Dresden hat das Betteln mit und von Kindern unter Strafe gestellt

In Dresden hatten ver­schiedene poli­tische Initia­tiven gegen ein Bet­tel­verbot in der Stadt pro­tes­tiert. Peter Nowak sprach mit zwei Mit­gliedern der Bet­tel­lobby

In der vor­letzten Woche hat der Dresdner Stadtrat das Bet­tel­verbot beschlossen. Welche Kon­se­quenzen hat diese Maß­nahme?

Bet­tel­lobby: Der Stadtrat hat mit den Stimmen von CDU, FDP/​Freie Bürger, AfD, NPD und dem Großteil der SPD eine neue Poli­zei­ver­ordnung ver­ab­schiedet, die das Betteln mit und von Kindern mit bis zu 1000€ unter Strafe stellt. Das ver­schärft die Situation bet­telnder Eltern und Kinder.
Bet­tel­verbote sollen meist Arme aus den Städten ver­drängen, ihre Armut soll unsichtbar gemacht werden. Selbst der Ord­nungs­bür­ger­meister hat zuge­geben, dass Verbote und Kon­trollen zur Folge haben, dass die Bet­telnden in andere Städte aus­weichen. Des­wegen nennen wir von der Bet­tel­lobby das Bet­tel­verbot auch Stadt­kos­metik. Es bedeutet, dass Kindern und deren Familien das Recht abge­sprochen wird, auf ihre Benach­tei­ligung öffentlich auf­merksam zu machen. Wir befürchten außerdem, dass Eltern, die auf Almosen ange­wiesen sind, künftig dazu gezwungen sind ihre Kinder unge­schützt in schlechten Unter­künften oder Autos zurück­zu­lassen. Das ist ent­setzlich und zynisch, da die Befür­worter das Verbot mit dem Schutz des Kin­des­wohls begründet haben. Dem­ge­genüber wird in den Men­schen- und Kin­der­rechten betont, dass Kinder nach Mög­lichkeit bei ihren Eltern auf­wachsen sollten.

Habt Ihr Kontakt zu Bett­le­rinnen und Bettlern?
Bet­tel­lobby: Wir haben von Anfang an ver­sucht über die Tre­ber­hilfe Dresden und deren Sozi­alBus unsere Inhalte und Dis­kus­sionen gemeinsam mit Bet­telnden zu argu­men­tieren. Wir haben eine Podi­ums­dis­kussion am Sozi­alBus ver­an­staltet und auch in den Straßen das Gespräch gesucht. Es gibt Kon­takte zu den slo­wa­ki­schen Bettlern, wir haben uns nach ihrer Sicherheit und ihrem Schutz erkundigt. Die Sprach­bar­riere und die unter­schiedlich pre­kären Lebens­si­tua­tionen machen eine gemeinsame Orga­ni­sierung aber schwer. Wir haben den Ein­druck, dass unsere Plakate und unsere gemein­samen Gespräche einen Hauch von Soli­da­rität ver­deut­licht haben.

Das Bet­tel­verbot wird auch mit dem Schutz von Kindern und Jugend­lichen begründet, die zum Betteln gezwungen würden. Sind das für Euch keine Argu­mente?
Bet­tel­lobby: Niemand will, dass Kinder betteln müssen. Aber das Verbot schützt die Kinder nicht. Die Familien werden ver­drängt, unsichtbar gemacht und schlimms­ten­falls in Pro­sti­tution oder Kri­mi­na­lität gedrängt. Das dro­hende Bußgeld macht das Leben für bedürftige Familien noch pre­kärer. Sie sind von Aus­weisung bedroht, in ihren Her­kunfts­ländern warten weitere Benach­tei­li­gungen und Armut. Statt Ver­boten muss es darum gehen, das Recht auf Bildung für diese Kinder zu ermög­lichen. Ohne Mel­de­adresse haben Kinder kein Recht auf Schule. Helfen würden hier Hot-Spot-Mel­de­adressen, wie es sie in Berlin gibt. Hier können sich obdachlose Familien melden, sodass ihre Kinder einen Zugang zur Schule erhalten.

Wie beur­teilt das Ver­halten der Dresdner SPD bei der Abstimmung?
Bet­tel­lobby: Es ist in der Tat erstaunlich, dass die Dresdner SPD ent­gegen ihrer rot-grünen Koali­ti­ons­partner für das Verbot gestimmt hat. Die SPD hat fast aus­schließlich mit dem Kin­deswohl argu­men­tiert. Es herrscht die Ansicht vor, Repression und Verbote seien eine Antwort auf soziale Fragen. Das sug­ge­riert, es ginge um indi­vi­du­elles Fehl­ver­halten und Leute müssten »auf Spur« gebracht werden. Unsere Hin­weise auf die Gefahren des Verbots gerade für die Kinder hat die Mehrheit der SPD nicht ernst genommen. Die Argu­men­tation mit dem Kin­deswohl ist darüber hinaus falsch, weil vom Jugendamt keine Kinds­wohl­ge­fährdung durch die Eltern fest­ge­stellt wurde.

Ist das beschlossene Bet­tel­verbot eine Nie­derlage für Euch?
Bet­tel­lobby: Die Gründung der Bet­tel­lobby war auf jeden Fall ein Erfolg. Erstens ist die Abstimmung im Stadtrat mit 27 zu 33 Stimmen denkbar knapp aus­ge­fallen und es gab in keinem anderen Stadt­par­lament in den letzten Jahren eine solch umstrittene Abstimmung. Unsere Argu­mente konnten wir plat­zieren und eine mehrere Monate andau­ernde Dis­kussion aus­lösen.
Immerhin waren die Fraktion der Linken und der Grünen am Ende auf unserer Seite. Außerdem konnten wir uns gut mit anderen Initia­tiven und Ver­einen in der Stadt ver­netzen. Zudem musste die Fraktion der CDU und der SPD immerhin das Zuge­ständnis machen, die bedürf­tigen Familien mit sozialen Ange­boten zu unter­stützen.

Wollt Ihr als Bet­tel­lobby Eure Arbeit fort­setzten?
Bet­tel­lobby: Wir sind ein Netzwerk aus ver­schie­denen Gruppen und müssen nach der Ent­scheidung des Stadtrats erstmal die zurück­lie­genden Wochen aus­werten. Wir sind uns einig, dass wir an dem Thema weiter gemeinsam arbeiten, aber in welcher Form ist im Moment noch nicht klar. Wir werden unsere Praxis weiter reflek­tieren und Men­schen beraten, die mit ihren Sorgen zu uns kommen. Der Sozi­alBus der Tre­ber­hilfe Dresden gewinnt täglich an Men­schen, die sich ehren­amtlich enga­gieren wollen, das Spen­den­auf­kommen sowohl an Lebens­mitteln als auch an Sach- und Klei­der­spenden wächst ständig. Der Protest hat zumindest zur Auf­hebung des »Bet­tel­ver­botes mit Hund« geführt, so dass die Petition und unser Enga­gement für diese Gruppe einen Fort­schritt gebracht hat.

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​r​e​s​d​e​n​-​h​a​t​-​d​a​s​-​B​e​t​t​e​l​n​-​m​i​t​-​u​n​d​-​v​o​n​-​K​i​n​d​e​r​n​-​u​n​t​e​r​-​S​t​r​a​f​e​-​g​e​s​t​e​l​l​t​-​3​9​6​2​3​8​5​.html
Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​3​9​62385

Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​b​e​t​t​e​l​v​e​r​b​o​t​-​f​u​e​r​-​k​i​n​d​e​r​-​b​e​s​c​h​l​o​s​s​e​n​-​3​8​6​8​0​9​0​.html
[2] https://​www​.addn​.me/​t​a​g​/​b​e​t​t​e​l​l​obby/

»Bettelverbote machen nicht satt«

Die Stadt­ver­waltung in Dresden will härter gegen Bettler vor­gehen. Linke Orga­ni­sa­tionen haben deshalb die »Bet­tel­lobby Dresden« gegründet. Maja Schneider von der Gruppe »Polar«, die dem Bündnis angehört, hat mit der Jungle World gesprochen.Warum brauchen Bet­telnde in Dresden eine Lobby?
Es gab vor allem in den lokalen Zei­tungen Berichte über und vor allem gegen das Betteln. Oft spielten die Artikel mit Vor­ur­teilen. Vor allem die Behauptung, dass Kinder zum Betteln instru­men­ta­li­siert würden, erregte die Gemüter. Die Kom­mentare zeigten, dass Res­sen­ti­ments gegenüber Roma ein wich­tiger Bestandteil dieser Debatte sind. Fakten, bei­spiels­weise darüber, wie viele Familien über­haupt in der Stadt betteln, gab es kaum. So wurde das Betteln zum Problem auf­ge­bauscht. Dar­aufhin begann die Ver­waltung, über mög­liche Verbote zu dis­ku­tieren.

Was ist Ihr Ziel?
Zuerst wollen wir Bet­tel­verbote und die Gän­gelei von Bet­telnden ver­hindern. Denn Bet­tel­verbote machen nicht satt; sie ver­treiben Arme aus der Stadt oder machen ihre Tätigkeit illegal. Wir wollen außerdem über den Ras­sismus gegen Sinti und Roma auf­klären, der ganz oft in Debatten über Armut eine Rolle spielt. Einer­seits sind viele Roma von Armut betroffen, weil sie in ganz Europa dis­kri­mi­niert werden. Ande­rer­seits betteln nicht alle Roma, sondern arbeiten bei­spiels­weise auch als Ärzte, Lehrer, Hand­werker.

Sollte eine eman­zi­pa­to­rische Linke nicht die Ver­hält­nisse kri­ti­sieren, anstatt die Auf­recht­erhaltung des Bet­telns zu fordern?
Wir enga­gieren uns auch gegen die kapi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nisse, die Men­schen zum Betteln zwingen. Wie viele poli­tische Gruppen haben wir unter­schied­liche Themen und arbeiten in unter­schied­lichen Bünd­nissen. Es gibt unserer Meinung nach viele gute Gründe für eine Bet­tel­lobby, auch für eman­zi­pa­to­rische Links­ra­dikale. Erstens selbst­ver­ständlich die Soli­da­rität: Solange es Armut gibt, müssen Arme das Recht haben, in der Stadt sichtbar zu sein und zu betteln. Niemand will über Armut sprechen, wir schon. Zweitens glauben wir nicht an all or nothing von heute auf morgen. Der Kapi­ta­lismus wird morgen nicht zugunsten eines soli­da­ri­schen Ent­wurfs abge­schafft worden sein.

Was bedeutet Ihre Parole »Betteln ist ein Recht auf Stadt«?
Bet­tel­verbote ver­stoßen gegen Grund­rechte. Jede und jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, was auch bedeutet, über eigene Nöte zu sprechen und um Hilfe zu bitten. Als eman­zi­pa­to­rische Linke sollten wir Grund­rechte ver­tei­digen. So ist der Kampf gegen Bet­tel­verbote auch einer gegen auto­ritäre Ver­schär­fungen in der Politik wie Kon­trolle, Schikane, Ver­ächt­lich­ma­chung und Ver­drängung. Solche Debatten und Vor­ge­hens­weisen können wir nicht einfach stehen lassen. Wir machen das Recht auf Stadt, auf Bildung und volle Bewe­gungs­freiheit für alle geltend.

Welche Rolle spielt Ras­sismus in der Debatte?
Ginge es um deutsche Bet­telnde, würde niemand über ein Bet­tel­verbot reden. Die Artikel und Kom­mentare in der lokalen Presse ent­springen anti­zi­ga­nis­ti­schen Vor­stel­lungen. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit Romano Sumnal zusammen, der ersten Selbst­ver­tretung von Roma in Sachsen. Außerdem ist die Tre­ber­hilfe in Dresden unsere Part­nerin. Sie unter­stützt arme Men­schen und pro­tes­tiert immer wieder gegen diese rechte Argu­men­tation.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​3​9​/​b​e​t​t​e​l​v​e​r​b​o​t​e​-​m​a​c​h​e​n​-​n​i​c​h​t​-satt

Interview: Peter Nowak

Brauchen die Bettler in Dresden eine Lobby?

Dresdens Ord­nungs­bür­ger­meister will das Betteln von Min­der­jäh­rigen unter Strafe stellen

Kaum ein anderes Thema beschäftigt die Dresdner im Moment mehr als die Bettler auf den Straßen rund um den Alt­markt, am Albert­platz und am Schil­ler­platz«, schreibt[1] die Säch­sische Zeitung (SZ). Tat­sächlich häufen sich in der säch­si­schen Regio­nal­zeitung die Bei­träge zu dem Thema über bet­telnde Kinder und Jugend­liche, wobei auch häufig erwähnt wird, dass sie aus Ost­europa stammen. Schon vor einigen Monaten wurde in der Zeitung ein Verbot des Bet­telns von Kindern diskutiert[2].

Jetzt will Dresdens Ord­nungs­bür­ger­meister mit CDU-Par­teibuch, Detlef Sittel[3], mit einer neuen Ver­ordnung, die dem­nächst im Stadtrat dis­ku­tiert wird, das Betteln von Min­der­jäh­rigen unter Strafe stellen.

»Kein Geld mehr für bet­telnde Kinder«

»Wer in Begleitung eines Kindes bettelt oder Kinder betteln lässt«, begeht eine Ord­nungs­wid­rigkeit. Dafür droht bis zu 1.000 Euro Bußgeld«, heißt es in der Vorlage. Vorbild sind Städte wie Berlin oder Essen, wo das Betteln von Kindern eben­falls bestraft wird.

»Mit dem Erlass der Poli­zei­ver­ordnung durch den Stadtrat hätten wir eine ergän­zende recht­liche Grundlage, das Betteln der Kinder zu kon­trol­lieren«, begründet der Ober­bür­ger­meister die geplante Ver­schärfung in Dresden in einem Interview[4] mit der Säch­si­schen Zeitung (SZ). Dass es ihm dabei eher um die Auf­wertung der Dres­dener Innen­stadt als um das Wohl der Kinder geht, wird in dem Interview an meh­reren Stellen deutlich:

SZ: Kri­tiker des Verbots befürchten, die Kinder damit in illegale Tätig­keiten wie Dieb­stahl oder Pro­sti­tution zu treiben.
Sittel: Ich sehe diese Gefahr weniger, ver­mutlich werden unsere Kon­trollen eher eine ört­liche Ver­drängung in andere Städte zur Folge haben.
SZ: Aber würde denn den Kindern ein Verbot wirklich helfen?
Sittel: Das ist schwer ein­zu­schätzen und hängt von den jewei­ligen Fami­li­en­struk­turen ab. In jedem Fall gehören Kinder nicht auf die Straße, sondern in eine Schule. Kinder brauchen Bildung, nicht Bet­telei.
SZ: Wären sozi­al­päd­ago­gische Angebote nicht hilf­reich?
Sittel: Zuerst wäre es hilf­reich, wenn bet­telnde Kinder kein Geld mehr von Pas­santen bekommen würden, denn dann würde sich das Geschäfts­modell nicht mehr ren­tieren, und es würden von alleine weniger. Diese Kinder sind aller­dings hier in Deutschland nicht schul­pflichtig, weshalb wir dies­be­züglich über keine Handhabe ver­fügen.

Interview, Säch­sische Zeitung[5]

Sittel ist also selber nicht davon über­zeugt, dass den Kindern ein Bet­tel­verbot hilft. Aber er ver­mutet, dass das Verbot die Bet­telnden aus Dresden ver­treibt und das scheint auch das Haupt­motiv der­je­nigen zu sein, die sich jetzt so über die Bet­telei in der Dres­dener Innen­stadt auf­regen.

Dass es dabei längst nicht nur um bet­telnde Kinder geht, wird schnell deutlich, wenn die Säch­sische Zeitung dazu Bilder mit älteren Men­schen, die um Geld betteln, zeigt und auch Stra­ßen­mu­siker zum Problem erklärt. Wenn es dann noch heißt, dass zurzeit kaum ein Thema die Dresdner mehr beschäftigt als das Betteln in der Innen­stadt, wird einmal mehr deutlich, dass es sich um eine Pro­jektion handelt.

»Kein Mensch bettelt frei­willig«

Für Gjulner Sejdi[6] vom säch­si­schen Roma-Verein Romano Sumnal [7] ist diese Argu­men­tation zynisch. Von dem Verbot hält er gar nichts, wie er in einem SZ-Interview[8] erklärte:

Gjulner Sejdi: Ich halte gar nichts von einem Verbot. Statt so etwas mal eben schnell zu beschließen, sollte lieber nach den Ursachen, warum Men­schen betteln, gesucht werden und diese dann bekämpft werden.
Säch­sische Zeitung: Was sind die Ursachen aus Ihrer Sicht?
Gjulner Sejdi: Kein Mensch bettelt frei­willig, das muss man zunächst klar­stellen. Die meisten Familien betteln hier in Deutschland aus Armut.
Säch­sische Zeitung: Was würde den Kindern mehr helfen als ein Verbot?
Gjulner Sejdi: Ein Besuch von Schule und Kita. Ein Deutschkurs allein reicht nicht, viele können bereits Deutsch, es fehlt an einer Unter­stützung durch Kommune und Staat. Helfen würde ihnen auch, wenn Stadt und Polizei mehr über sie wüssten. Wir würden gern Aus­kunft dazu geben, wurden aber nicht dazu befragt.

Interview, Säch­sische Zeitung[9]

»Betteln ist ein Recht in der Stadt«

Die Rechte der Bet­telnden zu stärken ist auch das Anliegen der Bettellobby[10], zu der sich ver­schiedene linke Gruppen in Dresden nach dem Vorbild eines ähn­lichen Bünd­nisses in Wien[11] zusam­men­ge­schlossen haben. »Das Netzwerk soli­da­ri­siert sich mit Men­schen, die betteln müssen und betont, dass Betteln zu können, die eigene Not zu äußern, ein Men­schen­recht dar­stellt«, heißt es in der Erklärung.

»Bet­tel­verbote machen nicht satt, sie ver­treiben Arme aus der Stadt oder machen ihre Tätigkeit illegal. Wir wollen außerdem über den Ras­sismus gegen Sinti und Rom*nja auf­klären, der ganz oft in Debatten über Armut eine Rolle spielt«, erklärt Maja Schneider von der linken Gruppe Polar[12], die Teil der Bet­tel­lobby ist, gegenüber Tele­polis. Auf die Frage, ob eine eman­zi­pa­to­rische Linke nicht die Ver­hält­nisse kri­ti­sieren müsste, die Men­schen zum Betteln zwingt, statt eine Bet­tel­lobby gründen, ant­wortete Maja Schneider.

Es gibt unserer Meinung nach viele gute Gründe für eine Bet­tel­lobby, auch für eine eman­zi­pa­to­rische Links­ra­dikale: Erstens natürlich die Soli­da­rität. Solange es Armut gibt, müssen Arme das Recht haben, in der Stadt sichtbar zu sein und zu betteln, und somit auch die Armut sichtbar zu machen. Niemand will über Armut sprechen, wir schon.

Zweitens glauben wir nicht an ein »all or nothing« von heute auf morgen: Der Kapi­ta­lismus wird morgen nicht zugunsten eines soli­da­ri­schen Ent­wurfs abge­schafft. Drittens: Bet­tel­verbote ver­stoßen gegen Grund­rechte. Jede und jeder hat das Recht seine Meinung zu äußern, was auch bedeutet über eigene Nöte zu sprechen und um Hilfe zu bitten. Als eman­zi­pa­to­rische Linke sollten wir Grund­rechte ver­tei­digen. So ist der Kampf gegen Bet­tel­verbote auch einer gegen auto­ritäre Ver­schär­fungen in der Politik.

Maja Schneider, Gruppe Polar

»Ein Bet­tel­verbot bringt kein Kind von der Straße«

Auch Jan Steinle von der »Gruppe Gegen Antiromaismus«[13], die eben­falls Teil der Bet­tel­lobby ist, kri­ti­siert die Dis­kussion um bet­telnde Kinder.

Um diese Repression gegen Arme zu recht­fer­tigen wird in der öffent­lichen Debatte das Kin­deswohl vor­ge­schoben, obwohl die Situation der Kinder mit einem Verbot noch weiter ver­schlechtert wird. Im besten Fall werden sie nur aus der Innen­stadt ver­drängt und ver­lieren ihren Ver­dienst. Mög­liche Hilfs­an­gebote sucht man in der Debatte jeden­falls ver­geblich.

Jan Steinle, Gruppe gegen Anti­ro­maismus

Dabei macht sich die Gruppe durchaus Gedanken um real­po­li­tische Voschläge:

Ein Bet­tel­verbot bringt kein Kind in die Schule. Es ver­schlechtert ihre Lage und treibt sie schlimms­ten­falls in die Ille­ga­lität. Um den betrof­fenen Kindern eine Per­spektive zu bieten muss ihren gesamten Familien geholfen werden. Ein Problem ist bei­spiels­weise häufig die Mel­de­adresse. Wer nicht in Deutschland gemeldet ist, hat keinen Anspruch auf einen Schul­besuch. Ohne Wohnung gibt es außerdem keinen Job und umge­kehrt. Das ist ein Teu­fels­kreis.

In Berlin können Kinder von Woh­nungs­losen bei­spiels­weise an einer zen­tralen Adresse ange­meldet werden, um ihnen einen Schul­besuch zu ermög­lichen. Außerdem müssen die Betrof­fenen dabei unter­stützt werden, die Ihnen zuste­henden Rechte in Anspruch zu nehmen. Eine grund­sätz­liche Ver­bes­serung der Lage von bet­telnden Kindern ist jeden­falls nicht mit plumpen Popu­lismus und ein­fachen Lösungen zu haben. Da müssen wir uns schon etwas mehr Zeit nehmen.

Gruppe gegen Anti­ro­maismus

Es ist die Frage, ob die poli­tisch Ver­ant­wort­lichen auf diese Stimmen der Ver­nunft hören. Noch steht die Ankün­digung, das Bet­tel­verbot für Kinder und Jugend­liche bis zum November 2017 zu beschließen. Würde es umge­setzt, würde der gefäng­nis­in­dus­trielle Komplex[14] davon pro­fi­tieren.

Denn Men­schen, die mit Betteln ihren Lebens­un­terhalt bestreiten müssen, können in der Regel die Geld­strafe nicht zahlen und landen im Gefängnis, wo sie für einen Nied­riglohn arbeiten müssen.
https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​B​r​a​u​c​h​e​n​-​d​i​e​-​B​e​t​t​l​e​r​-​i​n​-​D​r​e​s​d​e​n​-​e​i​n​e​-​L​o​b​b​y​-​3​8​3​0​1​9​3​.html

Peter Nowak
URL dieses Artikels:
http://​www​.heise​.de/​-​3​8​30193

Links in diesem Artikel:
[1] http://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​b​e​t​t​e​l​n​d​e​-​k​i​n​d​e​r​-​a​u​f​-​d​e​n​-​s​t​r​a​s​s​e​n​-​3​6​5​3​0​1​1​.html
[2] http://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​d​a​s​-​i​s​t​-​v​e​r​w​a​h​r​l​o​s​u​n​g​-​3​6​7​0​9​1​2​.html
[3] http://​www​.dresden​.de/​d​e​/​r​a​t​h​a​u​s​/​p​o​l​i​t​i​k​/​b​e​i​g​e​o​r​d​n​e​t​e​/​g​b​3.php
[4] http://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​e​i​n​-​g​e​l​d​-​m​e​h​r​-​a​n​-​b​e​t​t​e​l​n​d​e​-​k​i​n​d​e​r​-​3​7​4​5​6​8​3​.html
[5] http://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​e​i​n​-​g​e​l​d​-​m​e​h​r​-​a​n​-​b​e​t​t​e​l​n​d​e​-​k​i​n​d​e​r​-​3​7​4​5​6​8​3​.html
[6] http://​www​.buendnis​-toleranz​.de/​a​k​t​i​v​/​f​e​s​t​a​k​t​-​a​u​s​z​e​i​c​h​n​u​n​g​-​b​o​t​s​c​h​a​f​t​e​r​/​1​7​0​5​3​3​/​a​u​s​z​e​i​c​h​n​u​n​g​-​z​u​m​-​b​o​t​s​c​h​a​f​t​e​r​-​f​u​e​r​-​d​e​m​o​k​r​a​t​i​e​-​u​n​d​-​t​o​l​e​r​a​n​z​-​f​u​e​r​-​g​j​u​l​n​e​r​-​sejdi
[7] https://​www​.romano​-sumnal​.com/
[8] http://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​e​i​n​-​m​e​n​s​c​h​-​b​e​t​t​e​l​t​-​f​r​e​i​w​i​l​l​i​g​-​3​7​6​8​4​7​9​.html
[9] http://​www​.sz​-online​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​e​i​n​-​m​e​n​s​c​h​-​b​e​t​t​e​l​t​-​f​r​e​i​w​i​l​l​i​g​-​3​7​6​8​4​7​9​.html
[10] https://​www​.addn​.me/​s​o​z​i​a​l​e​s​/​b​e​t​t​e​l​l​o​b​b​y​-​w​i​l​l​-​r​e​c​h​t​e​-​v​o​n​-​b​e​t​t​l​e​r​i​n​n​e​n​-​s​t​a​e​r​k​e​n​/​#​m​o​r​e​-​27819
[11] https://​www​.bet​tel​lobby​.at/​b​l​o​g​/wien
[12] http://​gruppe​-polar​.org/
[13] http://​namf​.blog​sport​.de/​a​n​t​i​r​o​m​a​i​smus/
[14] https://​ggbo​.de/​t​a​g​/​g​e​f​a​e​n​g​n​i​s​-​i​n​d​u​s​t​r​i​e​l​l​e​r​-​k​o​mplex