»Schikanepromenade«

Small Talk mit der His­to­ri­kerin Susanne Willems über das Scheitern des »Gedenkorts Fon­ta­ne­pro­menade 15« in Berlin-Kreuzberg

Die His­to­ri­kerin Susanne Willems enga­giert sich in der Initiative »Gedenkort Fon­ta­ne­pro­menade 15«. 26 000 Jüdinnen und Juden ver­pflichtete die an dieser Adresse in Berlin-Kreuzberg nach den Novem­ber­po­gromen 1938 gegründete Zen­trale Dienst­stelle für Juden bis Kriegsende zur Zwangs­arbeit. Die Jungle World hat mit Willems darüber gesprochen, warum die Ver­suche schei­terten, dort einen Gedenk­ort ein­zu­richten.

„»Schi­ka­ne­pro­menade«“ wei­ter­lesen

Gedenkort zu Wohnungen

KREUZBERG Widerstand gegen Baumaßnahmen in der ehemaligen NS-Dienststelle für jüdische Zwangsarbeit

Mehr als 26.000 Ber­liner Jüdinnen und Juden wurden zwi­schen 1938 und 1945 in der „Zen­tralen Dienst­stelle für Juden“ in Fon­ta­ne­pro­menade 15 in Kreuzberg für die Zwangs­arbeit in ver­schie­denen Betrieben ein­ge­teilt. Die Volks­wirtin Eli­sabeth Freund war eine von ihnen. In ihren Auf­zeich­nungen „Als Zwangs­ar­bei­terin in Berlin“ schrieb sie, dass die NS-Behörde in der Fon­ta­ne­pro­menade von den Betrof­fenen „Schi­ka­ne­pro­menade“ genannt wurde Die His­to­ri­kerin Sieg­linde Peters klas­si­fi­zierte die „Zen­trale Dienst­stelle für Juden“ bei der Ein­weihung des Gedenk­zei­chens 2013 als „eine zivile Behörde mit Hand­lan­ger­diensten zur Selektion, Aus­beutung und Ver­nichtung“. Doch die vor der Jahren ein­ge­weihte Stele ist zurzeit ver­hüllt – und es ist nicht sicher, ob und wann sie wieder zugänglich sein wird. Denn im Frühjahr 2015 wurde das geschichts­trächtige Gebäude für knapp 800.000 Euro an die „Fon­ta­ne­pro­menade 15 GbR“ ver­kauft. Und Ende August 2016 erteilte das Bezirk samt Fried­richshain-Kreuzberg der Gesell­schaft eine Bau­ge­neh­migung. Vor einigen Wochen haben die Bau­ar­beiten an dem his­to­ri­schen Gebäude nun begonnen. Geplant ist der Umbau „in Büros und Woh­nungen“, wie auf einem Zettel vor Ort zu lesen ist.

Die vor drei Jahren ein­ge­weihte Gedenk­stele ist zurzeit ver­hüllt

Die Stadt­teil­in­itiative „Wem­gehört Kreuzberg“ fordert in einem Offenen Brief einen Bau­stopp und die Rück­nahme der Bau­ge­neh­migung. „Wir halten es für einen abso­luten Skandal, dass ein solcher Geschichtsort der Immo­bi­li­en­spe­ku­lation geopfert und nicht als Gedenkort zur jüdi­schen Zwangs­arbeit und zum Holo­caust öffentlich genutzt wird“, heißt es in dem Schreiben. Dort werden der Bezirk Fried­richshain-Kreuzberg und das Land Berlin dafür kri­ti­siert, dass sie die Chance nicht genutzt habe, durch einen Kauf des Gebäudes dafür zu sorgen, dass es als Geschichtsort erhalten bleibt. Die Stadt­teil­in­itiative will sich nicht damit zufrieden geben, dass der einstige Bezirks­amts­sprecher Sascha Lan­genbach die Hoffnung äußerte, dass auch der private Investor das Gebäude seiner his­to­ri­schen Bedeutung ent­spre­chend nutzen wird. Lothar Eber­hardt, der seit Langem in der Geschichts­arbeit enga­giert ist, nennt im Gespräch zwei Gebäude, die in letzter Zeit durch die Immo­bi­li­en­wirt­schaft ent­his­to­ri­siert worden seien: das ehe­malige Ber­liner Arbeitshaus in Rum­melsburg und das ehe­malige NS-Kriegs­ge­richt in Char­lot­tenburg. Die kürzlich gegründete Initiative Gedenkort Fon­ta­ne­pro­menade sieht noch eine Chance, eine solche Ent­wicklung in Kreuzberg zu ver­hindern. Ihre Mit­glieder haben Schreiben an die Ber­liner Sena­to­rInnen für Kultur und Bau­wesen gerichtet. Und warten nun auf die Ant­worten.

Taz 19.12.2016

PETER NOWAK