Wenig Interesse an kritischer Recherche


Bereits vor dem G20-Gipfel in Hamburg stellte eine Studie fest, dass viele Medien die Polizei nicht als Akteur mit eigenen Inter­essen betrachten, sondern als neu­trale Instanz.

Das Thema ist hoch­ak­tuell: Wie berichten Medien über ver­schie­denen Formen und Inhalte des Pro­tests? Die Bild-Zeitung spielte nach dem G20-Gipfel in Hamburg und den dagegen gerich­teten Demons­tra­tionen Polizei und Richter in einer Person und rief unter der Schlag­zeile »Wer kennt diese G20-Ver­brecher?« zur Denun­ziation von ver­meint­lichen Straf­tätern auf. Bereits am Freitag, als der Gipfel und die Pro­teste noch andau­erten, ver­öf­fent­lichte Bild das Foto eines Mannes, der angeblich einem Poli­zisten einen Böller ins Gesicht geworfen hatte. Der Beamte drohe zu erblinden. Wie die Polizei Hamburg einen Tag später mit­teilte, stimmten beide Infor­ma­tionen nicht. Weder galt der Mann als Tat­ver­däch­tiger, noch verlor der Polizist sein Augen­licht. Doch da war die Falsch­meldung über ver­schiedene soziale Netz­werke bereits über 100 000 Mal geteilt worden.

Wenn es gegen Linke geht, gehört die Unschulds­ver­mutung nicht unbe­dingt zu den jour­na­lis­ti­schen Grund­sätzen des Blattes, wie bereits vor 50 Jahren unter Beweis gestellt. Aber auch Medien, die mehr Wert auf Serio­sität legen, haben an den Gip­fel­tagen auf Bitten der Polizei ihre Recherche in bezie­hungs­weise Bericht­erstattung aus bestimmten Teilen Ham­burgs ein­ge­stellt oder zumindest ein­ge­schränkt. Man wolle die poli­zei­liche Arbeit nicht behindern, lautete die Begründung. Doch sollte es nicht Aufgabe der Presse sein, die Arbeit der Polizei zu kon­trol­lieren?

Selten wird die Rolle der Polizei im Zusam­menhang mit gewalt­samen Aus­ein­an­der­set­zungen kri­tisch unter­sucht.

Offenbar würden längst nicht alle Medi­en­ver­treter diese Frage bejahen. Das machte die Studie »Großdemons­trationen in den Medien« deutlich, die das Ber­liner Institut für Bewe­gungs- und Pro­test­for­schung kurz vor dem Ham­burger G20-Gipfel ver­öf­fent­licht hat. Die Insti­tuts­mit­ar­beiter Dieter Rucht, Moritz Sommer und Simon Teune unter­suchten 69 Bei­träge, die zwi­schen 2003 und 2015 erschienen waren. Zu den unter­suchten elf Medien mit libe­raler oder kon­ser­va­tiver Aus­richtung gehören die Tages­zei­tungen Taz, Frank­furter Rund­schau, Süd­deutsche Zeitung, Frank­furter All­ge­meine und Bild, die wöchentlich erschei­nenden Zei­tungen und Magazine Der Spiegel, Focus und Die Zeit sowie Nach­rich­ten­sen­dungen der öffentlich-recht­lichen Sender ARD, ZDF und Deutsch­landfunk. Die unter­suchten Bei­träge befassten sich mit dem Irak-Krieg, den Pro­testen gegen die Agenda 2010 und denen gegen das Bahn­projekt Stuttgart 21. Auch die Bericht­erstattung über Aktionen für die Abschaltung von Atom­kraft­werken nach der Kata­strophe von Fuku­shima, über die Anti-TTIP-Demons­tra­tionen sowie den Wider­stand gegen den G7-Gipfel vor zehn Jahren in Hei­li­gendamm unter­suchten die Pro­test­for­scher. Schließlich wid­meten sie sich auch dem jour­na­lis­ti­schen Output zur rechten Pegida-Bewegung.

Wenig über­ra­schend ist die Erkenntnis der Studie, dass ten­den­ziell linke Pro­teste nega­tiver ein­ge­schätzt werden, je kon­ser­va­tiver eine Zeitung ist. Für die Pegida-Teil­nehmer bringen die kon­ser­va­tiven Medien hin­gegen mehr Ver­ständnis auf als die libe­ralen. Sehr gut wird in der Studie her­aus­ge­ar­beitet, wie in der Bericht­erstattung Pro­teste subtil als rand­ständig klas­si­fi­ziert werden. Dagegen wird »der Nor­mal­bürger« gestellt, auch schon mal als »der brave Bürger« bezeichnet, den die Anliegen der Pro­teste kaum inter­es­sierten.

Die Polizei werde vor allem von kon­ser­va­tiven Medien nicht als ein Akteur in diesen Aus­ein­an­der­set­zungen gesehen, der selbst auch Gewalt anwendet. Vielmehr werde sie häufig als neu­trale Instanz in Artikel ein­ge­führt. So ver­wundere es nicht, dass in den unter­suchten Medien der Dar­stellung der Polizei wesentlich mehr Raum geboten wurde als der Sicht­weise der Demons­trie­renden.
Selten wird die Rolle der Polizei auch und gerade im Zusam­menhang mit gewalt­samen Aus­ein­an­der­set­zungen kri­tisch unter­sucht. Zur Bericht­erstattung über das »Gewalt­thema« sagte der Studie zufolge ein Jour­nalist einer kon­ser­va­tiven Zeitung, da gehe er »am nächsten Tag zur Pres­se­kon­ferenz des Innen­se­nators, der gemeinsam mit dem Poli­zei­prä­si­denten vor­trägt, wie viele Poli­zisten ver­letzt wurden und wie viele Gewalt­täter fest­ge­nommen wurden«. Eine Jour­na­listin einer libe­ralen Zeitung berichtete demnach, dass sie sich von ihren Kol­le­ginnen und Kol­legen Vor­würfe anhören müsse, weil sie auch gute Kon­takte zu Anti­fa­schisten habe. Sie halte dem ent­gegen, dass es zu ihrem Beruf gehöre, gut ver­netzt zu sein.
Das scheint bei einigen der in der Studie unter­suchten Medien nicht unbe­dingt zum jour­na­lis­ti­schen All­ge­meingut zu gehören. Da ver­wundert es nicht, wenn nach den Pro­testen in Hamburg medial kaum the­ma­ti­siert wird, dass Tau­senden Men­schen ihr Grund­recht auf Ver­samm­lungs­freiheit genommen wurde, als die Polizei eine zu diesem Zeit­punkt fried­liche Demons­tration wegen einiger Ver­mummter gewaltsam auf­löste. Staat­liche Gewalt kann nicht pro­ble­ma­ti­siert werden, wenn man die Recherche ein­stellt, weil die Polizei darum bittet.
https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​2​8​/​w​e​n​i​g​-​i​n​t​e​r​e​s​s​e​-​k​r​i​t​i​s​c​h​e​r​-​r​e​c​h​erche

Peter Nowak