Deutscher Koloss über Europa

Das euro­päische Trau­er­ze­re­monial in Straßburg macht den Macht­an­spruch Deutsch­lands deutlich

Am 1. Juli war der Deutsch­landfunk ganz der schwarz-rot-goldene Staats­sender. Wer Mittag ein­schaltete, erfuhr in Zeitlupe, wo sich der Sarg mit Kohl gerade befindet, zwi­schen welchen Poli­tikern Merkel sitzt und dass der fran­zö­sische Prä­sident gerade mit dem rus­si­schen Minis­ter­prä­si­denten einige Worte gewechselt hat.

Ansonsten gab es deutsche Selbst­be­weih­räu­cherung in hohen Dosen. Würde es die DDR noch geben und Hon­ecker wäre gestorben, hätte man im DDR-Fern­sehen ein ähn­liches Zere­mo­niell erleben können, natürlich wären dort die DDR-Grün­dungs­mythen vor­ge­führt worden und in der BRD hätte es das Gegen­pro­gramm gegeben.

Von Bitburg nach Straßburg

Nach 1989 aber gibt es diese Gegen­meinung nicht mehr als öffentlich rele­vante Position. Das wurde in den Tagen, seit Kohls Tod bekannt wurde, nun wirklich deutlich. Da entschuldigte[1] sich der Taz-Chef­re­dakteur für ein wit­ziges poli­tisch völlig harm­loses Titelbild. Denn gegenüber einem Kanzler, der Deutschland wieder stark und groß gemacht hat, will sogar die einst freche Taz nicht respektlos sein.

Dabei gehörte das bisher zu ihren Mar­ken­zeichen, nachdem sie poli­tisch schon längst im deut­schen Main­stream ange­kommen ist. Natürlich gibt es auch zum Straß­burger Totenkult keine grund­sätz­liche Kritik. Im Deutsch­landfunk war sie nicht zu erwarten.

Aber dass nicht einmal kri­tisch nach­ge­fragt wurde, ob diese Pre­mière eines euro­päi­schen Trau­erakts nicht auch etwas mit der Hege­monie Deutsch­lands in Europa zu tun hat, ist schon ein Armuts­zeugnis eines Jour­na­lismus, der kri­tisch nur noch gegen Erdogan, Putin und Trump ist, während die deutsche Politik aller­höchstens kon­struktiv begleitet werden darf.

Wer dann noch was Kri­ti­sches zu Kohls poli­ti­scher Vita lesen will, muss dann schon auf ältere Berichte zurück­greifen, als auch der Spiegel noch wusste[2], dass Kohls poli­ti­scher Zieh­vater Fritz Ries im NS auch von Ari­sie­rungen pro­fi­tiert haben soll[3] und sogar Teile seiner Pro­duktion nach Auschwitz aus­ge­lagert hatte[4].

So ist es nicht ver­wun­derlich, dass Kohl in Bitburg die SS wieder reha­bi­li­tierte, in dem er die Grab­stätte in das Besuchs­pro­gramm des US-Prä­si­denten integrierte[5]. Das regte aber die deutsche Frie­dens­be­wegung über­haupt nicht auf, die damals mas­senhaft gegen ihren Lieb­lings­feind Ronald Reagan auf die Straße gegangen ist.

Es waren Linke aus den USA, die sich damals in einen Offenen Brief an die deutsche Frie­dens­be­wegung darüber kon­ster­niert zeigten, dass kri­tische Geister in Deutschland sich eher gegen einen US-Prä­si­denten als gegen einen deut­schen Kanzler, der die SS reha­bi­li­tiert hat, mobi­li­sieren lassen.

Heute wissen wir, dass Bitburg eine wichtige Etappe für Deutsch­lands end­gül­tigen Wie­der­auf­stieg gewesen ist. Ein großer Teil der ehe­ma­ligen Demons­tranten der deut­schen Frie­dens­be­wegung sind heute die eif­rigsten Bewun­derer Kohls und ihr Feindbild ist heute Trump. Kohl wird vor allem dafür bewundert, dass er die DDR heim ins Reich geholt hat.

Kohl als Dampf­walze gegen die DDR-Oppo­sition

Immerhin hat noch eine linke DDR-Oppo­si­tio­nelle wie Daniela Dahn daran erinnert, dass Kohl wie eine Dampfwalze[6] alle Initia­tiven nie­der­machte, die in der DDR einen selbst­be­stimmten Kurs fahren und kei­neswegs in der BRD auf­gehen wollten.

Dahn leidet nicht an der kol­lek­tiven Amnesie, die viele DDR-Oppo­si­tio­nelle befallen hat, die endlich mal im natio­nalen Main­stream auf­gehen und sich nicht mehr erinnern wollten, was ihre eigent­lichen Ziele waren. Über Kohls Agieren im Herbst 1989 schreibt sie:

Obwohl er doch wusste, dass beide Seiten in unter­schied­lichem Maße Posi­tives und Nega­tives auf­wiesen, war eine Begegnung auf Augenhöhe nicht mehr möglich. Nicht mal auf Bauch­na­belhöhe. Nun war Kniefall angesagt. Die zahl­losen Aktiv­bürger der DDR, die mit poli­ti­scher Reife und Beson­nenheit in den aus dem Boden geschos­senen räte­ähn­lichen Bewe­gungen den mehr­heit­lichen Willen zum Wandel und zu wür­de­voller Einheit betrieben, wurden arrogant vom Runden Tisch gewischt. Da der füh­rende His­to­riker wider bes­seres Wissen ins Horn flä­chen­de­ckender Dele­gi­ti­mierung blies, wurde die zum Main­stream. Und der zum taug­lichen Erfül­lungs­ge­hilfen neo­li­be­ralen Platt­ma­chens.
Daniela Dahn

Wenn Merkel bei der Trau­er­ze­re­monie sagt, ohne Kohl würde sie nicht hier­stehen, ist es eine Binse. Es stellt sich schon eher die Frage, warum so wenige DDR-Oppo­si­tio­nelle, zu denen Merkel nicht gehörte, auf die Fakten hin­weisen. Kohls Agieren im Herbst 1989 richtete sich nicht gegen die schon ent­machtete SED, sondern die Struk­turen der DDR-Oppo­sition. Es bestand schließlich die Gefahr, dass es auch in West­deutschland Nach­ahmer gibt, wie Dahn richtig fest­stellt.

Denn der Demo­kra­ti­sie­rungs­druck aus dem Osten begann auf die Bun­des­re­publik über­zu­greifen. Schon schlägt die SPD einen Runden Tisch auch für Bonn vor. An der theo­lo­gi­schen Fakultät der Uni­ver­sität Tübingen wird eine Reso­lution ver­ab­schiedet: »Es ist Zeit für eine grund­le­gende Kritik des Kapi­ta­lismus.« Und Bündnis 90 ver­greift sich am Hei­ligsten, will einen Volks­ent­scheid über den Erhalt des Volks­ei­gentums. Nun aber schnell durch Rechts­an­glei­chung blo­ckieren. In Kohls Auftrag ver­handelt Innen­mi­nister Schäuble mit sich selbst den Eini­gungs­vertrag, dessen Kern die im Anhang ver­steckte Regelung der offenen Ver­mö­gens­fragen ist.
Daniela Dahn

Rechte wurden hofiert

Zur Dele­gi­ti­mierung der DDR in jeder Form bedient sich Kohl auch der äußersten Rechten. In der DDR ist die DSU[7], die durchaus als eine Frühform der AfD gelten kann, Teil des Wahl­bünd­nisses der Union. Mas­senhaft wurden gegen die Beschlüsse des Runden Tisches der DDR Fahnen und andere vater­län­di­schen Uten­silien in die DDR gebracht.

Schon im November 1989 kün­digte sich die ras­sis­tische Welle an, die in den frühen 1990er Jahren zahl­reichen Men­schen das Leben kosten sollte. Kohl lehnte es immer ab, auf der Trau­er­feier der Opfer des deut­schen Ras­sismus auch nur Mit­gefühl zu heucheln[8]. Auch diese damals viel kri­ti­sierte Ignoranz wird heute kaum noch erwähnt.

Dass Kohl bis in die Reihen der Linken Fans hat, zeigten Kom­mentare, anlässlich eines Urteils, dass den ehe­ma­ligen Kohl-Intimus Heribert Schwan[9] zu einem eminent hohen Scha­dens­ersatz ver­ur­teilt, weil er unau­to­ri­siert die Kohl-Protokolle[10] her­aus­ge­geben hat und dafür Inter­views ver­wendete, die er mit dem Ex-Kanzler führte.

Schwan mutierte vom Ver­trauten zum erbit­terten Feind, den Kohl mit allen Mitteln ver­folgte Dieser Ver­fol­gungs­eifer müsste doch eigentlich Gegen­stand der Kritik sein. Doch im der Links­partei nahe­ste­henden Neuen Deutschland freut sich[11] der Kom­men­tator Tobias Riegel über die Ent­schä­digung für Kohl. Es schon merk­würdig, dass sich ein Jour­nalist dafür stark macht, dass seine Rechte weiter ein­ge­schränkt werden, denn genau das bedeutet das Urteil.

Schwan hatte mit den Inter­views jour­na­lis­tische Eigen­arbeit geleistet und jeder Jour­nalist sollte dafür kämpfen, dass die nicht ent­wertet wird, wenn es dem Inter­view­partner gerade passt. Besonders absurd ist die Kom­men­tar­über­schrift »Mein Wort gehört mir«. Hier wird Kohl wie eine exbe­liebige Pri­vat­person behandelt und nicht wie eine Person der Zeit­ge­schichte, die Gegen­stand auch von inves­ti­ga­tiven Jour­na­lismus sein sollte.

Die Echtheit der Inter­views wurde nie bestritten, nur redete hier Kohl so, wie er wirklich denkt und nicht so, wie er in der Öffent­lichkeit wahr­ge­nommen werden will. Ist es die Aufgabe linker Jour­na­listen ihm dabei noch zu unter­stützen?

Auch in der Wochen­zeitung »Freitag« erschien ein Kommentar[12], der sich nach dem Urteil gegen Schwan mit Kohl freute. »Auch wenn es wehtut: Für die Freiheit des Wortes kann kein Preis zu hoch sein«, lautete die irre­füh­rende Unter­über­schrift. Tat­sächlich wurde die Freiheit des Exkanzlers ver­teidigt, selber zu bestimmen, wie er von der Öffent­lichkeit wahr­ge­nommen werden will.

Dabei wären die Kohl-Pro­to­kolle ein nötiges Gegen­mittel. »Die publi­zierten Äuße­rungen, unter anderem über die heutige Kanz­lerin und ehe­malige Bun­des­prä­si­denten, machten das Buch zum Best­seller. Sie zer­störten aber auch Freund­schaften, so mit einem frü­heren Partei- und Staatschef, der um die Strafe für Ver­spä­tungen wusste«, konnte sich Freitag-Kom­men­tator Ralf Klaus­nitzer in Kohl ein­fühlen. Dabei erwähnte er nicht, dass die Freund­schaft mit dem erwähnten ehe­ma­ligen sowje­ti­schen Prä­si­denten Gor­bat­schow zer­stört war, als Kohl ihn mit Goebbels ver­glich.

Auch diese Ent­gleisung ist heute weit­gehend ver­gessen. Der euro­päische Totenkult um Kohl zeigt die Macht, die der Hegemon Deutschland in der EU hat. Diese Beer­digung soll diese Macht­ver­hält­nisse noch einmal ver­deut­lichen. Die vielen eil­fer­tigen Poli­tiker aus aller Welt, die heute die deutsche Hege­monie über Europa feiern, handeln oft nur aus Prag­ma­tismus und Oppor­tu­nismus so.

Man hält sich an die momen­tanen Sieger der Geschichte. Dabei ist durchaus offen, wie lange der Kohl-Kult anhält. Es kann sein, dass in einigen Jahr­zehnten, wenn sich der Wind erneut gedreht hat, ein Bild von Kohl gezeichnet wird, das nicht so pene­trant ein­seitig und teil­weise regel­recht falsch ist.

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Peter Nowak
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[3] http://​www​.spree​blick​.com/​b​l​o​g​/​2​0​0​7​/​0​5​/​0​4​/​d​i​e​-​e​r​f​i​n​d​e​r​-​v​o​n​-​h​e​l​m​u​t​-​kohl/
[4] https://​de​.indy​media​.org/​2​0​0​7​/​0​7​/​1​8​9​5​3​7​.​shtml
[5] https://​www​.swr​.de/​s​w​r​a​k​t​u​e​l​l​/​r​p​/​t​r​i​e​r​/​b​e​s​u​c​h​-​v​o​n​-​r​o​n​a​l​d​-​r​e​a​g​a​n​-​v​o​r​-​3​0​-​j​a​h​r​e​n​-​a​l​s​-​d​i​e​-​w​e​l​t​-​n​a​c​h​-​b​i​t​b​u​r​g​-​s​c​h​a​u​t​e​/​-​/​i​d​=​1​6​7​2​/​d​i​d​=​1​5​4​5​0​2​3​4​/​n​i​d​=​1​6​7​2​/​1​v​r​7​h​n​y​/​i​n​d​e​x​.html
[6] https://​www​.danie​ladahn​.de/​w​i​e​-​e​i​n​e​-​d​a​m​p​f​w​alze/
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[10] https://www.amazon.de/Verm%C3%A4chtnis-Die-Kohl-Protokolle-Heribert-Schwan/dp/3453200772
[11] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​9​5​2​4​.​m​e​i​n​-​w​o​r​t​-​g​e​h​o​e​r​t​-​m​i​r​.html
[12] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​r​a​l​f​-​k​l​a​u​s​n​i​t​z​e​r​/​d​e​r​-​g​e​k​r​a​e​n​k​t​e​-​p​o​l​i​tiker