Es zeigt auch, dass weder die Pro-EU-Kräfte noch die Brexiteers sich der Mehrheit der Bevölkerung sicher sein können

Das Brexit-Theater geht in die nächste Runde

Diese Situation ist für die Eliten bequem. Denn solange der Glau­bens­krieg um den Brexit wei­tergeht, wird weniger geredet über Themen, die für viele Men­schen in Groß­bri­tannien viel exis­ten­ti­eller sind. Dazu gehören schlechte Arbeits­be­din­gungen und Lohn­ver­luste in vielen Branchen ebenso wie Pro­bleme, eine Wohnung zu finden, um nur einige Bei­spiele zu nennen. Sie haben nichts damit zu tun, ob das Land in der EU ist oder nicht.

Der bri­tische Abge­ordnete Oliver Letwin war bisher außerhalb Groß­bri­tan­niens wenig bekannt. Der Rechts­außen bei den Tories sorgte einst mit ras­sis­ti­schen Bemer­kungenfür Kritik und ist ein glü­hender Anhänger von That­chers wirt­schafts­li­be­ralen Theorien. Dass er am letzten Wochenende auch in Deutschland bekannt und von vielen Bre­x­it­gegnern gefeiert wurde, lag an einer.…

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»Russland wirklich weh tun«


Über eine gras­sie­rende Geschichts­ver­ges­senheit bei der Debatte über Russland in Deutschland

Jetzt reicht es aber. Ver­lassen Sie den Donbaz«, herrschte der CDU-Poli­tiker Elmar Brok[1] seinen Dis­kus­si­ons­partner Dmitri Tultschinski[2] an. Der ehe­malige Leiter des rus­si­schen Senders Rossiya Segodnya in Berlin sollte mit Brok und der Direk­torin des Zen­trums für Ost­europa- und inter­na­tionale Studien,[3] Gwen­dolyn Sasse, im Deutsch­land­radio die Frage »Steht Putins Russland zu Recht am Pranger?«[4] dis­ku­tieren.

Am Pranger stand aber schnell der »Put­in­ver­steher« Tult­schinski, dem zwei Dis­kus­si­ons­partner gegen­über­standen, die den soge­nannten Westen ver­traten, die in Russland die Gefahr sehen, die gestoppt werden muss. Dass Brok da manchmal eher wie ein General wirkte, der gegen die Russen den Krieg doch noch gewinnen will, war eine besonders unan­ge­nehme Begleit­erscheinung. Die wird aber kaum noch dis­ku­tiert. Die deut­schen Ver­brechen an Bürgern der Sowjet­union und Russ­lands werden heute nicht mehr erwähnt.

Die viel­ge­rühmte deutsche Geschichts­auf­ar­beitung

In der viel­ge­rühmten deut­schen Gedenk­po­litik ist für sie kein Platz. So war auch der 75 Jah­restag der Schlacht von Sta­lingrad, dem Anfang vom Ende des Nazi­re­gimes in Deutschland »kaum ein Thema«[5]. »Deutschland ver­zichtet auf Gedenken«, lautete eine bezeich­nende Überschrift[6].

Gegenüber Russland hat sich der selbst­er­nannte Gedenk­meister Deutschland nie große Mühe gegeben. Im Kalten Krieg hat man die Pro­pa­ganda gegen Russland nur wenig retu­schiert einfach fort­ge­setzt. In der Zeit der Ent­span­nungs­po­litik hat man sich vor allem auf öko­no­mische Koope­ration kon­zen­triert. Doch in dieser Zeit küm­merten sich zivil­ge­sell­schaft­liche Initia­tiven auch um das Gedenken an den sowje­ti­schen Opfern, die im deut­schen Sprach­ge­brauch doch nur »die Russen« blieben.

Exem­pla­risch sei nur an den Arbeits­kreis Blumen für Stukenbrock[7] in Ost­west­falen erinnert, der dort seit 50 Jahren[8] an die Ver­brechen an den sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­genen erinnert. Der Arbeits­kreis hatte nie die offi­zielle Aner­kennung, Mit­ar­beiter wurden im Gegenteil in die linke Ecke gestellt und bespitzelt.

Doch haben solche Initia­tiven manchmal auch in West­deutschland zu einem Bewusstsein vor allem bei jün­geren Men­schen bei­getragen, dass Deutschland das letzte Land ist, das der Sowjet­union, respektive Russland, Lek­tionen in Geschichte erteilen sollte.

Sta­lingrad nie ver­ziehen?

Doch davon ist heute wenig geblieben. Im Gegenteil man hat nicht nur bei Elmar Brok den Ein­druck, dass die Deut­schen »den Russen« Sta­lingrad nie ver­ziehen haben. Das drückt sich schon in der Sprache aus. Wenn der Ko-Vor­sit­zende der Grünen Robert Habeck einen Stop des Gas­pipeline-Pro­jekts Nord Stream fordert, muss er hinzusetzen[9]: »Das ist einer der wenigen Punkte, die Russland wirklich weh tun.«

Dass noch einige rus­sische Men­schen leben, denen Deutschland wirklich weh getan hat, wird Habeck dabei wohl ebenso wenig bedacht haben, wie die vielen anderen, die in diesen Tagen ganz kreativ dabei sind, sich weitere Sank­tionen gegen Russland aus­zu­denken. Eher humo­ris­tisch war hin­gegen die vom ukrai­ni­schen Außen­mi­nister ange­zet­telte Debatte, auch den ehe­ma­ligen SPD-Bun­des­kanzler und heu­tigen Gazprom-Lob­by­isten Gerhard Schröder mit Sank­tionen zu belegen[10].

Keine schlechte Idee, den Erfinder der Agenda 2010, die für Zig­tau­sende ein­kom­mensarme Men­schen Sank­tionen brachte, auch etwas zu sank­tio­nieren. Gründe gäbe es also genug.

Die von Deutschland gestützte anti-rus­sische Fraktion in der Ukraine

Doch der Vor­schlag aus der Ukraine macht einmal mehr die Macht­ver­hält­nisse im öst­lichen Hin­terhof deutlich. Die pro-deut­schen Kräfte in Kiew sind in ihre Position nur gelangt, weil sie von der anti-rus­si­schen Fraktion in Deutschland pro­te­giert wurden.

Elmar Brok hat in der oben erwähnten Deutsch­land­funk­dis­kussion selbst gestanden, dabei gewesen zu sein, als am Maidan mit Hilfe aus Deutschland die soge­nannte pro-west­liche Koalition aus der Taufe gehoben wurde.

Die extreme Rechte, die dort auch dabei war, hat natürlich auch Elmar Brok nicht gesehen. Aber auch in der Sendung war er über­zeugt, dass die Schüsse auf die Demons­tranten nur von den russ­land­freund­lichen Oppo­nenten gekommen sind. Er will da sogar Augen­zeuge gewesen sein.

Dass die Frage, wer für die Schüsse am Maidan ver­ant­wortlich ist, bis heute nicht ver­lässlich geklärt ist[11], es aber ernst­zu­neh­mende Aus­sagen gibt, die der in Deutschland poli­tisch unter­stützten Version wider­sprechen – Mai­dan­morde: Aus­sagen weisen erneut auf Täter aus den eigenen Reihen[12] – igno­riert Brok.

Kanzler Schröder gehörte nicht zu den explizit anti-rus­si­schen Kräften. Doch unter seiner Ägide rückte die Nation immer weiter nach Osten vor und von Schröder hörte man kein Wort des Wider­stands. Erst als er seinen Job beim Gazprom antrat, gab er den Putin-Ver­steher. Das ist eben die Rolle, die man als Gazprom-Mann spielen muss.

Auch der pro-rus­si­schen Fraktion geht es nicht um Geschichte

Doch ein Teil der deut­schen Eliten hat his­to­risch schon immer auf ein engeres Bündnis mit Russland gesetzt. Aktuell gibt es deshalb in Kreisen rechts von der Union solche Bestre­bungen. Dabei geht es natürlich nicht um deutsche Geschichte, sondern um die Koope­ration zwi­schen der Deutsch-EU und Russland.

Auch der FDP-Poli­tiker Wolfgang Kubicki[13] hat sich in einem Deutschlandfunk-Interview[14] dafür aus­ge­sprochen, die Sank­tionen gegen Russland zu lockern.

Die Kritik, die dar­aufhin auch in seiner eigenen Partei ein­setzte, zeigt deutlich, dass die anti-rus­si­schen Kräfte aktuell die Hege­monie in Deutschland haben. Das kann sich ändern, doch, was die pro- und die anti­rus­si­schen Kräfte eint, ist die Geschichts­ver­ges­senheit.

Dass es die Rote Armee war, die das Ver­nich­tungs­lager Auschwitz befreite, wird heute kaum noch erwähnt[15].

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Peter Nowak
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[4] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​s​t​r​e​i​t​-​m​i​t​-​m​o​s​k​a​u​-​s​t​e​h​t​-​p​u​t​i​n​s​-​r​u​s​s​l​a​n​d​-​z​u​-​r​e​c​h​t​-​a​m​-​p​r​a​n​g​e​r​.​1​7​8​4​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​4​13187
[5] http://​www​.haz​.de/​N​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​P​o​l​i​t​i​k​/​D​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​W​e​l​t​/​B​e​i​m​-​7​5​.​-​G​e​d​e​n​k​t​a​g​-​d​e​s​-​E​n​d​e​s​-​d​e​r​-​S​c​h​l​a​c​h​t​-​v​o​n​-​S​t​a​l​i​n​g​r​a​d​-​b​l​e​i​b​t​-​D​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​t​r​a​d​i​t​i​o​n​e​l​l​-fern
[6] https://​wol​gograd​.de/​d​e​u​t​s​c​h​l​a​n​d​-​v​e​r​z​i​c​h​t​e​t​-​a​u​f​-​g​e​d​e​nken/
[7] http://​www​.uni​-bie​lefeld​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​r​e​g​i​o​n​a​l​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​K​o​o​p​e​r​a​t​i​o​n​s​p​a​r​tner/
selbstdarstellung_blumen_fuer_stukenbrock/index.html
[8] http://​www​.uni​-bie​lefeld​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​r​e​g​i​o​n​a​l​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​K​o​o​p​e​r​a​t​i​o​n​s​p​a​r​tner/
selbstdarstellung_blumen_fuer_stukenbrock/index.html
[9] https://​www​.green​peace​-magazin​.de/​t​i​c​k​e​r​/​g​r​u​e​n​e​-​f​o​r​d​e​r​n​-​a​u​s​-​f​u​e​r​-​o​s​t​s​e​e​-​p​i​p​e​l​i​n​e​-​r​u​s​s​l​a​n​d​-​w​i​r​k​l​i​c​h​-​w​e​h-tun
[10] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​m​e​h​r​-​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​g​e​r​h​a​r​d​-​s​c​h​r​o​e​d​e​r​-​s​a​n​k​t​i​o​n​e​n​-​w​e​g​e​n​-​p​u​t​i​n​-​u​n​t​e​r​s​t​u​e​t​z​u​n​g​-​1​5​5​0​1​1​1​8​.html
[11] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​W​o​h​e​r​-​k​a​m​e​n​-​d​i​e​-​T​o​d​e​s​s​c​h​u​e​s​s​e​-​3​6​3​0​9​4​9​.html
[12] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​M​a​i​d​a​n​m​o​r​d​e​-​A​u​s​s​a​g​e​n​-​w​e​i​s​e​n​-​e​r​n​e​u​t​-​a​u​f​-​T​a​e​t​e​r​-​a​u​s​-​d​e​n​-​e​i​g​e​n​e​n​-​R​e​i​h​e​n​-​3​9​9​7​5​2​0​.html
[13] https://​www​.bun​destag​.de/​a​b​g​e​o​r​d​n​e​t​e​/​b​i​o​g​r​a​f​i​e​n​/​K​/​-​/​5​21368
[14] http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​d​e​r​-​w​o​c​h​e​-​k​u​b​i​c​k​i​-​b​u​n​d​e​s​r​e​g​i​e​r​u​n​g​-​s​o​l​l​-​a​u​f​.​2​8​5​2​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​4​13327
[15] http://www.sueddeutsche.de/politik/rote-armee-und-auschwitz-russland-ringt-um-die-erinnerung‑1.2322757