tungs­prozess eines Stadt­teils und einer Straße. Deshalb könnte auch das Forum für Neue Foto­grafie nur ein tem­po­räres Projekt in der Brun­nen­straße sein, so wie viele der Ein­rich­tungen, die auf den Fotos zu sehen ist. 

aus Neues Deutschland, 30.3.2010 

Peter Nowak