Peter Brückner und die deutschen Verhältnisse

Aus dem Abseits, Deutschland 2015, Regie: Simon Brückner. (Der Film wurde am 29.8.2016 in 3sat aus­ge­strahlt.)

Der Film Aus dem Abseits bringt uns einen linken Intel­lek­tu­ellen wieder näher, der zur Ziel­scheibe des Modell Deutsch­lands von Helmut Schmidt wurde.

Simon Brückner war vier Jahre alt, als sein Vater 1982 in Nizza einem schweren Herz­leiden erlag. Fast 25 Jahre später macht er sich im Film Aus dem Abseits auf die Suche nach seinem abwe­senden Vater. Er prä­sen­tiert uns einen weit­gehend in Ver­ges­senheit gera­tenen, linken Intel­lek­tu­ellen, der in den Jahren des Modells Deutsch­lands von Helmut Schmidt zur Ziel­scheibe von Mob, Politik und Justiz in der BRD geraten war. Zweimal wurde er sus­pen­diert, mehrere Razzien musste er über sich ergehen lassen. Alt­nazis schrieben Brückner Droh­briefe, und als die Fern­seh­nach­richten seinen Tod mel­deten, applau­dierten brave Deutsche in einer Kran­ken­haus­kantine spontan, erzählt eine Brückner-Ver­traute im Film.

Der Mob hasste in Brücker einen linken Intel­lek­tu­ellen jüdi­scher Her­kunft, für den Revo­lution und schönes Leben zusam­men­ge­hörten und der sich dabei auch mit machen linken zeit­ge­nös­si­schen Dog­ma­tikern zer­stritt. Simon Brückner geht zurück in die Kindheit seines Vaters, als seine jüdische Mutter Deutschland noch recht­zeitig verließ, aber ihren Sohn im Teen­ager­alter zurückließ. Der hatte in der NS-Zeit am eigenen Leib erfahren, dass, zumal in Deutschland, das Abseits der einzig sichere Ort ist. Früh beob­achtete er die NS-Volks­ge­mein­schaft und merkte auch selbst­kri­tisch an, dass ihn seine jüdische Her­kunft davor bewahrte, Teil dieser Volks­ge­mein­schaft zu werden. Er schrieb auch von der Fas­zi­nation, die der Aus­bruch aus dem spie­ßigen Internat in die NS-Jung­schar bedeutete.

Brückners frühe Jahre in der DDR

Doch schon bald überwog beim jungen Brückner die Abscheu vor dem NS. Er wird aus dem Internat geworfen und zieht nach Zwickau, wo er als Jugend­licher allein lebt, was in der dama­ligen Zeit eine absolute Aus­nahme war. In Zwickau fand er auch Kontakt zum kom­mu­nis­ti­schen Wider­stand, den er nach 1945, nachdem er den Faschismus mit viel Glück überlebt hatte, auf­rech­ter­hielt. Brückner trat in die KPD ein und begann unmit­telbar nach dem Krieg mit dem Aufbau einer Sozi­al­psy­cho­logie im Interesse des Pro­le­ta­riats. Ein solch eigen­sin­niger Kom­munist in der DDR, das konnte nicht gut­gehen.

Doch gerade zu diesem Lebens­ab­schnitt hätte man sich mehr Nach­fragen im Film gewünscht. Viele Fragen bleiben offen. Schließlich erfahren wir, dass Brückner als KPD-Mit­glied gegen das Zusam­men­gehen mit der Sozi­al­de­mo­kratie in die SED war. Da standen ja wohl andere Gründe dahinter, als dass SPD-Mit­glieder ihren Anti­kom­mu­nismus pflegen wollten. War er also der Meinung, dass die Kom­mu­nisten nicht mit den Refor­misten der SPD koope­rieren sollen? Ob sich da noch For­scher finden, die nach den ein­schlä­gigen Doku­menten suchen? Lebt viel­leicht noch jemand von dieser Zwi­ckauer Clique und kann sich noch an Brückner erinnern?

Im Film bleibt hier eine Leer­stelle. Wir erfahren nur, dass bei Brückner eine Tuber­kulose wieder aus­brach. Seine mit den bri­ti­schen Alli­ierten nach Deutschland zurück­ge­kehrte Mutter sorgte dafür, dass er in den Westen kam. Doch die Beziehung zur Mutter hielt nicht lange. Er brach den Kontakt ab. Es werden Aus­schnitte aus seinen frühen Briefen zitiert, die zeigen, dass Brückner seiner Mutter nicht verzieh, dass sie ihn allein in Deutschland zurück­ge­lassen hatte und ein Geschenk, das er ihr als Zehn­jäh­riger besorgte, achtlos weg­ge­worfen hatte.

Brückner hat wenig über diese frühen Jahre erzählt. Selbst seine letzte Lebens­ge­fährtin, Barbara Sich­termann, wusste von Brückners Vor­leben nach ihren Angaben nichts. Doch es ist durchaus ver­ständlich, dass er damit nicht hau­sieren ging. Schließlich wird im Film ein Brief zitiert, aus dem her­vorgeht, dass er nicht in eine Orga­ni­sation der Ver­folgten des Nazi­re­gimes ein­treten wollte, weil er sich nicht als Opfer sah.

Dass er seine DDR-Geschichte nicht bekannt machte, dürfte zwei Gründe gehabt haben: Als frü­heres KPD-Mit­glied wäre er in der Ade­nau­erära noch mehr ins gesell­schaft­liche Abseits geraten. Zugleich gerierte er sich nicht als kom­mu­nis­ti­scher Renegat. Er gehörte wie Heiner Lipp­hardt und Ernst Bloch zu den linken Kri­tikern des Sta­li­nismus und Nomi­nal­so­zia­lismus, die sich wei­gerten, als Kron­zeugen für den real exis­tie­renden Kapi­ta­lismus zu dienen. Da ist sein Schweigen ver­ständlich.

Irri­tie­render ist ein Interview mit einer Freundin und Kommune-Mit­be­woh­nerin im West­berlin der 60er Jahre, die berichtet, dass Brückner kör­per­liche Zuwen­dungen von der Frau for­derte, und wenn sie sich wei­gerte, regte er sich so auf, dass sie befürchtete, er bekomme einen Herz­in­farkt. Sie fühlte sich sexuell erpresst. Es ist erfreulich, dass Simon Brückner auch diese Seite seines Vaters nicht uner­wähnt lässt.

Lang lehre Peter Brückner

Viel Raum nimmt natürlich der linke Intel­lek­tuelle Brückner ein. Wir sehen ihn in Teach-Ins, als Kund­ge­bungs­redner, bald auch in eigener Sache. Denn er gehörte zu denen, die, als der Staat mit Repression drohte, nicht klein bei­gaben sondern kämpften, und so auch Prot­agonist einer Soli­da­ri­täts­be­wegung wurden, die über die BRD hin­ausging. «Lang lehre Peter Brückner» lautete die Parole vieler Demons­trie­renden in jenem deut­schen Herbst, dessen Prot­agonist Helmut Schmidt im November letzten Jahres gestorben ist und mit viel Lob bedacht wurde. So ist Simon Brückners Film auch ein Antidot zur Schmid­tomanie, die den Mann, der im Not­standsfall mal nicht in die Gesetz­bücher gucken wollte und von dem der Spruch stammt, dass die Wehr­machts­an­ge­hö­rigen gut har­mo­nierten, zur Licht­ge­stalt sti­li­sierten.

Aus dem Abseits gibt denen, die im Schmidtschen «Modell Deutschland» aus­ge­grenzt und kri­mi­na­li­siert wurden, ein Forum. Der Film zeigt auch die Folgen der Kri­mi­na­li­sierung. So begann Barbara Sich­termann mit ihrer Arbeit als Schrift­stel­lerin, weil nach Brückners Ent­lassung das Geld fehlte. Für seinen Nizza-Urlaub musste er einen Kredit auf­nehmen. Gerade weil der Film von Simon Brückner ein Spu­ren­sucher seines Vaters und eines linken Intel­lek­tu­ellen ist, bleiben viele Fragen offen. Das ist aber gut so und könnte dazu führen, dass auch wieder die Bücher von Brückner gelesen werden. Das wäre erfreulich, weil sich dort viele nütz­liche Anre­gungen für alle Men­schen finden, die sich vom schein­baren kapi­ta­lis­ti­schen Endsieg nicht dumm machen lassen und wei­terhin über­zeugt sind, dass die Welt unver­nünftig ein­ge­richtet ist und es eine Revo­lution braucht, um das zu ver­ändern.

Seit einigen Jahren trifft sich all­jährlich ein Kreis von Inter­es­sierten zum Peter-Brückner-Kon­gress. Der Aktua­lität Bruckners wurde ein Buch gewidmet. Der Film könnte jetzt helfen, dass der Kreis derer, für die die Parole «Lang lehre Peter Brückner» größer wird.

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Peter Nowak