Hamburger Gitter

in neuer Film befasst sich anlässlich des Ham­burger G20-Gipfels sehr kennt­nis­reich und künst­le­risch gelungen mit der deut­schen Poli­zei­arbeit. Doch es fehlen die Gründe für den Protest und die Men­schen, die sie getragen haben

Schwer­ver­letzte Demons­tranten liegen auf der Straße, Fahnen und Trans­pa­rente liegen daneben. Davor stehen Poli­zisten mit Knüppel und Pfef­fer­spray. Ein­ge­blendet werden mit­ge­hörte Funk­sprüche von Poli­zisten, die freudig erklären, dass man die Linken jetzt platt­ge­macht habe, gar­niert mit derben Schimpf­wörtern.

Das war keine Szene aus Russland oder der Türkei, sondern aus Hamburg währen der G20-Pro­teste vor fast einem Jahr. Die Szenen finden sich in dem sehens­werten Film Ham­burger Gitter[1], der im Unter­titel deutlich macht, wo sein Focus liegt.:»Der G20-Gipfel als Schau­fenster moderner Poli­zei­arbeit.«

Dem Filmteam von Leftvision[2] ist ein Kom­pliment zu machen. Sie haben ihren Anspruch voll­ständig ein­gelöst und trotzdem einen kurz­wei­ligen, auch tech­nisch her­vor­ra­genden Film pro­du­ziert. Die Pro­teste während des Ham­burger G20-Gipfels werden nur spärlich gezeigt. Es geht immer um die Poli­zei­arbeit. Da wird gezeigt, wie die Polizei Zelte weg­trägt, obwohl es zu dieser Zeit einen Gerichts­be­schluss gibt, der das Camp erlaubt. Da kommen mehrere Pro­test­teil­nehmer zu Wort, die von der Polizei beschimpft und gede­mütigt oder wie Leo sogar mit dem Tod bedroht wurden. »Da wurde ich ganz devot, weil ich wirklich dachte, die bringen mich jetzt um«, sagt der Mann.

Ein solcher Satz bleibt genau wie die Szenen der Poli­zei­bru­ta­lität mit den ver­letzt auf der Straße lie­genden Demons­tranten in Erin­nerung. Es kann also 2017 in Deutschland durch das Agieren der Polizei ein Klima erzeugt werden, das bei Fest­ge­nom­menen Todes­ängste her­vorruft. Ähn­liche Erfah­rungen haben auch zwei Mit­glieder der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Verdi in NRW, die eben­falls in Hamburg fest­ge­nommen wurden. Diese Poli­zei­tak­tiken erinnern an die chi­le­ni­schen Nächte in Genua[3] 2001, als mitt­ler­weile juris­tisch bestätigt[4] Men­schen gefoltert und mit dem Tod bedroht wurden. Doch im Gegensatz zu Genua wird über die Men­schen­rechts­ver­let­zungen durch die Polizei in Hamburg noch immer wenig berichtet.

Poli­zei­gewalt ist nicht durch zu viele Poli­zisten mit auto­ri­tärem Cha­rakter zu erklären

Noch immer steht der Miniriot im Schan­zen­viertel im Mit­tel­punkt der Bericht­erstattung. Dabei gab es auch in Genua sehr umstrittene mili­tante Aktionen. Doch die Kritik an Men­schen­rechts­ver­let­zungen der Polizei muss getrennt davon behandelt werden. Denn Riots sind keine Gründe für die Recht­fer­tigung von Poli­zei­bru­ta­lität. Im Film wird noch einmal daran erinnert, dass der Ham­burger Bür­ger­meister von Hamburg Olaf Scholz ebenso wie der Innen­se­nator vehement bestritten, dass es über­haupt Poli­zei­gewalt gibt.

Wer im Sommer letzten Jahres fak­ten­ge­stützt wie Jutta Dit­furth beim Maischberger-Talk[5] von Poli­zei­gewalt in Hamburg sprach, war einer mas­siven Hetz­kam­pagne aus­ge­setzt. Daher ist der Film »Ham­burger Gitter« sehr wichtig. Denn, so die These des Film­teams, die Poli­zei­gewalt in Hamburg kün­digte sich im Vorfeld mit Geset­zes­ver­schär­fungen an und sie wirkt bis heute weiter mit der Kam­pagne gegen linke Zentren, die mit den G20-Pro­testen von Hamburg oft nichts zu tun haben, mit einer euro­pa­weiten Fahndung nach angeb­lichen Straf­tätern bei den G20-Pro­testen, wobei die Unschulds­ver­mutung fak­tisch außer Kraft gesetzt wird, mit harten Urteilen gegen Ver­haftete.

Als Gesprächs­partner kommen im Film neben einigen G20-Gegnern Rechts­an­wälte und linke und links­li­berale Jour­na­listen und Kri­mi­no­logen zu Wort, die Erklä­rungs­an­sätze für das Agieren der Polizei suchen. So betonte der Frank­furter Soziologe Daniel Loik[6], dass es unter­schied­liche Poli­zei­typen gibt. Ein Polizist in einer länd­lichen Umgebung übt eine ganz Arbeit aus als die Son­der­ein­satz­kom­mandos, die bei Pro­testen wie in Hamburg zum Einsatz kommen. Angenehm ist, dass die Gesprächs­partner im Film nicht als Poli­tik­be­rater auf­treten und kon­krete Vor­schläge machen, wie alles besser laufen könnte. Sie geben vielmehr Hin­weise darauf, dass die Poli­zei­gewalt eben nicht nur damit zu erklären ist, dass eben viele auto­ritäre Cha­raktere bei der Polizei arbeiten.

Es geht um Struk­turen, und so wird daran erinnert, dass die Ham­burger Polizei noch bis vor einigen Jahren beim Training für den Einsatz gegen linke Pro­teste Lehr­ma­terial über die Nie­der­schlagung des Ham­burger Auf­stands von 1923 zur Grundlage hatte. Hier wird die poli­tische Dimension sichtbar, die von einigen Gesprächs­partnern direkt ange­sprochen wurde. Dazu gehört der Ver­lager Karl­heinz Dellwo[7], der kürzlich das Buch »Riot – Was war los in Hamburg«[8] ver­öf­fent­lichte, das sich nicht nur auf die Poli­zei­arbeit und Repression kon­zen­triert, sondern sich auch mit den Pro­testen und den nach Meinung der Autoren oft vor­schnell und zu Unrecht als unpo­li­tisch gebrand­markten Riots aus einem anderen Blick­winkel befasst.

Riots statt Streiks?

In dem Buch wird ein wich­tiger Text des US-ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schaftlers und Jour­na­listen Joshua Clover[9] vor­ge­stellt, der die Zunahme der Riots mit dem Ende der großen Fabriken und der for­dis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung in Ver­bindung bringt[10]. In einem Interview[11] mit der Jungle World spricht Clover sogar von einem Zeit­alter der Riots, während in der for­dis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung Streiks die domi­nie­rende Wider­standsform war.

Diese sche­ma­tische Gegen­über­stellung kann man aus vielen Gründen kri­ti­sieren. Schließlich waren Streiks in der Geschichte oft von rio­t­ähn­lichen Auf­ständen begleitet. Zudem gibt es auch nach dem Ende der großen Fabriken Arbeits­kämpfe in Sek­toren, die lange Zeit von der klas­si­schen Arbei­ter­be­wegung als kaum orga­ni­sierbare Sek­toren galten. Dazu gehören die zuneh­menden Arbeits­kämpfe im Caresektor[12], aber auch im Bil­dungs­wesen.

So macht der mehrere Monate andau­ernde Arbeits­kampf der stu­den­ti­schen Beschäf­tigten an Ber­liner Hochschulen[13] Schlag­zeilen und sorgte für einen Poli­zei­einsatz. Auf Anweisung der Leitung der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Berlin räumte die Polizei in der letzten Woche das von Strei­kenden besetzte Audimax der Hoch­schule. Die Ber­liner Gewerk­schaft und Wis­sen­schaft kritisierte[14] die Aktion als unver­hält­nis­mäßig und der bun­des­weite Stu­die­ren­den­verband fzs[15] sprach von einer zuneh­menden staat­lichen Repression in den Hoch­schulen in Deutschland.

Wir nehmen bun­desweit einen ver­schärften Umgang mit stu­den­ti­schen Pro­testen sowie Student*innenvertretungen war. Student*innen sind kri­tisch den­ken­dende Indi­viduen, für die Hoch­schul­lei­tungen scheint dies aber nur ein Lip­pen­be­kenntnis zu sein. Statt­dessen wird Kritik an Hoch­schulen und dem Bil­dungs­system als störend wahr­ge­nommen.

Eva Gruse vom Vor­stand des freien Zusam­men­schlusses von student*innenschaften (fzs)

Nicht nur bei uni­ver­si­tären Arbeits­kämpfen, sondern auch, wenn sich bei einer Wer­be­ver­an­staltung einer Immo­bi­li­en­firma unter dem Deck­mantel einer Ringvorlesung[16] an der TU-Berlin Kri­tiker zu Wort melden, schreitet die Polizei ein und erteilt ihnen Haus­verbot, wie das Forum Urban Research and Inter­vention in einem Offenen Brief[17] kri­ti­siert.

Die Inhalte und die Men­schen, die sie ver­treten, kommen in dem Film zu kurz

Alleine diese Bei­spiele zeigen, dass das Thema Staats­re­pression nicht nur am Bei­spiel der G20-Pro­teste in Hamburg dis­ku­tiert werden sollte. Es braucht längst keine Riots, es reicht auch eine völlig fried­liche Besetzung im Rahmen eines Arbeits­kampfes wie an der TU-Berlin, um die Staats­macht auf den Plan zu rufen. Gleich­zeitig werden von den Staats­ap­pa­raten die Ereig­nisse von 1968 abge­feiert.

Hier ist auch eine Kritik ange­bracht, die weniger mit dem Film »Ham­burger Gitter«, sondern stärker mit der poli­ti­schen Situation in Deutschland zu tun hat. Wie schon beim Film »Fes­tival der Demokratie«[18], der einen ähn­lichen Ansatz wie »Ham­burger Gitter« hat, aber stärker doku­men­ta­risch ist, sieht man auch hier wenig von den Pro­testen und ihren Trägern. Akti­visten kommen nur im Zusam­menhang der Poli­zei­re­pression zu Wort. Da bleibt offen, was die Gründe für sie waren, in Hamburg zu pro­tes­tieren.

Dass von den Gip­fel­pro­testen oft nur die Repression in Erin­nerung bleibt, ist nichts Neues. Das war bei vielen poli­ti­schen Groß­ereig­nissen ähnlich. Es ist aber auch ein Aus­druck für die Schwäche der Linken in Deutschland. Dass es auch anders geht, zeigt eine Vidoearbeit der US-Künst­lerin Andrea Bowers[19], die nur wenige Meter vom Kino ent­fernt, in dem »Ham­burger Gitter« in Berlin Pre­mière hatte, in der Galerie Capitain Petzel[20] zu sehen ist. Es sind die Videos »Dis­rupting« und »Resisting« und »J20 & J21« zu sehen[21].

In knapp 80 Minuten werden die Pro­teste anlässlich der Amts­ein­führung von Trump in Washington gezeigt. Es gab eine große Koalition von Frau­en­or­ga­ni­sa­tionen, von Initia­tiven, die sich um öko­lo­gische Fragen und um den Kampf für Arbei­ter­rechte enga­gieren. Man sieht immer wieder Men­schen, die Trans­pa­rente tragen und Parolen skan­dieren. Man sieht ihr Enga­gement, ihre Wut und auch ihre Freude. Es gibt lustige Szenen, wenn die Trump-Gegner mit den Unter­stützern des Prä­si­denten zusam­men­treffen. Und es gibt massive Poli­zei­gewalt und Ver­let­zungen. Doch nicht sie, sondern die Pro­tes­tie­renden stehen im Mit­tel­punkt der Filme. Wenn es auch in Deutschland möglich wäre, nach poli­ti­schen Gro­ße­vents wie dem G20-Gipfel in Hamburg Filme zu drehen, in denen nicht die Repression, sondern die Pro­teste und ihre Trä­ge­rinnen und Träger im Mit­tel­punkt ständen, wäre das ein Erfolg für die Linke in dem Land.

Peter Nowak
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[1] https://​ham​bur​ger​gitter​.weebly​.com/
[2] http://​www​.left​vision​.de/
[3] http://​akj​.rewi​.hu​-berlin​.de/​v​o​r​t​r​a​e​g​e​/​s​o​s​e​0​4​/​2​3​0​6​0​4​.html
[4] http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​F​o​l​t​e​r​-​i​n​-​I​t​a​l​i​e​n​-​j​e​t​z​t​-​v​o​m​-​G​e​r​i​c​h​t​-​b​e​s​t​a​e​t​i​g​t​-​2​5​9​6​8​2​3​.html
[5] https://​meedia​.de/​2​0​1​7​/​0​7​/​1​4​/​s​t​r​e​i​t​-​n​a​c​h​-​b​o​s​b​a​c​h​-​a​b​g​a​n​g​-​g​e​h​t​-​w​e​i​t​e​r​-​j​u​t​t​a​-​d​i​t​f​u​r​t​h​-​r​e​i​c​h​t​-​m​a​i​s​c​h​b​e​r​g​e​r​-​e​n​t​s​c​h​u​l​d​i​g​u​n​g​-​n​o​c​h​-​n​icht/
[6] https://​www​.uni​-frankfurt​.de/​4​4​5​3​3​4​6​6​/​L​o​i​c​k​_​D​aniel
[7] https://​non​.copyriot​.com/​a​u​t​h​o​r​/​k​a​r​l​-​h​e​i​n​z​-​d​e​llwo/
[8] https://​shop​.laika​-verlag​.de/​s​h​o​p​/​d​i​s​k​u​r​s​/​r​i​o​t​-​w​a​s​-​w​a​r​-​d​a​-​l​o​s​-​h​a​mburg
[9] http://​english​.ucdavis​.edu/​p​e​o​p​l​e​/​j​c​lover
[10] https://​non​.copyriot​.com/​j​o​s​h​u​a​-​c​l​o​v​e​r​s​-​r​i​o​t​-​s​t​r​i​k​e​-​r​i​o​t​-​t​h​e​o​r​i​e​-​u​n​d​-​p​r​a​x​i​s​-​d​e​r​-​s​o​z​i​a​l​e​n​-​a​k​tion/
[11] https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​4​3​/​d​i​e​-​a​e​r​a​-​d​e​r​-​k​r​a​walle
[12] https://​de​-de​.facebook​.com/​W​a​l​k​-​o​f​-​C​a​r​e​-​p​f​l​e​g​t​-​d​i​e​-​Z​u​k​u​n​f​t​-​1​1​9​6​2​6​5​6​1​7​0​8​7718/
[13] https://​tvstud​.berlin/
[14] https://​www​.gew​-berlin​.de/​2​0​3​1​0​_​2​1​1​7​9.php
[15] https://​www​.fzs​.de/
[16] https://​www​.pres​se​stelle​.tu​-berlin​.de/​m​e​n​u​e​/​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​e​n​/​k​a​l​e​n​d​e​r​/​?​v​i​e​w​=​s​i​ngle&
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[17] https://​furi​.berlin/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​o​f​f​e​n​e​r​b​r​i​e​f​_​c​g​-​g​r​u​p​p​e​_​a​n​_​d​e​r​_​t​u​-​b​e​rlin/
[18] https://​www​.fes​tival​-der​-demo​kratie​.de/de/
[19] https://​www​.artsy​.net/​a​r​t​i​s​t​/​a​n​d​r​e​a​-​b​owers
[20] http://​www​.capi​tain​petzel​.de/
[21] http://​www​.capi​tain​petzel​.de/​e​x​h​i​b​i​t​i​o​n​s​/​o​p​e​n​-​s​e​cret/

Wie die Bild-Zeitung den Rechtspopulismus bedient

Über den dünnen Firnis der Zivi­li­sation und Rechts­staat­lichkeit in Deutschland – Ein Kom­mentar

Die G20-Pro­teste und vor allem die Kiezauf­stände rund ums Schan­zen­viertel haben wieder einmal gezeigt, wie dünn der Firnis von Zivi­li­sation und Rechts­staat­lichkeit in Deutschland ist und dass die Gefahr aus der Mitte der Gesell­schaft kommt.

So ver­öf­fent­lichte die Bou­le­vard­zeitung Bild am ver­gan­genen Montag unter der rei­ße­ri­schen Über­schrift Wer kennt diese G20-Verbrecher[1] Bilder von 18 Per­sonen, die sich an den Riots beteiligt haben sollen.

Dabei agiert das Blatt jen­seits jeg­licher rechts­staat­licher Grund­sätze. Danach soll ohne juris­tische Ver­ur­teilung niemand eines Delikts bezichtigt werden.


»Auch Idioten haben Per­sön­lich­keits­rechte
«

Auf Bild-Blog[2], das sich seit Jahren kri­tisch mit der Bericht­erstattung des Bou­le­vard­blattes aus­ein­an­der­setzt wird die mediale Selbst­justiz kri­ti­siert.

Auch für Idioten gilt die Unschulds­ver­mutung. Auch Idioten müssen sich keine Vor­ver­ur­teilung gefallen lassen. Auch Idioten sind nicht gleich »Ver­brecher«, nur weil jemand ein Foto von ihnen gefunden hat, aus dem man ableiten könnte, dass sie eine Straftat begangen haben. Auch Idioten haben Per­sön­lich­keits­rechte. Auch Idioten haben ein Recht am eigenen Bild.
Bild-Blog[3]

Auch die Fotos sind kei­neswegs so ein­deutig, wie es scheint.

Manche von ihnen sind beim Werfen eines Steins zu sehen, manche beim Tragen eines Steins. Eine Frau ist kurz davor, eine leere Cola-Flasche weg­zu­schleudern. Eine andere hat zwei volle Fla­schen Kin­dersekt unter den Arm geklemmt. Was die Leute davor gemacht haben oder danach, wohin die Steine und Fla­schen fliegen, die sie in den Händen halten, ob sie bei manchen über­haupt fliegen oder nicht doch wieder fallen gelassen werden — nichts davon ist bekannt, und nichts davon lösen »Bild« oder »Bild​.de« auf.
Bild-Blog[4]

Stefan Nig­ge­meier hat auf dem Blog Übermedien[5] den rechts­po­pu­lis­ti­schen Kern der BILD-Denun­zia­ti­ons­kam­pagne auf dem Punkt gebracht:

Das Vor­gehen von »Bild« hat eine gefähr­liche innere Logik: Der Staat hat in Hamburg versagt. Er hat es nicht geschafft, die Bürger zu schützen, und er scheint es nicht einmal zu schaffen, die Ver­däch­tigen dingfest zu machen. Also muss »Bild« über­nehmen.
Stefan Niggemeier[6]

Darf man Poli­zei­gewalt und Men­schen­rechts­ver­let­zungen in Deutschland noch kri­ti­sieren?

Mit ihren Steck­brief knüpft die Bild-Zeitung an ihre demo­kra­tie­feind­liche Rolle an, die sie bereits vor ca. 50 Jahren hatte, als sich die Außer­par­la­men­ta­rische Bewegung eta­blierte. Die Akti­visten wurden auch damals als Kri­mi­nelle vor­ge­führt, für die es keine Grund­rechte zu geben scheint. Dass haben Neo­nazis wie der Dutschke-Atten­täter Bachmann als Auftrag ver­standen, das Recht in die eigene Hand zu nehmen.

Auch in Hamburg sahen sich Neo­nazis als Voll­strecker eines natio­nalen Volks­willens und haben sich zum Kampf gegen Linke verabredet[7], oft waren sie nicht kon­spi­rativ genug und wurden von der Polizei aufgehalten[8].

Der damals noch generell staats- und macht­kri­tische Wolf Biermann hatte danach den Song Drei Kugeln auf Rudi Dutschke[9] geschrieben. Mitt­ler­weile hat Biermann schon längst seinen Frieden mit den herr­schenden Ver­hält­nissen und ihren Medium Bild gemacht – und nicht nur er.

Wer heute noch jeg­lichen Kontakt mit der Bou­le­vard­zeitung und ähn­lichen selbst­er­nannten Beob­achtern ver­weigert, gilt schnell als dog­ma­tisch und ewig­gestrig. Genau wie Biermann, der so tief gesunken ist, dass er im Par­lament und nicht vor Flücht­lings­heimen seinen Kitsch »Drum lass Dich nicht ver­härten« geträllert hat, so wollen auch viele seiner dama­ligen Fans Men­schen­rechts­ver­let­zungen nur noch in Russland und der Türkei, aber kei­nes­falls in Deutschland wahr­nehmen.

Wenn dann schon mal eine Grund­rechts­ver­letzung, wie der Entzug der Akkre­di­tie­rungen von Journalisten[10] nicht zu leugnen ist, wird sofort die Dis­kussion auf den tür­ki­schen Geheim­dienst gebracht. Dabei wurden viele der betrof­fenen Pres­se­ver­treter schon wie­derholt von der Polizei in Deutschland auf Demons­tra­tionen bei ihrer Arbeit gehindert und geschlagen. Auch ihre Akkre­di­tie­rungen wurden ihnen schon wie­derholt ent­zogen. Nicht von tür­ki­schen, sondern von deut­schen Staats­ap­pa­raten.

Die eigent­liche Gefahr für die Demo­kratie

Wenn selbst für so offen doku­men­tierte Grund­rechts­ver­let­zungen die Ver­ant­wortung zumindest teil­weise ins Ausland ver­lagert wird, ist natürlich Kritik an der Polizei schon fast Lan­des­verrat. Das war schon so, als die Spit­zen­po­li­ti­kerin der Grünen, Sabine Peters, das Racial Pro­filing in Köln in der letzten Sil­ves­ter­nacht kri­ti­siert hat und sich im Anschluss von ihrer gut begrün­deten Kritik distanzierte[11].

Die Publi­zistin Jutta Ditfurth[12] ist lange genug nicht mehr Mit­glied der Grünen, so dass sie sich als Dis­kus­si­ons­teil­neh­merin bei Maischberger[13] nicht von ihrer gut begrün­deten Kritik am Ham­burger Poli­zei­einsatz abbringen ließ und dadurch den CDU-Rechts­außen Bosbach[14] in Rage brachte, dass er schließlich die Dis­kussion verließ.

Dabei ging aber unter, dass er das auto­ritäre Gebaren seines Par­tei­freundes und Poli­zei­ge­werk­schafters Joachim Lenders[15] aus­drücklich unter­stützte, der auch auf die völlig moderate Kritik an dem Ham­burger Poli­zei­einsatz des Lin­ken­po­li­tikers Jan van Aaken[16] mit Wut regierte und die zahl­reichen doku­men­ta­ri­schen Fälle von Men­schen­rechts­ver­let­zungen durch die Polizei nicht mit einen Wort bedauerte.

Insofern lie­ferte diese Dis­kus­si­ons­runde auch einen guten Ein­blick, wie reak­tio­närer Korps­geist und offen zur Schau gestellter Auto­ri­ta­rismus das Signal an die Polizei gibt, sie könne wei­terhin Grund­rechte ver­letzten. Bosbach, die Bild­zeitung und Lenders werden sie ver­tei­digen. Hier und nicht in den Riots liegt nach meiner Auf­fassung die eigent­liche Gefahr für die Demo­kratie.

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Peter Nowak
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[2] http://​www​.bildblog​.de/​9​1​1​1​6​/​k​o​m​m​i​s​s​a​r​-​r​e​i​c​h​e​l​t​-​u​n​d​-​d​i​e​-​b​i​l​d​-​s​h​e​r​i​f​f​s​-​u​e​b​e​n​-​t​i​t​e​l​s​e​i​t​e​n​-​s​e​l​b​s​t​j​u​stiz/
[3] http://​www​.bildblog​.de/​9​1​1​1​6​/​k​o​m​m​i​s​s​a​r​-​r​e​i​c​h​e​l​t​-​u​n​d​-​d​i​e​-​b​i​l​d​-​s​h​e​r​i​f​f​s​-​u​e​b​e​n​-​t​i​t​e​l​s​e​i​t​e​n​-​s​e​l​b​s​t​j​u​stiz/
[4] http://​www​.bildblog​.de/​9​1​1​1​6​/​k​o​m​m​i​s​s​a​r​-​r​e​i​c​h​e​l​t​-​u​n​d​-​d​i​e​-​b​i​l​d​-​s​h​e​r​i​f​f​s​-​u​e​b​e​n​-​t​i​t​e​l​s​e​i​t​e​n​-​s​e​l​b​s​t​j​u​stiz/
[5] http://​ueber​medien​.de/​1​7​5​2​7​/​w​i​e​-​b​i​l​d​-​e​s​-​d​e​m​-​k​e​v​i​n​-​m​a​l​-​s​o​-​r​i​c​h​t​i​g​-​g​e​z​e​i​g​t​-hat/
[6] http://​ueber​medien​.de/​1​7​5​2​7​/​w​i​e​-​b​i​l​d​-​e​s​-​d​e​m​-​k​e​v​i​n​-​m​a​l​-​s​o​-​r​i​c​h​t​i​g​-​g​e​z​e​i​g​t-hat
[7] https://www.facebook.com/AntifainfoNiedersachsen/photos/pb.499048303609785.–2207520000.1499867467./830074130507199/?type=3&theate
[8] http://​www​.haz​.de/​H​a​n​n​o​v​e​r​/​A​u​s​-​d​e​r​-​S​t​a​d​t​/​U​e​b​e​r​s​i​c​h​t​/​H​o​o​l​i​g​a​n​s​-​w​o​l​l​e​n​-​a​u​s​-​H​a​n​n​o​v​e​r​-​z​u​m​-​G​2​0​-​G​i​p​f​e​l​-​n​a​c​h​-​H​a​m​b​u​r​g​-​f​ahren
[9] http://​www​.songle​xikon​.de/​s​o​n​g​s​/​d​r​e​i​k​u​g​e​l​n​a​u​f​d​u​t​schke
[10] http://​dju​.verdi​.de/​p​r​e​s​s​e​/​p​r​e​s​s​e​m​i​t​t​e​i​l​u​n​g​e​n​/​+​+​c​o​+​+​7​7​e​9​7​7​4​6​-​6​6​d​7​-​1​1​e​7​-​9​8​f​9​-​5​2​5​4​0​0​9​40f89
[11] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​R​a​c​i​a​l​-​P​r​o​f​i​l​i​n​g​-​i​s​t​-​k​e​i​n​-​M​i​t​t​e​l​-​u​m​-​S​e​x​i​s​m​u​s​-​z​u​-​b​e​k​a​e​m​p​f​e​n​-​3​5​8​9​3​1​8​.html
[12] http://​www​.jutta​-dit​furth​.de
[13] http://​www​.ard​me​diathek​.de/​t​v​/​M​a​i​s​c​h​b​e​r​g​e​r​/​S​e​n​d​u​n​g​?​d​o​c​u​m​e​n​t​I​d​=​3​1​1​2​1​0​&​b​c​a​s​t​I​d​=​3​11210
[14] http://​wobo​.de/
[15] http://​www​.dpolg​.de/​u​e​b​e​r​-​u​n​s​/​b​u​n​d​e​s​l​e​i​t​u​n​g​/​j​o​a​c​h​i​m​-​l​e​nders
[16] http://​www​.jan​-van​-aken​.de/