Klassenbrüder in Spitzbergen

Syn­di­ka­listen gibt es in den ent­le­gensten Teilen der Welt, ein Buch widmet sich ihrer Geschichte

»Die Syn­di­ka­lis­tische Föde­ration Spitz­bergens sendet von den ark­ti­schen Regionen den Klas­sen­brüdern in allen Ländern ihre brü­der­lichen Grüße und hofft auf den Durch­bruch des Syn­di­ka­lismus unter dem Pro­le­tariat in aller Welt.« Die 1925 von Koh­le­ar­beitern im hohen Norden geäu­ßerten Hoff­nungen haben sich nicht erfüllt. Aber das Bei­spiel macht deutlich, dass die syn­di­ka­lis­tische Strömung der Gewerk­schafts­be­wegung selbst in den ent­le­gensten Teilen der Welt bei den Arbeiter_​innen auf Zustimmung gestoßen ist. Daran erinnert der Bremer His­to­riker Helge Döhring in seiner Ein­führung in den »Anarcho-Syn­di­ka­lismus«. 

Der Titel des Buches ist etwas miss­ver­ständlich, denn Döhring schildert darin auch die tiefen Kon­flikte der Syndikalist_​innen mit Teilen der anar­chis­ti­schen Strö­mungen. Die Grund­sätze des Syn­di­ka­lismus fasst Döhring so zusammen: »Syn­di­ka­lismus beginnt dort, wo sich auf öko­no­mi­scher Ebene Men­schen zusam­men­schließen, um sich im Alltag gegen­seitig zu helfen, mit dem Ziel, der Aus­beutung der Men­schen ein Ende zu bereiten.« Damit teilen sie auch die Ziele der mar­xis­ti­schen Arbeiter_​innenbewegung. Doch im Gegensatz zu ihnen lehnen die Syndikalist_​innen zen­tra­lis­tische Struk­turen ab und favo­ri­sieren Streiks und Klas­sen­kämpfe statt Kun­gel­runden mit den Bossen. 

Doch Döhring zeigt auch an zahl­reichen Bei­spielen auf, dass Syndikalist_​innen häufig Kom­pro­misse machten, wenn sie ein­fluss­reicher wurden. Besonders in Schweden ist die mächtige syn­di­ka­lis­tische Gewerk­schaft in den Staats­ap­parat inte­griert. Das führte immer wieder zu Spal­tungen und Streit zwi­schen den Anhänger_​innen der reinen Lehre und angeb­lichen Revisionist_​innen. Darin sind sich die mar­xis­tische und die syn­di­ka­lis­tische Bewegung ähnlich. Als syn­di­ka­lis­ti­schen Revi­sio­nismus bezeichnet Döhring die Ansätze des späten Rudolf Rocker. Der wich­tigste Kopf des deutsch­spra­chigen Syn­di­ka­lismus näherte sich nach 1945 der Sozi­al­de­mo­kratie an. Anders als in den spa­nisch­spra­chigen Ländern und Teilen Skan­di­na­viens blieb der Syn­di­ka­lismus in Deutschland mino­ritär. 

Das letzte »Per­spek­tiven« über­schriebene Kapitel des Buches ist leider etwas kurz geraten. Dort pro­gnos­ti­ziert Döhring, dass die Syndikalist_​innen von dem Rückgang der for­dis­ti­schen Groß­in­dustrie und dem damit ver­bun­denen Bedeu­tungs­verlust der DGB-Gewerk­schaften pro­fi­tieren könnten. Dabei beruft er sich auf his­to­rische Erfah­rungen, nach denen syn­di­ka­lis­tische Gewerk­schaften in den Bereichen an Ein­fluss gewonnen haben, in denen Zen­tral­ge­werk­schaften ent­weder gar nicht oder nur schwach präsent waren. So haben sich etwa Arbeitsmigrant_​innen in den USA und anderen Ländern ver­stärkt in syn­di­ka­lis­ti­schen Gewerk­schaften orga­ni­siert. Ein Grund dafür liegt in den Hürden, die ihnen die meisten eta­blierten Gewerk­schaften stellten. 

Auch die Arbeits­kämpfe, die in Deutschland in den letzten Jahren von der syn­di­ka­lis­ti­schen Freien Arbeiter Union (FAU) geführt wurden, fanden in Branchen statt, in denen die DGB-Gewerk­schaften kaum ver­treten sind. Das trifft für die Kinos ebenso zu wie für die Fahrradkurier_​innen. Leider ist Döhring auf diese aktu­ellen Kämpfe nicht detail­lierter ein­ge­gangen und hat in der Lite­ra­tur­liste die Bücher, die über diese neuen Arbeits­kämpfe erschienen sind, nicht auf­ge­führt. Trotzdem ist seine gut ver­ständ­liche Ein­führung in die syn­di­ka­lis­tische Arbeiter_​innenbewegung zu emp­fehlen. 

Helge Döhring: Anarcho-Syn­di­ka­lismus. Ein­führung in die Theorie und Geschichte einer inter­na­tio­nalen sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­wegung, 228 S., 16 €.

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Peter Nowak