Ein widerständiges Leben

Lou Marin hat eine Biografie über die Anarchistin Rirette Maîtrejean verfasst

Nur ihr Geburtsname, ihr Pseudonym und die Lebens­daten 1887 bis 1968 sind an ihrem Urnengrab auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise ver­merkt. Hier­zu­lande ist die fran­zö­sische Anar­chistin Rirette Maî­trejean, geboren als Anna Hen­riette Est­orges in einem kleinen fran­zö­si­schen Dorf, so gut wie nicht bekannt. Umso erfreu­licher, dass Lou Marin jetzt die erste deutsche Bio­grafie vorlegt.

Die Redak­teurin der Zeitung »l’ anarchie«, Geliebte von Viktor Kibalt­schin alias Victor Serge, unfrei­willige Kom­plizin der »Bande à Bonnot« und Weg­ge­fährtin von Albert Camus, den sie in die anar­chis­tische Ide­enwelt ein­führte, ist zeit­weise massiv von den eigenen Genossen ange­feindet worden. Denn sie ver­ur­teilte Attentate, bewaffnete Raub­über­fälle und Bom­ben­an­schläge, die der radikale Flügel des Anar­chismus als Pro­pa­ganda der Tat ver­herr­lichte. Sie war über­zeugt, dass ter­ro­ris­tische Aktionen der Sache nicht dienen, sondern nur schaden.

Lou Marin berichtet nicht nur über Rirette Maî­tre­jeans Leben, das von Anfang an wider­ständig war. So ver­wei­gerte sie sich ihrer Mutter, die für sie eine gute Partie zu finden hoffte. Für Rirette Maî­trejean glich die Ehe einer Zwangs­pro­sti­tution, sie ver­schrieb sich der freien Liebe. Der Biograf gibt auch Ein­blick in den Mikro­kosmos des anar­chis­ti­schen Milieus in Paris vor dem Ersten Welt­krieg.

Einige Anar­chisten wei­gerten sich, mit anderen linken Gruppen gemeinsam gegen den in der Dreyfus-Affäre offen zutage getre­tenen Anti­se­mi­tismus zu kämpfen. Vor allem Sébastian Faure wurde als Regie­rungs­an­ar­chist ange­griffen, weil er bei der Ver­tei­digung des fälschlich der Spionage für Deutschland ange­klagten jüdi­schen Haupt­manns mit sozia­lis­ti­schen und bür­ger­lichen Kräften koope­rierte. Dessen Haupt­kri­tiker Emilie Janvion gründete eine Zeitung, »die sich schnell anti­frei­mau­re­ri­schen und anti­se­mi­ti­schen Ver­schwö­rungs­theorien hingab«, so Lou Marin. Am Bei­spiel von Gustav Hervé zeigt er die fatalen Folgen für die anar­chis­tische Idee in Frank­reich auf: »Ange­zogen vom Gewalt befür­wor­tenden Ver­bal­ra­di­ka­lismus Hervés sollten die ihm lange Zeit nach­fol­genden Anar­chis­tInnen in einen langen Prozess der Des­il­lu­sio­nierung und der Rechts­ent­wicklung weg vom Anti­na­tio­na­lismus und Anti­mi­li­ta­rismus, hin zum Natio­na­lismus und letztlich zur Kriegs­vor­be­reitung hin­über­ge­zogen werden.« Doch nicht nur während des Ersten Welt­krieges spielte Hervé eine unrühm­liche Rolle. Während des Zweiten Welt­krieges war er ein Unter­stützer des Vichy-Regimes, Hitlers Mario­net­ten­re­gierung im Süden Frank­reichs.

In jener Zeit lernte Rirette Maî­trejean Albert Camus kennen, den sie zu dem Abschnitt »Der indi­vi­duelle Terror« in dessen Erfolgsbuch »Der Mensch in der Revolte« inspi­rierte. Eine enge Freund­schaft verband sie auch mit dem jüdi­schen Anar­chisten Pierre Ruff. Während jener 1936 Hitler und Stalin noch glei­cher­maßen ver­ur­teilte, ver­tei­digte er die Sowjet­union nach dem Überfall der deut­schen Wehr­macht auf die UdSSR. »Er lobte den Mut der Kom­mu­nisten und begann bald, seine ehe­ma­ligen Genos­sInnen des Kom­pli­zentums mit dem Nazismus zu bezich­tigen«, bemerkt Lou Marin. Ruff kam im KZ Neu­en­gamme ums Leben. Als Rirette Maî­trejean ihr Leben voll­endete, erlebte Paris einen heißen Mai.

Lou Marin war es wichtig, das Vor­urteil zu brechen, Anar­chismus bedeute stets Gewalt. Das ist ihm mit seiner ein­fühl­samen Bio­grafie von Rirette Maî­trejean gelungen.
* Lou Marin: Rirette Maî­trejean. Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution. 262 S., br., 16,90 €.

Peter Nowak