Jagd auf Roter Oktober

Der Rummel zum Jah­restag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Okto­ber­re­vo­lution wirklich inter­essant ist

»Hun­derte Akti­visten stürmten den Reichstag von Berlin«[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunst­aktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der ange­kün­digte Reichs­tags­sturm war eine kleine Kund­gebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

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Ohne Kriege kein Pop

Die Kon­ferenz »Krieg singen« am Haus der Kul­turen der Welt machte deutlich, dass alle Arten von Musik töten können. Aber auch die totale Stille kann eine Waffe sein

Schon die Posaunen von Jericho machten deutlich, dass Musik seit Men­schen­ge­denken für Kriegs­zwecke ein­ge­setzt wurde. Der Medi­en­theo­re­tiker Friedrich Kittler wurde mit der These bekannt, dass die Erzeug­nisse von Musik und Pop­kultur ein Miss­brauch der Pro­dukte der Militär- und Hee­res­in­dustrie waren.

Andreas Ammer: Deutsche Krieger. Bild: © Stephan Sahm / Haus der Kul­turen der Welt

Ein weites Feld hat also die Ber­liner Kon­ferenz beackert und ein Blick in das vier­tägige Pro­gramm[1] macht deutlich, dass kaum ein Thema aus­ge­lassen wurde. Da werden die Mär­ty­rer­songs erwähnt, mit denen der IS deutsche Mütter von bei Selbst­mord­at­ten­taten umge­kom­menen Kon­ver­titen ermahnt, nicht traurig zu sein, weil ihre Söhne den Hel­dentod gestorben seien und sie so einen Platz im Jen­seits hätten. Wer nun in solchen Liedern eine besondere Perfide sieht, konnte in anderen Ver­an­stal­tungen erfahren, dass die Isla­misten hier nur genau jene Methoden kopieren, mit denen eine mit den herr­schenden Kreisen ver­ban­delte Kul­tur­in­dustrie schon immer Kano­nen­futter in den Tod schickte und ihre Ange­hö­rigen dann damit ruhig­stellte, dass es jetzt ihre patrio­tische Aufgabe sei, um ihre toten Helden zu betrauern.

Deutsche Krieger hieß das Live-Hör­spiel[2], das FM Einheit und Andras Ammer aus zeit­ge­nös­si­schen Ton­do­ku­menten von Wilhelm II bis Adolf Hitler kon­zi­piert haben. Doch nicht nur die Stimmen der Herr­schenden wurden auf der Kon­ferenz hörbar. Barbara Mor­gen­stern, Ari Ben­jamin Meyers und Hauschka ließen auf einem Konzert die Stimmen von deut­schen Kriegs­ge­fan­genen aus ganz Europa, Nord­afrika, dem Kongo und Asien hörbar werden. Sie sind auf ca. 7500 Schel­lack­platten fest­ge­halten, die in Kriegs­ge­fan­ge­nen­lagern während des 1. Welt­kriegs auf­ge­nommen wurden und im Laut­archiv der Ber­liner Hum­bold­tuni­ver­sität[3] kon­ser­viert sind. Vor einigen Jahren hat Philip Scheffner dieses Thema in dem Film The Halfmoon Files[4] einer grö­ßeren Öffent­lichkeit bekannt.

Sound­check zum Mas­senmord war keine »böse Musik«

Im Foyer des Hauses der Kul­turen der Welt, in dem das Fes­tival stattfand, war ein sehr modernes Radio­studio auf­gebaut. Es war der Nachbau jener berüch­tigten Radio­station RTLM, die der Schweizer Thea­ter­macher Milo Rau[5] mit seinen Film und Thea­ter­stück Hate-Radio[6] bekannt gemacht hat.

Der Film wurde gezeigt und in der Dis­kus­si­ons­runde betonte Rau, dass die Radio­station RTLM im Wort­sinne populäre Musik gemacht hat. Bekannte Songs aus den USA, Groß­bri­tannien und Frank­reich wurden dort gespielt. Dazwi­schen wurde mit Hass­reden auf die Tutsi der Genozid vor­be­reitet und begleitet. Sogar die Men­schen, die im Sender zur Ver­nichtung frei­ge­geben wurden, hörten den Sender wegen der guten Musik. Damit wider­legte Rau auch die viel stra­pa­zierten Reden von der bösen Musik, die von den Erziehern aller Länder und Zeiten mal in Black­metal oder Hardcore, im Punk oder Hip Hop ver­ortet wird.

Hate Radio (Auf­führung von 2012) Bild: © Daniel Seiffert / Inter­na­tional Institute of Poli­tical Murder

Es wurde in der Kon­ferenz schnell klar, dass jede Musik, wenn sie nur oft genug und mit voller Laut­stärke gespielt wird, zu kör­per­lichen Schäden bis zum Tod führen kann. So wurden auch die Gefan­genen in Guan­tanamo mit keiner bösen, sondern mit sehr popu­lärer Musik beschallt. Rau machte am Bei­spiel Ruanda auch noch mal deutlich, wie natio­na­lis­tische Erzäh­lungen funk­tio­nieren und wir­kungs­mächtig werden. Nur haben sie nicht immer eine solch töd­liche Wirkung wie in Zen­tral­afrika. Die Erzählung von der Hutu-Power ima­gi­nierte alte Hutu-König­reiche, die real nie exis­tiert haben. Doch sie wurden geglaubt und so wurde das Kon­strukt wir­kungs­mächtig und ent­faltete unter spe­zi­fi­schen Bedin­gungen seine mör­de­rische Wirkung.

Nur ist die Ima­gi­nation eben kein ruan­di­sches Spe­zi­fikum. Alle eth­ni­schen und natio­nalen Erzäh­lungen basieren auf solchen Ima­gi­na­tionen und Kon­struk­tionen. Aus dem Publikum wurde als Bei­spiel die Mär von dem tau­send­jäh­rigen deut­schen Reich als Bei­spiel genannt, die aktuell wieder ein AFD-Pro­vinz­po­li­tiker wei­ter­spinnt[7].

Natürlich kommt eine Kon­ferenz, die sich um Musik dreht, nicht ohne Kon­zerte aus. Laibach war natürlich für viele das absolute High­light. Schließlich haben sie durch ihren Auf­tritt in Nord­korea[8] ihren Ruf des Extra­va­ganten wieder auf­po­liert. Auch hier wirken mediale Kon­struk­tionen. Wie immer man die Regierung in Nord­korea beur­teilen mag, warum gönnen denn viele Medien der dor­tigen Bevöl­kerung nicht, mal etwas anderes als die Par­tei­hymen zu hören?

Wenn Laibach auch für einen vollen Saal sorgte, so waren doch auch die klei­neren Kon­zerte sehr inter­essant. Konnte man doch ganz direkt erfahren, wie die Prä­sen­tation einer bestimmten Musik wirkt, welche Stimmung sie erzeugt. Da gab die For­mation Zeit­kratzer eine Dar­bietung his­to­ri­scher ser­bi­scher Trau­er­lieder, die jeden Eth­nop­lu­ra­listen erfreute. Von der Tracht, den Instru­menten bis auf die strenge Dar­bietung wurde hier ein natio­nales Kol­lektiv nach­ge­stellt. Kein schräger Ton war zuge­lassen. Danach prä­sen­tierte das Trio Tri Minh, Gregor Sield, Lan Cao ihre Songs of Heroes. Dort wurden viet­na­me­sische Revo­lu­ti­ons­ge­sänge sowie Lieder gegen die US-Krieger ver­ar­beitet und immer wieder iro­nisch gebrochen. Oft wurde der his­to­rische Song nur ange­spielt und mündete in moderne Avant­garde. Hier wurden Maß­stäbe gesetzt, wie auch his­to­rische Kriegs­lieder heute noch hörbar sind.

Die beiden so unter­schied­lichen Dar­bie­tungen machen auch deutlich, dass es keine bösen oder guten Lieder, sehr wohl aber eine regressive und reak­tionäre oder eine fort­schritt­liche Dar­stel­lungs­weise gibt. Dieser Aspekt hätte auf der Kon­ferenz durchaus mehr theo­re­tische Aus­ein­an­der­set­zungen ver­dient.

Wie klingt der Frieden?

Dafür kam aus dem Publikum bei den Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen öfter die Frage auf, warum nicht mehr Raum für Frie­dens­lieder gegeben wurde. »Wie der Krieg klingt wissen wir. Doch wie klingt der Frieden?«, fragte eine Besu­cherin. Doch einige Frie­dens­lieder waren auf der Kon­ferenz durchaus sogar pro­minent ver­treten.

Während der Fes­ti­valtage erklangen auf allen Toi­letten im Haus der Kul­turen der Welt Songs von Country Joe McDonald[9]. Damit wollten die Kon­fe­renz­ku­ra­toren ver­deut­lichen, dass vieles, was unter das Genre Frie­dens­musik fällt, allen­falls noch als Toi­let­ten­musik taugt. Tat­sächlich bekundete Kurator Holger Schulze, dass die meiste Frie­dens­musik schlicht Kitsch sei.

Aller­dings wäre zu fragen, ob dieses Diktum his­to­risch zutrifft. Schließlich haben viele Lieder der his­to­ri­schen Arbei­ter­be­wegung, die bereits mit den Liedern der Pariser Kommune begannen, gegen den Krieg agiert, ohne eine Welt zu malen, in der Wolf und Schaf friedlich auf einer Wiese grasen. Schulze gab sich aber auch über­zeugt, dass in einer Welt, in der der Krieg wieder zum Mittel der Politik wurde, auch neue Anti­kriegs­lieder ent­stehen werden. Das wäre sicher ein Thema für eine weitere Kon­ferenz.

Dabei wurde auf der Kon­ferenz durchaus Anti­kriegs­musik vor­ge­stellt, die aber kaum etwas mit dem zu tun hat, dass wir uns oft dar­unter vor­stellen. Da gab es Aus­schnitte aus dem Film »Syrian Metal is War«[10] zu sehen. Dort berichten junge syrische Zivi­listen, wie sie jeden Tag von einer Bombe der der Isla­misten oder des Assad-Regimes sterben können und sie die Zeit, die ihnen auf Erden bleibt, in und für ihre Musik leben.

Zudem gab die Band Songhoy Blues[11] ein Gast­spiel. Die mali­schen Musiker fanden sich auf der Flucht vor den Isla­misten im Exil zusammen und zeigten damit, dass nicht nur in Paris, London oder New York die Kle­ri­kal­fa­schisten kul­tu­raf­finen Mensche, ihre Art zu leben mit Terror aus­treiben wollen. Sind das nicht gute Bei­spiele für eine zeit­gemäße Anti­kriegs­musik ohne Kitsch?

Ganz am Rande kam auf der Kon­ferenz auch zur Sprache, dass man auch mit totaler Stille Men­schen ver­letzten und sogar töten kann. In einer Sendung mit dem Titel für den Baye­ri­schen Rundfunk mit dem Titel »Krach Krieg Kunst«[12] erwähnte der Jour­nalist Andreas Ammer, dass es bereits seit Jahr­zehnten eine For­schung über die totale Iso­lation und Stille als Waffe gibt und diese auch an RAF-Gefan­genen in der JVA Köln-Ossendorf aus­pro­biert[13] wurde.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​7​/​4​7​1​5​5​/​1​.html

Peter Nowak

Anhang

Links

[1]

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[2]

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[3]

http://​www​.laut​archiv​.hu​-berlin​.de/

[4]

http://​www​.film​zen​trale​.com/​r​e​z​i​s​/​h​a​l​f​m​o​o​n​f​i​l​e​s​h​f.htm

[5]

http://​www​.althussers​-haende​.org/

[6]

http://international-institute.de/wp-content/uploads/2012/07/Milo%20Rau_HATE%20RADIO.pdf

[7]

http://​www​.taz​.de/​!​5​2​4​2157/

[8]

http://​www​.rol​ling​stone​.com/​c​u​l​t​u​r​e​/​n​e​w​s​/​c​a​n​n​a​b​i​s​-​a​n​d​-​t​h​e​-​s​o​u​n​d​-​o​f​-​m​u​s​i​c​-​w​h​a​t​-​l​a​i​b​a​c​h​-​l​e​a​r​n​e​d​-​i​n​-​n​o​r​t​h​-​k​o​r​e​a​-​2​0​1​50825

[9]

http://​www​.coun​tryjoe​.com/

[10]

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[11]

http://​songhoy​-blues​.com/

[12]

http://​www​.br​.de/​r​a​d​i​o​/​b​a​y​e​r​n​2​/​k​u​l​t​u​r​/​n​a​c​h​t​s​t​u​d​i​o​/​a​m​m​e​r​-​k​r​a​c​h​-​k​r​i​e​g​-​k​u​n​s​t​-​1​0​0​.html

[13]

http://​www​.unrast​-verlag​.de/​n​e​w​s​/​1​3​4​2​-​i​s​o​l​a​t​i​o​n​s​h​a​f​t​-​i​n​-​d​e​r​-​b​r​d​-​e​n​t​s​t​e​h​u​n​g​-​e​n​t​w​i​c​k​l​u​n​g​-​e​xport