Wie soll die Linke mit der Rechten umgehen?

Obwohl viele per­sönlich Haltung zeigen, gibt es keine klare Stra­tegie

Der in der Kunst­tra­dition von Neo Rauch ste­hende Maler Alex Krause ver­steht sich nicht als poli­ti­scher Künstler. Trotzdem trennte sich die Galerie Klein­dienst von ihm aus poli­ti­schen Gründen [1]. Krause hatte in Stel­lung­nahmen auf Facebook Sym­pathie für die AfD erkennen lassen. Der Künstler fühlte sich dann an die DDR erinnert [2].

»Die Ein­träge auf der pri­vaten Facebook-Seite des Künstlers wurden während der ver­gan­genen zwei Jahre inhaltlich zunehmend ein­seitig. Er refe­rierte und ver­linkte ein­deutig rechts­ex­treme Seiten«, ver­tei­digte [3] Galerist Christian Seyde in der Wochen­zeitung Freitag die Trennung. Zu den Kri­tikern der Ent­scheidung gehört der in der 1990er Jahren in Ost­deutschland beliebte Psy­cho­the­rapeut Hans-Joachim Maaz [4], dem auch rechte Sym­pa­thien nach­gesagt wurde. Die Radio­mo­de­ra­torin Kathrin Huß [5] soll ihre Stelle gekündigt haben, weil sie nicht kri­tisch inter­ve­nieren wollte, als Maaz sich in ihrer Sendung migra­ti­ons­kri­tisch äußerte.

Gegen Nor­ma­li­sierung rechter Dis­kurse

Die femi­nis­tische Jour­na­listin Margit Sto­kowski sagte [6] eine Lesung in einer Münchner Buch­handlung ab, weil dort auch Bücher rechter Autoren ange­boten werden [7]. Dafür wurde auch von nicht-rechten Kreisen Zen­sur­ver­suche vor­ge­worfen. Daher stellte die Jour­na­listin ihre Position noch einmal klar.

Für mich gehört es sehr zentral zum Enga­gement gegen Rechts, dass man die Posi­tionen von Rechten und Rechts­ex­tremen nicht nor­ma­li­siert. Mit »nor­ma­li­sieren« meine ich, bestimmte men­schen­feind­liche Aus­sagen als etwas hin­zu­stellen, was eben zum viel­fäl­tigen Spektrum innerhalb einer Demo­kratie gehört und was man »aus­halten« müsse, auch wenn dabei z.B. gegen Min­der­heiten gehetzt wird. (…) Man muss diese Texte dann nicht unbe­dingt kaufen, dafür gibt es Biblio­theken, Archive usw. Ich sehe nicht, wie man sich gegen Rechts enga­giert, wenn man Autoren wie Alex­ander Gauland oder aus dem Antaios-Verlag durch Buch­käufe Geld zukommen lässt. (…) Ich sehe nicht, wie man als Buch­händler einer­seits gegen Rechts sein will und dann gleich­zeitig den Erfolg der Rechten in diesem Land unter­stützt, indem man ihre Schriften aktiv anbietet und durch Ver­käufe fördert.

Mar­garete Sto­kowski

Sowohl die Galerie Klein­dienst als auch Mar­garete Sto­kowski posi­tio­nieren sich hier indi­vi­duell gegen rechts. Ihnen Zensur vor­zu­werfen ist absurd. Sie haben beide nicht dazu auf­ge­fordert, rechte Künstler oder Autoren aus­zu­grenzen. Sie haben nur klar­ge­stellt, dass sie nicht mit solchen Künstlern oder Autoren in Ver­bindung gebracht werden wollen.

Eine solche Haltung dürfte auch deshalb soviel Wut aus­lösen, weil sie den vielen, die sich nicht so ver­halten, zeigt, um Haltung gegen rechts zu doku­men­tieren, muss man nicht auf eine Antifa-Demons­tration gehen. Manchmal kann eine solche Haltung im Alltag wir­kungs­voller sein.

Soko Chemnitz – oder wie das Zentrum für poli­tische Schönheit eine Aktion aus den USA über­nimmt und als die Eigene ausgibt

Damit heben sich Mar­garete Sto­kowski und die Galerie Klein­dienst auch klar von den jüngsten Kapriolen des Zen­trums für poli­tische Schönheit [8] ab, das mit seiner Soko Chemnitz [9] eigentlich nur eine Unter­ab­teilung des Ver­fas­sungs­schutzes [10] ein­ge­richtet hatte.

Da die Prot­ago­nisten des Zen­trums für poli­tische Schönheit auch in der Ver­gan­genheit als Für­sprecher des bür­ger­lichen Staates und der soge­nannten Men­schen­rechts­kriege auf­ge­fallen sind [11], dürfte es sich bei der Soko Chemnitz nicht um eine Satire, sondern um die Hybris von Künstlern handeln, die mal Pause machen sollten.

Selbst die Tat­sache, dass zivil­ge­sell­schaft­liche Gruppen in den USA nach den rechten Auf­mär­schen von Char­lot­tes­ville [12] ähn­liche Outing-Methoden [13] nutzten und es dabei zu den üblichen Kol­la­te­ral­schäden – der Denun­ziation von Unbe­tei­ligten – kam [14], macht daraus kein adäquates Mittel im Kampf gegen rechts.

Wer es als Kampf gegen rechts sieht, prekär Beschäf­tigten ihren Job zu nehmen [15], mag zu solchen Mitteln greifen. Dass sich Fami­li­en­mit­glieder gegen­seitig denun­zieren [16], spricht auch nicht für die Aktion. Merk­wür­di­ger­weise bezieht sich das Zentrum für poli­tische Schönheit nicht auf das Vorbild USA, wohl um die eigene Ori­gi­na­lität raus­zu­stellen.

Wal­dorf­schule als Klas­sen­streber im Kampf gegen rechts

Heftige Reak­tionen löste der Beschluss einer Ber­liner Wal­dorf­schule aus, das Kind eines AfD-Poli­tikers nicht auf­zu­nehmen [17]. Natürlich ist der Einwand berechtigt, dass ein Kind nicht für die poli­tische Ein­stellung der Eltern in die Ver­ant­wortung genommen werden sollen. Doch, wo bleibt dann die Kritik, wenn Kindern wegen der sozialen Stellung der Eltern Schul­be­suche ver­weigert werden?

Es drängt sich aller­dings der Ver­dacht auf, dass hier eine Wal­dorf­schule als Klas­sen­streber im Kampf gegen rechts auf­tritt, um nicht von ihren Gründer Rudolf Steiner und dessen ras­sis­ti­scher Wur­zel­lehre [18] reden zu müssen.

Seyran Ates oder die Nor­ma­li­sierung der Rechten

Während hier also mehr oder weniger ganz indi­vi­duell Haltung gegen rechts gezeigt wird, gibt es auch bedenk­liche Zeichen der Nor­ma­li­sierung der Rechten.

Die Rede von Seyran Ates, die für einen Refor­m­islam ein­tritt, bei der Frei­heit­lichen Aka­demie der öster­rei­chi­schen FPÖ [19] wurde in libe­ralen und linken Medien kri­ti­siert [20] bzw. mehr oder weniger ver­teidigt [21]. Nur handelt es sich um ein Miss­ver­ständnis, denn Ates ist keine Linke, die bei der FPÖ redet. Hannah Wettig hat in der Jungle Word beschrieben [22], in welcher Funktion Ates dort war.

Man muss schon etwas wollen. Und das tut Ateş. Sie berät in ihrem Vortrag die Regierung – und in der sitzt die FPÖ ja nun mal. Ateş will, dass das öster­rei­chische Islam­gesetz geändert wird, damit der liberale Islam eine Chance bekommt.

Hannah Wettig, Jungle World

Da müsste man sich also eher die Frage stellen, warum wird die Rede einer Bera­terin der rechten öster­rei­chi­schen Regierung in Islam­fragen beim Koali­ti­ons­partner zum großen Dis­kus­si­ons­stoff in linken Medien?

Und warum steht die Debatte oft unter der Frage, ob Linke mit Rechten reden sollen? Halten einige die Bera­terin einer rechten Regierung noch für eine Linke? Dabei hat die ver­dienst­volle NIcht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sation A3W Saar in ihrer jüngsten Flug­schrift [23] noch mal ganz klar den Unter­schied zwi­schen einer eman­zi­pa­to­ri­schen Islam­kritik und rechter Islam­hetze defi­niert.

Im Schlepptau der Libe­ralen

Kampf gegen rechts oder rechte Regie­rungen beraten und doch irgendwie links sein – die Frage dürfte im nächsten Jahr weiter aktuell sein. Eine strin­gente linke Position exis­tiert hier genauso wenig wie bei der Frage, wie Seg­mente der Pre­ka­ri­sierten zurück­ge­wonnen werden können.

Die Bewegung »Auf­stehen«, die zu so viel Streit bei der Links­partei führte, wird sie aller alt­so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Rhe­torik zum Trotz nicht auf die linke Spur bringen. So bleibt ein großer Teil der Linken im Schlepptau der Libe­ralen und muss sich dann nicht wundern, wenn sie als Teil des Systems wahr­ge­nommen und abge­lehnt wird. Eine Linke des Kapitals wird von nie­mandem gebraucht.

Kapi­tal­in­ter­essen ver­treten schließlich die Ultra­rechte besser. Eine Linke wird nur Erfolg haben, wenn sie sich von der Logik des klei­neren Übels löst und als Oppo­sition gegen alle Frak­tionen des Kapitals auf­tritt.

Peter Nowak

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Links in diesem Artikel:
[1] https://​www​.mdr​.de/​k​u​l​t​u​r​/​a​x​e​l​-​k​r​a​u​s​e​-​t​r​e​n​n​u​n​g​-​g​a​l​e​r​i​e​-​k​l​e​i​n​d​i​e​n​s​t​-​1​0​0​.html
[2] https://​deutsch​.rt​.com/​m​e​i​n​u​n​g​/​7​4​9​9​6​-​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​m​a​l​e​r​s​-​a​x​e​l​-​k​r​a​u​s​e-zu/
[3] https://​digital​.freitag​.de/​5​0​1​8​/​g​e​h​t​-​m​i​c​h​-​d​a​s​-​w​a​s-an/
[4] https://​hans​-joachim​-maaz​-stiftung​.de/
[5] https://​de​.scribd​.com/​b​o​o​k​/​3​8​8​2​5​0​8​2​4​/​D​i​e​-​t​r​a​u​t​-​s​i​c​h​-​w​a​s​-​G​e​s​c​h​i​c​h​t​e​n​-​a​u​s​-​d​e​m​-​L​e​b​e​n​-​e​i​n​e​r​-​F​e​r​n​s​e​h​j​o​u​r​n​a​l​istin
[6] https://​lehmkuhl​.buch​handlung​.de/​s​h​o​p​/​m​a​g​a​z​i​n​e​/​1​3​9​5​1​2​/​u​n​s​e​r​e​_​l​e​s​u​n​g​e​n​.html
[7] https://​www​.rowohlt​.de/​n​e​w​s​/​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​m​e​-​m​a​r​g​a​r​e​t​e​-​s​t​o​k​owski
[8] https://​poli​ti​cal​beauty​.de/
[9] https://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​s​o​k​o​-​c​h​e​m​n​i​t​z​-​z​e​n​t​r​u​m​-​f​u​e​r​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​s​c​h​o​e​n​h​e​i​t​-​s​c​h​a​l​t​e​t​-​o​n​l​i​n​e​-​p​r​a​n​g​e​r​-​f​u​e​r​-​r​e​c​h​t​e​-​a​b​/​2​3​7​2​3​9​0​2​.html
[10] https://​soko​-chemnitz​.de/
[11] http://​www​.spiegel​.de/​k​u​l​t​u​r​/​l​i​t​e​r​a​t​u​r​/​p​h​i​l​i​p​p​-​r​u​c​h​-​w​e​r​-​w​e​n​n​-​n​i​c​h​t​-​w​i​r​-​p​r​o​p​a​g​i​e​r​t​-​e​i​n​e​-​d​i​k​t​a​t​u​r​-​d​e​r​-​s​c​h​o​e​n​h​e​i​t​-​a​-​1​0​6​2​0​9​2​.html
[12] https://www.zeit.de/politik/ausland/2017–08/gewalt-charlottesville-rechtsextreme-alex-fields
[13] http://​www​.spiegel​.de/​p​a​n​o​r​a​m​a​/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​c​h​a​r​l​o​t​t​e​s​v​i​l​l​e​-​p​r​a​n​g​e​r​-​k​a​m​p​a​g​n​e​-​g​e​g​e​n​-​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​i​n​-​d​e​n​-​u​s​a​-​a​-​1​1​6​3​1​0​5​.html
[14] https://​www​.nytimes​.com/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​4​/​u​s​/​c​h​a​r​l​o​t​t​e​s​v​i​l​l​e​-​d​o​x​x​i​n​g​.​h​t​m​l​?​m​t​r​r​e​f​=​u​n​d​e​fined
[15] https://​www​.ber​ke​leyside​.com/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​3​/​b​e​r​k​e​l​e​y​s​-​t​o​p​-​d​o​g​-​f​i​r​e​s​-​e​m​p​l​o​y​e​e​-​w​e​n​t​-​w​h​i​t​e​-​n​a​t​i​o​n​a​l​i​s​t​-​rally
[16] https://​www​.inforum​.com/​o​p​i​n​i​o​n​/​l​e​t​t​e​r​s​/​4​3​1​1​8​8​0​-​l​e​t​t​e​r​-​f​a​m​i​l​y​-​d​e​n​o​u​n​c​e​s​-​t​e​f​f​t​s​-​r​a​c​i​s​t​-​r​h​e​t​o​r​i​c​-​a​n​d​-​a​c​tions
[17] https://​www​.sued​deutsche​.de/​b​i​l​d​u​n​g​/​w​a​l​d​o​r​f​s​c​h​u​l​e​-​a​f​d​-​b​e​r​l​i​n​-​1​.​4​2​57213
[18] http://www.rundschau24.de/landshut/bildung-und-schule/37350–27-11-vortrag-schonungslos-kritische-analyse-des-journalisten-peter-bierl-ueber-anthrosophie-und-waldorfschule.html
[19] https://​www​.fpoe​.at/​a​r​t​i​k​e​l​/​l​i​n​k​e​-​s​t​e​h​e​n​-​k​o​p​f​-​s​e​y​r​a​n​-​a​t​e​s​-​t​r​a​f​-​h​c​-​s​t​r​ache/
[20] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​4​8763/
[21] https://​jungle​.world/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​4​9​/​s​c​h​l​e​c​h​t​e​r​-​g​e​s​e​l​l​s​chaft
[22] https://​jungle​.world/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​4​9​/​s​c​h​l​e​c​h​t​e​r​-​g​e​s​e​l​l​s​chaft
[23] https://​a3wsaar​.de/​s​t​a​r​t​s​eite/

Mit Racial Profiling gegen Sexismus

Wenn der Zweck die Mittel heiligt

Das Agieren der Polizei zu Sil­vester in Köln war ange­messen. Da waren sich Anfang Januar 2017 die rechts­po­pu­lis­tische Grup­pierung Pro Köln, die CDU, die FDP und die Mehrheit der Grünen unisono einig. Schließlich habe der Poli­zei­einsatz sexis­tische Vor­komm­nisse ver­hindert, die Sil­vester 2015 weltweit als Beweis her­halten mussten, dass eine Gesell­schaft, die ihre Grenzen nicht schützt, nur in Terror und Gewalt enden könnte.

Im Vorfeld des Jah­res­tages haben auch Femi­nis­tinnen der linken Bewegung vor­ge­worfen, im Zusam­menhang mit der Kölner Sil­ves­ter­nacht die Opfer im Stich gelassen zu haben.

Dabei fällt auf, dass die Über­griffe von Köln eine Dimension bekommen, die sie her­aushebt aus dem all­täg­lichen Sexismus, mit dem Frauen in der patri­ar­chalen Gesell­schaft immer wieder besonders dann kon­fron­tiert sind, wenn sich viele Männer irgendwo zusam­men­rotten. Besonders die Publi­zistin Hannah Wettig wandte sich in einem Beitrag in der „Jungle World“ dagegen, dass die sexis­ti­schen Über­griffe von Köln mit frau­en­feind­lichen Angriffen auf dem Münchner Okto­berfest oder ähn­lichen Gro­ße­vents mit Män­ner­be­säuf­nissen ver­glichen werden.

Explizit wandte sich Wettig dagegen, dass femi­nis­tische Initia­tiven schon wenige Wochen nach den Kölner Sil­ves­ter­er­eig­nissen im Bündnis #aus­nahmslos mit­ar­bei­teten, in dem sie sich gegen jeg­lichen Sexismus aus­sprachen, egal welche Her­kunft die Täter haben. Für Hannah Wettig führte eine solche Initiative zu einer Abwehr­de­batte, die für die betrof­fenen Frauen ver­heerend sei. „Sie müssten Angst haben, als Ras­sis­tinnen zu gelten, wenn sie berich­teten, was ihnen geschehen ist.“ Selt­sa­mer­weise klammert Wettig aus, dass die Kölner Sil­ves­ter­nacht und die Folgen von Anfang an von rechten Web­seiten und Initia­tiven genutzt wurden, für die Geflüchtete und Ver­ge­wal­tiger synonym sind.

Schon wenige Tage nach Köln tauchten die ersten rechten Auf­kleber auf, auf denen aus Refugees „Rape­fugees“ wurden. Die rechte Kam­pagne gegen dunkle Männer, die sich an deut­schen Frauen ver­greifen, hat eine his­to­rische Par­allele. Als nach dem Ende des Ersten Welt­kriegs die fran­zö­sische Armee, zu der auch nord­afri­ka­nische Sol­daten gehörten, das Ruhr­gebiet und andere west­deutsche Städte besetzten, initi­ierten völ­kische Kreise die Kam­pagne von der Schwarzen Schmach. Für sie war es ein beson­deres Zeichen von Kul­tur­verfall, dass jetzt schon Sol­daten aus Afrika gleich­be­rechtigt in der Armee agieren dürfen.

Die rechten Stimmen über die Kölner Sil­ves­ter­nacht hörten sich so an, als würde an diese Kam­pagne wieder ange­knüpft. Nicht der (aus eman­zi­pa­to­ri­scher, linker Sicht immer und ohne Aus­nahme zu bekämp­fende) Sexismus ist in den Augen der Ras­sis­tInnen das Problem, sondern dass die Täter keine Deut­schen waren.

Apartheid in Köln

Wenn nun selbst in linken Kreisen Anti­ras­sismus plötzlich als Täter­schutz bezeichnet wird, ist es nur kon­se­quent, dass es kaum Kritik gibt. wenn in der Kölner Sil­ves­ter­nacht gleich alle Männer, die nicht in das Bild der deut­schen Leit­kultur passten, in Poli­zei­kon­trollen hän­gen­blieben.

Das Vor­gehen der Sicher­heits­be­hörden in der Sil­ves­ter­nacht in Köln stellt einen Verstoß gegen das im deut­schen Grund­gesetz ver­an­kerte Dis­kri­mi­nie­rungs­verbot dar.

Amnesty Inter­na­tional fordert eine unab­hängige Unter­su­chung“, erklärte der Sprecher der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sation Amnestie Inter­na­tional, Alex­ander Bosch, der streng rechts­staatlich argu­men­tierte.

Danach hat die Polizei in der Sil­ves­ter­nacht eben nicht nur die Aufgabe, Frauen vor sexis­ti­scher Gewalt zu schützen, betont Bosch.

Gleich­zeitig ist es auch Aufgabe der Polizei, Men­schen vor Dis­kri­mi­nierung zu schützen – und diese Aufgabe hat die Polizei Köln igno­riert. Hun­derte Men­schen sind allein auf­grund ihrer tat­säch­lichen oder ver­mu­teten nord­afri­ka­ni­schen Her­kunft ein­ge­kesselt und kon­trol­liert worden.

Das wich­tigste Ent­schei­dungs­kri­terium der Poli­zisten ist das Merkmal der ange­nom­menen Her­kunft gewesen: Jeder Mensch, den die Beamten für einen Nord­afri­kaner gehalten haben, wurde in einen sepa­raten Bereich geführt, viele von ihnen mussten dort laut Medi­en­be­richten stun­denlang aus­harren.

Bei dem Einsatz der Polizei Köln handelt es sich also um einen ein­deu­tigen Fall von Racial Pro­filing. Damit hat die Polizei gegen völker- und euro­pa­recht­liche Ver­träge und auch gegen das im deut­schen Grund­gesetz ver­an­kerte Dis­kri­mi­nie­rungs­verbot ver­stoßen.“

Der Kampf gegen Racial Pro­filing hat eine lange Tra­dition

Tat­sächlich gehört der Kampf gegen Racial Pro­filing seit Jahren zu den Akti­vi­täten von Orga­ni­sa­tionen, in denen sich Schwarze in Deutschland und anderen Ländern enga­gieren. Sie wurden dabei zunehmend von anti­ras­sis­ti­schen Gruppen unter­stützt.

Es war eine zähe, aber nicht erfolglose Arbeit. 2012 wurde von Johanna Mohr­feldt und Sebastian Friedrich auf­ge­zeigt, wie sehr Racial Pro­filing zur nor­malen Poli­zei­arbeit auch in Deutschland gehörte (1).

Erst neueren Datums sind Emp­feh­lungen von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen an die Polizei (2), wie eine solche Praxis zu ver­hindern oder zumindest zu mini­mieren ist. Deshalb ist es ein Rück­schlag für diese Bemü­hungen einer mög­lichst dis­kri­mi­nie­rungs­armen Poli­zei­arbeit, wenn nun dem Racial Pro­filing offen das Wort geredet wird.

In der kon­ser­va­tiven Tages­zeitung „Die Welt“ wurde Racial Pro­filing als not­wendig für die Poli­zei­arbeit erklärt und der umstrittene Begriff „Nafri“ als Abkürzung aus der Poli­zei­arbeit rela­ti­viert. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, dass andere Begriffe, die viele der davon Betrof­fenen als dis­kri­mi­nierend bezeichnet haben, so wieder offi­ziell in die all­täg­liche Behör­den­arbeit zurück­kehren. Inof­fi­ziell waren sie nie ver­schwunden.

Nun wird die berech­tigte Empörung über die sexis­ti­schen Über­griffe von Köln genutzt, um hart erkämpfte Fort­schritte im Bereich des Anti­ras­sismus zu schleifen.

Der Shit­storm, der auf die Grünen-Vor­sit­zende Sabine Peters nie­derging, als sie es wagte, Kritik am Kölner Poli­zei­einsatz zu äußern, hat noch einmal deutlich gemacht, dass es in bestimmten Zeiten zumindest poli­tisch gefährlich sein kann, wenn eine Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kerin ihren Job macht. In der Taz hat Inlands­re­dakteur Daniel Bax noch einmal daran erinnert, dass Kritik an ras­sis­ti­schen Poli­zei­kon­trollen Bürger_​innenpflicht sein sollte.

Kampf gegen Sexismus und Ras­sismus

Für Linke ver­bietet es sich, auf einer Party zu feiern, auf der Men­schen aus­ge­sondert werden, weil sie die falsche Haut­farbe und das falsche Aus­sehen haben.

Das Aus­sehen und nicht ein kon­kreter Ver­dacht, war der Grund für die Durch­su­chungen. Für eine außer­par­la­men­ta­rische Linke dürfte es keinen Zweifel geben, dass die Kämpfe gegen Ras­sismus und Sexismus zusammen gehören.

Dafür hat die außer­par­la­men­ta­rische Linke bereits einige Dis­kus­si­ons­bau­steine geliefert, die für ein Zusam­men­denken einer anti­ras­sis­ti­schen und anti­se­xis­ti­schen Praxis nützlich sein können. Dazu gehört der Triple Opp­ression-Ansatz (3), der davon ausgeht, dass Ras­sismus, Sexismus und kapi­ta­lis­tische Aus­beutung drei Unter­drü­ckungs­ver­hält­nisse seien, die unab­hängig von­ein­ander von unter­schied­lichen Gruppen aus­geübt werden und nicht ein­ander bedingen.

Dieser Ansatz der in sich ver­zahnten drei­fachen Unter­drü­ckung grenzt sich von tra­di­ti­ons­linken Vor­stel­lungen ab, dass die kapi­ta­lis­tische Aus­beutung der Haupt­wi­der­spruch und Ras­sismus und Patri­archat Neben­wi­der­sprüche seien.

Nach dem Triple-Opp­ression-Ansatz können Männer, die selber ras­sis­tisch unter­drückt sind, sexis­tische Unter­drü­ckung ausüben, wie in Köln und in anderen Städten geschehen.

Frauen, die Opfer sexis­ti­scher und patri­ar­chaler Gewalt sind, können selber wie­derum ras­sis­tische Unter­drü­ckung ausüben und ver­stärken.

Peter Nowak

Anmer­kungen:

1) https://​kop​-berlin​.de/​b​e​i​t​r​a​g​/​a​l​l​t​a​g​l​i​c​h​e​-​a​u​s​n​a​h​m​e​f​a​l​l​e​-​z​u​-​i​n​s​t​i​t​u​t​i​o​n​e​l​l​e​m​-​r​a​s​s​i​s​m​u​s​-​b​e​i​-​d​e​r​-​p​o​l​i​z​e​i​-​u​n​d​-​d​e​r​-​p​r​a​x​i​s​-​d​e​s​-​r​a​c​i​a​l​-​p​r​o​f​iling

2) www​.institut​-fuer​-men​schen​rechte​.de/​u​p​l​o​a​d​s​/​t​x​_​c​o​m​m​e​r​c​e​/​S​t​u​d​i​e​_​R​a​c​i​a​l​_​P​r​o​f​i​l​i​n​g​_​M​e​n​s​c​h​e​n​r​e​c​h​t​s​w​i​d​r​i​g​e​_​P​e​r​s​o​n​e​n​k​o​n​t​r​o​l​l​e​n​_​n​a​c​h​_​B​u​n​d​e​s​p​o​l​i​z​e​i​g​e​s​e​t​z.pdf

3) www​.archiv​tiger​.de/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​m​a​e​n​n​e​r​a​r​c​h​i​v​/​v​i​e​h​m​a​n​n.pdf

Artikel aus: Gras­wur­zel­re­vo­lution Nr. 416, Februar 2017, www​.gras​wurzel​.net